Alexej Navalny stürzt ab

Von Published On: 17. April 2021Kategorien: Gesellschaft & Geschichte
Aber was wäre passiert, wenn er nicht auf Lithium und Benzodiazepin gewesen wäre?

Dieser Text wurde zuerst am 09.02.2021 auf www.johnhelmer.net unter der URL <http://johnhelmer.net/alexei-navalny-crashes-out-what-happened-when-he-wasnt-on-lithium-and-benzodiazepines/> veröffentlicht. Lizenz: John Helmer / johnhelmer.net

Foto Quelle: https://de.rt.com/russland/112620-nawalny-gerichtsurteil/

Die letzte noch unbeantwortete Frage zu Alexei Navalny wurde diese Woche in einem Moskauer Gerichtssaal von Navalny selbst beantwortet. Zum ersten Mal hatte er keine Schützenhilfe von seiner MI6-Helferin Maria Pevchikh aus London oder den CIA- und BND-Teams im Baden-Württembergischen Schwarzwald.

Es ist eine medizinisch-psychiatrische Frage. Sie wurde erstmals von Navalnys behandelnden Ärzten an der Berliner Charité öffentlich gemacht. Sie enthüllten, dass Navalny starke Lithium- und Benzodiazepin-Medikamente einnahm. Sie veröffentlichten dies in einem Datensatz von vier Tabellen, die sie ihrem Fallbericht über Nawalny als Anhänge beifügten. Ihre Daten warfen die Frage auf, was passieren würde, wenn Nawalny gezwungen wäre, seine Medikamente schnell abzusetzen. [1]

Nach achtzehn Tagen Untersuchungshaft in Moskau beantwortete Nawalny diese Frage am 5. Februar vor dem Bezirksgericht Babuschkinskij selbst.

Erstmals am 22. Dezember veröffentlichte The Lancet, dass Navalny nur Stunden bevor er am 19. August in seinem Hotel in Tomsk zusammenbrach und die deutsch-britische OPERATION NOVI-NOVICHOK begann, eine große Dosis Lithium, Diazepam, Nordazepam, Oxazepam und Temazepam genommen hatte. [2] Die medizinisch-psychiatrische Literatur ist sich einig über die Folgen eines harten Entzugs solcher Medikamente [3, 4].

RIA Novosti, eine staatliche Nachrichtenagentur, berichtete über die Geschehnisse bei Navalnys Gerichtsverhandlung am letzten Freitag (05.02.2021). Am Montag (08.02.2021), meldeten Nawalnys Mitarbeiter, dass sie ihre Demonstrationspläne bis zum Frühjahr ausgesetzt haben [5]. Am nächsten Tag wurden sie überredet eine Smartphone-Taschenlampen- und Drohnen-Show für das folgende Wochenende anzukündigen [6]. Für Navalny aber ging das Licht aus – und seine Berliner Ärzte haben uns gezeigt, warum.

Direkte Zitate aus dem Gerichtsbericht, der in englischer Übersetzung nachfolgte, wurden in keiner Zeitung und in keinem Sender des Westens veröffentlicht. Irina Alksnis von RIA Novosti berichtet, was sie gesehen und gehört hat. Sie scheint die deutschen medizinischen Fall-Berichte über Navalny nicht gelesen zu haben.

Innerhalb eines Tages verbaute sich Nawalny seine politische Laufbahn selbst. (Screenshot: https://ria.ru/ [7])

Innerhalb eines Tages verbaute sich Nawalny seine politische Laufbahn selbst

Von Irina Alksnis

„Nur selten kam es in der russischen Politikszene vor, dass sich eine berühmte Person im Rampenlicht ihr Ansehen mit derartiger Begeisterung demontiert.

Genau dies konnte man heute beim Auftritt von Alexej Nawalny miterleben, als das Moskauer Babuschkinski-Gericht begann, eine Verleumdungsklage gegen ihn zu verhandeln.

Die Tatsachen: Im Juni 2020 hatte der Fernsehsender RT ein Video über eine Abstimmung zur Verfassungsänderung veröffentlicht. Der Blogger Nawalny postete ein Video auf Twitter indem er die Teilnehmer der Abstimmung – sowohl populäre Persönlichkeiten Russlands als auch der breiten Öffentlichkeit unbekanntere Bürger – „korrupte Lakaien“, „eine Schande für das Land“, „Menschen ohne Gewissen“ und „Verräter“ nannte.

Ignat Artemenko: „Ein von Navalny beleidigter Veteran des 2. Weltkrieges verlangte von ihm eine öffentliche Entschuldigung.“

Eine Entschuldigung wäre wünschenswert – schließlich erfordert schon eine minimale Beteiligung an der Politik ein sehr dickes Fell und die Fähigkeit, beleidigende Äußerungen gegen einen selbst zu ignorieren. Oft ist es einfacher, rüpelhafte Angriffe zu ignorieren, als sich mit dem Beleidigenden auseinanderzusetzen und ihm dadurch zusätzliche PR zu verschaffen. Aber einer der Hauptfiguren des Videos war der 95-jährige Ignat Artemenko, Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges, der sich aus offensichtlichen Gründen Nawalnys Worte zu Herzen nahm – und dann zu Bett ging.

Daraufhin eröffnete das Untersuchungskomitee ein Strafverfahren wegen „vorsätzlicher Falschinformation zum Zwecke der Verunglimpfung von Ehre und Würde von Veteranen“, dessen Opfer unter anderem Artemenko war.

Ignat Artemenko: „Ein von Navalny beleidigter Veteran des 2. Weltkrieges verlangte von ihm eine öffentliche Entschuldigung.“ (Bild: © Ria Novosti)

Nicht aus juristischer, sondern aus politisch-strategischer Sicht hat Nawalny das Ganze überhaupt nichts gebracht. Fast jede Person des öffentlichen Lebens, insbesondere Politiker, leisten sich irgendwann einmal einen Fehltritt. Manchmal geschieht dies aufgrund einer unglücklichen Wortwahl oder einer Kombination von Umständen; manchmal in der Hitze des Gefechts bei einem emotionalen Ausbruch, manchmal aus Dummheit. Wie dem auch sei, das Glätten der Wogen eines solchen Skandals ist eine Frage des Geschicks: Man muss sich so schnell wie möglich entschuldigen, mit aller scheinbaren Aufrichtigkeit Reue ausdrücken und versprechen, solche Fehler in Zukunft nicht mehr zu machen. Das ist alles.

Navalny hat das nicht getan. Heute (09.02.2021), bei der Gerichtsverhandlung, stellte sich heraus, dass der 95-jährige Veteran nur eine öffentliche Entschuldigung von ihm will.

Dann begann etwas Unerklärliches. Unerklärlich im Sinne eines funktionierenden politischen Betriebs und unerklärlich für den gesunden Menschenverstand.

Alexej Nawalny nannte Ignat Artemenko wiederholt eine „Puppe“, die „nichts versteht“ und von seiner Familie „vermarktet“ wird und dass „seine Verwandten ihn heute Abend erwürgen würden“. Als der Enkel des Veteranen ihn bat, während der Zeugenaussage „ein Mann zu bleiben“, antwortete Nawalny mit dem Ausruf: „Das einzige Problem mit Ihrem Großvater ist, dass er einen Enkel großgezogen hat, der eine Prostituierte ist.“

Für den alten Mann, der von zu Hause aus an der Verhandlung teilnahm, war das zu viel. Man musste für ihn einen Krankenwagen rufen.

Vor diesem Hintergrund wirkt Nawalnys ständiger Wechsel zwischen Geschrei, Hysterie, dem Gezänke mit dem Gericht und den Beleidigungen anderer Prozessteilnehmer wie Lappalien. Der Richter, dem der Zirkus irgendwann zuviel wurde, gab den Anwälten fünf Minuten, „um den Angeklagten zur Vernunft zu bringen, da niemand dieses Verhalten noch tolerieren kann.“

Das Benehmen des Angeklagten Nawalny schockierte selbst die ausgesprochen sensationslüsternen Medien, viele der navalny-freundlichen Medien sahen sich gezwungen, seine Ausbrüche durch Formulierungen wie „sich anschreien“ oder „ein wildes Wortgefecht“ zu ersetzen.

Die politisch interessierte Öffentlichkeit diskutiert derzeit aufgeregt über die möglichen Gründe für diese – vorsichtig ausgedrückt – Show und wirft Fragen über die geistige Gesundheit und das Verhalten des Mannes auf, der als „der wichtigste russische Oppositionsführer“ bezeichnet wird. Dies ist jedoch nicht mehr so wichtig.

Das Hauptergebnis des heutigen Tages (09.02.2021) war die öffentliche Selbstzerstörung Alexej Nawalnys als gesellschaftspolitische Figur, sowie der tödliche Schlag, den er damit seiner eigenen Organisation und der russischen Opposition im Allgemeinen versetzt hat.

Nach diesem „Auftritt“ wird Navalny den letzten Rest seiner ohnehin geringen öffentlichen Unterstützung verlieren. Nein, natürlich werden einige ganz hart Gesottene auf Linie bleiben. Aber sie werden damit auch unter sich etwas in seiner Unmoral und Unmenschlichkeit Ungeheuerliches verbreiten, das heute unter der sonst üblichen kosmetisch perfekten Maske der Opposition zum Vorschein kam und vor dem alle anderen mit Entsetzen zurückschreckten.“

ANMERKUNG ZUM RUSSISCHEN PUBLIKUM: Zwei Wochen nach der ersten Internet-Ausstrahlung von Nawalnys Schwarzwald-Film „Putins Palast“ befragte das Levada-Zentrum in Moskau eine landesweite Stichprobe von Russen zuhause und ermittelte ihre Meinungen zu dem Gehörten oder Gesehenen, einschließlich ihrer Einstellungen nach dem Film zur offiziellen Korruption in Russland und zu Präsident Wladimir Putin. Zum vollständigen Levada-Umfragebericht, der am 8. Februar veröffentlicht wurde, siehe auch [8].

Laut Levada-Umfragebericht konzentrierte sich Nawalnys Anhängerschaft vor allem bei jungen Nutzern sozialer Medien, wie hier analysiert [9]. Levada berichtete nicht über die wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe dieser Pro-Navalny-Minderheit. Der Umfragebericht bestätigt aber, dass der Film die Ablehnung von Putin in dieser Gruppe verstärkte, aber keinen Einfluss auf die Mehrheit der älteren Russen hatte. Navalnys politisches Scheitern mit dem Film ist in diesem Diagramm zu sehen:

Der größte Teil der Menschen aus Russland, die den Film „Putin‘s Palast“ sahen, änderten ihre Meinung über Putin nicht. Dies zeigt das politische Scheitern Alexei Navalny‘s. (Satistik: © Lavada Center)

Die verfügbaren Daten lassen darauf schließen, dass – wenn es wirklich mehr als 105 Millionen Zugriffe gab – nur jeder fünfte dieser Zuschauer ein Russe war. Von denen hat die Hälfte den Film binnen der ersten zwei Minuten weggeklickt. Nur 3,4 Millionen (16 % des russischen Publikums) haben den Film bis zum Ende angesehen. [10]

Laut dem in Lettland ansässigen Pro-Navalny-Medium Meduza hat die Firma Mediascope für den Film 21,2 Millionen russische Zuschauer (älter als 12 Jahre) ermittelt (17 % der Bevölkerung des Landes). Davon sahen 11,6 Millionen Menschen mehr als zwei Minuten des Films, 3,4 Millionen sahen ihn bis zum Ende. Etwa 60 % dieses Publikums konzentrierte sich auf die großen Städte. Leider gibt es keinen Bericht von Levada, Mediascope und Meduza dazu, wie viele der Russen, die den Film bis zum Ende ansahen, zum Zeitpunkt des Anschauens unter der Wirkung von Benzodiazepin stande

Quellen:

[1] drive.google.com, Steindl D, Boehmerle W, Körner R, et al., „Novichok nerve agent poisoning.“, The Lancet 2020, <https://drive.google.com/file/d/1zYD6nPDhmpuTsu6r-BReHaI-wVLiXzoh/view>

[2] JohnHelmer.net, John Helmer, „Navalny‘s Courtroom Wager – Biomedical and Drugs Evidence and Article 275 of Russian Criminal Code“, am 17.01.2021, <http://johnhelmer.net/navalny-s-courtroom-wager-biomedical-and-drugs-evidence-and-article-275-of-the-russian-criminal-code/>

[3] mind.org, „Lithium and other mood stabilisers“, Juni 2020, <https://www.mind.org.uk/information-support/drugs-and-treatments/lithium-and-other-mood-stabilisers/coming-off-mood-stabilisers/>

[4] verywellmind.com, Corinne O‘Keefe Osborn, „How Long Does Withdrawal From Benzodiazepines Last?“, am 01.04.2020, <https://www.verywellmind.com/benzodiazepine-withdrawal-4588452>

[5] meduza.io, „„Das Vertrauen in uns wächst. Wir können das schaffen. „Leonid Volkov – über die Arbeit von Navalnys Mitarbeitern“, am 08.02.2021, <https://meduza.io/news/2021/02/08/my-spravimsya-doverie-k-nam-rastet-leonid-volkov-o-rabote-soratnikov-navalnogo>

[6] Radio Free Europe, Radio Liberty, „Navalny Team Switches Tactics In Call For New Protest In Russia“, am 09.02.2021, <https://www.rferl.org/a/navalny-team-new-protests-russia/31094102.html>

[7] RiaNovosti, Irina Alksnis, „Nawalny zerstörte sich an einem Tag als Politiker“, am 05.02.2021, <https://ria.ru/20210205/navalnyy-1596242051.html?utm_medium=referral&utm_source=infox.sg&utm_campaign=exchange>

[8] Yuri Levada Analytical Center, „THE FILM “PALACE FOR PUTIN”“, am 08.02.2021, <https://www.levada.ru/en/2021/02/08/the-film-palace-for-putin/>

[9] JohnHelmer.net, John Helmer, „OLIGARCHY IN RUSSIA – ALEXEI NAVALNY’S TELLING MISTAKE“, am 25.01.2021, <http://johnhelmer.net/oligarchy-in-russia-alexei-navalnys-telling-mistake/>

[10] Twitter, Dances_with_Bears, „NAVALNY BOTS ARE GENERATING FAKE YOUTUBE VIEWS OF THE FAKE PALACE VIDEO“, am 01.02.2021, <https://twitter.com/bears_with/status/1356144365803089920>

[11] meduza.io, „„Levada Center“: Jeder vierte Russe hat einen Film über „Putins Palast“ gesehen. Ein Drittel von ihnen ist sich sicher, dass nicht alles, was gezeigt wird, wahr ist.“, am 08.02.2021, <https://meduza.io/feature/2021/02/08/levada-tsentr-film-o-dvortse-putina-posmotrel-kazhdyy-chetvertyy-rossiyanin-tret-iz-nih-uvereny-chto-vse-pokazannoe-nepravda>