05/2021

Magazin

Afghanistan – Das Ende der Besatzung

©Shooft.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

für Zeitgenossen, die alt genug sind, sich an den Rückzug der Amerikaner aus Viet­nam zu erinnern, waren die Bilder aus Afghanistan ein Déjà vu. Hubschrauber über den Botschaftsgebäuden der Stadt, Helfer der Besatzungsmacht, die verzweifelt versuchen, das Land zu verlassen, während ihr Vasallenstaat in rasantem Tempo kollabiert. US-Präsident Joe Biden hatte noch fünf Wochen zuvor erklärt, dass es „unter keinen Umständen passieren würde, dass US-Soldaten mit Helikoptern aus Afghanistan evakuiert würden“. Der längste Krieg, den die USA je geführt haben, endete in einem Desaster. 

Wie überraschend war der galoppierende Zusammenbruch der korrupten Regierung? Wenn man die zwanzig Jahre Berichterstattung über den Afghanistankrieg Revue passieren lässt, konnte man tatsächlich nicht mit diesem Ausgang rechnen. 

Aber sollte uns nicht genau das zu denken geben? Wäre es nicht die Aufgabe der Medien gewesen, Politik und Öffentlichkeit über viele Jahre darauf hinzuweisen, dass es einen gigantischen Graben von der Größe des Grand Canyon zwischen der offiziellen Darstellung und der Realität gab? Dass man auf einen Eisberg zusteuerte? Wie ist es möglich, dass eine von politischen Absichten und Rücksichtnahmen auf NATO-Interessen verfälschte, einheitliche Darstellung sich in einer Demokratie mit Pressefreiheit flächendeckend durchsetzen konnte?

Als das Afghanistan-Debakel im ZDF gesendet wurde, fragte Marietta Slomka den deutschen Außenminister Heiko Maas: „Schämen Sie sich?“ Wäre Heiko Maas etwas schlagfertiger, hätte er ihr antworten können: „Und wie ist das bei Ihnen im ZDF? Schämen Sie sich, als Berichterstatter so versagt zu haben? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich das ZDF vor dieser Entwicklung gewarnt hätte. Offenbar hat sie uns beide überrascht. Da haben wir wohl beide Fehler gemacht?“

War es unmöglich, ein akkurates Bild von den Zuständen in Afghanistan zu bekommen? Nein. Man muss sich nur den zehn Jahre alten Universitätsvortrag „Siegen in Afghanistan?“ von Peter Scholl Latour in YouTube anhören. Durch ihn erfährt man in einer Stunde, was man in zwanzig Jahren im ZDF nicht zu sehen bekam. Der Artikel der beiden angelsächsischen Anthropologen Lindisfarne und Neale, die fast fünf Jahrzehnte immer wieder in Afghanistan verbrachten – der Aufmacher dieser Ausgabe von Free21 – ist ein weiteres Beispiel, dass es hervorragende Analysen gab. Sie kamen nur nicht in jenen Publikationen vor, die sich einerseits selbst als Qualitätsmedien bezeichnen, andererseits aber ihre systemische Aufgabe nicht erfüllen. Wäre es nicht an der Zeit darüber nachzudenken, wie man in Zukunft ein solches Totalversagen verhindern könnte?

Es ist ja kein Versagen, das durch Unkenntnis verursacht ist. Julian Assange veröffentlichte 2011 in Wikileaks die „Afghanistan Papers“, die ein akkurates Bild der Situation boten und hervorragende Berichte möglich gemacht hätten. Julian Assange hat die wichtigste Erkenntnis aus den geleakten Dokumenten damals so zusammengefasst: „Das Ziel ist ein endloser Krieg, kein siegreicher Krieg.“ Er hat den Krieg als Geschäftsmodell einer Elite aus Politik, Geheimdiensten, Rüstungs­industrie und Thinktanks beschrieben. Das ist sicher zutreffender als die Berichterstattung der Mainstream-Medien.

Was ist das für ein Mediensystem, das zulässt, dass einer seiner wichtigsten Repräsentanten in einem Gefängnis gefoltert und mit 175 Jahren Gefängnis bedroht wird, weil er die Wahrheit berichtet hat, die sie nicht berichten wollten? Und welche Worte fallen Ihnen zu den Staaten und dem Bündnis ein, in dem so etwas möglich ist. Demokratie und Pressefreiheit?

Ihr Dirk Pohlmann
Chefredakteur Free21

Inhalt der Ausgabe

  • Das Ende der Besatzung

      1. Die Taliban haben die Vereinigten Staaten besiegt. 2. Die Taliban haben gewonnen, weil sie mehr Unterstützung in der Bevölkerung haben. 3. Das liegt nicht daran, dass die meisten Afghanen die Taliban lieben. Es liegt daran, dass die amerikanische Besatzung unerträglich grausam und korrupt war. 4. Der Krieg gegen den […] Weiter lesen

  • Das Islamische Emirat Afghanistan meldet sich mit einem Paukenschlag zurück

    Der Saigon-Moment [1] kam schneller als jeder westliche Geheimdienst-„Experte“ erwartet hatte. Dies ist ein Ereignis für die Annalen: vier hektische Tage, die den erstaunlichsten Guerilla-Blitzkrieg der letzten Zeit beendeten. Nach afghanischer Art: viel Überzeugungsarbeit, viele Stammesabsprachen, keine Panzerkolonnen, minimale Blutverluste. Am 12. August war es dann so weit: Ghazni, Kandahar und […] Weiter lesen

  • Der strategische Zweck der Impfprivilegien und -pässe

    Unter der (übersetzten) Überschrift „Wie digitale ID Bürgern helfen kann, staatliche Dienste von überall in Anspruch zu nehmen,“ schreibt die für das Digital Identity Services Portfolio [1] des Rüstungskonzerns Thales [2] zuständige Kristel Teyras [3]: „Sogenannte digitale Impfpässe werden eine Schlüsselrolle dabei spielen, den Bürgern zu ermöglichen, alle möglichen Dienste in […] Weiter lesen

  • Hässlicher Krieg unter linksgerichteten YouTubern

    Ein unglaublich bösartiger und langwieriger, scheinbar endloser Krieg wird unter zahlreichen prominenten liberalen und linken Kommentatoren, die vor allem auf YouTube arbeiten, ausgetragen. Der Konflikt brach am 26. Mai aus, als Cenk Uygur – der Gründer und langjährige Gastgeber von „The Young Turks“, der größten links-liberalen YouTube-Plattform – grundlos und falsch […] Weiter lesen

  • Das FBI-Lügenmärchen gegen Assange fällt auseinander

    Die Verteidigung musste nicht nur Beweise aus Island heranschaffen, sondern hatte praktisch keinen Zugang zu Assange, um von ihm Beweise und Anweisungen entgegenzunehmen, da er effektiv in Einzelhaft in Belmarsh sitzt. Die Verteidigung hatte eine Vertagung beantragt, weil sie Zeit brauchten, um auf die neuen Vorwürfe einzugehen, aber dies wurde von […] Weiter lesen

  • Die Inhaftierung von Craig Murray

    Murray ist auch die erste Person seit einem halben Jahrhundert, die in Großbritannien wegen Missachtung des Gerichts ins Gefängnis gesteckt wird – in dieser Zeit vor einem halben Jahrhundert herrschten derart andere rechtliche und moralische Wertvorstellungen, dass das britische Establishment eben erst die Verfolgung „Homosexueller“ und die Inhaftierung von Frauen die […] Weiter lesen

  • Warum existiert die CIA noch?

    Diese Pläne wurden Berichten zufolge in Abstimmung mit dem Weißen Haus unter Trump ausgearbeitet, als der damalige CIA-Direktor Mike Pompeo und die damalige stellvertretende CIA-Direktorin Gina Haspel wegen der WikiLeaks-Veröffentlichung von „Vault 7“ [3] aus dem Jahr 2017 in Rage gerieten. Dabei wurde enthüllt, dass die CIA die Kontrolle über ein […] Weiter lesen

  • Wie ich zum Verschwörungstheoretiker wurde

    Vor zehn Jahren stellte der Kollege Tilman Jens  in einem Beitrag für das Kulturmagazin „titel, thesen, temperamente“ unser Buch zum zehnten Jahrestag von 9/11 [1] vor – jetzt ist es wieder erschienen, als Teil 3 der Trilogie „11.9. – 20 Jahre danach“ [2]. Er fasste damals seine Rezension am Ende folgendermaßen […] Weiter lesen

  • Toxische Selbstgerechtigkeit oder: Das waren die Grünen!

    Liebe GRÜNE, nein, der Auftrag für dieses Epitaph kam nicht aus dem Kreml – er kam von euch selbst! Eure Politik, die seit über zwei Jahrzehnten nichts, aber auch gar nichts mehr mit euren friedensbewegten Wurzeln aus den Achtziger Jahren zu tun hat – was offenbar die Wenigsten zu stören scheint; […] Weiter lesen

  • Korrumpierte Landespolitik von Truman bis Trump

    In den Jahren der Trump-Präsidentschaft wurde in öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussionen über die Erosion der politischen und rechtlichen Normen der USA die Ära Trump häufig einem vermeintlich goldenen Zeitalter der US-Demokratie in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gegenübergestellt. Das neue Buch von Jonathan Marshall, „Dark Quadrant: Organized Crime, Big Business, and […] Weiter lesen