Der Fall Navalny, die Berliner Ärzte und die Fachzeitschrift The Lancet

Von Published On: 17. April 2021Kategorien: Medien & Technik
Die ärztliche Vorschrift, nicht zu schaden kollidiert mit der Mengele-Ethik.

Dieser Text wurde zuerst am 15.02.2021 auf www.johnhelmer.net unter der URL <http://johnhelmer.net/the-navalny-case-the-berlin-doctors-the-lancet-the-hippocratic-ethic-of-doing-no-harm-versus-the-mengele-ethic/> veröffentlicht. Lizenz: John Helmer / johnhelmer.net

Richard Horton (1. links) Astrid James (2. links), Kai-Uwe Eckardt (rechts) [Quelle: http://johnhelmer.net/the-navalny-case-the-berlin-doctors-the-lancet-the-hippocratic-ethic-of-doing-no-harm-versus-the-mengele-ethic/]

Was die behandelnden Berliner Ärzte, in den Blut- und Urintests von Alexej Navalny entdeckt haben, wird immer mysteriöser. Erst recht, seit der russische Außenminister Sergej Lawrow Anfang Februar öffentlich auf die klinischen Befunde des in der Schweiz ansässigen Neurologen Vitaly Kozak, verwiesen hat. Kozak äußert seit einigen Wochen öffentlich, dass die im Dezember 2020 in The Lancet veröffentlichten biomedizinischen Datentabellen Hinweise auf cholinesterase-hemmende Effekte einer Vergiftung durch das Medikament Lithium hindeuten. Ein Medikament, das Navalny vor seinem Zusammenbruch am 20. August selbst einnahm.

Damit wäre Navalnys Vergiftung eine pathologische Selbstmedikation – eine Überdosis – und kein Giftkomplott des Kremls.

Warum weigerten sich Richard Horton (Aufmacherbild, 1. links) und Astrid James (2. links), die Herausgeber von The Lancet, einen fundierten klinischen Kommentar mit Kozaks Fragen zu veröffentlichen? Aber es gibt noch weitere Rätsel.

Warum weigerte sich The Lancet, Fragen zu den Umständen der Veröffentlichung von Navalnys Testergebnissen, unabhängig vom Arztbericht der behandelnden Berliner Ärzte Kai-Uwe Eckardt (rechts) und David Steindl zu beantworten?

Eckardt und Steindl wurden jetzt gebeten, sich zu den Umständen der Veröffentlichung ihres Navalny-Berichts und den separat publizierten biomedizinischen Daten zu äußern. Sie antworten nicht. Auch nicht zum offensichtlichen Widerspruch zwischen den Belegen in ihren Untersuchungsergebnissen und den Presseberichten und der NATO-offiziellen Interpretation des Berichts. So wurden Eckardt und Steindl gefragt, ob der Titel ihres Berichts „Novichok-Nervengasvergiftung“ von ihnen stammt oder von The Lancet in London. Keine Antwort.

Wenn Ärzte zulassen, dass ihre wissenschaftliche Arbeit und ihre klinische Arbeit Bestandteil eines politischen Komplotts werden, das auf Fälschung von Beweisen und Verfälschung von Diagnosen beruht, verletzen sie in mehreren Punkten die Prinzipien des 2.500 Jahre alten hippokratischen Eides.

Denn sie richten vorsätzlich Schaden an, verursachen Unrecht, ignorieren ein potenziell tödliches Medikament und fälschen Belege für das Vorkommen einer andere Substanz, statt sich, wie es der antike Eid verlangt „von allen absichtlichen Verfehlungen und anderem verderblichen Verhalten“ fernzuhalten. Horton, James, Eckardt und Steindl haben allesamt den hippokratischen Eid geschworen, als sie Ärzte wurden. Als sie gebeten wurden, dies zu beherzigen, antworteten sie nicht.

Horton ist aktuell Chefredakteur der britischen Publikation „The Lancet“ die weltweit als Standard für die Bedeutung medizinischer Forschung gilt. Seinen Abschluss in Medizin machte er 1986 an der Universität von Birmingham. Er praktizierte nicht lange; 1990 kam er zu The Lancet. [1].

James, die stellvertretende Redakteurin, schloss 1986 ihr Medizinstudium am University College London ab. Danach praktizierte sie fünf Jahre lang als Ärztin im National Health Service, bevor sie 1988 medizinische Autorin wurde. Sie kam 1993 zu The Lancet. [2]

Am 22. Dezember 2020 stimmte sie der Veröffentlichung des Fallberichts, der Navalny seit dem 22. August behandelnden Charitè-Ärzte, zu. [3]

Der aufmerksame Leser des Berichts bemerkt, dass die Autoren zugaben, keine Spuren einer Organophosphat-Vergiftung in Navalnys Blut, Urin oder auf seiner Haut nachgewiesen zu haben. Sie untersuchten aber keine Wasserflasche und keines der Kleidungsstücke, die von Navalnys Mitarbeitern mit dem Evakuierungsflugzeug nach Berlin gebracht wurden. Sie räumten außerdem ein, dass sie nicht wussten, was die „schwere Vergiftung mit einem Cholinesterase-Hemmer“ verursacht haben könnte, bis das Bundeswehrlabor in München zwei Wochen später die Behauptung veröffentlichte, dass es sich um Novichok handele. Nachzulesen ist die am 23. Dezember 2020 veröffentlichte Analyse unter Quelle [4].

Für den Titel des Berichts und für die Schlussfolgerung, dass Navalnys niedrige Cholinesterase-Werte durch einen Novichok-Angriff verursacht wurden, stützten sich die deutschen Ärzte auf Angaben aus Pressemitteilungen und Äußerungen von deutschen Regierungsvertretern. Diese wurden in den westlichen Medien weit verbreitet. Aber über die Belege des deutschen Armeelabors wurde nie veröffentlicht, und kein Arzt dort hat seine Unterschrift unter die nachfolgenden Interpretationen von Beamten und Medien gesetzt.

Ein ganz ähnliches Desinformationsverfahren per Pressemitteilung fand anschließend beim staatlichen schwedischen Verteidigungslabor und bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) statt. Ohne es zu ahnen, stießen diese Organisationen jedoch auf ein Problem mit den von Eckardt, Steindl und ihren Kollegen an der Charité veröffentlichten Datensätzen. An den Tagen, an denen die Schweden und die OPCW ihre Proben von Navalnys Blut und Urin genommen haben wollen, waren seine Cholinesterase-Werte laut den deutschen Aufzeichnungen so nahe am Normalwert, dass es für die schwedischen Verteidigungsbeamten, die OPCW, die französische und die deutsche Regierung eigentlich unmöglich war, zu behaupten, sie hätten Beweise für einen auf Befehl von Präsident Wladimir Putin verübten russischen Novichok-Angriff. Ein detailliertes Dossier zu diesen Beweisen finden Sie unter Quelle [5].

Die Anzeichen einer Lithium-Überdosis und von Überdosierungen mehrerer Benzodiazepin-Medikamente sind nicht zu bestreiten. Die Ärzte der Charité veröffentlichten sie in dem, was Horton und James von The Lancet einen „ergänzenden Anhang“ nannten. Tatsächlich gibt es vier separate Anhänge, die mit S1 bis S4 gekennzeichnet sind.

Am 12. Januar 2021 wurden detaillierte klinische Berichte zu den Daten von Pharmakologen, Ärzten und Toxikologen veröffentlicht. Nach Erscheinen des Artikels gab es ungewöhnlich starke Aktivitäten auf die Website; für mehrere Stunden war die Veröffentlichung im Internet nicht zugänglich. [6, 7]

Ein Psychiater, der sich auf Benzodiazepine spezialisiert hat, fügte seine Kommentare einem neuen Bericht hinzu, der am 17. Januar veröffentlicht wurde. Diese (nicht-russischen) Experten waren sich darüber einig, welche Folgen die mögliche Einnahme des Medikamenten-Cocktails aus Benzodiazepinen und Lithium (möglicherweise auch Alkohol) am Abend des 19. August oder am frühen Morgen des 20. August, dem Tag des Zusammenbruchs, haben würde. [8]

Der „ergänzende Anhang“ war nicht direkt an den Fallbericht vom 22. Dezember angehängt, wie es im Publikationsprozess bei der Zeitschrift üblich wäre; und wie es die Autoren durch ihre Verweise auf den Anhang innerhalb ihres Textes ihres Berichts beabsichtigten. Es war auch nicht einfach, den Anhang zu finden, nachdem man den Bericht durch Anklicken geöffnet hatte; „See Online for appendix“ ist in kleiner Schrift auf der ersten Seite vermerkt. Warum also haben Horton und James von The Lancet entschieden, die Datentabellen mit dem Hinweis zu veröffentlichen: „Dieser Anhang ist Teil der Original Einreichung und wurde überprüft. Wir veröffentlichen ihn so, wie er von den Autoren bereitgestellt wurde.“? [9]

Warum fehlt in ihrer separaten Publikation eine Datumsangabe, wann die Daten online gestellt wurden? Und wie war es möglich, dass Horton, James und die zuständigen Gutachter nicht bemerkten, dass die Daten die Schlussfolgerung des Titels des Fallberichts nicht belegten? Ist es möglich, dass die Herausgeber den Widerspruch bemerkt haben und versucht haben, ihn zu verstecken oder ihn ganz zu unterdrücken? Die Aufzeichnungen, die Vitaly Kozak machte als er mit The Lancet kommunizierte, bestätigen, dass Horton und James auf die Ergebnisse hingewiesen wurden, die eine andere Interpretation für Navalnys Zusammenbruch nahelegten als die politische Begründung, die von den Redakteuren des Lancet akzeptiert wurde und die sie für die Überschrift des Berliner Arztberichts verwendeten, Kozaks Version tauchte erstmals in Deutschland am 11. Januar auf.

Die deutsche Publikation stellte auch den Text von Kozaks Kommentar zur Verfügung, den er bei The Lancet in London eingereicht hatte. „Ich möchte einige wichtige Anmerkungen zur Veröffentlichung machen und einige Punkte hervorheben, die meiner Meinung nach einer Erklärung bedürfen. Zunächst einmal muss ich meine Interessenkonflikte offenlegen. Ich schreibe diese Kommentare auf Bitten der Redaktion von World Economy Wirtschaft & Finanzen Newsreport ohne Honorar. Als Kliniker und Wissenschaftler versuche ich mich nicht einer Seite anzuschließen, sondern gleichen Abstand zu halten.“ [10]

Kozak konzentrierte sich auf zwei klinische Punkte, die mit dem Fallbericht und seinen Anhängen aufgedeckt wurden.

Der Erste war der Nachweis von Navalnys Lithiumkonsum und die Möglichkeit, dass es – wie bereits in anderen Untersuchungen berichtet – „eine Toxizitätsbelastung in Verbindung mit Lithium gibt. […] Das ist erstens erwähnenswert, weil das Lithium möglicherweise eine Rolle bei der Cholinesterase-Hemmung im Blut spielt.“

Der zweite Punkt war ein Symptom, das in Navalnys Fallbericht auftaucht. Laut Kozaks Kommentar zum Lancet-Artikel „wird in der Publikation erwähnt, dass der Patient 31 Stunden nach Symptombeginn, geweitete, nicht auf Licht reagierende Pupillen hatte, was im Widerspruch zur Theorie der Cholinesterase-Vergiftung steht. Leider lieferten die Autoren in ihrer Abhandlung keine Erklärung für diesen Befund. Die weiten Pupillen sind schwerlich durch eine angenommene vollständige Blockade der Nervenimpulsübertragung oder Effekte der vermuteten Therapie mit Atropin zu erklären, da weite Pupillen mit Bradykardie (langsamer Herzschlag) und Hypothermie (offensichtlich als Folge der schweren Diaphorese (Schwitzen)) kombiniert auftraten.“

Kozaks fachliche Qualifikation als Neurologe ist in der internationalen medizinischen Forschungsliteratur [11] und durch seine Schweizer Dissertation [12] belegt. Kozak war qualifizierter, Navalnys klinische Daten zu kommentieren, als die Neurologen der Charité, die sich selbst als Co-Autoren des Fallberichts vom 22. Dezember und seines Anhangs anführten: Wolfgang Boehmerle, Franziska Scheibe, Katharina Demin und Matthias Endres. Keiner von ihnen hat die Anzahl von Kozaks Publikationen und auch keine vergleichbare Facharzttausbildung. Für Boehmerle, Scheibe und Demin war der Navalny-Fallbericht ihre erste professionelle Veröffentlichung überhaupt.

Ungeachtet dessen scheint die Veröffentlichung von Kozaks Untersuchungen und Schlussfolgerungen aus Hortons und James‘ Datentabellen irgendwann zwischen 11. und 22. Januar 2021 von The Lancet abgelehnt worden zu sein.

Die Aufzeichnungen von Kozak wurden auch von medizinischen Spezialisten in Moskau zur Kenntnis genommen. Ein russischer Reporter bat am 14. Januar mehrere Spezialisten nicht nur den Bericht der Berliner Ärzte zu kommentieren sondern auch die Ergebnisse der Computertomografie (CT) und Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT), die zwischen dem 20. und 22. August im Omsker Krankenhaus an Navalny durchgeführt und aufgezeichnet wurden [13]. Er verweist in seinem Artikel auf Quellen aus dem Umfeld von Navalnys Ärzten, die im Vorfeld bereits bekannte Vorerkrankungen als Mit-Verursacher seines drogenindizierten Zusammenbruchs am 20. August identifizierten. Die weiteren Diagnosen „neben der Hauptdiagnose (einer Störung des Kohlenhydrat-Stoffwechsels) – Störungen, wie Wasser-Elektrolyt-Störungssyndrom, laktat-azidämisches Koma, dysmetabolische Enzephalopathie (schwerer Verlauf), myoklonischer Status, akutes Atemversagen“ blieben von den Medien unbeachtet. Auch über eine chronische Pankreatitis wurde nicht berichtet.

So diskussionswürdig die Kommentare von Kozak und der Moskauer Klinik auch sein mögen, die von The Lancet präsentierten Beweise können nicht diskutiert werden. Die Daten des Omsker Krankenhauses, einschließlich der Blut- und Urintests sowie der CT- und MRT-Ergebnisse, sind noch nicht veröffentlicht worden.

Am 1. Februar 2021 wurde jedoch vom russischen Außenministerium ein Dossier mit detaillierter Zeitleiste veröffentlicht. Hier wurde berichtet, dass „die russischen Ärzte, die keine Giftstoff-Spuren in Navalnys Proben fanden, sofort und grundlos wegen ihrer Schlussfolgerungen denunziert wurden.“ Dies war eine Warnung der russischen Regierung, dass die Daten aus Omsk veröffentlicht werden könnten. [14]

Eine Woche später, am 8. Februar 2021, äußerte Außenminister Sergej Lawrow, er habe einen Brief von Kozak erhalten, der dieselben Untersuchungsergebnisse enthielt, die Kozak auch an The Lancet geschickt hatte. Offensichtlich hoffte die russische Regierung, dass trotz der Zurückweisung bei The Lancet Kozaks Bericht international eher akzeptiert würde als die Beweise des Omsker Krankenhauses. Das war nicht der Fall, aber Lawrow hat den Versuch unternommen. [15]

„Ich begrüße“, so sagte Lawrow dem Fernsehinterviewer, „den sehr ausführlichen offenen Brief von Doktor Kozak, der am 22. Januar 2021 an mich gerichtet wurde, in dem er seine fachliche Meinung zu den vorliegenden Veröffentlichungen über die Behandlung von Alexej Navalny in der Charité in Berlin zum Ausdruck brachte. Da ich kein Experte für Chemie, Biologie oder Medizin bin, kann ich seine Analyse nicht fachlich kommentieren. Aber nach sorgfältiger Lektüre seiner Überlegungen, die auf bestehende Widersprüche hinweisen, stimme ich zu, dass alle Fragen und begründete Zweifel zu diesem Fall unbedingt geklärt werden müssen.“

Lawrow betonte, dass von dieser „Klärung“ die gesamte internationale Behauptung abhänge, dass Navalny Opfer eines Verbrechens geworden sei.

„Auch die Ärzte der Charité, wohin der Patient auf Drängen seiner Frau sofort gebracht wurde, haben – wie in Omsk – keine chemischen Kampfstoffe gefunden (sodass nach obiger Logik auch die Ärzte der Charité der Mittäterschaft verdächtigt werden könnten). Diese Kampfstoffe wurden erst später im Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr gefunden, wie die deutsche Regierung „verkündete“. Das war der Anlass zu den Vorwürfen gegen den russischen Staat, verbunden mit der Forderung, er solle seine ,Schuld‘ eingestehen und das ,Verbrechen‘ aufklären.“

Außenminister Sergej Lawrow beantwortet Fragen zum offenen Brief des Schweizer Neurologen Vitaly Kozak am 08.02.2021. Frage: Ende Januar hat der in der Schweiz tätige Neurologe Vitaly Kozak einen offenen Brief veröffentlicht, in dem er eine Reihe kniffliger Fragen zu einem Artikel in The Lancet Journal über die angebliche Vergiftung von Alexey Navalny mit einem chemischen Kampfstoff stellt. Haben Sie ihn gelesen? Haben Sie einen Kommentar dazu? Quelle: https://www.mid.ru/

Lawrow fasste zusammen: „Da die Fragen, die Herr Kozak in seinem offenen Brief vom wissenschaftlichen Standpunkt als Mediziner und Biologe aufwirft, vom Westen in seinem außenpolitischen Dialog mit uns sorgfältig vermieden werden, planen wir – wenn er nichts dagegen hat – die Aufmerksamkeit der Spitzenbeamten des technischen Sekretariats der OPCW sowie Deutschlands, Frankreichs und Schwedens auf seine Analyse zu lenken und sie um eine Stellungnahme zu bitten. Ich halte auch den Vorschlag Kozaks für wichtig, andere unabhängige Spezialisten der Biomedizin zu den oben genannten Fakten um Stellungnahme zu bitten. Ich hoffe, sie werden Herrn Kozak anhören und als ehrliche Fachleute die von Kozak formulierten Fragen kommentieren.“ Lawrows Äußerungen wurden zum damaligen Zeitpunkt von den internationalen Medien ignoriert, das gleiche galt für Kozaks. Lawrow hatte die Ärzte der Bundeswehr der Lüge bezichtigt: „Ich meine die Bundeswehr-Ärzte. Sie sind auch Ärzte. Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass, wenn die Omsker Ärzte nichts gefunden haben und die Charité-Ärzte auch nicht – man könnte auch die Charité-Ärzte beschuldigen, Beweise für die Vergiftung Navalnys zu verheimlichen. Es wurde viel über die Bundeswehr geredet. Das spricht nicht dafür, dass Deutschland verantwortungsvoll seinen internationalen Verpflichtungen nachkommt.“ [16]

Was kann bei The Lancet passiert sein, dass zunächst die Untersuchungsergebnisse als Beleg gegen die vermeintliche Vergiftung Navalnys veröffentlicht wurde, dass die Ergebnisse von Falchleuten überprüft wurden (peer review), dass dann aber Kozak doch daran gehindert wurde, eine Aufklärung der Widersprüche in den Untersuchungsergebnissen einzufordern?

Die Lancet-Pressesprecherin Jessica Kleyn bestätigte, dass E-Mails an Horton und James geschickt wurden, und folgende Fragen dann noch telefonisch gestellt wurden:

1. Wann genau wurde der „ergänzende Anhang“ erstmalig veröffentlicht?

2. Aus welchem Grund wurde er getrennt vom am 22. Dezember 2020 veröffentlichten Bericht publiziert?

3. Was war der Grund für die separate Begutachtung der Datentabellen durch Fachleute und ihrer Aussage, dass sie das bereits angeordnet hatten?

4. Wann haben Sie von Dr. Kozak die fachliche Stellungnahme zu den Daten und dem Bericht vom 22. Dezember erhalten?

5. Dr. Kozak sagt, er habe um eine Veröffentlichung als Kommentar gebeten. Ist das korrekt?

6. Dr. Kozak sagt, die Veröffentlichung wäre abgelehnt worden. Ist das korrekt?

7. War diese Ablehnung eine Entscheidung der Lancet-Redaktionsleitung? Eine von Fachgutachtern? Oder von einer Gruppe aus Redakteuren, Fachgutachtern und/oder anderen Personen?

8. Dr. Kozak hat Fragen aufgeworfen, um den Spielraum der Interpretationen der veröffentlichten Datentabellen nachzuvollziehen. Warum werden diese Fragen nicht veröffentlicht?

In der Charité in Berlin wurde Eckardt und Steindl eine ähnliche Liste von Fragen gestellt:

1. Wann genau wurde der „ergänzende Anhang“ erstmalig veröffentlicht?

2. Aus welchem Grund wurde er getrennt vom am 22. Dezember 2020 veröffentlichten Bericht publiziert?

3. Was war der Grund für die separate Fachbegutachtung der Datentabellen?

4. Stammt der Titel des Lancet-Berichts unter Ihrem Namen, „Vergiftung durch den Nervenkampfstoff Novichok“ von Ihnen?

5. Haben Sie Kenntnis von Dr. Vitaly Kozaks fachlicher neurologischer Stellungnahme zu den Daten und dem Bericht vom 22. Dezember 2020?

6. Dr. Kozak sagt, dass er die Veröffentlichung als Kommentar erbeten hat, in Form von Fragen zur Auswirkung der Cholinesterase-Hemmung des Lithiums, das Sie in Ihren Datentabellen angegeben haben. Dr. Kozak behauptet weiterhin, dass auch dies abgelehnt wurde. Kennen Sie den Grund für die Ablehnung?

7. Haben Sie als praktizierender Arzt den hippokratischen Eid geschworen?

Auch sie weigerten sich, die Fragen zur Kenntnis zu nehmen oder zu beantworten. Der letzte Punkt ist wichtig, aber er wird leicht vergessen. Auch wenn Ärzte ihre Fallberichte schreiben und veröffentlichen, sind sie an den hippokratischen Eid gebunden. Dieser ist für Eckardt, Steindl und ihre Kollegen in Berlin heute nicht weniger verbindlich als für Horton und James in London. Auch Journalisten schwören Eide, aber es sind keine Eide, die auf einer Berufsethik beruhen. Horton und James sind Mediziner, keine Journalisten, und sie waren an ihren hippokratischen Eid gebunden, als sie den Bericht vom 22. Dezember über Navalny veröffentlichten, als sie die Novichok-Behauptung in den Titel des Berichts setzten, als sie den Anhang mit den Datensätzen separat veröffentlichten, und als sie sich weigerten, Kozaks Kommentar zu veröffentlichen.

Kozak wurde per E-mail und telefonisch befragt. Er weiß nicht, warum die Datentabellen in den Anhängen getrennt vom Fallbericht veröffentlicht wurden. Er wollte seinen Schriftwechsel mit dem Lancet nicht offenlegen.

Die Revolution in der antiken griechischen Medizin, die mit dem Namen Hippokrates verbunden ist und die detaillierte Methodik für medizinische Analysen, die die Griechen um Hippokrates entwickelt haben, wurde kürzlich von dem englischen Altphilologen Robin Lane Fox niedergeschrieben. Er hat den vollständigen Text des Eides auf Seite 79 seines Buches übersetzt. Er liefert den bisher umfassendste Untersuchung zur griechischen Medizin-Ethik und zur wissenschaftlichen Methodik im fünften Jahrhundert v. Chr.

Fox kommt darin zu dem Schluss, dass die Irrtümer der Ärzte in der griechischen Antike „über Keime oder Ansteckung, den Körper der Frau oder den Nutzen von Nasenbluten heute bekannt sind, [ihre] Herangehensweise war jedoch nicht falsch. Sie beruhte auf Beobachtung, Menschlichkeit, der Achtsamkeit schädliche Behandlungen zu vermeiden und auf dem Glauben, dass ähnliche Fälle wiederkehren und dann durch neue Erkenntnisse besser behandelt werden könnten. Diese Herangehensweise wird für alle Zeiten gelten, sie sind die ersten nutzbaren Texte zur Entwicklung der medizinischen Wissenschaft“.

Die Berliner Ärzte und die Redakteure von The Lancet waren Ärzte, als sie ihren Fallbericht über Navalny zur Veröffentlichung für andere Ärzte verfassten. Ob die Berliner Ärzte oder die Lancet-Redakteure es nun anerkennen oder nicht, sie alle waren an den hippokratischen Eid gebunden, als sie den Navalny-Bericht veröffentlichten.

Eine andere ärztliche Ethik – die Antithese zum hippokratischen Eid, die den Deutschen vertraut ist, – wurde von staatlichen Stellen diktiert, die darauf abzielten Schaden anzurichten und es im Ergebnis auch tat. Sie wurde in der jüngeren deutschen Geschichte praktiziert. Sie ist verbunden mit dem Namen Josef Mengele, dem SS-Offizier und Arzt, der die meiste Zeit des Krieges im Konzentrationslager Auschwitz praktizierte [17].

Als Lawrow in seinem Fernsehinterview sagte, dass das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr der Ursprung der Behauptung der Novitschok-Vergiftung sei, wollte er damit andeuten, dass die Ethik der deutschen Armee nicht die der Ärzte ist, mit deren Namen der Bericht beim Lancet unterzeichnet ist.

In der Präsentation ihrer Beweisführung behaupten Eckardt, Steindl und die anderen nämlich nicht, dass ihre vier Tabellen über die biochemischen Daten Navalnys die Novichok-Vergiftungsbehauptung belegen. Das fing bei Navalnys Mitarbeitern an und wurde durch die Bundeswehr und Äußerungen der Bundeskanzlerin Angela Merkel bekräftigt. Aber weil sie zu den gestellten Fragen schwiegen und die von Kozak gestellten Fragen ignorierten, machten sich die deutschen Ärzte mitschuldig an der Navalny-Kampagne, die von Deutschland und den westlichen Verbündeten geführt wird. In dieser Kampagne spricht das Schweigen von Horton, James und The Lancet Bände.

Quellen:

[1] lse, Department of Health Policy, „The Lancet Team“, 2021, <https://www.lse.ac.uk/health-policy/research/LSE-Lancet-Commission/The-Lancet-team>

[2] siehe [1]

[3] The Lancet, David Steindl, wolfgang Boehmerle, Roland Körner, Damaris Praeger, Marcel Haug, Jens Nee et. al., „Novichok nerve agent poisoning“, am 22.12.2020, <https://www.thelancet.com/pdfs/journals/lancet/PIIS0140-6736(20)32644-1.pdf>

[4] John Helmer.net, John Helmer, „Berlin Doctors’ Report On Navalny Case Reveals New Evidence, Raises New Questions“, am 23.12.2020, <http://johnhelmer.net/berlin-doctors-report-on-navalny-case-reveals-new-evidence-raises-new-questions/>

[5] John Helmer.net, John Helmer, „Category: Navalny“, <http://johnhelmer.net/category/navalny/>

[6] drive.google.com, Steindl D, Boehmerle W, Körner R, et al., „Novichok nerve agent poisoning.“, The Lancet 2020, <https://drive.google.com/file/d/1zYD6nPDhmpuTsu6r-BReHaI-wVLiXzoh/view>

[7] John Helmer.net, John Helmer, „BERLIN CLINICAL DATA CONFIRM ALEXei Navalny Had Pancreatitis, Diabetes, Liver Failure, Staphylococcal Infection, Mild Heart Attack – No Novichok Symptoms“, am 12.01.2021, <http://johnhelmer.net/berlin-clinical-data-confirm-alexei-navalny-had-pancreatitis-diabetes-liver-failure-staphylcoccal-infection-mild-heart-attack-no-novichok-symptoms/>

[8] John Helmer.net, John Helmer, „Navalny ‘S Courtroom Wager – Biomedical And Drugs Evidence And Article 275 Of The Russian Criminal Code“, am 17.01.2021, <http://johnhelmer.net/navalny-s-courtroom-wager-biomedical-and-drugs-evidence-and-article-275-of-the-russian-criminal-code/>

[9] siehe [6]

[10] world-economy.eu, Dr. sc. med. Vitalii V. Kozak, Neurologist, „Comment to the publication of Steindl and colleagues in Lancet“, <https://www.world-economy.eu/fileadmin/world-economy/AS/NAwaly/Comment_to_the_publication_of_Steindl_and_colleagues_in_Lancet__on_the_treatment_of_Russian_videoblogger_in_Hospital_Charit%C3%A9_in_2020_.pdf>

[11] <http://publicationslist.org/vitaly.kozak>

[12] edoc.unibas.ch, Vitalii V. Cozac (Kozak), „Quantitative Electroencephalography and Genetics as Biomarkers of Dementia in Parkinson’s disease“, 2018, <https://edoc.unibas.ch/64618/1/Dissertation CozacV.pdf>

[13] zavtra.ru, Alexey Ivanov, „„Der Patient kann nicht mit einem langen und glücklichen Leben rechnen – er ist schwer krank““, am 14.01.2021, <https://zavtra.ru/events/patcient_ne_mozhet_rasschitivat_na_dolguyu_i_schastlivuyu_zhizn_on_tyazhelo_bolen>

[14] mid.ru, The Ministry of Foreign Affairs of The Russian Federation, „Press release on Russian-German contacts on the “Alexey Navalny case”“, am 01.02.2021, <https://www.mid.ru/en/foreign_policy/news/-/asset_publisher/cKNonkJE02Bw/content/id/4546417>

[15] mid.ru, The Ministry of Foreign Affairs of The Russian Federation, „Foreign Minister Sergey Lavrov answers questions on the open letter from Swiss neurologist Vitaly Kozak“, am 08.02.2021, <https://www.mid.ru/en/foreign_policy/news/-/asset_publisher/cKNonkJE02Bw/content/id/4561997>

[16] mid.ru, The Ministry of Foreign Affairs of The Russian Federation, <https://www.mid.ru/ru/foreign_policy/news/-/asset_publisher/cKNonkJE02Bw/content/id/4570813>

[17] wikipedia.org, „Josef Mengele“, <https://en.wikipedia.org/wiki/Josef_Mengele>