Symbolbild – erstellt durch DALL E2 (” Two divers attach an explosives box to an underwater gas pipe.”; gemeinfrei.

Wie Amerika die Nord Stream-Pipeline ausschaltete

Die New York Times nannte es ein „Mysterium“, aber die Vereinigten Staaten führten eine verdeckte Seeoperation durch, die geheim gehalten wurde – bis jetzt.

Von Seymour M. Hersh , veröffentlicht am: 17. Februar 2023, Kategorien: Geopolitik

Dieser Text wurde zuerst am 09.02.2023 auf www.seymourhersh.substack.com unter der URL <https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream> veröffentlicht. Lizenz: © Seymour Hersh

Das Tauch- und Bergungszentrum der US-Marine befindet sich an einem Ort, der so obskur ist wie sein Name – an einer ehemaligen Landstraße im ländlichen Panama City, einer heute boomenden Ferienstadt im südwestlichen Zipfel von Florida, 70 Meilen südlich der Grenze zu Alabama. Der Komplex des Zentrums ist so unscheinbar wie sein Standort – ein trister Betonbau aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, der das Aussehen einer Berufsschule im Westen von Chicago hat. Auf der heute vierspurigen Straße liegen ein Münzwaschsalon und eine Tanzschule.

Das Zentrum bildet seit Jahrzehnten hochqualifizierte Tiefwassertaucher aus. Sobald sie amerikanischen Militäreinheiten weltweit zugeteilt werden, sind sie in der Lage, technische Taucharbeiten durchzuführen, entweder um Gutes zu tun – indem sie, um Häfen und Strände von Trümmern und Blindgängern zu befreien, C4-Sprengsätze einsetzen – oder um Schlechtes zu tun, wie das Sprengen ausländischer Bohrinseln, das Verschmutzen von Einlassventilen für Unterwasserkraftwerke, oder das Zerstören von Schleusen an wichtigen Schifffahrtskanälen. Das Zentrum von Panama City, das über das zweitgrößte Hallenbad Amerikas verfügt, war der perfekte Ort, um die besten und schweigsamsten Absolventen der Tauchschule zu rekrutieren. Diese taten letzten Sommer erfolgreich das, wozu sie autorisiert wurden – 80 Meter unter der Oberfläche der Ostsee.

Im vergangenen Juni platzierten Taucher der Marine die ferngezündeten Sprengsätze. Sie operierten unter dem Deckmantel einer NATO-Mittsommerübung namens BALTOPS 22 [1] – über die breitflächig berichtet wurde. Diese Sprengsätze zerstörten drei Monate später drei der vier Nord Stream-Pipelines – so eine Quelle mit direkter Kenntnis der operativen Planung.

Zwei der Pipelines, die zusammen als Nord Stream 1 bekannt waren, versorgten Deutschland und weite Teile Westeuropas seit mehr als einem Jahrzehnt mit billigem russischem Erdgas. Ein zweites Pipeline-Paar namens Nord Stream 2 wurde gebaut, war aber noch nicht in Betrieb. Jetzt, da sich russische Truppen an der ukrainischen Grenze versammeln und der blutigste Krieg in Europa seit 1945 droht, sah Präsident Joseph Biden die Pipelines als Vehikel für Wladimir Putin, um Erdgas als Waffe für seine politischen und territorialen Ambitionen einzusetzen.

Um einen Kommentar gebeten sagte Adrienne Watson, eine Sprecherin des Weißen Hauses, in einer E-Mail: „Das ist von A bis Z erfunden“. Tammy Thorp, eine Sprecherin der Central Intelligence Agency, schrieb in ähnlicher Weise: „Diese Behauptung ist vollkommen falsch.“

Bidens Entscheidung, die Pipelines zu sabotieren, kam nach mehr als neun Monaten streng geheimen Hin- und Her-Debattierens innerhalb der nationalen Sicherheitsorgane Washingtons, darüber, wie dieses Ziel am besten erreicht werden kann. Die meiste Zeit ging es nicht um die Frage, ob die Mission durchgeführt werden sollte, sondern wie sie ohne offensichtliche Hinweise, wer dafür verantwortlich war, durchgeführt werden könnte.

Es gab einen wichtigen bürokratischen Grund, sich auf die Absolventen des hartgesottenen Kerns der Tauchschule in Panama City zu verlassen. Es waren nur Marinetaucher (Navy) und keine Mitglieder des amerikanischen Special Operations Command (USSOCOM oder SOCOM, Kommando für Spezialoperationen der Vereinigten Staaten; Anm. d. Red.), dessen verdeckte Operationen dem Kongress gemeldet und über die die Führung des Senats und des Repräsentantenhauses – der sogenannten Gang of Eight [2] – im Voraus gebrieft werden müssen. Die Biden-Administration tat alles Erdenkliche, um Leaks zu vermeiden, da die Planung Ende 2021 und in den ersten Monaten des Jahres 2022 stattfand.

Präsident Biden und sein außenpolitisches Team – der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan, Außenminister Tony Blinken und Victoria Nuland, die Unterstaatssekretärin für Politik – hatten ihre Feindseligkeit gegenüber den beiden Pipelines lautstark und konsequent zum Ausdruck gebracht. Diese verlaufen über eine Strecke von 1207 Kilometern parallel unter der Ostsee. Ausgehend von zwei unterschiedlichen Häfen im Nordwesten Russlands nahe der Grenze zu Estland, verlaufen sie nah an der dänischen Insel Bornholm vorbei, bevor sie in Norddeutschland enden.

Gazprom-Turm (Lakhta Center) St. Petersburg, Russland, Mai 2020.
(Foto: Mark Freeth, flickr.com, CC BY 2.0)

Die direkte Route – die jegliche Notwendigkeit umgangen hatte, die Ukraine zu durchqueren – war ein Segen für die deutsche Wirtschaft, die über billiges russisches Erdgas im Überfluss verfügte – genug, um ihre Fabriken zu betreiben und ihre Häuser zu heizen. Gleichzeitig ermöglichte dies deutschen Händlern, überschüssiges Gas mit Gewinn in ganz Westeuropa zu verkaufen. Maßnahmen, die auf die US-Regierung zurückgeführt werden könnten, würden gegen die Versprechen der USA verstoßen, direkte Konflikte mit Russland zu minimieren. Geheimhaltung war unerlässlich.

Von Anfang an wurde Nord Stream 1 von Washington und seinen antirussischen NATO-Partnern als Bedrohung der westlichen Dominanz angesehen. Die Holding-Gesellschaft dahinter, die „Nord Stream AG“ [3], wurde 2005 in der Schweiz in Partnerschaft mit Gazprom gegründet, einem börsennotierten russischen Unternehmen, das enorme Gewinne für die Aktionäre produziert und von Oligarchen dominiert wird – die bekanntermaßen im Bann Putins stehen. Gazprom kontrollierte 51 Prozent des Unternehmens, wobei vier europäische Energieunternehmen – eines in Frankreich, eines in den Niederlanden und zwei in Deutschland – die restlichen 49 Prozent der Aktien hielten. Sie hatten auch das Recht, den nachgelagerten Verkauf des preiswerten Erdgases an lokale Unternehmen und Verteiler in Deutschland und Westeuropa zu kontrollieren. Die Gewinne von Gazprom wurden mit der russischen Regierung geteilt, und die staatlichen Gas- und Öleinnahmen wurden für die nächsten Jahre auf bis zu 45 Prozent des russischen Jahreshaushalts geschätzt [4].

Amerikas politische Befürchtungen waren real: Putin hätte jetzt eine zusätzliche und dringend benötigte Haupteinnahmequelle, und Deutschland sowie der Rest Westeuropas würden abhängig von billigem Erdgas aus Russland werden – während die Abhängigkeit Europas von Amerika abnehmen würde. Tatsächlich ist genau das passiert. Viele Deutsche sahen Nord Stream 1 als Teil der Umsetzung der berühmten Ostpolitik des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt [5]. Sie sollte es Nachkriegsdeutschland ermöglichen, sich selbst und andere im Zweiten Weltkrieg zerstörte europäische Nationen zu sanieren, indem es unter anderem billiges russisches Gas als Treibstoff für eine prosperierende westeuropäische Markt- und Handelswirtschaft nutzte.

Nord Stream 1 war nach Ansicht der NATO und Washington gefährlich genug, aber Nord Stream 2, dessen Bau im September 2021 abgeschlossen wurde [6],– würde die Menge an billigem Gas verdoppeln, welches Deutschland und Westeuropa zur Verfügung stünde. Sofern es von den deutschen Regulierungsbehörden genehmigt würde. Auch die zweite Pipeline würde genug Gas für mehr als 50 Prozent des deutschen Jahresverbrauchs liefern. Unterstützt durch die aggressive Außenpolitik der Biden-Administration, eskalierten die Spannungen zwischen Russland und der NATO kontinuierlich.

Die Opposition gegen Nord Stream 2 entbrannte am Vorabend der Amtseinführung Bidens im Januar 2021, als die Republikaner des Senats, angeführt von Ted Cruz aus Texas, während der Anhörung zur Bestätigung von Blinken als Außenminister, wiederholt die politische Drohung mit billigem russischem Erdgas zur Sprache brachten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ein vereinter Senat erfolgreich ein Gesetz verabschiedet, das, wie Cruz gegenüber Blinken sagte, „[die Pipeline] zum Stillstand brachte“. Es würde enormen politischen und wirtschaftlichen Druck von der deutschen Regierung geben, die damals von Angela Merkel geleitet wurde, um die zweite Pipeline ans Netz zu bringen.

Würde Biden den Deutschen Paroli bieten? Blinken sagte ja, fügte aber hinzu, dass er die Ansichten des neuen Präsidenten nicht im Einzelnen erörtert habe. „Ich weiß, dass er der festen Überzeugung ist, dass Nord Stream 2 eine schlechte Idee ist,“, sagte er. „Ich weiß, dass er möchte, dass wir all unsere Überredungskünste einzusetzen, um unsere Freunde und Partner, einschließlich Deutschland, davon zu überzeugen, damit nicht weiterzumachen.“ [7]

Einige Monate später, als der Bau der zweiten Pipeline kurz vor dem Abschluss stand, blinzelte Biden (dies ist ein Wortspiel: Biden blinked, Anm. d. Red.). Im Mai dieses Jahres verzichtete die Regierung in einer erstaunlichen Kehrtwende auf Sanktionen gegen die Nord Stream AG [8], wobei ein Beamter des Außenministeriums einräumte, dass der Versuch, die Pipeline durch Sanktionen und Diplomatie zu stoppen, „immer eine gewagte Idee gewesen“ sei [9]. Hinter den Kulissen drängten Regierungsbeamte Berichten zufolge den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Zelenski, der zu diesem Zeitpunkt von einer russischen Invasion bedroht war, dazu, den Schritt nicht zu kritisieren [10].

Sofort folgten Konsequenzen. Die Republikaner des Senats, angeführt von Cruz, kündigten eine sofortige Blockade aller außenpolitischen Kandidaten von Biden an und verzögerten die Verabschiedung des jährlichen Verteidigungsgesetzes um Monate bis tief in den Herbst. Politico bezeichnete Bidens Kehrtwende bei der zweiten russischen Pipeline später als „die einzige Entscheidung, die Bidens Agenda wohl mehr gefährdet hat, als der chaotische militärische Rückzug aus Afghanistan“ [11].

Die Administration geriet ins Wanken, obwohl sie Mitte November eine Entlastung für die Krise erhielt, als die deutschen Energie-Regulierungsbehörden die Genehmigung der zweiten Nord Stream-Pipeline aussetzten [12]. Die Erdgaspreise stiegen innerhalb weniger Tage um 8% [13] – inmitten wachsender Befürchtungen in Deutschland und Europa, dass die Unterbrechung der Pipeline und die wachsende Möglichkeit eines Krieges zwischen Russland und der Ukraine zu einem höchst unerwünschten kalten Winter führen würden. Washington war nicht klar, wo Olaf Scholz stand, Deutschlands frischgebackener Bundeskanzler. Monate zuvor – nach dem Fall Afghanistans – hatte Scholz in einer Rede in Prag öffentlich die Forderung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron nach einer autonomeren europäischen Außenpolitik unterstützt und deutlich darauf hingewiesen, sich weniger auf Washington und sein launisches Vorgehen zu verlassen.

Während all dieser Zeit hatten sich russische Truppen stetig und bedrohlich an den Grenzen zur Ukraine aufgebaut. Und Ende Dezember waren mehr als 100.000 Soldaten in Position, um von Weißrussland und der Krim aus zuzuschlagen. In Washington wuchs die Besorgnis, einschließlich einer Einschätzung Blinkens, dass diese Truppenzahlen „in kurzer Zeit verdoppelt“ werden könnten.

Die Aufmerksamkeit der Administration richtete sich erneut auf Nord Stream. Solange Europa durch die Pipelines von billigem Erdgas abhängig blieb, befürchtete Washington, dass Länder wie Deutschland zögern würden, der Ukraine das Geld und die Waffen zu liefern, die sie brauchten, um Russland zu besiegen.

In diesem unruhigen Moment autorisierte Biden Jake Sullivan, eine behördenübergreifende Gruppe zusammenzustellen, um einen Plan auszuarbeiten. Alle Optionen sollten auf dem Tisch liegen. Aber nur eine würde sich durchsetzen.

DIE SPIELER von links nach rechts: Victroia, Nuland, Jake Sullivan, Anthony Blinken (Wikimedia Commmons CC0)

Planung

Im Dezember 2021, zwei Monate bevor die ersten russischen Panzer in die Ukraine rollten, berief Jake Sullivan ein Treffen einer neu gebildeten Task Force ein – Männer und Frauen der Joint Chiefs of Staff, der CIA und des Außen- sowie des Finanzministeriums – und bat um Empfehlungen, wie auf Putins bevorstehende Invasion reagiert werden solle. (Joint Chiefs of Staff, JCS = Militärisches Gremium zur Beratung des Präsidenten und des Verteidigungsministers der USA; Anm. d. Red.)

Es sollte das erste einer Reihe streng geheimer Treffen sein. Sie fanden in einem sicheren Raum im obersten Stockwerk des Old Executive Office Building neben dem Weißen Haus statt, das auch die Heimat des Foreign Intelligence Advisory Board (PFIAB) des Präsidenten war. Es gab das übliche Hin und Her, das schließlich zu einer entscheidenden vorläufigen Frage führte: Wäre die Empfehlung, welche die Gruppe an den Präsidenten weiterleitete, reversibel – wie eine weitere Welle von Sanktionen und Währungsbeschränkungen? Oder irreversibel – das heißt Aktionen der offenen Kriegsführung, die nicht rückgängig gemacht werden könnten?

Was den Teilnehmern – laut der Quelle mit direkter Kenntnis des Prozesses – klar wurde: Sullivan erwartete von der Gruppe, einen Plan für die Zerstörung der beiden Nord Stream-Pipelines vorzulegen – und dass er damit den Wünschen des Präsidenten bzüglich der Nord Stream-Pipelines nachkam.

In den nächsten Sitzungen diskutierten die Teilnehmer Optionen für einen Angriff. Die Marine schlug vor, ein neu in Dienst gestelltes U-Boot einzusetzen, um die Pipeline direkt anzugreifen. Die Air Force diskutierte den Abwurf von Bomben mit verzögerten Zündern, die aus der Ferne aktiviert werden könnten. Die CIA argumentierte, was auch immer getan würde, müsse verdeckt ablaufen.

Alle Beteiligten verstanden, was auf dem Spiel stand. „Das ist kein Kinderkram“, sagte die Quelle. Wenn der Angriff zu den Vereinigten Staaten zurückverfolgt werden könnte, „ist es eine Kriegshandlung“.

Damals wurde die CIA von William Burns geleitet, einem eher sanftmütigen ehemaligen Botschafter in Russland, der als stellvertretender Außenminister in der Obama-Administration gedient hatte. Burns autorisierte schnell eine Arbeitsgruppe der Agency, zu deren Ad-hoc Mitgliedern – zufällig – jemand gehörte, der mit den Fähigkeiten der Tiefseetaucher der Marine in Panama City vertraut war. In den nächsten Wochen begannen Mitglieder der CIA-Arbeitsgruppe, einen Plan für eine verdeckte Operation auszuarbeiten, bei der Tiefseetaucher eine Explosion entlang der Pipeline auslösen sollten.

So etwas hatte es schon einmal gegeben. 1971 erfuhren die amerikanischen Geheimdienstorganisationen aus noch nicht bekannt gegebenen Quellen, dass zwei wichtige Einheiten der russischen Marine über ein – im Ochotskischen Meer an der russischen Fernostküste – vergrabenes Unterseekabel miteinander kommunizierten [14]. Das Kabel verband ein regionales Marinekommando mit dem Hauptquartier auf dem Festland in Wladiwostok.

Ein handverlesenes Team von Agenten – der Central Intelligence Agency und der National Security Agency – wurde irgendwo in der Gegend von Washington unter strenger Geheimhaltung zusammengestellt und arbeitete einen Plan aus, welcher Navy-Taucher, modifizierte U-Boote und ein Tiefsee-Rettungs-U-Boot beinhaltete. Der Plan war nach viel Try and Error (Versuch und Irrtum, Anm. d. Red.) erfolgreich und es gelang, das russische Kabel zu lokalisieren. Die Taucher installierten ein ausgeklügeltes Abhörgerät am Kabel, das die russische Kommunikation erfolgreich abhörte und auf einem Tonbandgerät aufzeichnete.

Die NSA erfuhr, dass hochrangige russische Marineoffiziere, die von der Sicherheit ihrer Kommunikationsverbindung überzeugt waren, unverschlüsselt mit ihresgleichen plauderten. Das Aufnahmegerät und sein Band mussten monatlich ausgetauscht werden. Und das Projekt lief ein Jahrzehnt lang fröhlich weiter, bis es von einem 44-jährigen zivilen NSA-Techniker namens Ronald Pelton, der fließend Russisch sprach, kompromittiert wurde [15]. Pelton wurde 1985 von einem russischen Überläufer verraten und inhaftiert. Er erhielt von den Russen nur 5.000 Dollar für seine Enthüllungen über die Operation, zusammen mit 35.000 Dollar für Daten über andere russische Operationen, die er zur Verfügung stellte und die nie veröffentlicht wurden [16]. Dieser Erfolg unter Wasser mit dem Codenamen „Ivy Bells“ war innovativ und riskant – und lieferte unschätzbare Informationen über die Absichten und Planungen der russischen Marine.

Dennoch war die behördenübergreifende Gruppe zunächst skeptisch gegenüber der Begeisterung der CIA für einen verdeckten Tiefseeangriff. Es gab zu viele unbeantwortete Fragen. Die Gewässer der Ostsee wurden stark von der russischen Marine patrouilliert, zudem gab es keine Ölplattformen, die als Deckung für einen Taucheinsatz dienen konnten. Müssten die Taucher nach Estland, direkt hinter der Grenze zu Russlands Erdgas-Verladedocks, um für die Mission zu trainieren? „Es könnte ein Reinfall werden“, wurde der Agency gesagt.

Während „all dieser Intrigen“, sagte die Quelle, „sagten einige in der CIA und im Außenministerium: ‚Tut das nicht. Es ist dumm und wird ein politischer Albtraum, wenn es herauskommt.‘“

Trotzdem berichtete die CIA-Arbeitsgruppe Anfang 2022 an Sullivans behördenübergreifende Gruppe: „Wir haben eine Möglichkeit, die Pipelines zu sprengen.“

Was dann passierte war atemberaubend. Am 7. Februar, weniger als drei Wochen vor der scheinbar unvermeidlichen russischen Invasion in der Ukraine, traf sich Biden in seinem Büro im Weißen Haus mit Bundeskanzler Olaf Scholz. Der nach einiger Unsicherheit nun fest an der amerikanischen Seite stand. Bei der anschließenden Pressekonferenz sagte Biden herausfordernd: „Wenn Russland einmarschiert … wird es kein Nord Stream 2 mehr geben. Wir werden dem ein Ende bereiten.“ [17]

Zwanzig Tage zuvor hatte Unterstaatssekretärin Nuland bei einem Briefing des Außenministeriums im Wesentlichen die gleiche Botschaft übermittelt. Die Presse berichtete nur spärlich darüber. „Ich möchte Ihnen heute ganz klar etwas sagen“, antwortete sie auf eine Frage. „Wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, wird Nord Stream 2 auf die eine oder andere Weise nicht vorankommen.“ [18]

Mehrere der an der Planung der Pipeline-Mission Beteiligten waren bestürzt über das, was sie als indirekte Hinweise auf einen Angriff betrachteten.

„Es war, als würde man in Tokio eine Atombombe auf den Boden legen und den Japanern sagen, dass wir sie zünden werden“, sagte die Quelle. „Der Plan war, dass die Optionen nach der Invasion ausgeführt und nicht öffentlich bekannt gegeben werden. Biden hat es einfach nicht verstanden oder ignoriert.“

Die Indiskretion von Biden und Nuland, wenn es denn eine war, könnte einige der Planer frustriert haben. Aber es schuf auch eine Gelegenheit. Laut der Quelle stellten einige hochrangige Beamte der CIA fest, dass die Sprengung der Pipeline „nicht länger als verdeckte Option angesehen werden könnte, weil der Präsident gerade angekündigt hat, dass wir wissen, wie es geht“.

Der Plan Nord Stream 1 und 2 in die Luft zu sprengen wurde plötzlich von einer verdeckten Operation, die eine Unterrichtung des Kongresses erforderte, zu einer Operation herabgestuft, die als streng geheime Geheimdienstoperation mit Unterstützung des US-Militärs angesehen wurde. Zur rechtlichen Lage erklärte die Quelle: „Es gab keine gesetzliche Verpflichtung mehr, die Operation dem Kongress zu melden. Alles, was sie jetzt tun mussten war, es einfach zu tun – aber es musste immer noch geheim sein. Die Ostsee-Überwachung der Russen ist außergewöhnlich.“

Die Mitglieder der Agency-Arbeitsgruppe hatten keinen direkten Kontakt zum Weißen Haus und wollten unbedingt herausfinden, ob der Präsident meinte, was er gesagt hatte – das heißt, ob die Mission jetzt gestartet werden sollte. Die Quelle erinnerte sich: „Bill Burns kommt zurück und sagt: ‚Macht es.‘“

Nord Stream Gas-Lecks, 26.9.2022 (Graphik: Unbekannt, Wikimedia Commons,CC-By-SA 4.0)

Die Operation

Norwegen war der perfekte Standort für die Mission.

In den letzten Jahren der Ost-West-Krise hat das US-Militär seine Präsenz in Norwegen enorm ausgebaut, dessen westliche Grenze 1.400 Meilen entlang des Nordatlantiks verläuft und oberhalb des Polarkreises mit Russland verschmilzt. Das Pentagon hat inmitten einiger lokaler Kontroversen hochbezahlte Arbeitsplätze und Verträge geschaffen, indem es Hunderte von Millionen Dollar investierte, um Einrichtungen der amerikanischen Marine und Luftwaffe in Norwegen zu modernisieren und zu erweitern. Zu den neuen Arbeiten gehörte vor allem ein höchst fortschrittliches „Synthetic Aperture Radar“ hoch im Norden, das tief nach Russland vordringen konnte und gerade online ging, als die amerikanischen Geheimdienstorganisationen den Zugang zu einer Reihe von Langstrecken-Abhörstellen in China verloren.

Eine runderneuerte amerikanische U-Boot-Basis, die seit Jahren im Bau war, war in Betrieb genommen worden [19], und mehr amerikanische U-Boote konnten nun eng mit ihren norwegischen Kollegen zusammenarbeiten, um eine große russische Nuklear-Basis auf der Kola-Halbinsel, 250 Meilen weiter östlich, zu überwachen und auszuspionieren [20]. Amerika baute auch einen norwegischen Luftwaffenstützpunkt im Norden stark aus [21] und lieferte der norwegischen Luftwaffe eine Flotte von P8-Poseidon-Patrouillenflugzeugen [22], die von Boeing gebaut wurden, um ihre Langstreckenspionage rund um Russland zu verstärken.

Im Gegenzug verärgerte die norwegische Regierung im vergangenen November Liberale und einige Gemäßigte in ihrem Parlament, indem sie das „Supplementary Defense Cooperation Agreement“ (SDCA) verabschiedete. Nach dem neuen Abkommen wäre das US-Rechtssystem in bestimmten „vereinbarten Gebieten“ [23] im Norden für amerikanische Soldaten, die wegen Verbrechen außerhalb der Basis angeklagt sind und auch für norwegische Staatsbürger, die beschuldigt oder verdächtigt werden, die Arbeit auf der Basis gestört zu haben, zuständig.

Norwegen gehörte zu den ursprünglichen Unterzeichnern des NATO-Vertrags im Jahr 1949, in den frühen Tagen des Kalten Krieges. Heute ist der Oberbefehlshaber der NATO Jens Stoltenberg, ein überzeugter Antikommunist. Er war acht Jahre lang norwegischer Premierminister, bevor er 2014 mit amerikanischer Unterstützung auf seinen hohen NATO-Posten wechselte. Er war ein Hardliner in Sachen Putin und Russland und hatte seit dem Vietnamkrieg mit den amerikanischen Geheimdiensten zusammengearbeitet. Seitdem genießt er volles Vertrauen. „Er ist der Handschuh, der zur amerikanischen Hand passt“, sagte die Quelle.

Zurück in Washington wussten die Planer, dass sie nach Norwegen gehen mussten. „Sie hassten die Russen, und die norwegische Marine war voll von hervorragenden Seeleuten und Tauchern, die über Generationen an Erfahrung in der hochprofitablen Tiefsee-Öl- und Gasexploration verfügten“, sagte die Quelle. Auch ihnen konnte man vertrauen, die Mission geheim zu halten. (Die Norweger hatten möglicherweise auch andere Interessen. Die Zerstörung von Nord Stream – falls dies den Amerikanern gelingen sollte – würde es Norwegen ermöglichen, erheblich mehr seines eigenen Erdgases nach Europa zu verkaufen.)

Irgendwann im März flogen einige Mitglieder des Teams nach Norwegen, um sich mit dem norwegischen Geheimdienst und der Marine zu treffen. Eine der Schlüsselfragen drehte sich um den geeignetsten Ort zur Platzierung der Sprengsätze. Nord Stream 1 und 2, jeweils mit zwei Pipeline-Röhren, waren auf ihrem Weg zum Hafen von Greifswald, im äußersten Nordosten Deutschlands, größtenteils nur eine Meile voneinander entfernt.

Pressekonferenz NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, 5.2.2015.
(Foto: NATO, flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0)

Die norwegische Marine fand schnell den richtigen Ort in den seichten Gewässern der Ostsee – ein paar Meilen vor der dänischen Insel Bornholm. Die Pipelines verliefen mehr als eine Meile voneinander entfernt entlang eines Meeresbodens, der nur 80 Meter tief war. Das läge völlig in Reichweite der Taucher, die von einem norwegischen Minenjäger der Alta-Klasse aus, mit einer Mischung aus Sauerstoff, Stickstoff und Helium in ihren Flaschen tauchen würden – und C4 Ladungen auf den vier Pipelines, mit Schutzabdeckungen aus Beton, anbringen würden. Es wäre eine mühsame, zeitraubende und gefährliche Arbeit, aber die Gewässer vor Bornholm hatten noch einen weiteren Vorteil: Es gab keine großen Gezeitenströmungen, die das Tauchen viel schwieriger gemacht hätten.

Nach ein wenig Recherche waren die Amerikaner voll dabei. An diesem Punkt kam erneut die obskure Tieftauchgruppe der Navy in Panama City ins Spiel. Die Tiefseeschulen in Panama City, deren Auszubildende an „Ivy Bells“ teilgenommen haben, werden von den Elite-Absolventen der Naval

Academy in Annapolis – die normalerweise den Ruhm ernten wollen, als Seal, Kampfpilot oder U-Bootfahrer eingesetzt zu werden – als unerwünschte Hinterwäldler angesehen. Wenn man ein „Black Shoe“ werden soll – das heißt, ein Mitglied des weniger begehrten Überwasserschiffskommandos – gibt es immer mindestens einen Dienst auf einem Zerstörer, Kreuzer oder Amphibienschiff. Am wenigsten glamourös ist der Minenkrieg. Seine Taucher erscheinen nie in Hollywood-Filmen oder auf den Titelseiten populärer Zeitschriften.

„Die besten Taucher mit Tieftauchqualifikationen sind eine enge Gemeinschaft, nur die Allerbesten werden für die Operation rekrutiert und aufgefordert, sich darauf vorzubereiten, zur CIA in Washington gerufen zu werden“, sagte die Quelle.

Die Norweger und Amerikaner hatten einen Standort und die Einsatzkräfte, aber es gab noch eine andere Sorge: Jede ungewöhnliche Unterwasseraktivität in den Gewässern vor Bornholm könnte die Aufmerksamkeit der schwedischen oder dänischen Marine auf sich ziehen, die sie melden könnte.

Dänemark war auch einer der ursprünglichen NATO-Unterzeichner und in der Geheimdienstgemeinschaft für seine besonderen Verbindungen zum Vereinigten Königreich bekannt. Schweden hatte sich um Mitgliedschaft in der NATO beworben und seine großen Fähigkeiten in der Handhabung seiner Unterwasserschall- und Magnetsensorsysteme unter Beweis gestellt, welche erfolgreich russische U-Boote verfolgten, die gelegentlich in abgelegenen Gewässern des schwedischen Archipels auftauchten und an die Oberfläche gezwungen wurden.

Die Norweger schlossen sich den Amerikanern an und bestanden darauf, dass einige hochrangige Beamte in Dänemark und Schweden über mögliche Tauchaktivitäten in der Gegend allgemein informiert werden müssten. Auf diese Weise könnte ein höherer Dienstgrad eingreifen, einen Bericht aus der Befehlskette heraushalten und so die Pipeline-Operation abschirmen. „Was ihnen gesagt wurde und was sie wussten, war absichtlich unterschiedlich“, sagte mir die Quelle. (Die norwegische Botschaft, die gebeten wurde diese Geschichte zu kommentieren, antwortete nicht.)

Die Norweger waren der Schlüssel zur Überwindung anderer Hürden. Es war bekannt, dass die russische Marine Überwachungstechnologie besitzt, die in der Lage ist, Unterwasserminen zu erkennen und auszulösen. Die amerikanischen Sprengsätze mussten so getarnt sein, dass sie für das russische System als Teil des natürlichen Hintergrunds erscheinen – was eine Anpassung an den spezifischen Salzgehalt des Wassers erforderte. Die Norweger hatten eine Lösung.

Auch auf die entscheidende Frage, wann die Operation stattfinden sollte, hatten die Norweger eine Lösung parat. Seit 21 Jahren veranstaltete die amerikanische Sechste Flotte, deren Flaggschiff südlich von Rom im italienischen Gaeta stationiert ist, jeden Juni eine große NATO-Übung in der Ostsee, an der zahlreiche alliierte Schiffe in der gesamten Region beteiligt sind. Die aktuelle Übung, die im Juni stattfand, sollte als Baltic Operations 22 oder BALTOPS 22 bekannt werden [24]. Die Norweger schlugen vor, dies sei die ideale Deckung, um die Minen zu platzieren.

Die Amerikaner lieferten ein wichtiges Argument: Sie überzeugten die Planer der Sechsten Flotte, dem Programm eine Forschungs- und Entwicklungsübung hinzuzufügen. An der Übung, die von der Marine veröffentlicht wurde, war die Sechste Flotte in Zusammenarbeit mit den „Forschungs- und Kriegsführungszentren“ der Marine beteiligt [25]. Die Veranstaltung auf See würde vor der Küste der Insel Bornholm stattfinden und NATO-Taucherteams einbeziehen, die Minen platzieren, wobei konkurrierende Teams die neueste Unterwassertechnologie einsetzen, um sie zu finden und zu zerstören.

Es war sowohl eine nützliche Übung als auch eine geniale Tarnung. Die Jungs aus Panama City würden ihr Ding machen und die C4-Sprengsätze würden am Ende von BALTOPS 22 angebracht sein, versehen mit einem 48-Stunden-Timer. Bei der ersten Explosion wären alle Amerikaner und Norweger schon lange weg.

Die Tage vergingen. „Die Uhr tickte und wir näherten uns der Erfüllung unserer Mission“, sagte die Quelle.

Und dann hatte Washington Bedenken. Die Bomben würden immer noch während BALTOPS platziert werden, aber das Weiße Haus befürchtete, dass ein zweitägiges Zeitfenster für ihre Detonation zu kurz vor dem Ende der Übung liegen würde – die Beteiligung Amerikas wäre offensichtlich.

Stattdessen hatte das Weiße Haus eine neue Anfrage: „Können sich die Jungs im Feld eine Möglichkeit einfallen lassen, die Pipelines später auf Befehl zu sprengen?“

Einige Mitglieder des Planungsteams waren verärgert und frustriert über die scheinbare Unentschlossenheit des Präsidenten. Die Panama City Taucher hatten wiederholt das Anbringen von C4 an Pipelines geübt. So wie sie es während BALTOPS tun würden. Aber jetzt musste das Team in Norwegen einen Weg finden, Biden das zu geben, was er wollte – die Möglichkeit, einen geheimen Befehl zu einer Zeit seiner Wahl zu erteilen.

Mit einer willkürlichen Änderung in letzter Minute beauftragt zu werden, war etwas, an das die CIA gewöhnt war. Aber es erneuerte auch die Bedenken, die Einige über die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der gesamten Operation teilten.

Die geheimen Befehle des Präsidenten beschworen auch das Dilemma der CIA in den Tagen des Vietnamkriegs herauf, als Präsident Johnson, konfrontiert mit einer wachsenden Anti-Vietnamkriegsstimmung, der Agency befahl, gegen ihre Charta zu verstoßen – die es ihr ausdrücklich untersagte, innerhalb Amerikas zu operieren – indem er sie anwies, Anführer der Antikriegsbewegung auszuspionieren, um festzustellen, ob sie vom kommunistischen Russland kontrolliert wurden.

Sprengstoff-Entsorgungstechniker platzieren während der Übung Tricrab 2012 einen Unterwassersprengstoff auf einer simulierten Mine als Teil eines Minenbekämpfungsszenarios, 27.8.2012.
(Foto: Defense Visual Information Distribution Service, nara.getarchive.net, Public Domain)

Die Agency gab schließlich nach, und durch die gesamten 1970er Jahre wurde deutlich, wie weit sie zu gehen bereit war. Nach den Watergate-Skandalen gab es nachfolgende Zeitungsenthüllungen über das Ausspionieren amerikanischer Bürger durch die Agency, ihre Beteiligung an der Ermordung ausländischer Führer und ihre Untergrabung der sozialistischen Regierung von Salvador Allende.

Diese Enthüllungen führten Mitte der 1970er Jahre zu einer dramatischen Reihe von Anhörungen im Senat, unter der Leitung von Frank Church, aus Idaho. Sie machten deutlich, dass Richard Helms – der damalige Direktor der Agency – akzeptierte, dass er verpflichtet war das zu tun, was der Präsident wollte. Auch wenn es einen Rechtsbruch bedeutete.

In einer unveröffentlichten Aussage hinter verschlossenen Türen erklärte Helms reumütig, dass „es fast wie eine unbefleckte Empfängnis wäre, wenn man so etwas“ auf geheimen Befehl eines Präsidenten tut. „Ob es richtig oder falsch ist, dass Sie sie (die Befehle, Anm. d. Red.) haben sollten, oder falsch, dass Sie sie haben sollen, [die CIA] arbeitet nach anderen Regeln und Grundregeln als jeder andere Teil der Regierung.“ Er sagte den Senatoren im Wesentlichen, dass er als Chef der CIA verstehe, dass er für die Regierungsspitze und nicht für die Verfassung gearbeitet habe.

Die in Norwegen tätigen Amerikaner operierten unter der gleichen Dynamik und begannen pflichtbewusst mit der Arbeit an dem neuen Problem – wie man die C4-Sprengsätze auf Bidens Befehl fernzündet. Es war eine viel anspruchsvollere Aufgabe als man in Washington dachte. Für das Team in Norwegen gab es keine Möglichkeit zu wissen, wann der Präsident den Knopf drücken könnte. In ein paar Wochen, in vielen Monaten oder in einem halben Jahr oder später?

Das an den Pipelines angebrachte C4 würde durch eine Sonarboje ausgelöst, die kurzfristig von einem Flugzeug abgeworfen würde, doch das Verfahren erforderte modernste Signalverarbeitungstechnik. Einmal installiert, könnten die an einer der vier Pipelines angebrachten verzögerten Zeitzünder versehentlich, durch die komplexe Mischung aus Meereshintergrundgeräuschen in der stark befahrenen Ostsee, ausgelöst werden – durch nahe und ferne Schiffe, Unterwasserbohrungen, seismische Ereignisse, Wellen und sogar durch Meeresbewohner. Um dies zu vermeiden, würde die Sonarboje, sobald sie an Ort und Stelle ist, eine Folge von einzigartigen niederfrequenten Tonklängen aussenden – ähnlich denen, die von einer Flöte oder einem Klavier abgegeben werden – die vom Zeitzünder erkannt und nach einem voreingestelltem Zeitraum mehrerer Stunden, den Sprengstoff mit Verzögerung auslösen würden. („Sie wollen ein Signal, das robust genug ist, damit kein anderes Signal versehentlich einen Impuls senden könnte, der den Sprengstoff zur Detonation bringt“, sagte mir Dr. Theodore Postol, emeritierter Professor für Wissenschaft, Technologie und nationale Sicherheitspolitik am MIT. Postol, der als wissenschaftlicher Berater des Chief of Naval Operations des Pentagon gedient hat, sagte, das Problem, mit dem die Gruppe in Norwegen aufgrund von Bidens Verzögerung konfrontiert gewesen sei, sei ein Zufallsproblem: „Je länger der Sprengstoff im Wasser ist, desto größer ist das Risiko eines Zufallssignals, das die Bomben zünden würde.“) (MIT = Massachusetts Institute of Technology; Anm. d. Red.)

Am 26. September 2022 unternahm ein P8-Überwachungsflugzeug der norwegischen Marine einen scheinbar routinemäßigen Flug und warf dabei eine Sonarboje ab. Das Signal breitete sich unter Wasser aus, zunächst auf Nord Stream 2 und dann weiter auf Nord Stream 1. Wenige Stunden später wurden die C4-Hochleistungssprengstoffe gezündet und drei der vier Pipelines außer Betrieb gesetzt.Innerhalb weniger Minuten konnte man sehen, wie sich Methangas, das in den stillgelegten Pipelines verblieben war, auf der Wasseroberfläche ausbreitete. Und die Welt erfuhr, dass etwas Unumkehrbares geschehen war.

Konsequenzen

Unmittelbar nach dem Bombenanschlag auf die Pipeline behandelten die amerikanischen Medien es wie ein ungelöstes Rätsel. Russland wurde wiederholt als wahrscheinlicher Schuldiger angeführt [26], angespornt durch kalkulierte Leaks aus dem Weißen Haus – ohne jedoch jemals ein klares Motiv für einen solchen Akt der Selbstsabotage zu finden, der über eine einfache Vergeltung hinausgeht. Als sich einige Monate später herausstellte, dass die russischen Behörden stillschweigend Kostenvoranschläge für die Reparatur der Pipelines eingeholt hatten, beschrieb die New York Times die Nachricht als „komplizierte Theorien über die Hintermänner“ des Anschlags [27]. Keine große amerikanische Zeitung vertiefte sich in die früheren Drohungen gegen die Pipelines durch Biden und Unterstaatssekretärin Nuland.

Obwohl nie klar war, warum Russland versuchen sollte, seine eigene lukrative Pipeline zu zerstören, kam eine aussagekräftigere Begründung für das Vorgehen des Präsidenten von Außenminister Blinken.

Auf einer Pressekonferenz im vergangenen September zu den Folgen der sich verschärfenden Energiekrise in Westeuropa gefragt, bezeichnete Blinken den Moment als potenziell günstig [28]:

„Es ist eine großartige Gelegenheit, die Abhängigkeit von russischer Energie ein für alle Mal zu beseitigen und es damit Wladimir Putin unmöglich zu machen, Energie als Waffe zur Unterstützung seiner imperialen Pläne einzusetzen. Das ist sehr bedeutsam und bietet enorme strategische Chancen für die kommenden Jahre, aber in der Zwischenzeit sind wir entschlossen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass die Folgen all dessen nicht von den Bürgern unserer Länder und der ganzen Welt getragen werden müssen.“

Kürzlich äußerte sich Victoria Nuland zufrieden über das Ableben der neuesten Pipeline. Als sie Ende Januar bei einer Anhörung des Ausschusses für auswärtige Beziehungen des Senats aussagte, sagte sie gegenüber Senator Ted Cruz:

„Wie Sie bin ich – und ich denke auch die Administration – sehr zufrieden damit, zu wissen, dass Nord Stream 2 jetzt, wie Sie gerne sagen, ein Haufen Metall auf dem Meeresgrund ist.“ Victoria Nukand

Die Quelle hatte eine viel gewieftere Meinung zu Bidens Entscheidung, mehr als 1500 Meilen der Gazprom-Pipeline zu sabotieren, während der Winter näher rückte. „Nun“, sagte er über den Präsidenten, „ich muss zugeben, der Typ hat Eier. Er sagte, er würde es tun, und er tat es.“

Auf die Frage, warum seiner Meinung nach die Russen nicht reagierten, sagte er zynisch: „Vielleicht wollen sie die Möglichkeit haben, die gleichen Dinge wie die USA zu tun.“

„Es war eine schöne Tarngeschichte”, fuhr er fort. „Dahinter steckte eine verdeckte Operation, bei der Experten vor Ort eingesetzt wurden und Geräte, die mit einem verdeckten Signal arbeiteten.”

„Der einzige Fehler war die Entscheidung, es zu tun.“

Quellen:

[1] AMERICA`S NAVY offizielle Website, Pressebüro „BALTOPS 22, the premier Baltic Sea maritime exercise, concludes in Kiel” („BALTOPS 22, die wichtigste maritime Übung auf der Ostsee, endet in Kiel”), am 17.6.2022: <https://www.navy.mil/Press-Office/News-Stories/Article/3066830/baltops-22-the-premier-baltic-sea-maritime-exercise-concludes-in-kiel/>
[2] BP Ballotpedia politische Online-Enzyklopädie, Unbekannt „Gang of Eight” („Achterbande”), zuletzt aktualisiert im Februar 2023: <https://ballotpedia.org/Gang_of_Eight>
[3] Nord Stream Gaslieferer Website „Who We Are” („Wer Wir Sind”), © 2023: <https://www.nord-stream.com/about-us/>
[4] The New York Times Nachrichtenmagazin Website, Hiroko Tabuchi „Russia’s Oil Revenue Soars Despite Sanctions, Study Finds” („Russlands Öleinnahmen steigen trotz Sanktionen, so eine Studie“), am 13.6.2022: <https://www.nytimes.com/2022/06/13/climate/russia-oil-gas-record-revenue.html>
[5] German Council on Foreign Relations (DGAP) Denkfabrik Website, Dr. Stefan Meister „Nord Stream 2: The Dead-End of Germany’s Ostpolitik” („Nord Stream 2: Die Sackgasse der deutschen Ostpolitik“), am 20.2.2019: <https://dgap.org/en/research/publications/nord-stream-2-dead-end-germanys-ostpolitik>
[6] Reuters Nachrichtenagentur Website, Vladimir Soldatkin „Russia completes Nord Stream 2 construction, gas flows yet to start” („Russland schließt den Bau von Nord Stream 2 ab, Gas fließt noch nicht”), am 10.9.2021: <https://www.reuters.com/business/energy/russias-gazprom-says-it-has-completed-nord-stream-2-construction-2021-09-10/>
[7] C-SPAN.org US-Fernsehsender Videoarchiv, chickey „User Clip: Blinken on Nord Stream 2 – Senator Ted Cruz (R-TX) questions Antony Blinken about Nord Stream 2” („User Clip: Blinken on Nord Stream 2 – Senator Ted Cruz (R-TX) befragt Antony Blinken zu Nord Stream 2”), am 20.1.2021: <https://www.c-span.org/video/?c4939915/user-clip-blinken-nord-stream-2>
[8] Reuters Nachrichtenagentur Website, Andrea Schalal, Timothy Gardner und Steve Holland „U.S. waives sanctions on Nord Stream 2 as Biden seeks to mend Europe ties” („Die USA verzichten auf Sanktionen gegen Nord Stream 2, da Biden versucht, die Beziehungen zu Europa zu reparieren”), am 19.5.2021: <https://www.reuters.com/business/energy/us-waive-sanctions-firm-ceo-behind-russias-nord-stream-2-pipeline-source-2021-05-19/>
[9] Reuters Nachrichtenagentur Website, Andrea Schalal, Timothy Gardner und Steve Holland „U.S. waives sanctions on Nord Stream 2 as Biden seeks to mend Europe ties” („Die USA verzichten auf Sanktionen gegen Nord Stream 2, da Biden versucht, die Beziehungen zu Europa zu reparieren”), am 19.5.2021: <https://www.reuters.com/business/energy/us-waive-sanctions-firm-ceo-behind-russias-nord-stream-2-pipeline-source-2021-05-19/>
[10] Politico Tageszeitung Website, Betsy Woodruff Swan, Alexander Ward und Andrew Desiderio „U.S. urges Ukraine to stay quiet on Russian pipeline” („Die USA fordern die Ukraine auf, bezüglich der russischen Pipeline Stillschweigen zu bewahren”), am 20.7.2021: <https://www.politico.com/news/2021/07/20/us-ukraine-russia-pipeline-500334>
[11]  Politico, Alexander Ward und Quint Forgey, „Nord Stream 2 turning into Biden’s No. 1 problem“, am 12.01.2021: <https://www.politico.com/newsletters/national-security-daily/2021/12/01/nord-stream-2-turning-into-bidens-no-1-problem-495280>
[12] The Guardian Tageszeitung Website, Jillian Ambrose „Germany suspends approval for Nord Stream 2 gas pipeline” („Deutschland setzt die Genehmigung für die Gaspipeline Nord Stream 2 aus”), am 16.11.2021: <https://www.theguardian.com/business/2021/nov/16/germany-suspends-approval-for-nord-stream-2-gas-pipeline>
[13] Reuters Nachrichtenagentur Website, Vladimir Soldatkin und Susanna Twidale „Price of European gas surges as Russia pipeline suffers setbacks” („Der Preis für europäisches Gas steigt, da die russische Pipeline Rückschläge erleidet”), am 17.11.2021: <https://www.reuters.com/business/energy/russian-gas-flows-germany-via-yamal-pipeline-steady-after-nord-stream-2-setback-2021-11-17/>
[14] Military.com Nachrichten und Informationen über das US-Militär Website, Matthew Carle „ The Mission Behind Operation Ivy Bells and How It Was Discovered” („Die Mission hinter der Operation Ivy Bells und wie sie entdeckt wurde”), Datum unbekannt: <https://www.military.com/history/operation-ivy-bells.html>
[15] The New York Times Tageszeitung Website Archiv, Stephen Engelberg „EX-SECURITY AGENCY WORRKER IS SAID TO ADMIT SPYING ROLE” („Ehemaliger Arbeitnehmer der Sicherheitsbehörde soll Spionagerolle zugeben ”), am 28.11.1985: <https://www.nytimes.com/1985/11/28/us/ex-security-agency-worrker-is-said-to-admit-spying-role.html>
[16] The Washington Post Tageszeitung Website, Emily Langer „Ronald Pelton, spy convicted of selling secrets to Soviets, dies at 80” („Ronald Pelton, Spion, der wegen des Verkaufs von Geheimnissen an Sowjets verurteilt wurde, stirbt im Alter von 80 Jahren”), am 16.9.2022: <https://www.washingtonpost.com/obituaries/2022/09/16/ronald-pelton-nsa-spy-dead/>
[17] YouTube Videoportal, C-SPAN „President Biden on Nord Stream 2 Pipeline if Russia Invades Ukraine: “We will bring an end to it.”” („Präsident Biden über die Nord Stream 2-Pipeline, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert: “Wir werden dem ein Ende bereiten.””), am 7.2.2022: <https://www.youtube.com/watch?v=OS4O8rGRLf8>
[18] YouTube Videoportal, Forbes Breaking News „US Warns: ‘Nord Stream 2 Will Not Move Forward’ If Russia Invades Ukraine” („USA warnen: „Nord Stream 2 wird nicht vorankommen“, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert“), am 28.1.2022: <https://www.youtube.com/watch?v=ild-PsPD_Uw>
[19] Breaking Defense digitales Magazin zu Strategie, Politik und Technologie der Verteidigung, Paul McLeary „Norway, US Bolster Russian Sub Watching With New Bases“ („Norwegen und die USA verstärken die russische U-Boot-Beobachtung mit neuen Stützpunkten“), am 19.4.2021: <https://breakingdefense.com/2021/04/norway-us-bolster-russian-sub-watching-with-new-bases/>
[20] Breaking Defense digitales Magazin zu Strategie, Politik und Technologie der Verteidigung, Paul McLeary „ Norway Expands Key Arctic Port For More US Nuke Sub Visits“ („Norwegen erweitert wichtigen arktischen Hafen für mehr Besuche von US-Nuke-U-Booten“), am 3.9.2020: <https://breakingdefense.com/2020/09/norway-expands-key-arctic-port-for-more-us-nuke-sub-visits/>
[21] The Barents Observer Onlinezeitung, Thomas Nilsen „U.S. Navy will build airport infrastructure in northern Norway to meet upped Russian submarine presence” („Die US-Marine wird in Nordnorwegen eine Flughafeninfrastruktur bauen, um der verstärkten russischen U-Boot-Präsenz gerecht zu werden”), am 16.4.2021: <https://thebarentsobserver.com/en/security/2021/04/us-navy-build-airport-infrastructure-northern-norway-meet-increased-russian>
[22]  ArcticToday Onlinejournal, Eric M. Johnson, Reuters „Norway takes delivery of Boeing P-8 submarine-hunter aircraft“ („Norwegen erhält U-Boot-Jagdflugzeug Boeing P-8“), am 19.11.2021: <https://www.arctictoday.com/norway-takes-delivery-of-boeing-p-8-submarine-hunter-aircraft/>
[23] High North News Onlinezeitung, Astri Edvardsen „New Norway – USA Defense Agreement Allows Extensive US Authority in the North“ („Das neue Verteidigungsabkommen zwischen Norwegen und den USA ermöglicht eine umfassende US-Behörde im Norden“), am 8.6.2022: <https://www.highnorthnews.com/en/new-norway-usa-defense-agreement-allows-extensive-us-authority-north>
[24] United States Naval Forces Europe-Africa militärischer Großverband Website, U.S. Naval Forces Europe and Naval Striking and Support Forces NATO Public Affairs „BALTOPS 22, the premier Baltic Sea maritime exercise, concludes in Kiel” („BALTOPS 22, die wichtigste maritime Übung auf der Ostsee, endet in Kiel”), am 17.6.2022: <https://www.c6f.navy.mil/Press-Room/News/Article/3066751/baltops-22-the-premier-baltic-sea-maritime-exercise-concludes-in-kiel/>
[25] AMERICA`S NAVY offizielle Website, Pressebüro „BALTOPS 22: A perfect opportunity for research and testing new technology” („BALTOPS 22: Eine perfekte Gelegenheit, neue Technologien zu erforschen und zu testen”), am 12.6.2022: <https://www.navy.mil/Press-Office/News-Stories/Article/3060311/baltops-22-a-perfect-opportunity-for-research-and-testing-new-technology/>
[26] The New York Times Tageszeitung Website, Katrin Bennhold und David E. Sanger „Sabotaged Pipelines and a Mystery: Who Did It? (Was It Russia?)” („Sabotierte Pipelines und ein Rätsel: Wer war es? (War es Russland?)”), am 28.9.2022: <https://www.nytimes.com/2022/09/28/world/europe/pipeline-sabotage-mystery-russia.html>
[27] The New York Times Tageszeitung Website, Rebecca R. Ruiz und Justin Scheck „In Nord Stream Mystery, Baltic Seabed Provides a Nearly Ideal Crime Scene” („Im Nord Stream Mysterium bietet der Ostseeboden einen nahezu idealen Tatort”), am 26.12.2022: <https://www.nytimes.com/2022/12/26/world/europe/nordstream-pipeline-explosion-russia.html>
[28] U.S. Department of State (Außenministerium) Website, Pressemeldungen „Secretary Antony J. Blinken And Canadian Foreign Minister Mélanie Joly At a Joint Press Availability“ („Sekretär Antony J. Blinken und die kanadische Außenministerin Mélanie Joly bei einer gemeinsamen Presseverfügbarkeit“), am 30.9.2022: <https://www.state.gov/secretary-antony-j-blinken-and-canadian-foreign-minister-melanie-joly-at-a-joint-press-availability/>

Wie Amerika die Nord Stream-Pipeline ausschaltete

Von Seymour M. Hersh , veröffentlicht am: 17. Februar 2023, Kategorien: Geopolitik

Dieser Text wurde zuerst am 09.02.2023 auf www.seymourhersh.substack.com unter der URL <https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream> veröffentlicht. Lizenz: © Seymour Hersh

Symbolbild – erstellt durch DALL E2 (” Two divers attach an explosives box to an underwater gas pipe.”; gemeinfrei.

Die New York Times nannte es ein „Mysterium“, aber die Vereinigten Staaten führten eine verdeckte Seeoperation durch, die geheim gehalten wurde – bis jetzt.

Das Tauch- und Bergungszentrum der US-Marine befindet sich an einem Ort, der so obskur ist wie sein Name – an einer ehemaligen Landstraße im ländlichen Panama City, einer heute boomenden Ferienstadt im südwestlichen Zipfel von Florida, 70 Meilen südlich der Grenze zu Alabama. Der Komplex des Zentrums ist so unscheinbar wie sein Standort – ein trister Betonbau aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, der das Aussehen einer Berufsschule im Westen von Chicago hat. Auf der heute vierspurigen Straße liegen ein Münzwaschsalon und eine Tanzschule.

Das Zentrum bildet seit Jahrzehnten hochqualifizierte Tiefwassertaucher aus. Sobald sie amerikanischen Militäreinheiten weltweit zugeteilt werden, sind sie in der Lage, technische Taucharbeiten durchzuführen, entweder um Gutes zu tun – indem sie, um Häfen und Strände von Trümmern und Blindgängern zu befreien, C4-Sprengsätze einsetzen – oder um Schlechtes zu tun, wie das Sprengen ausländischer Bohrinseln, das Verschmutzen von Einlassventilen für Unterwasserkraftwerke, oder das Zerstören von Schleusen an wichtigen Schifffahrtskanälen. Das Zentrum von Panama City, das über das zweitgrößte Hallenbad Amerikas verfügt, war der perfekte Ort, um die besten und schweigsamsten Absolventen der Tauchschule zu rekrutieren. Diese taten letzten Sommer erfolgreich das, wozu sie autorisiert wurden – 80 Meter unter der Oberfläche der Ostsee.

Im vergangenen Juni platzierten Taucher der Marine die ferngezündeten Sprengsätze. Sie operierten unter dem Deckmantel einer NATO-Mittsommerübung namens BALTOPS 22 [1] – über die breitflächig berichtet wurde. Diese Sprengsätze zerstörten drei Monate später drei der vier Nord Stream-Pipelines – so eine Quelle mit direkter Kenntnis der operativen Planung.

Zwei der Pipelines, die zusammen als Nord Stream 1 bekannt waren, versorgten Deutschland und weite Teile Westeuropas seit mehr als einem Jahrzehnt mit billigem russischem Erdgas. Ein zweites Pipeline-Paar namens Nord Stream 2 wurde gebaut, war aber noch nicht in Betrieb. Jetzt, da sich russische Truppen an der ukrainischen Grenze versammeln und der blutigste Krieg in Europa seit 1945 droht, sah Präsident Joseph Biden die Pipelines als Vehikel für Wladimir Putin, um Erdgas als Waffe für seine politischen und territorialen Ambitionen einzusetzen.

Um einen Kommentar gebeten sagte Adrienne Watson, eine Sprecherin des Weißen Hauses, in einer E-Mail: „Das ist von A bis Z erfunden“. Tammy Thorp, eine Sprecherin der Central Intelligence Agency, schrieb in ähnlicher Weise: „Diese Behauptung ist vollkommen falsch.“

Bidens Entscheidung, die Pipelines zu sabotieren, kam nach mehr als neun Monaten streng geheimen Hin- und Her-Debattierens innerhalb der nationalen Sicherheitsorgane Washingtons, darüber, wie dieses Ziel am besten erreicht werden kann. Die meiste Zeit ging es nicht um die Frage, ob die Mission durchgeführt werden sollte, sondern wie sie ohne offensichtliche Hinweise, wer dafür verantwortlich war, durchgeführt werden könnte.

Es gab einen wichtigen bürokratischen Grund, sich auf die Absolventen des hartgesottenen Kerns der Tauchschule in Panama City zu verlassen. Es waren nur Marinetaucher (Navy) und keine Mitglieder des amerikanischen Special Operations Command (USSOCOM oder SOCOM, Kommando für Spezialoperationen der Vereinigten Staaten; Anm. d. Red.), dessen verdeckte Operationen dem Kongress gemeldet und über die die Führung des Senats und des Repräsentantenhauses – der sogenannten Gang of Eight [2] – im Voraus gebrieft werden müssen. Die Biden-Administration tat alles Erdenkliche, um Leaks zu vermeiden, da die Planung Ende 2021 und in den ersten Monaten des Jahres 2022 stattfand.

Präsident Biden und sein außenpolitisches Team – der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan, Außenminister Tony Blinken und Victoria Nuland, die Unterstaatssekretärin für Politik – hatten ihre Feindseligkeit gegenüber den beiden Pipelines lautstark und konsequent zum Ausdruck gebracht. Diese verlaufen über eine Strecke von 1207 Kilometern parallel unter der Ostsee. Ausgehend von zwei unterschiedlichen Häfen im Nordwesten Russlands nahe der Grenze zu Estland, verlaufen sie nah an der dänischen Insel Bornholm vorbei, bevor sie in Norddeutschland enden.

Gazprom-Turm (Lakhta Center) St. Petersburg, Russland, Mai 2020.
(Foto: Mark Freeth, flickr.com, CC BY 2.0)

Die direkte Route – die jegliche Notwendigkeit umgangen hatte, die Ukraine zu durchqueren – war ein Segen für die deutsche Wirtschaft, die über billiges russisches Erdgas im Überfluss verfügte – genug, um ihre Fabriken zu betreiben und ihre Häuser zu heizen. Gleichzeitig ermöglichte dies deutschen Händlern, überschüssiges Gas mit Gewinn in ganz Westeuropa zu verkaufen. Maßnahmen, die auf die US-Regierung zurückgeführt werden könnten, würden gegen die Versprechen der USA verstoßen, direkte Konflikte mit Russland zu minimieren. Geheimhaltung war unerlässlich.

Von Anfang an wurde Nord Stream 1 von Washington und seinen antirussischen NATO-Partnern als Bedrohung der westlichen Dominanz angesehen. Die Holding-Gesellschaft dahinter, die „Nord Stream AG“ [3], wurde 2005 in der Schweiz in Partnerschaft mit Gazprom gegründet, einem börsennotierten russischen Unternehmen, das enorme Gewinne für die Aktionäre produziert und von Oligarchen dominiert wird – die bekanntermaßen im Bann Putins stehen. Gazprom kontrollierte 51 Prozent des Unternehmens, wobei vier europäische Energieunternehmen – eines in Frankreich, eines in den Niederlanden und zwei in Deutschland – die restlichen 49 Prozent der Aktien hielten. Sie hatten auch das Recht, den nachgelagerten Verkauf des preiswerten Erdgases an lokale Unternehmen und Verteiler in Deutschland und Westeuropa zu kontrollieren. Die Gewinne von Gazprom wurden mit der russischen Regierung geteilt, und die staatlichen Gas- und Öleinnahmen wurden für die nächsten Jahre auf bis zu 45 Prozent des russischen Jahreshaushalts geschätzt [4].

Amerikas politische Befürchtungen waren real: Putin hätte jetzt eine zusätzliche und dringend benötigte Haupteinnahmequelle, und Deutschland sowie der Rest Westeuropas würden abhängig von billigem Erdgas aus Russland werden – während die Abhängigkeit Europas von Amerika abnehmen würde. Tatsächlich ist genau das passiert. Viele Deutsche sahen Nord Stream 1 als Teil der Umsetzung der berühmten Ostpolitik des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt [5]. Sie sollte es Nachkriegsdeutschland ermöglichen, sich selbst und andere im Zweiten Weltkrieg zerstörte europäische Nationen zu sanieren, indem es unter anderem billiges russisches Gas als Treibstoff für eine prosperierende westeuropäische Markt- und Handelswirtschaft nutzte.

Nord Stream 1 war nach Ansicht der NATO und Washington gefährlich genug, aber Nord Stream 2, dessen Bau im September 2021 abgeschlossen wurde [6],– würde die Menge an billigem Gas verdoppeln, welches Deutschland und Westeuropa zur Verfügung stünde. Sofern es von den deutschen Regulierungsbehörden genehmigt würde. Auch die zweite Pipeline würde genug Gas für mehr als 50 Prozent des deutschen Jahresverbrauchs liefern. Unterstützt durch die aggressive Außenpolitik der Biden-Administration, eskalierten die Spannungen zwischen Russland und der NATO kontinuierlich.

Die Opposition gegen Nord Stream 2 entbrannte am Vorabend der Amtseinführung Bidens im Januar 2021, als die Republikaner des Senats, angeführt von Ted Cruz aus Texas, während der Anhörung zur Bestätigung von Blinken als Außenminister, wiederholt die politische Drohung mit billigem russischem Erdgas zur Sprache brachten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ein vereinter Senat erfolgreich ein Gesetz verabschiedet, das, wie Cruz gegenüber Blinken sagte, „[die Pipeline] zum Stillstand brachte“. Es würde enormen politischen und wirtschaftlichen Druck von der deutschen Regierung geben, die damals von Angela Merkel geleitet wurde, um die zweite Pipeline ans Netz zu bringen.

Würde Biden den Deutschen Paroli bieten? Blinken sagte ja, fügte aber hinzu, dass er die Ansichten des neuen Präsidenten nicht im Einzelnen erörtert habe. „Ich weiß, dass er der festen Überzeugung ist, dass Nord Stream 2 eine schlechte Idee ist,“, sagte er. „Ich weiß, dass er möchte, dass wir all unsere Überredungskünste einzusetzen, um unsere Freunde und Partner, einschließlich Deutschland, davon zu überzeugen, damit nicht weiterzumachen.“ [7]

Einige Monate später, als der Bau der zweiten Pipeline kurz vor dem Abschluss stand, blinzelte Biden (dies ist ein Wortspiel: Biden blinked, Anm. d. Red.). Im Mai dieses Jahres verzichtete die Regierung in einer erstaunlichen Kehrtwende auf Sanktionen gegen die Nord Stream AG [8], wobei ein Beamter des Außenministeriums einräumte, dass der Versuch, die Pipeline durch Sanktionen und Diplomatie zu stoppen, „immer eine gewagte Idee gewesen“ sei [9]. Hinter den Kulissen drängten Regierungsbeamte Berichten zufolge den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Zelenski, der zu diesem Zeitpunkt von einer russischen Invasion bedroht war, dazu, den Schritt nicht zu kritisieren [10].

Sofort folgten Konsequenzen. Die Republikaner des Senats, angeführt von Cruz, kündigten eine sofortige Blockade aller außenpolitischen Kandidaten von Biden an und verzögerten die Verabschiedung des jährlichen Verteidigungsgesetzes um Monate bis tief in den Herbst. Politico bezeichnete Bidens Kehrtwende bei der zweiten russischen Pipeline später als „die einzige Entscheidung, die Bidens Agenda wohl mehr gefährdet hat, als der chaotische militärische Rückzug aus Afghanistan“ [11].

Die Administration geriet ins Wanken, obwohl sie Mitte November eine Entlastung für die Krise erhielt, als die deutschen Energie-Regulierungsbehörden die Genehmigung der zweiten Nord Stream-Pipeline aussetzten [12]. Die Erdgaspreise stiegen innerhalb weniger Tage um 8% [13] – inmitten wachsender Befürchtungen in Deutschland und Europa, dass die Unterbrechung der Pipeline und die wachsende Möglichkeit eines Krieges zwischen Russland und der Ukraine zu einem höchst unerwünschten kalten Winter führen würden. Washington war nicht klar, wo Olaf Scholz stand, Deutschlands frischgebackener Bundeskanzler. Monate zuvor – nach dem Fall Afghanistans – hatte Scholz in einer Rede in Prag öffentlich die Forderung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron nach einer autonomeren europäischen Außenpolitik unterstützt und deutlich darauf hingewiesen, sich weniger auf Washington und sein launisches Vorgehen zu verlassen.

Während all dieser Zeit hatten sich russische Truppen stetig und bedrohlich an den Grenzen zur Ukraine aufgebaut. Und Ende Dezember waren mehr als 100.000 Soldaten in Position, um von Weißrussland und der Krim aus zuzuschlagen. In Washington wuchs die Besorgnis, einschließlich einer Einschätzung Blinkens, dass diese Truppenzahlen „in kurzer Zeit verdoppelt“ werden könnten.

Die Aufmerksamkeit der Administration richtete sich erneut auf Nord Stream. Solange Europa durch die Pipelines von billigem Erdgas abhängig blieb, befürchtete Washington, dass Länder wie Deutschland zögern würden, der Ukraine das Geld und die Waffen zu liefern, die sie brauchten, um Russland zu besiegen.

In diesem unruhigen Moment autorisierte Biden Jake Sullivan, eine behördenübergreifende Gruppe zusammenzustellen, um einen Plan auszuarbeiten. Alle Optionen sollten auf dem Tisch liegen. Aber nur eine würde sich durchsetzen.

DIE SPIELER von links nach rechts: Victroia, Nuland, Jake Sullivan, Anthony Blinken (Wikimedia Commmons CC0)

Planung

Im Dezember 2021, zwei Monate bevor die ersten russischen Panzer in die Ukraine rollten, berief Jake Sullivan ein Treffen einer neu gebildeten Task Force ein – Männer und Frauen der Joint Chiefs of Staff, der CIA und des Außen- sowie des Finanzministeriums – und bat um Empfehlungen, wie auf Putins bevorstehende Invasion reagiert werden solle. (Joint Chiefs of Staff, JCS = Militärisches Gremium zur Beratung des Präsidenten und des Verteidigungsministers der USA; Anm. d. Red.)

Es sollte das erste einer Reihe streng geheimer Treffen sein. Sie fanden in einem sicheren Raum im obersten Stockwerk des Old Executive Office Building neben dem Weißen Haus statt, das auch die Heimat des Foreign Intelligence Advisory Board (PFIAB) des Präsidenten war. Es gab das übliche Hin und Her, das schließlich zu einer entscheidenden vorläufigen Frage führte: Wäre die Empfehlung, welche die Gruppe an den Präsidenten weiterleitete, reversibel – wie eine weitere Welle von Sanktionen und Währungsbeschränkungen? Oder irreversibel – das heißt Aktionen der offenen Kriegsführung, die nicht rückgängig gemacht werden könnten?

Was den Teilnehmern – laut der Quelle mit direkter Kenntnis des Prozesses – klar wurde: Sullivan erwartete von der Gruppe, einen Plan für die Zerstörung der beiden Nord Stream-Pipelines vorzulegen – und dass er damit den Wünschen des Präsidenten bzüglich der Nord Stream-Pipelines nachkam.

In den nächsten Sitzungen diskutierten die Teilnehmer Optionen für einen Angriff. Die Marine schlug vor, ein neu in Dienst gestelltes U-Boot einzusetzen, um die Pipeline direkt anzugreifen. Die Air Force diskutierte den Abwurf von Bomben mit verzögerten Zündern, die aus der Ferne aktiviert werden könnten. Die CIA argumentierte, was auch immer getan würde, müsse verdeckt ablaufen.

Alle Beteiligten verstanden, was auf dem Spiel stand. „Das ist kein Kinderkram“, sagte die Quelle. Wenn der Angriff zu den Vereinigten Staaten zurückverfolgt werden könnte, „ist es eine Kriegshandlung“.

Damals wurde die CIA von William Burns geleitet, einem eher sanftmütigen ehemaligen Botschafter in Russland, der als stellvertretender Außenminister in der Obama-Administration gedient hatte. Burns autorisierte schnell eine Arbeitsgruppe der Agency, zu deren Ad-hoc Mitgliedern – zufällig – jemand gehörte, der mit den Fähigkeiten der Tiefseetaucher der Marine in Panama City vertraut war. In den nächsten Wochen begannen Mitglieder der CIA-Arbeitsgruppe, einen Plan für eine verdeckte Operation auszuarbeiten, bei der Tiefseetaucher eine Explosion entlang der Pipeline auslösen sollten.

So etwas hatte es schon einmal gegeben. 1971 erfuhren die amerikanischen Geheimdienstorganisationen aus noch nicht bekannt gegebenen Quellen, dass zwei wichtige Einheiten der russischen Marine über ein – im Ochotskischen Meer an der russischen Fernostküste – vergrabenes Unterseekabel miteinander kommunizierten [14]. Das Kabel verband ein regionales Marinekommando mit dem Hauptquartier auf dem Festland in Wladiwostok.

Ein handverlesenes Team von Agenten – der Central Intelligence Agency und der National Security Agency – wurde irgendwo in der Gegend von Washington unter strenger Geheimhaltung zusammengestellt und arbeitete einen Plan aus, welcher Navy-Taucher, modifizierte U-Boote und ein Tiefsee-Rettungs-U-Boot beinhaltete. Der Plan war nach viel Try and Error (Versuch und Irrtum, Anm. d. Red.) erfolgreich und es gelang, das russische Kabel zu lokalisieren. Die Taucher installierten ein ausgeklügeltes Abhörgerät am Kabel, das die russische Kommunikation erfolgreich abhörte und auf einem Tonbandgerät aufzeichnete.

Die NSA erfuhr, dass hochrangige russische Marineoffiziere, die von der Sicherheit ihrer Kommunikationsverbindung überzeugt waren, unverschlüsselt mit ihresgleichen plauderten. Das Aufnahmegerät und sein Band mussten monatlich ausgetauscht werden. Und das Projekt lief ein Jahrzehnt lang fröhlich weiter, bis es von einem 44-jährigen zivilen NSA-Techniker namens Ronald Pelton, der fließend Russisch sprach, kompromittiert wurde [15]. Pelton wurde 1985 von einem russischen Überläufer verraten und inhaftiert. Er erhielt von den Russen nur 5.000 Dollar für seine Enthüllungen über die Operation, zusammen mit 35.000 Dollar für Daten über andere russische Operationen, die er zur Verfügung stellte und die nie veröffentlicht wurden [16]. Dieser Erfolg unter Wasser mit dem Codenamen „Ivy Bells“ war innovativ und riskant – und lieferte unschätzbare Informationen über die Absichten und Planungen der russischen Marine.

Dennoch war die behördenübergreifende Gruppe zunächst skeptisch gegenüber der Begeisterung der CIA für einen verdeckten Tiefseeangriff. Es gab zu viele unbeantwortete Fragen. Die Gewässer der Ostsee wurden stark von der russischen Marine patrouilliert, zudem gab es keine Ölplattformen, die als Deckung für einen Taucheinsatz dienen konnten. Müssten die Taucher nach Estland, direkt hinter der Grenze zu Russlands Erdgas-Verladedocks, um für die Mission zu trainieren? „Es könnte ein Reinfall werden“, wurde der Agency gesagt.

Während „all dieser Intrigen“, sagte die Quelle, „sagten einige in der CIA und im Außenministerium: ‚Tut das nicht. Es ist dumm und wird ein politischer Albtraum, wenn es herauskommt.‘“

Trotzdem berichtete die CIA-Arbeitsgruppe Anfang 2022 an Sullivans behördenübergreifende Gruppe: „Wir haben eine Möglichkeit, die Pipelines zu sprengen.“

Was dann passierte war atemberaubend. Am 7. Februar, weniger als drei Wochen vor der scheinbar unvermeidlichen russischen Invasion in der Ukraine, traf sich Biden in seinem Büro im Weißen Haus mit Bundeskanzler Olaf Scholz. Der nach einiger Unsicherheit nun fest an der amerikanischen Seite stand. Bei der anschließenden Pressekonferenz sagte Biden herausfordernd: „Wenn Russland einmarschiert … wird es kein Nord Stream 2 mehr geben. Wir werden dem ein Ende bereiten.“ [17]

Zwanzig Tage zuvor hatte Unterstaatssekretärin Nuland bei einem Briefing des Außenministeriums im Wesentlichen die gleiche Botschaft übermittelt. Die Presse berichtete nur spärlich darüber. „Ich möchte Ihnen heute ganz klar etwas sagen“, antwortete sie auf eine Frage. „Wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, wird Nord Stream 2 auf die eine oder andere Weise nicht vorankommen.“ [18]

Mehrere der an der Planung der Pipeline-Mission Beteiligten waren bestürzt über das, was sie als indirekte Hinweise auf einen Angriff betrachteten.

„Es war, als würde man in Tokio eine Atombombe auf den Boden legen und den Japanern sagen, dass wir sie zünden werden“, sagte die Quelle. „Der Plan war, dass die Optionen nach der Invasion ausgeführt und nicht öffentlich bekannt gegeben werden. Biden hat es einfach nicht verstanden oder ignoriert.“

Die Indiskretion von Biden und Nuland, wenn es denn eine war, könnte einige der Planer frustriert haben. Aber es schuf auch eine Gelegenheit. Laut der Quelle stellten einige hochrangige Beamte der CIA fest, dass die Sprengung der Pipeline „nicht länger als verdeckte Option angesehen werden könnte, weil der Präsident gerade angekündigt hat, dass wir wissen, wie es geht“.

Der Plan Nord Stream 1 und 2 in die Luft zu sprengen wurde plötzlich von einer verdeckten Operation, die eine Unterrichtung des Kongresses erforderte, zu einer Operation herabgestuft, die als streng geheime Geheimdienstoperation mit Unterstützung des US-Militärs angesehen wurde. Zur rechtlichen Lage erklärte die Quelle: „Es gab keine gesetzliche Verpflichtung mehr, die Operation dem Kongress zu melden. Alles, was sie jetzt tun mussten war, es einfach zu tun – aber es musste immer noch geheim sein. Die Ostsee-Überwachung der Russen ist außergewöhnlich.“

Die Mitglieder der Agency-Arbeitsgruppe hatten keinen direkten Kontakt zum Weißen Haus und wollten unbedingt herausfinden, ob der Präsident meinte, was er gesagt hatte – das heißt, ob die Mission jetzt gestartet werden sollte. Die Quelle erinnerte sich: „Bill Burns kommt zurück und sagt: ‚Macht es.‘“

Nord Stream Gas-Lecks, 26.9.2022 (Graphik: Unbekannt, Wikimedia Commons,CC-By-SA 4.0)

Die Operation

Norwegen war der perfekte Standort für die Mission.

In den letzten Jahren der Ost-West-Krise hat das US-Militär seine Präsenz in Norwegen enorm ausgebaut, dessen westliche Grenze 1.400 Meilen entlang des Nordatlantiks verläuft und oberhalb des Polarkreises mit Russland verschmilzt. Das Pentagon hat inmitten einiger lokaler Kontroversen hochbezahlte Arbeitsplätze und Verträge geschaffen, indem es Hunderte von Millionen Dollar investierte, um Einrichtungen der amerikanischen Marine und Luftwaffe in Norwegen zu modernisieren und zu erweitern. Zu den neuen Arbeiten gehörte vor allem ein höchst fortschrittliches „Synthetic Aperture Radar“ hoch im Norden, das tief nach Russland vordringen konnte und gerade online ging, als die amerikanischen Geheimdienstorganisationen den Zugang zu einer Reihe von Langstrecken-Abhörstellen in China verloren.

Eine runderneuerte amerikanische U-Boot-Basis, die seit Jahren im Bau war, war in Betrieb genommen worden [19], und mehr amerikanische U-Boote konnten nun eng mit ihren norwegischen Kollegen zusammenarbeiten, um eine große russische Nuklear-Basis auf der Kola-Halbinsel, 250 Meilen weiter östlich, zu überwachen und auszuspionieren [20]. Amerika baute auch einen norwegischen Luftwaffenstützpunkt im Norden stark aus [21] und lieferte der norwegischen Luftwaffe eine Flotte von P8-Poseidon-Patrouillenflugzeugen [22], die von Boeing gebaut wurden, um ihre Langstreckenspionage rund um Russland zu verstärken.

Im Gegenzug verärgerte die norwegische Regierung im vergangenen November Liberale und einige Gemäßigte in ihrem Parlament, indem sie das „Supplementary Defense Cooperation Agreement“ (SDCA) verabschiedete. Nach dem neuen Abkommen wäre das US-Rechtssystem in bestimmten „vereinbarten Gebieten“ [23] im Norden für amerikanische Soldaten, die wegen Verbrechen außerhalb der Basis angeklagt sind und auch für norwegische Staatsbürger, die beschuldigt oder verdächtigt werden, die Arbeit auf der Basis gestört zu haben, zuständig.

Norwegen gehörte zu den ursprünglichen Unterzeichnern des NATO-Vertrags im Jahr 1949, in den frühen Tagen des Kalten Krieges. Heute ist der Oberbefehlshaber der NATO Jens Stoltenberg, ein überzeugter Antikommunist. Er war acht Jahre lang norwegischer Premierminister, bevor er 2014 mit amerikanischer Unterstützung auf seinen hohen NATO-Posten wechselte. Er war ein Hardliner in Sachen Putin und Russland und hatte seit dem Vietnamkrieg mit den amerikanischen Geheimdiensten zusammengearbeitet. Seitdem genießt er volles Vertrauen. „Er ist der Handschuh, der zur amerikanischen Hand passt“, sagte die Quelle.

Zurück in Washington wussten die Planer, dass sie nach Norwegen gehen mussten. „Sie hassten die Russen, und die norwegische Marine war voll von hervorragenden Seeleuten und Tauchern, die über Generationen an Erfahrung in der hochprofitablen Tiefsee-Öl- und Gasexploration verfügten“, sagte die Quelle. Auch ihnen konnte man vertrauen, die Mission geheim zu halten. (Die Norweger hatten möglicherweise auch andere Interessen. Die Zerstörung von Nord Stream – falls dies den Amerikanern gelingen sollte – würde es Norwegen ermöglichen, erheblich mehr seines eigenen Erdgases nach Europa zu verkaufen.)

Irgendwann im März flogen einige Mitglieder des Teams nach Norwegen, um sich mit dem norwegischen Geheimdienst und der Marine zu treffen. Eine der Schlüsselfragen drehte sich um den geeignetsten Ort zur Platzierung der Sprengsätze. Nord Stream 1 und 2, jeweils mit zwei Pipeline-Röhren, waren auf ihrem Weg zum Hafen von Greifswald, im äußersten Nordosten Deutschlands, größtenteils nur eine Meile voneinander entfernt.

Pressekonferenz NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, 5.2.2015.
(Foto: NATO, flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0)

Die norwegische Marine fand schnell den richtigen Ort in den seichten Gewässern der Ostsee – ein paar Meilen vor der dänischen Insel Bornholm. Die Pipelines verliefen mehr als eine Meile voneinander entfernt entlang eines Meeresbodens, der nur 80 Meter tief war. Das läge völlig in Reichweite der Taucher, die von einem norwegischen Minenjäger der Alta-Klasse aus, mit einer Mischung aus Sauerstoff, Stickstoff und Helium in ihren Flaschen tauchen würden – und C4 Ladungen auf den vier Pipelines, mit Schutzabdeckungen aus Beton, anbringen würden. Es wäre eine mühsame, zeitraubende und gefährliche Arbeit, aber die Gewässer vor Bornholm hatten noch einen weiteren Vorteil: Es gab keine großen Gezeitenströmungen, die das Tauchen viel schwieriger gemacht hätten.

Nach ein wenig Recherche waren die Amerikaner voll dabei. An diesem Punkt kam erneut die obskure Tieftauchgruppe der Navy in Panama City ins Spiel. Die Tiefseeschulen in Panama City, deren Auszubildende an „Ivy Bells“ teilgenommen haben, werden von den Elite-Absolventen der Naval

Academy in Annapolis – die normalerweise den Ruhm ernten wollen, als Seal, Kampfpilot oder U-Bootfahrer eingesetzt zu werden – als unerwünschte Hinterwäldler angesehen. Wenn man ein „Black Shoe“ werden soll – das heißt, ein Mitglied des weniger begehrten Überwasserschiffskommandos – gibt es immer mindestens einen Dienst auf einem Zerstörer, Kreuzer oder Amphibienschiff. Am wenigsten glamourös ist der Minenkrieg. Seine Taucher erscheinen nie in Hollywood-Filmen oder auf den Titelseiten populärer Zeitschriften.

„Die besten Taucher mit Tieftauchqualifikationen sind eine enge Gemeinschaft, nur die Allerbesten werden für die Operation rekrutiert und aufgefordert, sich darauf vorzubereiten, zur CIA in Washington gerufen zu werden“, sagte die Quelle.

Die Norweger und Amerikaner hatten einen Standort und die Einsatzkräfte, aber es gab noch eine andere Sorge: Jede ungewöhnliche Unterwasseraktivität in den Gewässern vor Bornholm könnte die Aufmerksamkeit der schwedischen oder dänischen Marine auf sich ziehen, die sie melden könnte.

Dänemark war auch einer der ursprünglichen NATO-Unterzeichner und in der Geheimdienstgemeinschaft für seine besonderen Verbindungen zum Vereinigten Königreich bekannt. Schweden hatte sich um Mitgliedschaft in der NATO beworben und seine großen Fähigkeiten in der Handhabung seiner Unterwasserschall- und Magnetsensorsysteme unter Beweis gestellt, welche erfolgreich russische U-Boote verfolgten, die gelegentlich in abgelegenen Gewässern des schwedischen Archipels auftauchten und an die Oberfläche gezwungen wurden.

Die Norweger schlossen sich den Amerikanern an und bestanden darauf, dass einige hochrangige Beamte in Dänemark und Schweden über mögliche Tauchaktivitäten in der Gegend allgemein informiert werden müssten. Auf diese Weise könnte ein höherer Dienstgrad eingreifen, einen Bericht aus der Befehlskette heraushalten und so die Pipeline-Operation abschirmen. „Was ihnen gesagt wurde und was sie wussten, war absichtlich unterschiedlich“, sagte mir die Quelle. (Die norwegische Botschaft, die gebeten wurde diese Geschichte zu kommentieren, antwortete nicht.)

Die Norweger waren der Schlüssel zur Überwindung anderer Hürden. Es war bekannt, dass die russische Marine Überwachungstechnologie besitzt, die in der Lage ist, Unterwasserminen zu erkennen und auszulösen. Die amerikanischen Sprengsätze mussten so getarnt sein, dass sie für das russische System als Teil des natürlichen Hintergrunds erscheinen – was eine Anpassung an den spezifischen Salzgehalt des Wassers erforderte. Die Norweger hatten eine Lösung.

Auch auf die entscheidende Frage, wann die Operation stattfinden sollte, hatten die Norweger eine Lösung parat. Seit 21 Jahren veranstaltete die amerikanische Sechste Flotte, deren Flaggschiff südlich von Rom im italienischen Gaeta stationiert ist, jeden Juni eine große NATO-Übung in der Ostsee, an der zahlreiche alliierte Schiffe in der gesamten Region beteiligt sind. Die aktuelle Übung, die im Juni stattfand, sollte als Baltic Operations 22 oder BALTOPS 22 bekannt werden [24]. Die Norweger schlugen vor, dies sei die ideale Deckung, um die Minen zu platzieren.

Die Amerikaner lieferten ein wichtiges Argument: Sie überzeugten die Planer der Sechsten Flotte, dem Programm eine Forschungs- und Entwicklungsübung hinzuzufügen. An der Übung, die von der Marine veröffentlicht wurde, war die Sechste Flotte in Zusammenarbeit mit den „Forschungs- und Kriegsführungszentren“ der Marine beteiligt [25]. Die Veranstaltung auf See würde vor der Küste der Insel Bornholm stattfinden und NATO-Taucherteams einbeziehen, die Minen platzieren, wobei konkurrierende Teams die neueste Unterwassertechnologie einsetzen, um sie zu finden und zu zerstören.

Es war sowohl eine nützliche Übung als auch eine geniale Tarnung. Die Jungs aus Panama City würden ihr Ding machen und die C4-Sprengsätze würden am Ende von BALTOPS 22 angebracht sein, versehen mit einem 48-Stunden-Timer. Bei der ersten Explosion wären alle Amerikaner und Norweger schon lange weg.

Die Tage vergingen. „Die Uhr tickte und wir näherten uns der Erfüllung unserer Mission“, sagte die Quelle.

Und dann hatte Washington Bedenken. Die Bomben würden immer noch während BALTOPS platziert werden, aber das Weiße Haus befürchtete, dass ein zweitägiges Zeitfenster für ihre Detonation zu kurz vor dem Ende der Übung liegen würde – die Beteiligung Amerikas wäre offensichtlich.

Stattdessen hatte das Weiße Haus eine neue Anfrage: „Können sich die Jungs im Feld eine Möglichkeit einfallen lassen, die Pipelines später auf Befehl zu sprengen?“

Einige Mitglieder des Planungsteams waren verärgert und frustriert über die scheinbare Unentschlossenheit des Präsidenten. Die Panama City Taucher hatten wiederholt das Anbringen von C4 an Pipelines geübt. So wie sie es während BALTOPS tun würden. Aber jetzt musste das Team in Norwegen einen Weg finden, Biden das zu geben, was er wollte – die Möglichkeit, einen geheimen Befehl zu einer Zeit seiner Wahl zu erteilen.

Mit einer willkürlichen Änderung in letzter Minute beauftragt zu werden, war etwas, an das die CIA gewöhnt war. Aber es erneuerte auch die Bedenken, die Einige über die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der gesamten Operation teilten.

Die geheimen Befehle des Präsidenten beschworen auch das Dilemma der CIA in den Tagen des Vietnamkriegs herauf, als Präsident Johnson, konfrontiert mit einer wachsenden Anti-Vietnamkriegsstimmung, der Agency befahl, gegen ihre Charta zu verstoßen – die es ihr ausdrücklich untersagte, innerhalb Amerikas zu operieren – indem er sie anwies, Anführer der Antikriegsbewegung auszuspionieren, um festzustellen, ob sie vom kommunistischen Russland kontrolliert wurden.

Sprengstoff-Entsorgungstechniker platzieren während der Übung Tricrab 2012 einen Unterwassersprengstoff auf einer simulierten Mine als Teil eines Minenbekämpfungsszenarios, 27.8.2012.
(Foto: Defense Visual Information Distribution Service, nara.getarchive.net, Public Domain)

Die Agency gab schließlich nach, und durch die gesamten 1970er Jahre wurde deutlich, wie weit sie zu gehen bereit war. Nach den Watergate-Skandalen gab es nachfolgende Zeitungsenthüllungen über das Ausspionieren amerikanischer Bürger durch die Agency, ihre Beteiligung an der Ermordung ausländischer Führer und ihre Untergrabung der sozialistischen Regierung von Salvador Allende.

Diese Enthüllungen führten Mitte der 1970er Jahre zu einer dramatischen Reihe von Anhörungen im Senat, unter der Leitung von Frank Church, aus Idaho. Sie machten deutlich, dass Richard Helms – der damalige Direktor der Agency – akzeptierte, dass er verpflichtet war das zu tun, was der Präsident wollte. Auch wenn es einen Rechtsbruch bedeutete.

In einer unveröffentlichten Aussage hinter verschlossenen Türen erklärte Helms reumütig, dass „es fast wie eine unbefleckte Empfängnis wäre, wenn man so etwas“ auf geheimen Befehl eines Präsidenten tut. „Ob es richtig oder falsch ist, dass Sie sie (die Befehle, Anm. d. Red.) haben sollten, oder falsch, dass Sie sie haben sollen, [die CIA] arbeitet nach anderen Regeln und Grundregeln als jeder andere Teil der Regierung.“ Er sagte den Senatoren im Wesentlichen, dass er als Chef der CIA verstehe, dass er für die Regierungsspitze und nicht für die Verfassung gearbeitet habe.

Die in Norwegen tätigen Amerikaner operierten unter der gleichen Dynamik und begannen pflichtbewusst mit der Arbeit an dem neuen Problem – wie man die C4-Sprengsätze auf Bidens Befehl fernzündet. Es war eine viel anspruchsvollere Aufgabe als man in Washington dachte. Für das Team in Norwegen gab es keine Möglichkeit zu wissen, wann der Präsident den Knopf drücken könnte. In ein paar Wochen, in vielen Monaten oder in einem halben Jahr oder später?

Das an den Pipelines angebrachte C4 würde durch eine Sonarboje ausgelöst, die kurzfristig von einem Flugzeug abgeworfen würde, doch das Verfahren erforderte modernste Signalverarbeitungstechnik. Einmal installiert, könnten die an einer der vier Pipelines angebrachten verzögerten Zeitzünder versehentlich, durch die komplexe Mischung aus Meereshintergrundgeräuschen in der stark befahrenen Ostsee, ausgelöst werden – durch nahe und ferne Schiffe, Unterwasserbohrungen, seismische Ereignisse, Wellen und sogar durch Meeresbewohner. Um dies zu vermeiden, würde die Sonarboje, sobald sie an Ort und Stelle ist, eine Folge von einzigartigen niederfrequenten Tonklängen aussenden – ähnlich denen, die von einer Flöte oder einem Klavier abgegeben werden – die vom Zeitzünder erkannt und nach einem voreingestelltem Zeitraum mehrerer Stunden, den Sprengstoff mit Verzögerung auslösen würden. („Sie wollen ein Signal, das robust genug ist, damit kein anderes Signal versehentlich einen Impuls senden könnte, der den Sprengstoff zur Detonation bringt“, sagte mir Dr. Theodore Postol, emeritierter Professor für Wissenschaft, Technologie und nationale Sicherheitspolitik am MIT. Postol, der als wissenschaftlicher Berater des Chief of Naval Operations des Pentagon gedient hat, sagte, das Problem, mit dem die Gruppe in Norwegen aufgrund von Bidens Verzögerung konfrontiert gewesen sei, sei ein Zufallsproblem: „Je länger der Sprengstoff im Wasser ist, desto größer ist das Risiko eines Zufallssignals, das die Bomben zünden würde.“) (MIT = Massachusetts Institute of Technology; Anm. d. Red.)

Am 26. September 2022 unternahm ein P8-Überwachungsflugzeug der norwegischen Marine einen scheinbar routinemäßigen Flug und warf dabei eine Sonarboje ab. Das Signal breitete sich unter Wasser aus, zunächst auf Nord Stream 2 und dann weiter auf Nord Stream 1. Wenige Stunden später wurden die C4-Hochleistungssprengstoffe gezündet und drei der vier Pipelines außer Betrieb gesetzt.Innerhalb weniger Minuten konnte man sehen, wie sich Methangas, das in den stillgelegten Pipelines verblieben war, auf der Wasseroberfläche ausbreitete. Und die Welt erfuhr, dass etwas Unumkehrbares geschehen war.

Konsequenzen

Unmittelbar nach dem Bombenanschlag auf die Pipeline behandelten die amerikanischen Medien es wie ein ungelöstes Rätsel. Russland wurde wiederholt als wahrscheinlicher Schuldiger angeführt [26], angespornt durch kalkulierte Leaks aus dem Weißen Haus – ohne jedoch jemals ein klares Motiv für einen solchen Akt der Selbstsabotage zu finden, der über eine einfache Vergeltung hinausgeht. Als sich einige Monate später herausstellte, dass die russischen Behörden stillschweigend Kostenvoranschläge für die Reparatur der Pipelines eingeholt hatten, beschrieb die New York Times die Nachricht als „komplizierte Theorien über die Hintermänner“ des Anschlags [27]. Keine große amerikanische Zeitung vertiefte sich in die früheren Drohungen gegen die Pipelines durch Biden und Unterstaatssekretärin Nuland.

Obwohl nie klar war, warum Russland versuchen sollte, seine eigene lukrative Pipeline zu zerstören, kam eine aussagekräftigere Begründung für das Vorgehen des Präsidenten von Außenminister Blinken.

Auf einer Pressekonferenz im vergangenen September zu den Folgen der sich verschärfenden Energiekrise in Westeuropa gefragt, bezeichnete Blinken den Moment als potenziell günstig [28]:

„Es ist eine großartige Gelegenheit, die Abhängigkeit von russischer Energie ein für alle Mal zu beseitigen und es damit Wladimir Putin unmöglich zu machen, Energie als Waffe zur Unterstützung seiner imperialen Pläne einzusetzen. Das ist sehr bedeutsam und bietet enorme strategische Chancen für die kommenden Jahre, aber in der Zwischenzeit sind wir entschlossen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass die Folgen all dessen nicht von den Bürgern unserer Länder und der ganzen Welt getragen werden müssen.“

Kürzlich äußerte sich Victoria Nuland zufrieden über das Ableben der neuesten Pipeline. Als sie Ende Januar bei einer Anhörung des Ausschusses für auswärtige Beziehungen des Senats aussagte, sagte sie gegenüber Senator Ted Cruz:

„Wie Sie bin ich – und ich denke auch die Administration – sehr zufrieden damit, zu wissen, dass Nord Stream 2 jetzt, wie Sie gerne sagen, ein Haufen Metall auf dem Meeresgrund ist.“ Victoria Nukand

Die Quelle hatte eine viel gewieftere Meinung zu Bidens Entscheidung, mehr als 1500 Meilen der Gazprom-Pipeline zu sabotieren, während der Winter näher rückte. „Nun“, sagte er über den Präsidenten, „ich muss zugeben, der Typ hat Eier. Er sagte, er würde es tun, und er tat es.“

Auf die Frage, warum seiner Meinung nach die Russen nicht reagierten, sagte er zynisch: „Vielleicht wollen sie die Möglichkeit haben, die gleichen Dinge wie die USA zu tun.“

„Es war eine schöne Tarngeschichte”, fuhr er fort. „Dahinter steckte eine verdeckte Operation, bei der Experten vor Ort eingesetzt wurden und Geräte, die mit einem verdeckten Signal arbeiteten.”

„Der einzige Fehler war die Entscheidung, es zu tun.“

Quellen:

[1] AMERICA`S NAVY offizielle Website, Pressebüro „BALTOPS 22, the premier Baltic Sea maritime exercise, concludes in Kiel” („BALTOPS 22, die wichtigste maritime Übung auf der Ostsee, endet in Kiel”), am 17.6.2022: <https://www.navy.mil/Press-Office/News-Stories/Article/3066830/baltops-22-the-premier-baltic-sea-maritime-exercise-concludes-in-kiel/>
[2] BP Ballotpedia politische Online-Enzyklopädie, Unbekannt „Gang of Eight” („Achterbande”), zuletzt aktualisiert im Februar 2023: <https://ballotpedia.org/Gang_of_Eight>
[3] Nord Stream Gaslieferer Website „Who We Are” („Wer Wir Sind”), © 2023: <https://www.nord-stream.com/about-us/>
[4] The New York Times Nachrichtenmagazin Website, Hiroko Tabuchi „Russia’s Oil Revenue Soars Despite Sanctions, Study Finds” („Russlands Öleinnahmen steigen trotz Sanktionen, so eine Studie“), am 13.6.2022: <https://www.nytimes.com/2022/06/13/climate/russia-oil-gas-record-revenue.html>
[5] German Council on Foreign Relations (DGAP) Denkfabrik Website, Dr. Stefan Meister „Nord Stream 2: The Dead-End of Germany’s Ostpolitik” („Nord Stream 2: Die Sackgasse der deutschen Ostpolitik“), am 20.2.2019: <https://dgap.org/en/research/publications/nord-stream-2-dead-end-germanys-ostpolitik>
[6] Reuters Nachrichtenagentur Website, Vladimir Soldatkin „Russia completes Nord Stream 2 construction, gas flows yet to start” („Russland schließt den Bau von Nord Stream 2 ab, Gas fließt noch nicht”), am 10.9.2021: <https://www.reuters.com/business/energy/russias-gazprom-says-it-has-completed-nord-stream-2-construction-2021-09-10/>
[7] C-SPAN.org US-Fernsehsender Videoarchiv, chickey „User Clip: Blinken on Nord Stream 2 – Senator Ted Cruz (R-TX) questions Antony Blinken about Nord Stream 2” („User Clip: Blinken on Nord Stream 2 – Senator Ted Cruz (R-TX) befragt Antony Blinken zu Nord Stream 2”), am 20.1.2021: <https://www.c-span.org/video/?c4939915/user-clip-blinken-nord-stream-2>
[8] Reuters Nachrichtenagentur Website, Andrea Schalal, Timothy Gardner und Steve Holland „U.S. waives sanctions on Nord Stream 2 as Biden seeks to mend Europe ties” („Die USA verzichten auf Sanktionen gegen Nord Stream 2, da Biden versucht, die Beziehungen zu Europa zu reparieren”), am 19.5.2021: <https://www.reuters.com/business/energy/us-waive-sanctions-firm-ceo-behind-russias-nord-stream-2-pipeline-source-2021-05-19/>
[9] Reuters Nachrichtenagentur Website, Andrea Schalal, Timothy Gardner und Steve Holland „U.S. waives sanctions on Nord Stream 2 as Biden seeks to mend Europe ties” („Die USA verzichten auf Sanktionen gegen Nord Stream 2, da Biden versucht, die Beziehungen zu Europa zu reparieren”), am 19.5.2021: <https://www.reuters.com/business/energy/us-waive-sanctions-firm-ceo-behind-russias-nord-stream-2-pipeline-source-2021-05-19/>
[10] Politico Tageszeitung Website, Betsy Woodruff Swan, Alexander Ward und Andrew Desiderio „U.S. urges Ukraine to stay quiet on Russian pipeline” („Die USA fordern die Ukraine auf, bezüglich der russischen Pipeline Stillschweigen zu bewahren”), am 20.7.2021: <https://www.politico.com/news/2021/07/20/us-ukraine-russia-pipeline-500334>
[11]  Politico, Alexander Ward und Quint Forgey, „Nord Stream 2 turning into Biden’s No. 1 problem“, am 12.01.2021: <https://www.politico.com/newsletters/national-security-daily/2021/12/01/nord-stream-2-turning-into-bidens-no-1-problem-495280>
[12] The Guardian Tageszeitung Website, Jillian Ambrose „Germany suspends approval for Nord Stream 2 gas pipeline” („Deutschland setzt die Genehmigung für die Gaspipeline Nord Stream 2 aus”), am 16.11.2021: <https://www.theguardian.com/business/2021/nov/16/germany-suspends-approval-for-nord-stream-2-gas-pipeline>
[13] Reuters Nachrichtenagentur Website, Vladimir Soldatkin und Susanna Twidale „Price of European gas surges as Russia pipeline suffers setbacks” („Der Preis für europäisches Gas steigt, da die russische Pipeline Rückschläge erleidet”), am 17.11.2021: <https://www.reuters.com/business/energy/russian-gas-flows-germany-via-yamal-pipeline-steady-after-nord-stream-2-setback-2021-11-17/>
[14] Military.com Nachrichten und Informationen über das US-Militär Website, Matthew Carle „ The Mission Behind Operation Ivy Bells and How It Was Discovered” („Die Mission hinter der Operation Ivy Bells und wie sie entdeckt wurde”), Datum unbekannt: <https://www.military.com/history/operation-ivy-bells.html>
[15] The New York Times Tageszeitung Website Archiv, Stephen Engelberg „EX-SECURITY AGENCY WORRKER IS SAID TO ADMIT SPYING ROLE” („Ehemaliger Arbeitnehmer der Sicherheitsbehörde soll Spionagerolle zugeben ”), am 28.11.1985: <https://www.nytimes.com/1985/11/28/us/ex-security-agency-worrker-is-said-to-admit-spying-role.html>
[16] The Washington Post Tageszeitung Website, Emily Langer „Ronald Pelton, spy convicted of selling secrets to Soviets, dies at 80” („Ronald Pelton, Spion, der wegen des Verkaufs von Geheimnissen an Sowjets verurteilt wurde, stirbt im Alter von 80 Jahren”), am 16.9.2022: <https://www.washingtonpost.com/obituaries/2022/09/16/ronald-pelton-nsa-spy-dead/>
[17] YouTube Videoportal, C-SPAN „President Biden on Nord Stream 2 Pipeline if Russia Invades Ukraine: “We will bring an end to it.”” („Präsident Biden über die Nord Stream 2-Pipeline, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert: “Wir werden dem ein Ende bereiten.””), am 7.2.2022: <https://www.youtube.com/watch?v=OS4O8rGRLf8>
[18] YouTube Videoportal, Forbes Breaking News „US Warns: ‘Nord Stream 2 Will Not Move Forward’ If Russia Invades Ukraine” („USA warnen: „Nord Stream 2 wird nicht vorankommen“, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert“), am 28.1.2022: <https://www.youtube.com/watch?v=ild-PsPD_Uw>
[19] Breaking Defense digitales Magazin zu Strategie, Politik und Technologie der Verteidigung, Paul McLeary „Norway, US Bolster Russian Sub Watching With New Bases“ („Norwegen und die USA verstärken die russische U-Boot-Beobachtung mit neuen Stützpunkten“), am 19.4.2021: <https://breakingdefense.com/2021/04/norway-us-bolster-russian-sub-watching-with-new-bases/>
[20] Breaking Defense digitales Magazin zu Strategie, Politik und Technologie der Verteidigung, Paul McLeary „ Norway Expands Key Arctic Port For More US Nuke Sub Visits“ („Norwegen erweitert wichtigen arktischen Hafen für mehr Besuche von US-Nuke-U-Booten“), am 3.9.2020: <https://breakingdefense.com/2020/09/norway-expands-key-arctic-port-for-more-us-nuke-sub-visits/>
[21] The Barents Observer Onlinezeitung, Thomas Nilsen „U.S. Navy will build airport infrastructure in northern Norway to meet upped Russian submarine presence” („Die US-Marine wird in Nordnorwegen eine Flughafeninfrastruktur bauen, um der verstärkten russischen U-Boot-Präsenz gerecht zu werden”), am 16.4.2021: <https://thebarentsobserver.com/en/security/2021/04/us-navy-build-airport-infrastructure-northern-norway-meet-increased-russian>
[22]  ArcticToday Onlinejournal, Eric M. Johnson, Reuters „Norway takes delivery of Boeing P-8 submarine-hunter aircraft“ („Norwegen erhält U-Boot-Jagdflugzeug Boeing P-8“), am 19.11.2021: <https://www.arctictoday.com/norway-takes-delivery-of-boeing-p-8-submarine-hunter-aircraft/>
[23] High North News Onlinezeitung, Astri Edvardsen „New Norway – USA Defense Agreement Allows Extensive US Authority in the North“ („Das neue Verteidigungsabkommen zwischen Norwegen und den USA ermöglicht eine umfassende US-Behörde im Norden“), am 8.6.2022: <https://www.highnorthnews.com/en/new-norway-usa-defense-agreement-allows-extensive-us-authority-north>
[24] United States Naval Forces Europe-Africa militärischer Großverband Website, U.S. Naval Forces Europe and Naval Striking and Support Forces NATO Public Affairs „BALTOPS 22, the premier Baltic Sea maritime exercise, concludes in Kiel” („BALTOPS 22, die wichtigste maritime Übung auf der Ostsee, endet in Kiel”), am 17.6.2022: <https://www.c6f.navy.mil/Press-Room/News/Article/3066751/baltops-22-the-premier-baltic-sea-maritime-exercise-concludes-in-kiel/>
[25] AMERICA`S NAVY offizielle Website, Pressebüro „BALTOPS 22: A perfect opportunity for research and testing new technology” („BALTOPS 22: Eine perfekte Gelegenheit, neue Technologien zu erforschen und zu testen”), am 12.6.2022: <https://www.navy.mil/Press-Office/News-Stories/Article/3060311/baltops-22-a-perfect-opportunity-for-research-and-testing-new-technology/>
[26] The New York Times Tageszeitung Website, Katrin Bennhold und David E. Sanger „Sabotaged Pipelines and a Mystery: Who Did It? (Was It Russia?)” („Sabotierte Pipelines und ein Rätsel: Wer war es? (War es Russland?)”), am 28.9.2022: <https://www.nytimes.com/2022/09/28/world/europe/pipeline-sabotage-mystery-russia.html>
[27] The New York Times Tageszeitung Website, Rebecca R. Ruiz und Justin Scheck „In Nord Stream Mystery, Baltic Seabed Provides a Nearly Ideal Crime Scene” („Im Nord Stream Mysterium bietet der Ostseeboden einen nahezu idealen Tatort”), am 26.12.2022: <https://www.nytimes.com/2022/12/26/world/europe/nordstream-pipeline-explosion-russia.html>
[28] U.S. Department of State (Außenministerium) Website, Pressemeldungen „Secretary Antony J. Blinken And Canadian Foreign Minister Mélanie Joly At a Joint Press Availability“ („Sekretär Antony J. Blinken und die kanadische Außenministerin Mélanie Joly bei einer gemeinsamen Presseverfügbarkeit“), am 30.9.2022: <https://www.state.gov/secretary-antony-j-blinken-and-canadian-foreign-minister-melanie-joly-at-a-joint-press-availability/>