Hiroshima und Nagasaki:

Mythenbildung und die atomare Zerstörung

Von Published On: 28. September 2021Kategorien: Gesellschaft & Geschichte
Mythos: Der Krieg im Fernen Osten wurde erst im Sommer 1945 beendet, als der US-Präsident und seine Berater der Meinung waren, dass sie – um die fanatischen Japaner zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen – keine andere Wahl hatten als, nicht nur eine, sondern gleich zwei Städte, Hiroshima und Nagasaki, mit Atombomben zu zerstören. Diese Entscheidung rettete zahllosen Amerikanern und Japanern das Leben, die bei einer Fortsetzung des Krieges, der eine Invasion Japans erfordert hätte, umgekommen wären.

Dieser Text wurde zuerst am 07.08.2021 auf www.strategic-culture.org unter der URL <https://www.strategic-culture.org/news/2021/08/07/mythmaking-and-atomic-destruction-of-hiroshima-and-nagasaki/> veröffentlicht. Lizenz: © Pauwels, Strategic-Culture.org 

Atomexplosions-Pilzwolke über Nagasaki am 09.08.1945. (Foto: Hiromichi Matsuda / Wikimedia Commons / CC0)

Realität: Hiroshima und Nagasaki wurden zerstört, um zu verhindern, dass die Sowjets einen Beitrag zum Sieg über Japan leisten, was Washington dazu gezwungen hätte, Moskau an der Besetzung nach dem Krieg und dem Wiederaufbau des Landes zu beteiligen. Eine weitere Intention war, die sowjetische Führung einzuschüchtern und ihr so Zugeständnisse in Bezug auf die Nachkriegsordnung in Deutschland und Osteuropa abzuringen. Schlussendlich war es nicht die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki, die Tokio zur Kapitulation veranlasste, sondern der sowjetische Eintritt in den Krieg gegen Japan.

Atompilz über Hiroshima. (Foto: George R. Caron / Wikimedia Commons / CC0)

Mit der deutschen Kapitulation Anfang Mai 1945 war der Krieg in Europa zu Ende. Die Sieger, die „Großen Drei“ [1], standen nun vor dem komplexen und heiklen Problem, Europa nach dem Krieg neu zu ordnen. Die Vereinigten Staaten waren eher spät in den Krieg eingetreten, nämlich im Dezember 1941. Und erst mit der Landung in der Normandie im Juni 1944 begannen die Amerikaner, einen wesentlichen Beitrag zum Sieg über Deutschland zu leisten – also weniger als ein Jahr vor dem Ende der Feindseligkeiten in Europa. Als der Krieg gegen Deutschland zu Ende ging, saß Uncle Sam jedoch am Tisch der Sieger und war bereit und darauf aus, seine Interessen wahrzunehmen. Um das zu erreichen, was man die amerikanischen Kriegsziele nennen könnte. (Es ist ein Mythos, dass die angeblich zutiefst isolationistischen Amerikaner sich aus Europa nur noch zurückziehen wollten: Die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Führer des Landes hatten dringende Gründe, auf dem alten Kontinent präsent zu bleiben.) Auch die anderen großen Siegermächte, Großbritannien und die Sowjetunion, trachteten ebenfalls danach, ihre Interessen zu verfolgen. Es war klar, dass es für eine der drei Mächte unmöglich sein würde, „alles zu haben“; dass Kompromisse gefunden werden mussten. Aus amerikanischer Sicht stellten die britischen Erwartungen kein großes Problem dar, aber die sowjetischen Bestrebungen waren ein Grund zur Sorge. Was waren nun die Kriegsziele der Sowjetunion?

Als das Land, das bei weitem den größten Beitrag zum gemeinsamen Sieg über Nazideutschland geleistet und dabei enorme Verluste erlitten hatte, verfolgte die Sowjetunion zwei große Ziele.

Erstens: hohe Reparationszahlungen von Deutschland als Entschädigung für die enormen Zerstörungen durch die Nazi-Aggression. Eine Forderung, wie sie auch die Franzosen und Belgier nach dem Ersten Weltkrieg vom Reich verlangten.

Und zweitens: Sicherheit vor möglichen zukünftigen Bedrohungen aus Deutschland. Diese Sicherheitsbedenken betrafen auch Osteuropa, insbesondere Polen, das ein potenzielles Sprungbrett für deutsche Aggressionen gegen die UdSSR war. Moskau wollte sicherstellen, dass in Deutschland, Polen und anderen osteuropäischen Ländern nie wieder ein der Sowjetunion feindlich gesinntes Regime an die Macht kommen würde. Die Sowjets erwarteten von den westlichen Verbündeten auch eine Bestätigung ihrer Rückgewinnung von Gebieten, die das revolutionäre Russland während der Revolution und des Bürgerkriegs verloren hatte – wie z. B. „Ostpolen“. 

Außerdem die Anerkennung der Umwandlung der drei baltischen Staaten von unabhängigen Ländern in autonome Republiken innerhalb der Sowjetunion. Und schlussendlich erwarteten die Sowjets, dass sie, nachdem der Albtraum des Krieges vorbei war, wieder in der Lage wären, am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zu arbeiten. Es ist bekannt, dass der sowjetische Oberbefehlshaber Stalin fest an die Idee glaubte, dass es möglich und sogar notwendig sei, den „Sozialismus in einem Land“ zu schaffen. Daher die Feindseligkeit zwischen ihm und Trotzki, einem Apostel der weltweiten Revolution. 

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Stalin bei Kriegsende nicht vorhatte, in Deutschland oder in einem der von der Roten Armee befreiten osteuropäischen Länder kommunistische Regime zu errichten. Und dass er auch die kommunistischen Parteien in Frankreich, Italien und anderen westeuropäischen Ländern, die von den Amerikanern und ihren Verbündeten befreit worden waren, davon abhielt, an die Macht zu kommen. Bereits 1943 hatte er die Förderung der weltweiten Revolution formell eingestellt – als er die Komintern auflöste, die 1919 von Lenin zu diesem Zweck gegründete internationale kommunistische Organisation. 

Diese Politik wurde von vielen Kommunisten außerhalb der Sowjetunion missbilligt. Sie gefiel jedoch Moskaus westlichen Verbündeten, insbesondere den USA und Großbritannien. Stalin war bestrebt, gute Beziehungen zu ihnen aufrechtzuerhalten. Denn er brauchte ihr Wohlwollen und ihre Kooperation, um die oben beschriebenen Ziele zu erreichen – die darauf abzielten, der Sowjetunion Reparationen, Sicherheit und die Möglichkeit zu geben, die Arbeit am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft wieder aufzunehmen. Seine amerikanischen und britischen Partner hatten Stalin gegenüber nie angedeutet, dass sie diese Erwartungen für unangemessen hielten. Im Gegenteil, die Legitimität dieser sowjetischen Kriegsziele war in Teheran, Jalta und anderswo wiederholt explizit oder implizit anerkannt worden.

Die Amerikaner und ihre britischen, kanadischen und anderen Partner hatten bis Ende 1944 den größten Teil Westeuropas befreit. Und sie hatten sichergestellt, dass in Italien, Frankreich und anderswo Regime errichtet wurden, die ihnen wesensverwandt waren – wenn auch nicht immer der breiten Bevölkerung sympathisch. Dies bedeutete gewöhnlich, dass die lokalen Kommunisten völlig ausgegrenzt wurden. Wenn sich dies als unmöglich erwies, wie z.B. in Frankreich, wurde ihnen ein Anteil an der Macht verweigert, trotz der wichtigen Rolle, die sie im Widerstand gespielt hatten, oder der beträchtlichen Unterstützung, die sie in der Bevölkerung genossen. 

Obwohl die Vereinbarungen zwischen den Alliierten vorsahen, dass die „großen Drei“ bei der Verwaltung und dem Wiederaufbau der befreiten Länder eng zusammenarbeiten sollten, verhinderten Amerikaner und Briten bereits 1943, dass sich ihr sowjetischer Verbündeter beispielsweise in die Angelegenheiten Italiens einmischte – dem ersten befreiten Land. In diesem Land drängten Amerikaner und Briten die Kommunisten, die aufgrund ihrer Rolle im Widerstand sehr populär waren, zugunsten ehemaliger Faschisten wie Badoglio an den Rand. Ohne den Sowjets irgendeinen Beitrag zu gestatten. 

Dieser Modus Operandi sollte einen verhängnisvollen Präzedenzfall schaffen. Stalin hatte keine andere Wahl, als dieses Arrangement zu akzeptieren. Aber wie der US-Historiker Gabriel Kolko feststellte: „die Russen akzeptierten die [italienische] ‚Formel‘ ohne große Begeisterung, nahmen das Arrangement aber sorgfältig für künftige Referenzen und als Präzedenzfall zur Kenntnis“ [2] (die Sowjets hatten zweifellos ein Recht auf Mitsprache in den Angelegenheiten Italiens, da italienische Truppen an der Operation Barbarossa teilgenommen hatten).

In Westeuropa hatten die amerikanischen und britischen Befreier 1943-1944 nach eigenem Gutdünken gehandelt und dabei nicht nur die Wünsche eines großen Teils der örtlichen Bevölkerung, sondern auch die Interessen ihres sowjetischen Verbündeten ignoriert. Stalin hatte diese Regelung akzeptiert. 1945 hingegen war die Situation umgekehrt: Die Sowjets waren in einem von der Roten Armee befreiten Osteuropa eindeutig im Vorteil. Dennoch konnten die westlichen Alliierten hoffen, dass sie auch in diesem Teil Europas einen gewissen Beitrag zur Restrukturierung leisten konnten. Dort war noch alles möglich. Die Sowjets hatten offensichtlich die örtlichen Kommunisten begünstigt, aber sie hatten noch keine vollendeten Tatsachen geschaffen. Und die westlichen Alliierten waren sich wohl bewusst, dass Stalin um ihr Wohlwollen und ihre Kooperation buhlte und daher zu Zugeständnissen bereit war. 

Auch die politische und militärische Führung in Washington und London erwartete, dass Stalin nachsichtig sein würde, weil er sonst die Konsequenzen zu fürchten hatte. Der sowjetische Führer war sich völlig im Klaren darüber, dass es für sein Land bereits eine enorme Errungenschaft war, aus einem Kampf auf Leben und Tod mit der Nazi-Großmacht siegreich hervorgegangen zu sein. Aber er wusste auch, dass viele US-amerikanische und britische Führer, vor allem Patton und Churchill, die Sowjetunion hassten und sogar in Erwägung zogen, einen Krieg gegen sie zu führen, sobald der gemeinsame deutsche Feind besiegt war. Vorzugsweise in Form eines Marsches auf Moskau – Seite an Seite mit dem Rest des Nazi-Heeres. Dieser Plan mit dem Namen „Operation Unthinkable“ war von Churchill ausgeheckt worden. Stalin hatte allen Grund, ein solches Szenario zu vermeiden.

Die oben beschriebenen Bestrebungen der Sowjets in Bezug auf Reparationen und Sicherheit waren nicht unvernünftig. Und die US-amerikanische sowie die britische Führung hatten ihre Legitimität bei einem Treffen der „Großen Drei“ in Jalta im Februar 1945 ausdrücklich oder implizit anerkannt. Doch Washington und London waren alles andere als begeistert von der Aussicht, dass die Sowjetunion nach den herausragenden Anstrengungen und Opfern, die sie für die gemeinsame Sache gegen die Nazis erbracht hatte, nun die ihr gebührende Anerkennung erhielt. Insbesondere die Amerikaner hatten ihre eigenen Vorstellungen mit Blick auf das Deutschland der Nachkriegszeit, sowie Ost- und Westeuropa. Dies wird im nächsten Kapitel untersucht. Die Reparationen würden es den Sowjets beispielsweise ermöglichen, die Arbeit am Projekt einer kommunistischen Gesellschaft wieder aufzunehmen, möglicherweise erfolgreich – einem Gegensystem zum internationalen kapitalistischen System, dessen großer Verfechter die USA geworden war.

Im Wesentlichen wollte Uncle Sam in Polen und anderswo in Osteuropa Regierungen, die – ob demokratisch oder nicht – eine liberale Wirtschaftspolitik verfolgten, die eine „offene Tür“ für amerikanische Produkte und Investitionskapital beinhaltete. Roosevelt hatte gegenüber den Sowjets ein gewisses Maß an Empathie an den Tag gelegt, aber nach seinem Tod am 12. April 1945 hatte sein Nachfolger, Harry Truman, wenig oder gar kein Verständnis für den sowjetischen Standpunkt. Ihm und seinen Beratern missfiel der Gedanke, dass die Sowjetunion große Reparationszahlungen von Deutschland erhalten könnte, da dies Deutschland als potenziell lukrativen Markt für amerikanische Produkte und Investitionskapital disqualifizieren würde. Außerdem fanden sie es abscheulich, dass die Sowjets dieses deutsche Kapital mit Sicherheit für den Aufbau eines sozialistischen Systems verwenden würden – eine unerwünschte Form der Konkurrenz zum Kapitalismus.

Die sowjetischen Bestrebungen waren vernünftig und die sowjetischen Anführer, einschließlich Stalin, der gewöhnlich, fälschlicherweise, so dargestellt wird, als hätte er alle Entscheidungen alleine getroffen, war durchaus zu großen Zugeständnissen bereit. Es war möglich, mit ihnen zu reden, aber ein solcher Dialog erforderte auch Geduld und Verständnis für den sowjetischen Standpunkt. Er musste in dem Wissen geführt werden, dass die Sowjetunion nicht bereit war, den Konferenztisch mit leeren Händen zu verlassen.

Truman hatte jedoch keine Lust, sich auf einen solchen Dialog einzulassen. (Dass Stalin an einem Dialog interessiert war und sehr vernünftig sein konnte, sollte sich in seiner Haltung zu den Nachkriegsvereinbarungen über Finnland und Österreich widerspiegeln; die Rote Armee würde sich zu gegebener Zeit aus diesen Ländern zurückziehen, ohne ein kommunistisches Regime zu hinterlassen.)

Truman und seine Berater hofften, dass es möglich sein würde, die Sowjets zu zwingen, auf die deutschen Reparationen zu verzichten und sich nicht nur aus den östlichen Teilen Deutschlands, sondern auch aus Polen und dem übrigen Osteuropa zurückzuziehen, damit die Amerikaner und ihre britischen Partner dort so operieren konnten, wie sie es in Westeuropa bereits getan hatten. Truman hoffte sogar auf die Möglichkeit, die Sowjets zur Beendigung ihres kommunistischen Experiments bewegen zu können, das nach wie vor eine Inspirationsquelle für „Rote“ und andere Radikale und Revolutionäre überall auf der Welt darstellte – auch in den Vereinigten Staaten selbst.

Im Frühjahr 1945 ging Churchill mit der Idee hausieren, amerikanische und britische Truppen zusammen mit den verbliebenen Nazi-Truppen nach Moskau marschieren zu lassen. Doch musste dieser Plan, der als „Operation Unthinkable“ bezeichnet wurde, aufgegeben werden. Hauptsächlich wegen des gleichen hartnäckigen Widerstands von Soldaten und Zivilisten, der zum Abbruch der bewaffneten Intervention im russischen Bürgerkrieg geführt hatte. Wie Patton, der sich darauf gefreut hatte, in „Barbarossa Bis“ eine wichtige Rolle zu spielen, muss auch Truman enttäuscht gewesen sein. 

Doch am 25. April 1945, nur wenige Tage vor der deutschen Kapitulation, erhielt der Präsident eine elektrisierende Nachricht. Er wurde über das streng geheime Manhattan-Projekt, oder S-1, informiert – das war der Codename für den Bau der Atombombe. Diese neue und mächtige Waffe, an der die Amerikaner seit Jahren arbeiteten, war so gut wie fertig und würde – sofern erfolgreich getestet – bald einsatzbereit sein. So gerieten Truman und seine Berater in den Bann dessen, was der renommierte amerikanische Historiker William Appleman Williams als „Vision der Allmacht“ bezeichnete. Sie waren davon überzeugt, dass sie mit der neuen Waffe der Sowjetunion ihren Willen aufzwingen könnten. Die Atombombe war, wie Truman selber sagte, „ein Hammer“, den er über den Köpfen „der Jungs im Kreml“ schwenken würde [3].

Dank der Bombe würde es nun möglich sein, Moskau zum Rückzug der Roten Armee aus Deutschland zu zwingen und Stalin ein Mitspracherecht bei den Angelegenheiten der Nachkriegszeit zu verwehren. Auch schien es nun machbar, in Polen und anderen osteuropäischen Ländern prowestliche und sogar antikommunistische Regime zu installieren und Stalin daran zu hindern, dort Einfluss zu nehmen. Es rückte sogar in den Bereich des Denkbaren, dass die Sowjetunion selbst für amerikanisches Investitionskapital sowie für amerikanischen politischen und wirtschaftlichen Einfluss geöffnet werden könnte und dass dieser kommunistische Ketzer somit in den Schoß der universellen kapitalistischen Kirche zurückgeführt werden könnte. „Es gibt Beweise“, schreibt der deutsche Historiker Jost Dülffer, dass Truman glaubte, das Monopol der Atombombe sei „ein Generalschlüssel für die Verwirklichung der Vorstellungen der Vereinigten Staaten für eine neue Weltordnung“ [4]. 

In der Tat fühlte sich der amerikanische Präsident mit der Nuklearpistole an der Hüfte nicht verpflichtet, „die Jungs im Kreml“, die nicht über eine solche Superwaffe verfügten, als seinesgleichen zu behandeln. „Die amerikanischen Führer wurden selbstgerecht und schimpften auf Russland“, schreibt Gabriel Kolko, „und sie weigerten sich, ernsthaft zu verhandeln, nur weil die Vereinigten Staaten als selbstbewusster Herr der wirtschaftlichen und militärischen Macht glaubten, die Weltordnung bestimmen zu können“ [5].

Der Besitz einer mächtigen neuen Waffe eröffnete auch alle Arten von Möglichkeiten mit Blick auf den laufenden Krieg im Fernen Osten und die für diesen Teil der Welt zu treffenden Nachkriegsvorkehrungen, die für die Führung der USA von großer Bedeutung waren – wie wir am Umgang mit Pearl Harbor gesehen haben. Allerdings konnte dieser mächtige Trumpf erst ausgespielt werden, nachdem die Bombe erfolgreich getestet worden war und zum Einsatz bereitstand. Truman musste auf seinen Moment warten. Daher befolgte er nicht Churchills Rat, das Schicksal Deutschlands und Osteuropas so bald wie möglich mit Stalin zu besprechen, „bevor die Armeen der Demokratie dahinschmelzen“, d.h., bevor die amerikanischen Truppen aus Europa abziehen. Schließlich stimmte Truman einem Gipfeltreffen der „Großen Drei“ in Berlin zu – aber nicht vor dem Sommer, in dem die Fertigstellung der Bombe erwartet wurde.

Gruppenbild der „großen Drei“ bei der Potsdamer Konferenz. Truman versuchte Stalin einzuschüchtern, indem er ihm ins Ohr flüsterte, Amerika habe eine unglaublich mächtige neue Waffe erworben. v.l.n.r.: sitzend: C.R. Attlee, H.S. Truman, Josef Stalin; stehend: Admiral J.D. Loahy, E. Bevin, J.W.Byrnes, und W.M. Molotow. (Foto: Bundesarchiv / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0)

 

Das Treffen der „Großen Drei“ fand vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 statt. Nicht im zerbombten Berlin, sondern im nahegelegenen Potsdam. Dort erhielt Truman die lang erwartete Nachricht, dass die Atombombe am 16. Juli in New Mexico erfolgreich getestet worden war. Der amerikanische Präsident fühlte sich nun stark genug, um den nächsten Schritt zu gehen. Er machte sich nicht mehr die Mühe, Stalin Vorschläge zu unterbreiten, sondern stellte alle möglichen nicht verhandelbaren Forderungen; gleichzeitig lehnte er alle Vorschläge, die von sowjetischer Seite ausgingen, kurzerhand ab, z.B. zu den deutschen Reparationszahlungen. 

Doch Stalin kapitulierte nicht, auch nicht, als Truman versuchte, ihn einzuschüchtern, indem er ihm ins Ohr flüsterte, Amerika habe eine unglaublich mächtige neue Waffe erworben. Der sowjetische Staatschef, der von seinen Spionen über das Manhattan-Projekt sicher schon informiert worden war, hörte mit steinerner Miene zu. Truman kam zum Schluss, dass nur eine tatsächliche Demonstration der Atombombe die Sowjets zum Einlenken bewegen konnte. Folglich konnte in Potsdam keine allgemeine Einigung über wichtige Fragen erzielt werden [6].

In der Zwischenzeit kämpften die Japaner im Fernen Osten weiter, obwohl ihre Lage völlig hoffnungslos war. Sie waren tatsächlich bereit, zu kapitulieren – aber nicht bedingungslos, wie die Amerikaner es verlangten. 

Für Japaner bedeutete eine bedingungslose Kapitulation die größte Demütigung, nämlich dass Kaiser Hirohito zum Rücktritt gezwungen und möglicherweise wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden könnte. Die amerikanische Führung war sich dessen bewusst. Und einige von ihnen, wie z. B. Marineminister James Forrestal glaubten – wie der Historiker Gar Alperovitz schreibt – „dass eine Erklärung, die den Japanern versicherte, dass die bedingungslose Kapitulation nicht die Entthronung des Kaisers bedeutete, wahrscheinlich das Ende des Krieges herbeiführen würde“ [7].

Die Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation war in der Tat alles andere als sakrosankt: Im Hauptquartier von General Eisenhower in Reims war am 7. Mai eine deutsche Bedingung akzeptiert worden. Nämlich die Forderung, dass der Waffenstillstand erst mit einer Verzögerung von mindestens 45 Stunden in Kraft treten solle – genug Zeit für einen Abzug eines großen Teils der Truppen von der Ostfront, um nicht in sowjetische, sondern in amerikanische oder britische Gefangenschaft zu geraten. Selbst zu diesem späten Zeitpunkt werden viele dieser Einheiten – in Uniform, bewaffnet und unter dem Kommando der eigenen Offiziere – für einen möglichen Einsatz gegen die Rote Armee bereitgehalten, wie Churchill nach dem Krieg zugeben wird. [8] 

Es war also durchaus möglich, eine japanische Kapitulation herbeizuführen, trotz der Forderung nach Immunität für Hirohito. Außerdem war die Bedingung Tokios alles andere als essentiell: Nachdem den Japanern schließlich eine bedingungslose Kapitulation abgerungen worden war, machten sich die Amerikaner nie die Mühe, Hirohito anzuklagen, und es war Washington zu verdanken, dass er noch viele Jahrzehnte lang Kaiser bleiben konnte.

Warum glaubten die Japaner, sich noch den Luxus leisten zu können, ihr Kapitulationsangebot an eine Bedingung zu knüpfen? Der Grund war, dass in China die Hauptstreitmacht ihrer Armee intakt blieb. Sie dachten, sie könnten diese Armee zur Verteidigung Japans selbst einsetzen und so den Amerikanern einen hohen Preis für ihren zugegebenermaßen unvermeidlichen, endgültigen Sieg abverlangen. Dieser Plan würde jedoch nur funktionieren, wenn sich die Sowjetunion nicht in den Krieg im Fernen Osten einmischen und so die japanischen Streitkräfte auf dem chinesischen Festland festsetzen würde. Die sowjetische Neutralität gab Tokio also ein wenig Hoffnung – natürlich nicht auf einen Sieg, sondern darauf, dass Washington die Bedingung in Bezug auf seinen Kaiser akzeptieren würde. 

In gewisser Weise zog sich der Krieg mit Japan deshalb in die Länge, weil die UdSSR noch nicht in ihn verwickelt war. Aber Stalin hatte bereits 1943 versprochen, Japan innerhalb von drei Monaten nach der Kapitulation Deutschlands den Krieg zu erklären. Und er hatte diese Zusage noch am 17. Juli 1945 in Potsdam bekräftigt. Folglich baute Washington auf einen sowjetischen Angriff auf Japan Anfang August. Die Amerikaner wussten also nur zu gut, dass die Lage der Japaner hoffnungslos war. „Wenn das geschieht, haben die Japaner fertig“, schrieb Truman in sein Tagebuch und bezog sich damit auf die erwartete sowjetische Intervention im Fernostkrieg [9].

Darüber hinaus versicherte die amerikanische Marine Washington, dass sie in der Lage sei, die Japaner daran zu hindern, ihre Armee aus China zu verlegen, um das Heimatland gegen eine amerikanische Invasion zu verteidigen. Schlussendlich war es fraglich, ob eine amerikanische Invasion Japans überhaupt notwendig war, da die mächtige US-Marine den Inselstaat auch einfach blockieren und ihn so vor die Wahl stellen konnte, zu kapitulieren oder zu verhungern.Um den Krieg gegen Japan zu beenden, ohne weitere Opfer bringen zu müssen, hatte Truman also eine Reihe attraktiver Optionen. Er konnte die triviale Bedingung der Japaner – Immunität für ihren Kaiser – akzeptieren; er konnte auch warten, bis die Rote Armee die Japaner in China angriff und Tokio dadurch zwingen, doch noch eine bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren; und er hätte eine Seeblockade installieren können, die Tokio gezwungen hätte, früher oder später um Frieden zu bitten. Doch Truman und seine Berater entschieden sich für keine dieser Optionen. Stattdessen beschlossen sie, Japan mit der Atombombe auszuschalten.

Diese verhängnisvolle Entscheidung, die Hunderttausenden von Menschen, größtenteils Zivilisten, das Leben kosten sollte, bot den Amerikanern erhebliche Vorteile. Erstens könnte die Bombe Tokio noch zur Kapitulation zwingen, bevor die Sowjets in den Krieg in Asien verwickelt werden. In diesem Fall wäre es nicht notwendig, Moskau ein Mitspracherecht bei den anstehenden Entscheidungen über das Nachkriegsjapan, über die von Japan besetzten Gebiete (wie Korea und die Mandschurei) sowie über den Fernen Osten und den Pazifikraum im Allgemeinen einzuräumen. Die Vereinigten Staaten könnten dann totale Hegemonie über diesen Teil der Welt genießen. Was, wie wir im vorangegangenen Kapitel gesehen haben, das eigentliche, wenn auch unausgesprochene Kriegsziel Washingtons im Konflikt mit Japan war. Aus diesem Grund wurde auch die Option einer Blockade verworfen: In diesem Fall hätten die Japaner erst viele Monate nach dem Kriegseintritt der Sowjetunion kapituliert.

Ein sowjetisches Eingreifen in den Krieg im Fernen Osten drohte den Sowjets denselben Vorteil zu verschaffen, den die Amerikaner durch ihr eigenes, relativ spätes Eingreifen in den Krieg in Europa erlangt hatten. Nämlich einen Platz am runden Tisch der Sieger, die dem besiegten Feind ihren Willen aufzwingen, über Grenzen entscheiden, sozioökonomische und politische Strukturen für die Nachkriegszeit festlegen und dadurch enorme Vorteile und Prestige erlangen würden. 

Washington wollte auf keinen Fall, dass die Sowjetunion in den Genuss dieser Art von Einflussnahme kam. Die Amerikaner hatten ihren großen imperialistischen Konkurrenten in diesem Teil der Welt ausgeschaltet und wollten sich nicht mit einem neuen potenziellen Rivalen herumärgern. Einem Rivalen, dessen verhasste kommunistische Ideologie in vielen asiatischen Ländern, inklusive China, bereits einen gefährlichen Einfluss gewann. Mit dem Einsatz der Atombombe hoffte die US-Führung, die Japaner schnell erledigen und den Fernen Osten ohne einen potenziell lästigen sowjetischen Partner neu ordnen zu können.

Die Atombombe schien der amerikanischen Führung einen weiteren wichtigen Vorteil zu bieten. Trumans Erfahrungen in Potsdam hatten ihn davon überzeugt, dass nur eine tatsächliche Demonstration dieser neuen Waffe Stalin gefügig machen würde. Der Einsatz der Atombombe zur Auslöschung einer japanischen Stadt schien das perfekte Vorgehen zu sein, um die Sowjets einzuschüchtern und sie zu großen Zugeständnissen in Bezug auf die Nachkriegsordnung in Deutschland, Polen und anderswo in Mittel- und Osteuropa zu zwingen. Trumans Außenminister James F. Byrnes soll später erklärt haben, die Atombombe sei eingesetzt worden, weil eine solche Machtdemonstration die Sowjets in Europa zu mehr Entgegenkommen bewegen sollte.

Um auf die Sowjets – und den Rest der Welt – den gewünschten furchterregenden Eindruck zu machen, musste die Bombe natürlich auf eine Großstadt abgeworfen werden. Wahrscheinlich lehnte Truman aus diesem Grund den Vorschlag einiger am Manhattan-Projekt beteiligter Wissenschaftler ab, die Kraft der Bombe durch einen Abwurf auf eine unbewohnte Pazifikinsel zu demonstrieren: dies hätte nicht genug Tod und Zerstörung bewirkt. Außerdem wäre es äußerst peinlich gewesen, wenn die Waffe ihre tödliche Magie nicht entfaltet hätte; aber wenn der unangekündigte Atombombenabwurf auf eine japanische Stadt fehlgeschlagen wäre, hätte niemand davon erfahren und niemand wäre in Verlegenheit geraten. 

Eine große japanische Stadt musste ausgewählt werden. Aber die Hauptstadt Tokio kam nicht in Frage, da sie bereits durch frühere, konventionelle Bombenangriffe dem Erdboden gleichgemacht worden war, so dass ein zusätzlicher Schaden wahrscheinlich nicht beeindruckend genug gewesen wäre. Tatsächlich kamen nur sehr wenige Städte als „jungfräuliches“ Ziel in Frage. Warum? Anfang August 1945 blieben nur zehn Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern von Bombenangriffen relativ unversehrt und nicht wenige davon lagen außerhalb der Reichweite der Bomber. (Aufgrund der unzureichenden japanischen Luftabwehr hatten diese bereits begonnen, Städte mit weniger als 30.000 Einwohnern zu zerstören.) Aber Hiroshima und Nagasaki hatten das Pech, qualifiziert zu sein. [10]Die Atombombe war gerade rechtzeitig fertig, um eingesetzt zu werden, bevor die UdSSR die Möglichkeit hatte, sich im Fernen Osten einzumischen. Hiroshima wurde am 6. August 1945 ausgelöscht, aber die japanische Führung reagierte nicht sofort mit einer bedingungslosen Kapitulation. Der Grund dafür war, dass der Schaden zwar groß war, aber nicht größer als bei den früheren Bombenangriffen auf Tokio – wo ein Angriff von Tausenden von Bombern am 9. und 10. März 1945 mehr Zerstörung angerichtet und mehr Menschen getötet hatte als bei dem „jungfräulichen“ Ziel Hiroshima.

Atompilz über Nagasaki. Aufgenommen aus einem B-29 Superfortress Flugzeug. (Foto: Charles Levy / Wikimedia Commons / CC0)

 Dies machte Trumans heikles Szenario zumindest teilweise zunichte. Tokio hatte noch nicht kapituliert, als am 8. August 1945 – genau drei Monate nach der deutschen Kapitulation in Berlin – die UdSSR Japan den Krieg erklärte. Am nächsten Tag griff die Rote Armee die in Nordchina stationierten japanischen Truppen an. Truman und seine Berater wollten nun den Krieg so schnell wie möglich beenden, um den (aus ihrer Sicht) durch die sowjetische Intervention verursachten „Schaden“ zu begrenzen.

Bereits am 10. August 1945, nur einen Tag nach dem Eintritt der Sowjetunion in den Krieg im Fernen Osten, wurde eine zweite Bombe abgeworfen. Diesmal auf die Stadt Nagasaki. Über diese Bombardierung, bei der viele japanische Katholiken ums Leben kamen, sagte später ein ehemaliger amerikanischer Armeekaplan: „Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum sie die zweite Bombe abgeworfen haben. Um es zu beschleunigen. Um sie zur Kapitulation zu zwingen, bevor die Russen kamen.“ [11] 

(Der Kaplan mag gewusst haben oder auch nicht, dass sich unter den 75.000 Menschen, die in Nagasaki „sofort verbrannt, verkohlt und verdampft“ wurden, auch viele japanische Katholiken sowie eine unbekannte Zahl von Insassen eines Lagers für alliierte Kriegsgefangene befanden, deren Anwesenheit dem Luftkommando vergeblich gemeldet worden war) [12].

Japan kapitulierte nicht wegen der Atombomben, sondern wegen des sowjetischen Eintritts in den Konflikt. Nach der Auslöschung der meisten Großstädte des Landes machte die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki, so schrecklich sie auch war, aus strategischer Sicht wenig oder keinen Unterschied.

Die sowjetische Kriegserklärung andererseits war ein fataler Schlag, denn sie machte Tokios letzte Hoffnung zunichte, geringfügige Bedingungen an die unvermeidbare Kapitulation zu knüpfen. Außerdem wussten die japanischen Führer selbst nach den Bombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki, dass es viele Monate dauern würde, bis amerikanische Truppen in Japan landen würden. Während die Rote Armee derart schnell vorankam, dass sie schätzungsweise innerhalb von zehn Tagen das japanische Staatsgebiet erreichen würde. Aufgrund des russischen Engagements blieb Tokio also keine Zeit und keine andere Möglichkeit als die bedingungslose Kapitulation. Japan kapitulierte wegen der sowjetischen Kriegserklärung, nicht wegen der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki. Auch ohne die Atombomben hätte der sowjetische Kriegseintritt eine Kapitulation ausgelöst [13], aber die japanische Führung ließ sich Zeit. Ihre formelle Kapitulation erfolgte am 14. August 1945.

Zum großen Leidwesen von Truman und seinen Beratern konnte die Rote Armee in diesen letzten Kriegstagen beträchtliche Fortschritte erzielen. Die Sowjets begannen sogar, die Japaner aus ihrer koreanischen Kolonie zu vertreiben – und zwar in Zusammenarbeit mit einer koreanischen Befreiungsbewegung unter der Führung von Kim Il-Sung, die sich als äußerst populär erwies und daher in der Lage war, nach der Befreiung des gesamten Landes von Japans bösem kolonialen Joch an die Macht zu kommen. Doch die Aussicht auf ein unabhängiges, sozialistisches Korea passte nicht in die amerikanischen Nachkriegspläne für den Fernen Osten. Washington schickte daher rasch Truppen, um den Süden der Halbinsel zu besetzen. Die Sowjets stimmten einer Teilung des Landes zu, die nur vorübergehend sein sollte, aber bis heute andauert. [14]

Es sah so aus, als ob die Amerikaner im Fernen Osten doch noch einen sowjetischen Partner finden würden. Aber Truman sorgte dafür, dass dies nicht der Fall war. Er tat so, als hätte die frühere Zusammenarbeit der drei Großmächte in Europa keinen Präzedenzfall geschaffen, als er am 15. August 1945 Stalins Antrag auf eine sowjetische Besatzungszone im besiegten Land der aufgehenden Sonne ablehnte. Und als General MacArthur am 2. September 1945 auf dem amerikanischen Kriegsschiff Missouri in der Bucht von Tokio offiziell die japanische Kapitulation entgegennahm, durften Vertreter der Sowjetunion und anderer Verbündeter im Fernen Osten, darunter Großbritannien und die Niederlande, nur als unbedeutende Statisten anwesend sein. Japan wurde nicht wie Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Amerikas besiegter Rivale sollte in seiner Gesamtheit nur von den Amerikanern besetzt werden. Und als amerikanischer Vizekönig in Tokio würde General MacArthur dafür sorgen, dass ungeachtet der Beiträge zum gemeinsamen Sieg, keine andere Macht ein Mitspracherecht in den Angelegenheiten Japans nach dem Krieg haben würde.

Die amerikanischen Eroberer gestalteten das Land der aufgehenden Sonne nach ihren Vorstellungen und zu ihrem Vorteil um. Im September 1951 unterzeichnete ein zufriedenes Amerika einen Friedensvertrag mit Japan. Die UdSSR, deren Interessen nie berücksichtigt worden waren, hat diesen Vertrag jedoch nicht mitunterzeichnet. Die Sowjets zogen sich zwar aus den von ihnen befreiten Teilen Chinas und Koreas zurück, weigerten sich aber, japanische Gebiete wie Sachalin und die Kurilen zu evakuieren, die in den letzten Kriegstagen von der Roten Armee besetzt worden waren. Dafür wurden sie in den Vereinigten Staaten später gnadenlos kritisiert, als ob die Haltung der amerikanischen Regierung selbst nichts mit dieser Frage zu tun gehabt hätte.

Die amerikanischen Führer glaubten, dass nach der japanischen Vergewaltigung Chinas und der Demütigung traditioneller Kolonialmächte wie Großbritannien, Frankreich und der Niederlande sowie nach ihrem eigenen Sieg über Japan nur noch die Beseitigung der UdSSR im Fernen Osten – scheinbar eine reine Formalität – erforderlich war, um ihren Traum von der absoluten Hegemonie in diesem Teil der Welt zu verwirklichen. Umso größer war ihre Enttäuschung und ihr Verdruss, als China nach dem Krieg an Maos Kommunisten „verloren“ ging. Um die Sache noch schlimmer zu machen, entschied sich die nördliche Hälfte Koreas, – eine ehemalige japanische Kolonie, die die USA zusammen mit Japan selbst, hofften, auf Vasallenstatus reduzieren zu können – für einen eigensinnigen Weg zum Sozialismus. Und in Vietnam verfolgte eine populäre Unabhängigkeitsbewegung unter der Führung von Ho Chi Minh ebenfalls Pläne, die sich als unvereinbar mit den großen Ambitionen der Vereinigten Staaten in Asien erwiesen. Kein Wunder also, dass es zum Krieg in Korea und Vietnam und beinahe zu einem bewaffneten Konflikt mit „Rotchina“ kam.

Um Japan in die Knie zu zwingen, war es nicht notwendig, die Atombombe einzusetzen. Wie eine gründliche amerikanische Studie über den Krieg in der Luft, die „US Strategic Bombing Survey“, kategorisch einräumte, „hätte Japan mit Sicherheit vor dem 31. Dezember 1945 kapituliert, auch wenn die Atombomben nicht abgeworfen worden wären, wenn Russland nicht in den Krieg eingetreten und auch wenn keine Invasion geplant oder in Erwägung gezogen worden wäre.“ [15] Mehrere führende amerikanische Militärs haben dies öffentlich anerkannt, darunter Henry „Hap“ Arnold, Chester Nimitz, William „Bull“ Halsey, Curtis LeMay und der zukünftige Präsident Dwight Eisenhower. Truman wollte die Bombe jedoch aus einer Reihe von Gründen einsetzen, nicht nur, um die Japaner zur Kapitulation zu bewegen. Er erwartete, dass der Abwurf der Atombombe die Sowjets aus dem Fernen Osten heraushalten und die dortige Führung in Angst und Schrecken versetzen würde, so dass Washington dem Kreml seinen Willen in Bezug auf europäische Angelegenheiten aufzwingen konnte. Und so wurden Hiroshima und Nagasaki in Schutt und Asche gelegt. Viele amerikanische Historiker wissen das nur zu gut. Sean Dennis Cashman schreibt:

„Im Laufe der Zeit sind viele Historiker zu dem Schluss gekommen, dass die Bombe auch aus politischen Gründen eingesetzt wurde … Vannevar Bush [der Leiter des US-Büros für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung] erklärte, dass die Bombe ‚auch rechtzeitig geliefert wurde, so dass es am Ende des Krieges keine Notwendigkeit für irgendwelche Zugeständnisse an Russland gab.‘ Außenminister James F. Byrnes [Trumans Außenminister] hat eine ihm zugeschriebene Aussage nie dementiert, wonach die Bombe dazu diente, der Sowjetunion die amerikanische Macht zu demonstrieren, um [die Sowjets] in Europa handhabbarer zu machen.“ [16]

Truman selbst erklärte damals scheinheilig, der Zweck der beiden Atombombenabwürfe sei es gewesen, „die Jungs nach Hause zu bringen“, d.h. den Krieg schnell und ohne weitere große Verluste auf amerikanischer Seite zu beenden. Diese Erklärung wurde von den amerikanischen Medien unkritisch übernommen und so entstand ein Mythos, der von ihnen, den Mainstream-Historikern in den USA, der westlichen Welt im Allgemeinen und natürlich von Hollywood eifrig verbreitet wurde.

Der Mythos, dass zwei japanische Städte nuklear bombardiert wurden, um Tokio zur Kapitulation zu zwingen und dadurch den Krieg zu verkürzen und Menschenleben zu retten, war „Made in USA“. Er wurde in Japan allerdings eifrig unterstützt, dessen Nachkriegsführer – Vasallen der USA – ihn aus einer Reihe von Gründen als äußerst nützlich empfanden, wie Ward Wilson in seinem ausgezeichneten Artikel über die Bombe dargelegt hat.

Erstens fanden es der Kaiser und seine Minister, die in vielerlei Hinsicht für einen Krieg verantwortlich waren, der so viel Elend über das japanische Volk gebracht hatte, äußerst angenehm, ihre Niederlage – wie Wilson es ausdrückt – auf „einen erstaunlichen wissenschaftlichen Durchbruch“ zu schieben, „den niemand hätte vorhersagen können“. Das blendende Licht der Atomexplosionen machte es sozusagen unmöglich, ihre „Fehler und Fehleinschätzungen“ zu erkennen. Das japanische Volk war darüber belogen worden, wie schlimm die Lage wirklich war und dass sich das Elend so lange hingezogen hatte, nur um den Kaiser zu retten. Die Bombe lieferte jedoch die perfekte Entschuldigung dafür, den Krieg verloren zu haben. Schuldzuweisungen waren nicht nötig; es musste kein Untersuchungsgericht abgehalten werden. Japans Führer konnten behaupten, sie hätten ihr Bestes getan. Auf der allgemeinsten Ebene diente die Bombe also dazu, die Schuld von der japanischen Führung abzulenken.

Zweitens brachte die Bombe Japan internationale Sympathien ein. Wie Deutschland hatte auch Japan einen Angriffskrieg geführt und alle möglichen Kriegsverbrechen begangen. Beide Länder suchten nach Wegen, ihr Image zu verbessern, indem sie die Rolle des Täters gegen die des Opfers eintauschten. In diesem Zusammenhang erfand das (West-)Deutschland der Nachkriegszeit den Mythos von der Roten Armee, die als eine neuzeitliche Horde rassisch minderwertiger Mongolen dargestellt wurde, die auf Berlin zustürmte, blonde Fräuleins vergewaltigte und auf dem Weg nach Berlin friedliche Lebkuchenstädte plünderte. In ähnlicher Weise erlaubten es Hiroshima und Nagasaki Japan, sich als „eine geschädigte Nation darzustellen, die zu Unrecht mit einem grausamen und entsetzlichen Kriegsinstrument bombardiert wurde“.

Drittens: Die amerikanische Vorstellung, dass die Bombe den Krieg beendet habe, würde Japans amerikanischen Nachkriegsherren sicher gefallen. Letztere würden Japans Oberschicht vor den Forderungen nach radikalen gesellschaftlichen Veränderungen schützen, die von radikalen Elementen, einschließlich Kommunisten, ausgingen, deren Evangelium „unter Japans Armen Widerhall fand und die plutokratische Herrschaft bedrohte“ [17]. Aber die Elite befürchtete schon seit geraumer Zeit, dass die Amerikaner die Institution des Kaisers abschaffen und viele hohe Regierungsbeamte, Banker und Industrielle wegen Kriegsverbrechen anklagen könnten. Es wurde daher als nützlich erachtet, den Amerikanern zu gefallen. Wie ein japanischer Historiker es ausdrückte: 

„Wenn sie glauben wollten, dass die Bombe den Krieg gewonnen hätte – warum sie dann enttäuschen?“ 

Die japanische Akzeptanz ihres Hiroshima-Mythos gefiel den Amerikanern, weil sie dazu diente, in Japan, ganz Asien und der ganzen Welt zu verbreiten, dass die USA militärisch allmächtig, aber friedliebend und bereit waren, ihr Monopol auf die Atombombe nur dann einzusetzen, wenn es absolut notwendig war. Ward Wilson fährt fort und schließt wie folgt:

„Wäre hingegen der sowjetische Kriegseintritt der Grund für die Kapitulation Japans, könnten die Sowjets behaupten, sie hätten in vier Tagen geschafft, wozu die Vereinigten Staaten in vier Jahren nicht in der Lage waren – wodurch die Wahrnehmung der sowjetischen Militärmacht und des sowjetischen diplomatischen Einflusses gestärkt werden würde. Und sobald der Kalte Krieg im Gange war, wäre die Behauptung, der sowjetische Einmarsch sei der entscheidende Faktor gewesen, gleichbedeutend damit gewesen, dem Feind Hilfe und Trost zu spenden.“ [18]

Im Laufe der Jahre hat der Mythos, das „Nuking“ zweier japanische Städte sei gerechtfertigt gewesen, auf beiden Seiten des Pazifiks stark an Attraktivität verloren. Im Jahr 1945 sahen das überwältigende 85 % der Amerikaner so, aber dieser Anteil sank auf 63 % im Jahr 1991 und 29 % im Jahr 2015; von der japanischen Bevölkerung stimmten 2015 nur 14 % zu [19]. Der Mythos brauchte offensichtlich Auftrieb, und dieser wurde von einem Nachfolger Trumans, Präsident Barack Obama, gebührend geliefert.

Obama besuchte Hiroshima im Mai 2016. In einer öffentlichen Ansprache bezeichnete er die Pulverisierung der Stadt durch die Atombombe im Jahr 1945 kühl als „Tod, der vom Himmel fällt“ – als ob es sich um einen Hagelsturm oder ein anderes Naturereignis gehandelt hätte, mit dem sein Land nichts zu tun hatte. Er versäumte es auch, ein einziges Wort des Bedauerns, geschweige denn eine Entschuldigung im Namen von Uncle Sam auszusprechen. In einem enthusiastischen Bericht über diesen Auftritt des Präsidenten schrieb die New York Times, eine der führenden amerikanischen Zeitungen, dass „viele Historiker glauben, dass die Bombenangriffe auf Hiroshima und danach Nagasaki, die zusammen mehr als 200.000 Menschen das Leben kosteten, unter dem Strich Leben gerettet haben, da eine Invasion der Inseln zu einem weitaus größeren Blutvergießen geführt hätte“ [20]. Dass zahlreiche Fakten diesem „Glauben“ widersprechen und dass zahlreiche Historiker das genaue Gegenteil glauben, wurde mit keinem Wort erwähnt. So werden Mythen – selbst marode Mythen – am Leben erhalten.

Quellen:

[1] France was to join this trio later, thus making it the Big Four.
[2] Kolko (1968), pp. 50-51.
[3] Williams, p. 250.
[4] Dülffer, p. 155.
[5] Kolko (1976), p. 355.
[6] Alperovitz, p. 223.
[7] Alperovitz, p.156.
[8] Pauwels, pp. 178-79.
[9] Quoted in Alperovitz, p. 24.
[10] Wilson.
[11] Quoted in Terkel, p. 535.
[12] Kohls.
[13] Hasegawa, pp. 185-86, 295-97; Wilson.
[14] For a myth-free history of the tragedy if the division of Korea, see the books by Cummings and by Gowans.
[15] Quotation in Horowitz, p. 53.
[16] Cashman, p. 369.
[17] American historian Sarah C. Paine as quoted in Gowans, p. 106.
[18] Wilson
[19] Stokes.
[20] Harris.

 

Literatur:

Alperovitz, Gar. Atomic Diplomacy: Hiroshima and Potsdam. The Use of the Atomic Bomb and the American Confrontation with Soviet Power, new edition, Harmondsworth, Middlesex, 1985 (original edition 1965).

Cashman, Sean Dennis. Roosevelt, and World War II, New York and London, 1989.

Cummings, Bruce. The Korean War: A History, New York, 2011.

Dülffer, Jost. Jalta, 4. Februar 1945: Der Zweite Weltkrieg und die Entstehung der bipolaren Welt, Munich, 1998.

Gowans, Stephen. Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom, Montreal, 2018.

Harris, Gardiner. “At Hiroshima Memorial, Obama Says Nuclear Arms Require ‘Moral Revolution’”, The New York Times, May 27, 2016

Hasegawa, Tsuyoshi. Racing the Enemy: Stalin, Truman, and the Surrender of Japan, Cambridge, MA, 2005.

Kohls, Gary G. “Whitewashing Hiroshima: The Uncritical Glorification of American Militarism,” <http://www.lewrockwell.com/orig5/kohls1.html>

Kolko, Gabriel. The Politics of War: The World and United States Foreign Policy, 1943-1945, New York, 1968.

Kolko, Gabriel. Main Currents in Modern American History, New York, 1976.

Pauwels, Jacques R. The Myth of the Good War: America in the Second World War, revised edition, Toronto, 2015.

Stokes, Bruce. “70 years after Hiroshima, opinions have shifted on use of atomic bomb”, Factank, August 4, 2015, <https://www.pewresearch.org/fact-tank/2015/08/04/70-years-after-hiroshima-opinions-have-shifted-on-use-of-atomic-bomb>.

Terkel, Studs. “The Good War”: An Oral History of World War Two, New York, 1984.

Williams, William Appleman. The Tragedy of American Diplomacy, revised edition, New York, 1962.

Wilson, Ward. “The Bomb Didn’t Beat Japan … Stalin Did. Have 70 years of nuclear policy been based on a lie?”, F[oreign]P[olicy], May 30, 2013, <https://foreignpolicy.com/2013/05/30/the-bomb-didnt-beat-japan-stalin-did>.