20 Jahre nach 9/11 – 9/09?

Von Published On: 24. Oktober 2021Kategorien: Geopolitik
Vielleicht werden wir nie alle Einzelheiten des kompexen Rätsels um den 9/11 und den damit verbundenen Fragen erfahren...

Dieser Text wurde zuerst am 09.09.2021 auf www.asiatimes.com unter der URL <https://asiatimes.com/2021/09/9-9-and-9-11-20-years-later/> veröffentlicht. Lizenz: Pepe Escobar, Asia Times, Lizenzart : CC BY-NC-ND 4.0

New Yorker Feuerwehrmänner nach den 9/11-Angriffen. Foto: Flickr.com, U.S. Army Corps of Engineers, Lizenz: Public Domain Mark 1.0

Es ist unmöglich, nicht mit der jüngsten Erschütterung in einer Reihe von atemberaubenden geopolitischen Erdbeben zu beginnen: Genau 20 Jahre nach dem 11. September 2001 und dem darauffolgenden Beginn des Globalen Kriegs gegen den Terror (GWOT) [Global War on Terror, Anm. d. Redaktion] werden die Taliban in Kabul eine Zeremonie abhalten, um ihren Sieg in diesem fehlgeleiteten ewigen Krieg zu feiern.

Vier Hauptakteure der eurasischen Integration – China, Russland, Iran und Pakistan – sowie die Türkei und Katar werden offiziell vertreten sein und die offizielle Rückkehr des Islamischen Emirats Afghanistan miterleben. Im Vergleich zu anderen Rückschlägen ist dieser schlicht intergalaktisch.

Die Sache wird noch komplizierter, wenn der Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid mit Nachdruck betont, dass es „keine Beweise“ für die Beteiligung Osama bin Ladens am 11. September gibt [1]. Es gab also „keine Rechtfertigung für diesen Krieg, es war ein Vorwand dafür.“, erklärte er.

Nur wenige Tage nach dem 11. September veröffentlichte Osama bin Laden, der nie öffentlichkeitsscheu war, eine Erklärung gegenüber Al Jazeera: „Ich möchte der Welt versichern, dass ich die jüngsten Anschläge nicht geplant habe, die anscheinend von Leuten aus persönlichen Gründen geplant wurden (…) Ich habe im Islamischen Emirat Afghanistan gelebt und die Regeln seiner Führung befolgt. Der derzeitige Führer erlaubt mir nicht, solche Operationen durchzuführen.“ [2]

Der junge Osama Bin Laden in einer Höhle im Kampf gegen die sowjetische Invasion 1988. Foto: RV1864, Flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Am 28. September wurde Osama bin Laden von der Urdu-Zeitung Karachi Ummat interviewt. Ich erinnere mich gut daran, denn ich pendelte nonstop zwischen Islamabad und Peschawar, und mein Kollege Saleem Shahzad in Karatschi machte mich darauf aufmerksam.

Dies ist eine ungefähre Übersetzung des CIA-nahen Foreign Broadcast Information Service: „Ich habe bereits gesagt, dass ich nicht an den Anschlägen vom 11. September in den Vereinigten Staaten beteiligt bin. Als Muslim versuche ich mein Bestes, um nicht zu lügen. Weder hatte ich Kenntnis von diesen Anschlägen noch halte ich die Tötung unschuldiger Frauen, Kinder und anderer Menschen für eine vertretbare Tat. Der Islam verbietet strengstens, unschuldigen Frauen, Kindern und anderen Menschen Schaden zuzufügen.

Ich habe bereits gesagt, dass wir gegen das amerikanische System sind, nicht gegen seine Menschen, während bei diesen Anschlägen das einfache amerikanische Volk getötet wurde. Die Vereinigten Staaten sollten versuchen, die Urheber der Anschläge in ihren eigenen Reihen ausfindig zu machen, d.h. bei den Menschen, die Teil des amerikanischen Systems sind, aber gegen dieses System opponieren.

Oder bei denen, die für ein anderes System arbeiten; Personen, die das gegenwärtige Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Konflikts zwischen dem Islam und dem Christentum machen wollen, damit ihre eigene Zivilisation, Nation, Land oder Ideologie überleben kann. Dann gibt es Geheimdienste in den USA, die jedes Jahr Milliarden von Dollar an Geldern vom Kongress und der Regierung benötigen (…) Sie brauchen einen Feind.“

Dies war das letzte Mal, dass sich Osama bin Laden öffentlich zu seiner angeblichen Rolle beim 11. September äußerte. Danach verschwand er Anfang Dezember 2001 scheinbar für immer in Tora Bora: Ich war dabei und habe den gesamten Kontext Jahre später erneut untersucht [3]. Und doch vollbrachte Osama, wie ein islamischer James Bond immer wieder das Wunder, an einem anderen Tag zu sterben, beginnend – wo sonst – in Tora Bora Mitte Dezember, wie der pakistanische Observer und dann Fox News berichteten. 9/11 blieb also ein verschachteltes Rätsel. Und was ist mit dem 9.9., der möglicherweise der Prolog zuzu 9/11 war?  

Grünes Licht von einem blinden Scheich

„Der Kommandant wurde erschossen.“ Die knappe E-Mail vom 9.9. enthielt keine Einzelheiten. Eine Kontaktaufnahme mit dem Panjshir war unmöglich – der Satellitentelefon-Empfang war lückenhaft. Erst am nächsten Tag konnte festgestellt werden, dass Ahmad Shah Massoud, der legendäre Löwe des Panjshir, ermordet worden war – von zwei Al-Qaida-Dschihadisten, die sich als Kamerateam ausgaben.

In unserem Asia Times-Interview mit Massoud hatte er mir am 20. August gesagt, er kämpfe gegen eine Triade: Al-Qaida, die Taliban und den pakistanischen ISI [pakistanischer Geheimdienst; Anm. d. Red.] [4]. Nach dem Interview reiste er in einem Land Cruiser ab und flog dann mit einem Hubschrauber nach Kwaja-Bahauddin, wo er die Einzelheiten einer Gegenoffensive gegen die Taliban ausarbeiten würde. Dies war sein vorletztes Interview vor der Ermordung und es waren wohl auch die letzten Bilder – aufgenommen vom Fotografen Jason Florio und mit meiner Mini-DV-Kamera – die Massoud lebend zeigen.

Ein Jahr nach dem Attentat war ich erneut im Panjshir, um vor Ort zu recherchieren, wobei ich mich nur auf lokale Quellen und die Bestätigung einiger Details aus Peshawar stützte. Die Untersuchung ist im ersten Teil meines Asia Times-E-Book „Forever Wars“ [5] nachzulesen. Die Schlussfolgerung war, dass das grüne Licht für das gefälschte Kamerateam, Massoud zu treffen, über einen Brief kam, der vom CIA-Kryptowährungs-Warlord Abdul Rasul Sayyaf gesponsert wurde – als „Geschenk“ an Al-Qaida.

Im Dezember 2020 veröffentlichten Peter Dale Scott, kanadischer Diplomat von unschätzbarem Wert und Autor u.a. des bahnbrechenden Buches „The Road to 9/11“ (2007), sowie Aaron Good, Redakteur des Magazins „CovertAction“, eine bemerkenswerte Untersuchung über die Tötung von Massoud, die eine andere Spur verfolgt und sich hauptsächlich auf amerikanische Quellen stützt [6].

Sie stellten fest, dass der berüchtigte ägyptische, blinde Scheich Omar Abdel Rahman, der wegen seiner Beteiligung an dem ersten Bombenanschlag auf das World Trade Center im Jahr 1993 eine lebenslange Haftstrafe in einem US-Bundesgefängnis verbüßt, wohl mehr als Sayyaf der Drahtzieher des Mordes war. 

Umar Abd ar-Rahmn (3. Mai 1983 in Gamaliyya, Ägypten; † 18. Februar 2017 in Butner, North Carolina, Vereinigte Staaten) war ein ägyptischer Islamist und Gründer von al-Dscham‘a al-isl miyya. Von 1996 bis zu seinem Tod 2017 verbüßte er eine lebenslange Haftstrafe im US-Bundesgefängnis Butner. Foto: George Ourfalian, Wikipedia.org, gemeinfrei.

Unter anderem bestätigten Dale Scott und Good auch, was der ehemalige pakistanische Außenminister Niaz Naik bereits 2001 gegenüber pakistanischen Medien erklärt hatte: Die Amerikaner hatten schon lange vor dem 11. September alles vorbereitet, um Afghanistan anzugreifen. In Naiks Worten: „Wir haben sie [die amerikanischen Delegierten] gefragt, wann ihr Afghanistan angreifen werdet. … Und sie sagten: Bevor der Schnee in Kabul fällt. Das bedeutet September, Oktober, so etwas in der Art.“

Wie viele von uns in den Jahren nach dem 11. September festgestellt haben, ging es den USA darum, sich als unangefochtener Herrscher des neuen großen Spiels in Zentralasien durchzusetzen. Peter Dale Scott stellt nun fest: „Die beiden US-Invasionen in Afghanistan 2001 und im Irak 2003 basierten beide auf Vorwänden, die von Anfang an zweifelhaft waren und im Laufe der Jahre immer mehr in Verruf gerieten.“ „Beiden Kriegen lag das Bedürfnis Amerikas zugrunde, das auf fossilen Brennstoffen basierende Wirtschaftssystem zu kontrollieren, das die Grundlage für den US-Petrodollar bildete.“

Massoud gegen Mullah Omar

Mullah Omar hieß in den späten 1990er Jahren „Dschihad, Inc.“ in Afghanistan willkommen: nicht nur die Al-Qaida-Araber, sondern auch Usbeken, Tschetschenen, Indonesier, Jemeniten. Einige von ihnen traf ich im August 2001 in Masouds Gefängnis am Flussufer des Panjshir.

Die Taliban boten ihnen damals zwar Stützpunkte – und eine ermutigende Rhetorik – aber sie waren zutiefst ethnozentrisch und hatten deshalb nie ein Interesse an einem globalen Dschihad im Sinne der „Dschihad-Erklärung“ von Osama aus dem Jahr 1996. Der offizielle Standpunkt der Taliban war, dass der Dschihad die Angelegenheit ihrer Gäste sei und nichts mit den Taliban und Afghanistan zu tun habe. Es gibt praktisch keine Afghanen in „Dschihad, Inc.“. Nur sehr wenige Afghanen sprechen Arabisch. Sie ließen sich nicht vom Dreh mit dem Märtyrertum und einem Paradies voller Jungfrauen verführen: Sie zogen es vor, ein Ghazi zu sein – ein lebender Sieger in einem Dschihad.

Mullah Omar konnte Osama bin Laden wegen des Paschtunwali – des paschtunischen Ehrenkodex – in dem der Begriff der Gastfreundschaft heilig ist, unmöglich wegschicken. Als der 11. September 2001 passierte, wies Mullah Omar erneut die amerikanischen Drohungen und die pakistanischen Bitten zurück. Er berief daraufhin eine Stammes-Jirga mit 300 führenden Mullahs ein, um seine Position zu bestätigen. Ihr Urteil war recht nuanciert: Natürlich müsse er seinen Gast schützen, aber ein Gast sollte ihm keine Probleme bereiten. Osama müsste also freiwillig gehen.

Auch die Taliban verfolgten einen ähnlichen Weg, indem sie die Amerikaner um Beweise für Osamas Schuld baten. Es wurden keine vorgelegt. Die Entscheidung, zu bombardieren und einzumarschieren, war bereits getroffen worden.Das wäre zu Lebzeiten Massouds nicht möglich gewesen. Als klassischer intellektueller Krieger war er ein ausgewiesener afghanischer Nationalist und Volksheld – wegen seiner spektakulären militärischen Leistungen im Dschihad gegen die UdSSR und seines unablässigen Kampfes gegen die Taliban.

Als die sozialistische PDPA-Regierung in Afghanistan drei Jahre nach dem Ende des Dschihad im Jahre 1992 zusammenbrach, hätte Massoud leicht Premierminister oder Alleinherrscher im alten türkisch-persischen Stil werden können. Doch dann beging er einen schrecklichen Fehler: Aus Angst vor einem ethnischen Flächenbrand überließ er der in Peschawar ansässigen Mudschaheddin-Bande zu viel Macht, was zum Bürgerkrieg von 1992-1995 führte – einschließlich der gnadenlosen Bombardierung Kabuls durch praktisch alle Fraktionen – der den Weg für die Entstehung der „Recht und Ordnung“-Taliban ebnete. 

Letztendlich war er also ein viel effektiverer militärischer Befehlshaber als ein Politiker. Ein Beispiel dafür sind die Ereignisse von 1996, als die Taliban Schritte unternahmen, um Kabul zu erobern und vom Osten Afghanistans aus angriffen.Massoud traf dies völlig unvorbereitet, aber es gelang ihm dennoch, sich ohne größere Gefechte – eine beachtliche Leistung – und ohne Verlust seiner Truppen in den Panjshir zurückzuziehen und gleichzeitig die Taliban, die ihn verfolgten, schwer zu treffen.

Er errichtete eine Verteidigungslinie in der Shomali-Ebene nördlich von Kabul. Das war die Frontlinie, die ich einige Wochen vor dem 11. September auf dem Weg nach Bagram besuchte, das damals ein praktisch leerer und abgebauter Luftwaffenstützpunkt der Nordallianz war.

All das steht in traurigem Kontrast zur Rolle von Masoud Jr., der theoretisch der Anführer des „Widerstands“ gegen die Taliban 2.0 im Panjshir ist, welcher jetzt völlig zerschlagen ist.

Masoud Jr. hat keinerlei Erfahrung, weder als militärischer Befehlshaber noch als Politiker. Und obwohl er in Paris von Präsident Macron gelobt wurde und einen Kommentar in den westlichen Mainstream-Medien veröffentlichte, beging er den schrecklichen Fehler, sich vom CIA-Agenten Amrullah Saleh führen zu lassen, der als ehemaliger Leiter des Nationalen Sicherheitsdienstes (NDS) de facto die afghanischen Todesschwadronen beaufsichtigte. Masoud Jr. hätte sich leicht eine Rolle in einer Taliban 2.0-Regierung sichern können. Aber er hat es vermasselt, indem er ernsthafte Verhandlungen mit einer in den Panjshir entsandten Delegation von 40 islamischen Geistlichen ablehnte und mindestens 30 % der Posten in der Regierung forderte. 

Am Ende floh Saleh mit einem Hubschrauber – er könnte sich jetzt in Taschkent aufhalten – und Masoud Jr. hält sich derzeit irgendwo im nördlichen Panjshir auf. Die 9/11-Propagandamaschine wird an diesem Samstag [11.09.2021] einen Fieberschub erleben – sie profitiert jetzt von der erzählerischen Wendung, dass die „terroristischen“ Taliban wieder an der Macht sind – etwas, das perfekt dazu geeignet ist, die völlige Demütigung des Imperiums des Chaos auszulöschen.

Der „Deep State“ lässt nichts unversucht, um das offizielle Narrativ zu schützen – das mehr Löcher aufweist als die dunkle Seite des Mondes. Dies ist eine für die Ewigkeit gemachte geopolitische Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. 9/11 war der Gründungsmythos des 21. Jahrhunderts – aber jetzt nicht mehr. Er wurde durch den Bumerang des imperialen Debakels verdrängt, welches die Rückkehr des Islamischen Emirats Afghanistan in genau die Position ermöglicht, die es vor 20 Jahren bereits einnahm.

Wir wissen jetzt vielleicht, dass die Taliban nichts mit 9/11 zu tun hatten. Wir wissen jetzt vielleicht, dass nicht Osama bin Laden in einer afghanischen Höhle der Haupttäter vom 11. September war. Wir wissen jetzt vielleicht, dass die Ermordung von Massoud ein Auftakt zu 9/11 war, aber auf eine verdrehte Art und Weise: um eine im Voraus geplante Invasion Afghanistans zu erleichtern.

Und doch werden wir, wie bei der Ermordung von JFK, vielleicht nie die vollen Konturen des ganzen verschachtelten Rätsels kennen. Wie Fitzgerald es so unsterblich ausdrückte: „So treiben wir weiter, Boote gegen die Strömung, unaufhörlich zurück in die Vergangenheit“, wie verrückt diesen philosophischen und existenziellen Ground Zero sondierend und nie aufhörend, die ultimative Frage zu stellen: Cui Bono?

Quellen:

[1] Dawn, Anwar Iqbal, „Osama’s involvement in 9/11 was never proven, say Taliban“, 27.08.2021, <https://www.dawn.com/news/1642873>

[2] CNN, „Bin Laden says he wasn‘t behind attacks“, am 17.09.2001, <https://edition.cnn.com/2001/US/09/16/inv.binladen.denial/>

[3] Aljazeera, Pepe Escobar, „The day bin Laden vanished forever“, am 08.05.2011, <https://www.aljazeera.com/opinions/2011/5/8/the-day-bin-laden-vanished-forever/>

[4] Asia Times, Pepe Escobar, „Masoud: From warrior to statesman“, am 12.09.2001, <https://asiatimes.com/2001/09/masoud-from-warrior-to-statesman/>

[5] Asia Times, Pepe Escobar, „Forever Wars“, im Dezzember 2020, <https://asiatimes.com/product/forever-wars-by-pepe-escobar-part-1/>

[6] CovertAction Magazin, Peter Dale Scott und Aaron Good, „Was the Now-Forgotten Murder of One Man on September 9, 2001 a Crucial Pre-condition for 9/11?“, am 09.12.2020, <https://covertactionmagazine.com/2020/12/09/was-the-now-forgotten-murder-of-one-man-on-september-9-2001-a-crucial-pre-condition-for-9-11/>