Afghanistan und die Klimakrise

Von Published On: 13. Oktober 2021Kategorien: Umwelt & Energie
Letzten Monat schrieben wir über das Ende der amerikanischen Besatzung in Afghanistan und den Sieg der Taliban [1]. In diesem Beitrag geht es um den Klimawandel in Afghanistan. Das Thema ist dringend. Afghanistan ist eines der Länder auf der Welt, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.

Dieser Text wurde zuerst am 15.09.2021 auf www.annebonnypirate.org unter der URL <https://annebonnypirate.org/2021/09/15/weaponizing-climate-change-in-afghanistan/> veröffentlicht. Lizenz: Nancy Lindisfarne und Jonathan Neale, Annebonnypirate.org, CC BY-NC-ND 4.0  

Titelbild: Durch Dürren droht eine humanitäre Katastrophe in Afghanistan. (Gerhard G., Pixabay, Pixabay License)

In diesem Jahr hat eine lang anhaltende, durch den Klimawandel verursachte Dürre die Ernte um fast die Hälfte reduziert. Hunger und Hungersnot drohen, wenn die Afghanen nicht schnell und in großem Umfang Hilfe erhalten. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Finanzsanktionen der USA die Arbeit der Hilfsorganisationen unmöglich machen und zusammen mit dem Hunger zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch führen werden.

Dieser Artikel beginnt mit den Auswirkungen des Klimawandels in Afghanistan in den letzten 50 Jahren. Dann sprechen wir über die heutige Situation. Wir argumentieren, dass die Amerikaner sich für die Schaffung von Klima-Arbeitsplätzen und die Verhinderung der Klimakrise hätten einsetzen können, statt zwanzig Jahre lang Krieg zu führen. Wir enden mit Ideen, was Menschen in anderen Ländern politisch tun können, um den Afghanen bei der Bewältigung der Klimakatastrophe zu helfen.

In vielen Teilen der Welt betrachten die Menschen den Klimawandel als eine schreckliche Bedrohung für die Zukunft. In Afghanistan nagt diese Bedrohung schon seit einem halben Jahrhundert am Gefüge von Wirtschaft und Gesellschaft.

Seit 1750 hat der Klimawandel die Welt bereits um durchschnittlich 1,1 Grad Celsius erwärmt. Afghanistan erwärmt sich mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Wissenschaftler und die UNO drängen nun darauf, den Gesamtanstieg möglichst unter 1,5 Grad zu halten und die Gefahr 2,0 Grad zu überschreiten, unbedingt zu vermeiden. Afghanistan hat sich zwischen 1951 und 2020 um 2,0 Grad erwärmt. Bis 2050, also in dreißig Jahren, werden die Temperaturen in Afghanistan wahrscheinlich um weitere 2 Grad steigen.

Dies geschieht in einem Land, das ohnehin schon zu den ärmsten und trockensten Ländern der Erde gehört. In den Ebenen und in den Sommern ist es bereits sehr heiß. Nur 5 % des Landes bringt Ernten hervor – und das meiste davon nur mit Bewässerung. Die meisten Menschen leben von 2 Dollar pro Tag oder weniger. Jetzt, da die Ernten ausgefallen sind, werden die Lebensmittelpreise rasch steigen.

Der wichtigste Effekt des Temperaturanstiegs ist die Dürre. Andrej Přívara und Magdalena Přívarova schreiben:

„Auffallende Dürreperioden sind in Afghanistan zu einem festen Bestandteil des Klimas geworden. Es wurden mehrere schwere Dürreperioden verzeichnet, die tendenziell die Häufigkeit des Dürrezyklus erhöhten, z. B. 1963-64, 1966-67, 1970-72 und 1998-2006. Der Zeitraum 1998-2006 scheint die längste und extremste Dürre in der Klimageschichte Afghanistans gewesen zu sein.“ [2]

Beachten Sie, dass die Dürre von 1998 bis 2006 acht Jahre lang dauerte. Seitdem gab es die Dürre von 2013-14, und die Dürre, die 2018 begann, dauert bis heute an.

Zwei Berichte über die Anfänge des Klimawandels in Afghanistan können uns helfen, zu verstehen, was das bedeuten könnte. Ein Bericht stammt aus dem Norden des Landes, der andere aus dem Süden.

Nancy schreibt: In den Jahren 1971 und 1972 lebten Richard Tapper und ich fast ein Jahr lang bei afghanischen Dorfbewohnern, den Piruzai. Hajji Tuman war während unseres gesamten Aufenthalts bei den Piruzai unser Gastgeber. Dies ist ein Bild von Tuman und seiner Tochter Maygol. Sie waren verrückt nacheinander.

Hajji Tuman und die anderen Piruzai, die wir kannten, waren warmherzig, klardenkend und taff. Sie lebten ein hartes Leben in einer unbarmherzigen Umgebung und machten sich wenig Illusionen über das, was möglich war.

Die Menschen beklagten sich nicht, sondern bewältigten das Leben mit einer wachen Intelligenz, die sie als „die Gedanken an Ort und Stelle halten“ beschrieben. Sie konnten gut über sich selbst lachen und waren neugierig und weise in Bezug auf andere. Ihre Fürsorge und Liebe zu ihren Kindern war ein Modell, dem Richard und ich folgen wollten als wir selbst Kinder hatten.

Und wir hatten noch in anderer Hinsicht Glück. Hajji Toman verstand, dass wir Forschung betrieben – Anthropologie – insanshenasi – und wollte uns helfen, „ein Buch zu schreiben“. 

Die Piruzai sprachen Paschtu, waren halbnomadische Viehzüchter und Kleinbauern. Sie waren arme Menschen, die versuchten, in einem bösartigen, ungleichen politischen System zu überleben.

Die Piruzai-Dörfer lagen im Tal des Sar-e-pol-Flusses. Viele Piruzai blieben das ganze Jahr über in den Dörfern. Die Landwirtschaft im Tal war mühsam, aber sie galt als einfacher als die mehr als 150 Meilen lange Hin- und Rückreise aus den zentralen Bergen des Landes im Sommer.

1971 war das zweite Jahr der Dürre in Nordafghanistan. Dieser Winter war streng, und die plötzlichen späten Schneefälle führten zu katastrophalen Verlusten bei den Herden im ganzen Land. Die Piruzai litten sehr darunter, während anderswo, insbesondere in Ghor und im äußersten Nordwesten, eine Hungersnot herrschte und die Menschen aushungerte.

Im Winter blieb mindestens eine Familie, die zu den Besitzern einer gemeinsamen Herde gehörte, mit den Tieren in der Steppe östlich von Sar-e-Pul, unterstützt von einem oder zwei jungen Männern, die als Hirten angestellt waren.

Im Sommer 1972 weinte Baya Khan, einer der erwachsenen Söhne von Hajji Toman, als er sich an diesen Winter erinnerte:

„Im Herbst wurde klar, dass es ein schlechter Winter werden würde. In der Steppe, in der die Schafe weideten, gab es kein Gras mehr, es war nur noch Staub, genau wie die Wege. Dann gab es zwei Nächte lang einen üblen Staubsturm. In der ersten Nacht kam ein Wirbelsturm von flussabwärts. Man konnte die Hand vor dem Gesicht nicht sehen. Als wir am Morgen in die Steppe gingen, um nach den Tieren zu suchen, waren sie überall verstreut – und die Wölfe auch.

Die Kadaver stapelten sich. Zuerst ist keines unserer Tiere gestorben, aber später wurden sie hungrig. Sobald ein Schaf „aus seinem Magen fällt“, fällt es tot um.

Anfangs konnte man hier noch Futter finden, zu einem gewissen Preis. Aber Ende Februar war es komplett aufgebraucht. Meine Aufgabe war es, Stroh zu finden und es zu den Schafen zu bringen.

Meine Hosen waren steif gefroren. Es war so kalt, dass man die Arme nicht von der Seite heben konnte. Wenn wir nachts zu Orten im Haupttal gingen, hörten wir Wölfe im Schnee heulen. Einmal, auf dem Rückweg, waren wir mit einigen Omarzai unterwegs, und einer von ihnen fiel zurück; wir sahen ein paar Wölfe auf einem Kamm und sagten: ‚Passt auf, dass der Kerl nicht gefressen wird!‘

Wir haben aufgepasst, aber er hat es nicht geschafft.“ [3]

Baya Khans älterer Bruder Padshah und seine Frau Pakhal waren während der schwarzen, eiskalten Monate bei den Herden.

Pakhal hielt Spin, ihre kleine Tochter, im Arm, als sie über den Winter sprach [siehe Foto unten].

„In der Nacht, in der dieses Mädchen geboren wurde, starben vier unserer Schafe, aber das Sterben hatte noch nicht wirklich begonnen. Zwei Tage später fing es richtig an zu schneien. Wir schlachteten 50 Schafe und brachten die Kadaver in Pakizas Hütte, die wir bis zur Tür füllten.

Das war nur zwei Tage, nachdem ich niedergekommen war, und als Baya Khan mit mehr Heu ankam, weinte ich: ‚Mir geht es nicht gut. Die Schafe sterben, und auch wir werden hier sterben!‘

Ich war fiebrig. Nachts brachten wir die Schafe in unsere kleine Hütte. Ich schlief mit den Schafen auf meinem Bett ein. Der Schnee fiel drei Tage und Nächte lang, und von da an starben jede Nacht mindestens zwanzig Schafe, manchmal vierzig oder fünfzig.“

 

In den Jahren 1971 und 1972 lebten Richard Tapper und Nancy Lindisfarne fast ein Jahr lang bei afghanischen Dorfbewohnern, den Piruzai. Hajji Tuman war während des gesamten Aufenthalts bei den Piruzai der Gastgeber. Dies ist ein Bild von Tuman und seiner Tochter Maygol. (Foto: Nancy Lindisfarne)

 

Jeder im Haushalt von Hajji Tuman war am Kampf um das Überleben von Padshah und Pahal und ihrer Herden beteiligt. Alle paar Tage kam jemand mit Wasser und Mehl in die Steppe, während Baya Khan – und Hajji Tuman selbst – Freunde und Verwandte in Konjek und den Nachbardörfern um Heu und Stroh für die Schafe baten. Später zog Baya Khan mit einer Karavane von Kamelen zu den Basaren in Sar-e Pol, Sheberghan und schließlich Mazar-e Sharif, um Futter zu immer höheren Preisen zu kaufen.

Jonathan erinnert sich

Und Jonathan schreibt: „Es ist November 1972. Ich bin dreiundzwanzig, ein junger Anthropologe, der seine erste Feldforschung in der Stadt Lashkar Gah im Südwesten Afghanistans beginnt. König Zahir Shah regierte das Land noch immer.

Auf dem Weg zurück zum einzigen Hotel der Stadt, wo ich zu Abend essen wollte, komme ich an einem Jugendlichen vorbei, der am Straßenrand steht. Er sagt leise etwas. Ich bin schon weit hinter ihm, als ich verstehe, was er gesagt hat. Ich bin so stolz auf mich. Es ist der erste Pushtu-Satz, den ich außerhalb des Unterrichts verstanden habe. Aber ich bin zu verlegen oder schüchtern, um zu ihm zurückzugehen.

Er sagte: ‚Ich habe Hunger.‘

Nördlich von Lashkar Gah brach eine schreckliche Hungersnot aus. Ich verstand innerhalb weniger Wochen, dass der Junge ein Flüchtling vor dieser Hungersnot war. Ich weiß jetzt, dass diese Hungersnot durch eine Dürre verursacht wurde, die auf den Klimawandel zurückzuführen war. Wie jede Hungersnot wurde sie auch durch Ungleichheit und Grausamkeit verursacht.

Im Norden des Landes hat die Regierung ausländisches Hilfsgetreide aus dem Verkehr gezogen. Die Bezirksbeamten stellten bewaffnete Soldaten um die Getreidestapel in der Mitte der Städte auf, um zu verhindern, dass die Hungernden an die Nahrungsmittel kamen. Die Armen verkauften ihr Land zu Schleuderpreisen an die Reichen, um von den Bezirksbeamten Weizen zum fünf- bis zehnfachen der üblichen Preise zu kaufen. Diejenigen, die kein Land zu verkaufen hatten, starben.

Mein Freund Michael Barry fragte einige hungernde Menschen, warum sie die Getreidestapel nicht stürmten. Einer von ihnen sagte: ‚Der König hat Flugzeuge. Sie werden kommen und uns abschießen.‘

Es waren russische Flugzeuge, die von in Amerika ausgebildeten Piloten geflogen wurden. US Aid wusste, was mit ihrer Getreidehilfe geschah. Ich weiß das, weil die Frau und die Tochter des Mannes, der US Aid leitete, mir das erzählten als ich in ihrem schönen Haus in Kabul einen Scotch trank. Sie waren verärgert, weil sie ihren Mann und Vater nicht dazu bringen konnten, etwas zu tun.

Ich habe diese Geschichte seitdem viele Male erzählt, auf viele Arten. Ich werde sie weiter erzählen, gelangweilt, bis zum Tag meines Todes. Ich erzähle sie, um einen wichtigen Punkt zu verdeutlichen, wie sich ein ernsthafter Klimawandel anfühlen wird – und wie er sich bereits für viele Millionen Menschen anfühlt.

Niemand wagte es, die Getreidelager zu stürmen. Aber als der ‚linke starke Mann‘ Daoud, der Cousin des Königs, zwei Jahre später putschte, wollte niemand mehr für den König sterben. Die Hungersnot hatte ihm das Kainsmal aufgedrückt. Und als die Kommunisten vier Jahre später gegen Daoud putschten, kämpfte auch niemand für Daoud, den Cousin des Königs.

Pakhal hielt Spin, ihre kleine Tochter, im Arm, als sie über den Winter sprach. (Foto: Nancy Lindisfarne)

 

Die Geschichte der afghanischen Politik danach ist unendlich komplex. Aber die Richtung ist klar: Krieg um Krieg, Verrat um Verrat, unendliches Leid. Im Hintergrund immer das Ausbleiben des Regens, in ganz Zentralasien, seit Jahrzehnten.“

Was bewirken Dürreperioden in armen Ländern?

Und jetzt schreiben Nancy und Jonathan: Es ist wichtig, zu verstehen, was Dürren bewirken. Australien und der Westen der Vereinigten Staaten sind vom Klimawandel physisch so stark betroffen wie kein anderes Land der Welt. Aber dies sind reiche Länder, in denen nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt. Die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt können die Dürrekatastrophe auffangen.

Im Gegensatz dazu leben etwa 80 % der Afghanen in ländlichen Gebieten und sind direkt oder indirekt auf Landwirtschaft und Viehzucht angewiesen, um zu überleben. Dürreperioden töten das Vieh, weil es kein Gras gibt. Dürreperioden vernichten auch die Hälfte der Ernte, mancherorts sogar die gesamte. Bauern, die Land besitzen, leihen sich Geld, und lange wiederkehrende Dürreperioden führen sie in einen Kreislauf der Verschuldung, bis sie ihr gesamtes Land verloren haben.

Mit sinkenden Ernten steigt der Preis für Lebensmittel. Die Mehrheit der Afghanen, ob auf dem Land oder in der Stadt, lebt bereits am Rande des Hungers. Für die meisten Familien ist Mehl die größte Ausgabe. Wenn der Preis für Mehl steigt, essen Erwachsene und Kinder weniger.

In schlechten Jahren verkaufen viele kleine Landbesitzer ihr Land, um Getreide zu kaufen. Mindestens die Hälfte der Menschen auf dem Land sind jedoch Teilpächter. Je nach Region beträgt ihr Anteil ein Fünftel bis ein Drittel der Ernte. In einem guten Jahr reicht dieser Anteil gerade für die Ernährung einer vierköpfigen Familie. In einem schlechten Jahr wird die Menge an Lebensmitteln um die Hälfte oder mehr reduziert.

Im Laufe der Jahrzehnte, als eine Dürre auf die andere folgte, wurden viele Hirten und kleine Landbesitzer in die Reihen der landlosen Armen hinab gedrängt. Und Millionen von landlosen Armen wurden in die Städte oder in Flüchtlingslager im Ausland getrieben, um zu überleben. [4]

Die Dürre von 2019

Andrej Přívara und Magdalena Přívarova beschrieben die Situation im Jahr 2019:

„In den letzten drei Jahren gab es in den meisten Regionen Afghanistans zwischen 4 und 6 aufeinanderfolgende Niederschlagsperioden, die weit unter den durchschnittlichen Niederschlagsmengen lagen. Infolgedessen wurden erhebliche Rückgänge des Grundwasserspiegels, der Flussläufe, der Schneehöhen, der Wasserstände in den Dämmen und der Bodenfeuchtigkeit verzeichnet.

Diese klimatischen Veränderungen haben die landwirtschaftliche Produktion in Afghanistan bereits negativ und unwiderruflich beeinflusst. Wiederholte Dürreperioden führten zu Ernte- und Viehverlusten sowie zum Verlust der Lebensgrundlagen und schwächten die Kaufkraft. Nach der ‚Integrierten Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphase‘ [IPC, Integrated Food Security Phase Classification, Anm. d. Redaktion] befanden sich im September 2018 9,8 Millionen Menschen (43,6 % der Landbevölkerung) in einer Ernährungskrise und Notlage, was darauf hindeutet, dass Afghanistan eine schwere Ernährungs- und Existenzkrise erlebt. Die vor allem durch die schwere Dürre verursacht wurde, die die Nahrungsmittelproduktion einschränkte und die Lebensgrundlagen und das Vermögen von Landwirten und anderen Viehhaltern schwächte.

Am 8. Juli 2019 hat der plötzliche Zustrom von mehr als einer Viertelmillionen Menschen an die Grenzen der Provinzhauptstadt Herat, innerhalb weniger Monate, zur Entstehung von 19 massiven und ausgedehnten informellen Siedlungen geführt. Schätzungen zufolge sind 13,5 Millionen Menschen stark von Ernährungsunsicherheit betroffen und benötigen Soforthilfe. Unter diesen Bedingungen sind die vertriebenen Haushalte, die in unbeständigen und schlecht geschützten Unterkünften leben, dem Risiko strenger Winter und einem hohen Überschwemmungsrisiko ausgesetzt, insbesondere diejenigen, die an ausgetrockeneten Flussbetten leben.“ [5]

Die heutige Situation

Damit sind wir im Heute angelangt, also Mitte September 2021. Im Jahr 2019 herrschte eine schwere Dürre. Im Jahr 2020 gab es genügend Regen. Aber 2021 ist die Dürre zurückgekehrt, vor allem im Norden, im Westen und in den zentralen Bergen. Die beste Schätzung ist, dass 40 % der diesjährigen Weizenernte verloren gegangen ist. Dies ist eine grobe Schätzung, niemand kann es mit Sicherheit sagen, aber sie zeigt das Ausmaß des Problems. Und das ist ein landesweiter Durchschnittswert. In einigen Gegenden wird weit mehr als die Hälfte der Ernte verloren gegangen sein.

Die meisten afghanischen Haushalte geben mindestens die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel aus, und die meisten von ihnen geben den größten Teil davon für Grundnahrungsmittel aus: Weizen- und Maisbrot. Wenn die vom Klimawandel verursachte Dürre die Ernte in diesem Ausmaß trifft, hat das mehrere Folgen.

Erstens haben die Familien der Kleinbauern und Teilpächter nicht genug zu essen. Sie bilden die Mehrheit der Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Land verdienen. Sie müssen sich Geld leihen, um zu leben und ihr Land als Sicherheit anbieten. Oder sie müssen ihr Land verkaufen. Doch bei vielen haben die langen Dürreperioden der Vergangenheit ihre Sicherheiten aufgezehrt. Und Teilpächter haben nichts an Sicherheiten anzubieten. Sie sind hungrig, und viele werden sterben.

Zweitens: Weil es nicht genug Getreide gibt, steigt der Preis für Brot. Dieser Preis ist in den letzten Monaten um etwa ein Drittel gestiegen. Aber wenn die Knappheit anhält, wird er noch viel höher steigen. Diese Preiserhöhungen machen den Hunger auf dem Lande viel schlimmer. Aber sie treffen auch die arbeitenden Armen in den Städten, die Mehrheit der Menschen in den Städten.

Drittens hat es noch nie irgendwo auf der Erde eine Hungersnot gegeben, bei der alle sterben. Die Ärmsten und Schwächsten sterben, und die Reichsten und Mächtigsten überleben nicht nur, sondern gedeihen. Die Frage der Regierungspolitik ist von entscheidender Bedeutung. Wenn die Regierung in der Lage ist, Getreide zu kontrollieren oder Nahrungsmittelhilfe aus anderen Ländern zu erhalten, und wenn die Regierung die Nahrungsmittel gerecht verteilen kann, kann eine Hungersnot verhindert werden.

Die gegenwärtige politische Lage macht das schwer. Der Sieg der Taliban war eine Demütigung für die amerikanische Macht, wie wir vor zwei Wochen dargelegt haben [1]. Die Vereinigten Staaten haben eine lange Reihe von Finanzsanktionen verhängt, um die Wirtschaft von Ländern zu brechen, die sich ihnen widersetzen oder widersetzt haben, wie Kuba, Vietnam, Iran und Saddam‘s Irak. Alle diese Beispiele fanden in viel reicheren Ländern als Afghanistan statt, mit einem viel stärkeren Staatsapparat, wo die Menschen von vornherein weniger Hunger hatten.

Alles deutet darauf hin, dass die Biden-Regierung jetzt die gleiche Politik verfolgt. Als die Taliban die Zentralbank betraten, stellten sie fest, dass die Vorgängerregierung ihre gesamten Reserven bei der Federal Reserve Bank in Washington angelegt hatte. Die Fed weigerte sich, dieses Geld, das Afghanistan gehörte, freizugeben, weil sie diese Regierung nicht mehr anerkannte.

Genauso wichtig ist, dass sowohl die Weltbank als auch der Internationale Währungsfonds (IWF), Afghanistan keine Gelder mehr zur Verfügung stellen. Diese Gelder sind an sich nicht unbedingt wichtig. Aber die großen internationalen Banken nehmen dies in der Regel als Signal, dass auch sie keine Kredite an eine Regierung vergeben sollten.

Wenn nicht bald etwas unternommen wird, bedeutet dies, dass die afghanische Regierung kein Geld mehr leihen kann. Ebenso wichtig ist, dass sie nicht in der Lage sein wird, Geld zu bewegen, um importierte Lebensmittel zu bezahlen.

Noch wichtiger ist, dass internationale Hilfsorganisationen kein Geld mehr nach Afghanistan hinein- und herausbringen können. Das bedeutet, dass sie nicht für Lebensmittel und Medikamente zahlen können. Das spielt eine viel größere Rolle als in den meisten anderen Ländern, da Afghanistan so arm ist. Diese Armut bedeutet, dass kein afghanischer Staat seit 1838 in der Lage war, genügend Steuern zu erheben, um auch nur die minimalen Maßnahmen eines Staates zu bezahlen. Alle afghanischen Staaten, egal welcher politischen Couleur, waren auf die Hilfe einer oder mehrerer ausländischer Mächte angewiesen.

Als die Taliban von 1995 bis 2001 an der Macht waren, verließen sie sich auf ausländische Entwicklungsagenturen, NGO‘s und die UNO, um Nahrungsmittelhilfe und Geld für Krankenhäuser und Schulen zu erhalten. Die Regierungen unter der US-Besatzung haben dasselbe getan.

Es sind alle Voraussetzungen gegeben, damit aus der Klimadürre eine Hungersnot wird. Die UN und die NGO‘s schätzen, dass etwa 12 Millionen Menschen – fast ein Drittel der Bevölkerung – von Hunger bedroht sind. In den höher gelegenen Bergtälern liegt im Winter viel Schnee, und viele werden bis Ende Oktober sechs Monate lang von jeglicher Versorgung mit Lebensmitteln und Verkehr abgeschnitten sein.

Wir haben einen Bericht gesehen, dem zufolge es in Kabul fast keine Arbeit für Tagelöhner mehr gibt – ein großer Teil der Arbeiterklasse. Wir wissen nicht, wie weit verbreitet dies ist und wie lange es der Fall sein wird. Aber Kabul ist eine Stadt mit etwa viereinhalb Millionen Einwohnern, in der es, außer für die amerikanische Besatzung und die Regierung, kaum Industrie oder Wirtschaft gibt.

Drei Dinge passieren gleichzeitig. Da ist die Realität der Dürre und des Hungers. Es droht ein wirtschaftlicher Zusammenbruch in den Städten, weil die Anreize durch die Besatzung weggefallen sind. Und es gibt konzertierte Aktionen unter der Leitung der Biden-Regierung, um jede Möglichkeit zu unterbinden von außen Hilfe, Lebensmittel oder Geld anzubieten.

Wir sollten uns über die Politik der US-Regierung im Klaren sein. Die Instrumente sind finanzieller Natur. Die Absicht ist, eine weit verbreitete Hungersnot zu verursachen. Dadurch werden unter anderem viele Frauen und Kinder sterben. In Washington hofft man, dass die Hungersnot zu Chaos, Bürgerkrieg, massenhaften Flüchtlingsströmen, Nachbar gegen Nachbar und schließlich zum Sturz der Taliban führen wird.

Sie nutzen den Klimawandel als Waffe, um zu töten, und sie töten, um ihre Niederlage gegen die Taliban zu rächen.

Vielleicht mögen manche die Taliban nicht. Schön und gut. Vielleicht hassen manche sie. Aber wenn man Sanktionen gegen Afghanistan unterstützt, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die gewählte Waffe darin besteht, Kinder verhungern zu lassen. Nicht Taliban-Führer, sondern die Kinder armer Afghanen, die sich entschieden haben, die Taliban zu unterstützen sowie Kinder von Afghanen, die die Taliban verachten.

In den Vereinigten Staaten, Großbritannien und anderswo gibt es inzwischen eine endlose Flut von Nachrichten, die zwei Ziele verfolgen.

Zunächst geht es darum, Unterstützung für Sanktionen zu mobilisieren. Diese Geschichten besagen, dass Frauen von den Taliban nicht als Sportlerinnen zugelassen werden, dass sie einige Mädchenschulen geschlossen haben, dass viele Lehrer Angst haben, dass die korrupten Richterinnen des alten Regimes untergetaucht sind. Diese Geschichten sind eine Mischung aus Wahrheit, Übertreibung und Lüge. Man wäre ein Narr, wenn man die meisten dieser Geschichten ohne sorgfältige Prüfung glauben würde, aber man wäre auch ein Narr, wenn man nicht wüsste, dass einige von ihnen wahr sind. Es ist jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass die meisten afghanischen Stimmen, über die in den Medien berichtet wird, von wohlhabenden Leuten stammen, von Leuten aus der afghanischen Elite. Es sind Menschen, die von der Besatzung profitiert haben und mit dem Sieg der Taliban ihren Platz verloren haben.

Diese Stimmen spiegeln natürlich auch komplexe Realitäten wider. Nehmen wir den Fall der untergetauchten Richterinnen. Die männlichen Richter des alten Regimes sind ebenfalls untergetaucht. Die große Mehrheit dieser Richter, Männer wie Frauen, war korrupt und fürchtet sich nun vor der Bestrafung.

Aber man sollte auch die implizite Botschaft hinter den meisten dieser Geschichten verstehen: es muss etwas getan werden, um die Taliban zu bestrafen. Das einzige Mittel, das den Amerikanern zur Verfügung steht, scheinen finanzielle Sanktionen zu sein, um Kinder auszuhungern. Es ist bemerkenswert, wie leicht sich die Mainstream-Medien in den USA und Großbritannien davon überzeugen lassen, dass dies nicht nur moralisch akzeptabel ist, sondern auch unweigerlich geschehen wird.

Die zweite Reihe von Berichten in den USA und Großbritannien zielt darauf ab, Biden und Johnson für einen chaotischen und inkompetenten Rückzug zu kritisieren. Der Zweck dieser Argumente, so haben wir an anderer Stelle dargelegt, besteht darin, eine wichtige Wahrheit zu verbergen.

Die Wahrheit ist, dass die amerikanischen und britischen Armeen besiegt wurden. Biden und Johnson hatten keine andere Wahl. Hätte das amerikanische Militär weiter gekämpft, wären sie gefangen genommen, getötet oder mit Hubschraubern vom Schlachtfeld evakuiert worden. Und höchstwahrscheinlich wären auch viele amerikanische und britische Diplomaten und andere Bürger getötet worden. Die weltweite Demütigung wäre komplett gewesen.

Stattdessen tat die Regierung Biden das Beste was sie konnte und handelte mit den Taliban einen Waffenstillstand aus, der es ihnen ermöglichte, alle ihre Soldaten und einige ihrer Bürger zu evakuieren. Und was noch viel wichtiger war: Es gab keine Kämpfe in Kabul und nur wenige Kämpfe in den anderen Städten. Die Machtübergabe verlief mit geringen Verlusten von Menschenleben.

Das lag nicht nur daran, dass die Taliban die vernünftigste Option wählten. Es lag auch daran, dass es in der afghanischen Politik eine sehr lange Tradition gibt, Kämpfe zwischen Afghanen zu vermeiden, wann immer es möglich ist. Und es liegt daran, dass die Taliban wussten, dass die Menschen, deren Unterstützung sie brauchten, unbedingt eine friedliche Machtübergabe wollten.

Dies war ein großer Erfolg für die Taliban, für ihre afghanischen Feinde, für die einfachen Afghanen und für Biden. Das ganze Gezeter über Biden soll darüber hinwegtäuschen, dass er angesichts der Niederlage des amerikanischen Militärs keine Wahl hatte.

Das bedeutet auch, dass die Biden-Regierung und die anderen NATO-Mächte stark versucht sind, die Taliban durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu demütigen.

Wir können Hungersnöte stoppen

Die Gefahr von Finanzsanktionen ist real. Aber eine Klimakatastrophe und eine Hungersnot von entsetzlichem Ausmaß sind nicht unvermeidlich. Es gibt Kräfte, die das verhindern können, sowohl auf der Ebene der Großmächte als auch an der Basis.

Im Moment sieht es so aus, als würden sich die USA rächen. Aber die Nachbarn Afghanistans haben gute Gründe Frieden zu schließen und den Taliban zu helfen.

China hat mit den Taliban Frieden geschlossen, und Afghanistan hat sich nun dem chinesischen Projekt der neuen Seidenstraße angeschlossen und damit signalisiert, dass es bereit ist, in Chinas Einflussbereich zu geraten.

Sowohl Pakistan als auch der Iran haben bereits Millionen von afghanischen Flüchtlingen aufgenommen. Sie wollen nicht noch mehr. China, Russland, Usbekistan und Pakistan fürchten sich vor den Auswirkungen des politischen Islams in ihren eigenen Gebieten und fürchten sich davor, was passieren würde, würden die Taliban ihre Dissidenten unterstützen.

Infolgedessen könnten sich alle diese Mächte zusammentun und genügend Hilfe leisten, um Kollaps und Bürgerkrieg zu vermeiden. Wenn sie dies tun, werden ihre Motive nicht edel sein, aber sie werden viele Menschenleben retten.

Aber auch an der Basis gibt es in den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich und in der Europäischen Union echte Kräfte, die handeln wollen. Die wichtigsten dieser Kräfte sind die humanitären Organisationen. An der Spitze sind die wichtigsten Organisationen im Moment hin- und hergerissen. Ihre leitenden Manager wissen nur zu gut, was wahrscheinlich passieren wird. Es gehört zu ihrem Lebenszweck, dass sie etwas tun sollten, um zu helfen. Aber gleichzeitig haben sie Angst vor dem Zorn der westlichen Regierungen, die einen Großteil ihrer Finanzmittel bereitstellen. Angesichts der Flut von Berichten über die bösen Taliban müssen sie auch befürchten, dass sie die recht wohlhabenden Menschen verärgern, die ihnen normalerweise Spenden zukommen lassen.

Dennoch wird der Druck zu handeln, immer größer. So berichtete der Guardian am Montag, dass die UNO gerade ein Treffen von Geberländern einberufen hat, die eine Milliarde Dollar an Hilfe für Afghanistan versprachen. In demselben Artikel wurde auch berichtet, dass in der Provinz Ghor in den zentralen Bergen Krankenhäuser und Ärzte praktisch keine Medikamente mehr haben. Und das alles inmitten einer wütenden Covid-Epidemie in Afghanistan.

Dies ist eine Situation, in der der Washingtoner Konsens zur Bestrafung nicht allmächtig ist. In dieser Situation können einfache humanitäre Helfer etwas bewirken. Wenn sie ihre Stimme erheben, und sei es auch nur ein wenig, und Petitionen starten, in denen Menschen, die in der humanitären Hilfe tätig sind oder waren sowie andere zur Unterschrift aufgefordert werden. Wenn nur tausend dieser Menschen unterschreiben würden, hätte das schon eine Wirkung. Und viele weitere würden unterschreiben.

Niemand, der die Petition unterschreibt, müsste die Taliban unterstützen. Darum geht es hier nicht. Bei der Petition ginge es darum, sicherzustellen, dass die Menschen mit Lebensmitteln versorgt werden, damit sie nicht verhungern.

Der Klimawandel und die Besatzung

Zum Schluss wollen wir noch einmal auf unseren Ausgangspunkt zurückkommen. Es handelt sich um einen Klimanotstand. Die Dürreperioden, über die wir vorhin gesprochen haben, begannen vor einem halben Jahrhundert. Vielleicht kommt der Regen nächstes Jahr, vielleicht auch nicht. Das ist ein Element des Zufalls. Was nicht dem Zufall überlassen bleibt, ist die Tatsache, dass die allgemeine Tendenz abwärts geht, hin zu schlimmeren Dürren, schlechteren Ernten, größerer Hitze und mehr Leid.

Das Buch von Richard Tapper und Nancy Lindisfarne, „Afghan Village Voices“, zu kaufen auf: https://www.bloomsbury.com/uk/afghan-village-voices-9780755600878/
Hier können Sie ein kostenloses pdf oder ebook von Jonathan Neale, „Fight the Fire: Green New Deals and Global Climate Jobs“ herunterladen: https://theecologist.org/fight-the-fire
Lesen Sie den Artikel von Nancy Lindisfarne und Jonathan Neale über „Afghanistan: The End of the Occu-pation“ auf deutsch: https://free21.org/das-ende-der-besatzung/
Hier können Sie die Schrift von Nancy Lindisfarne und Jonathan Neale „Oil, heat and climate jobs in the MENA region“ lesen: https://annebonnypirate.files.wordpress.com/2021/09/oil_heat_and_climate_jobs_in_the_mena_re-1.pdf

 

In einigen neueren Berichten wird behauptet, dass die Taliban ihren Sieg zum Teil auf die langen Dürreperioden unter der amerikanischen Besatzung zurückführen konnten. Das mag der Fall sein, aber wir mahnen zur Vorsicht.

Vor zwei Jahren haben wir ein Kapitel eines Buches über Öl, Krieg und Klimawandel im Nahen Osten veröffentlicht. [Sie können es hier herunterladen; siehe unten]

Dort verglichen wir die Kriege in Darfur, Syrien und Afghanistan, alles Orte, die vom Klimawandel stark betroffen sind. Wir argumentierten dort, dass in Darfur viele ausländische Mächte einen Stellvertreterkrieg anzettelten, dass aber die zentrale Dynamik darin bestand, dass arme Bauern und Hirten um das schwindende Wasser und Weideland kämpften. Im Falle Syriens spielten die Dürre und die Abwanderung der armen Bauern in die Städte eine wichtige Rolle. Noch wichtiger war jedoch der Hass der meisten einfachen Syrer auf die vierzigjährige brutale Diktatur [6].

In ähnlicher Weise haben wir argumentiert, dass der Klimawandel in Afghanistan eine Rolle spielt, aber die wichtigere Dynamik war, dass die amerikanische Besatzung von vielen Afghanen abgelehnt wurde. Eine Möglichkeit, dies zu verstehen, ist die Lektüre des jüngsten Berichts von Anand Gopal im New Yorker. 

Er beschloss, Großmütter im Süden Afghanistans zu interviewen. Sie erklärten ihm, warum sie, wie so viele andere afghanische Frauen, die Taliban gegen die Amerikaner unterstützt haben. Eigentlich war es ganz einfach. Die Amerikaner hatten eine große Zahl ihrer Verwandten und Nachbarn getötet, darunter auch Menschen, die ihnen lieb und teuer waren, darunter Erwachsene und Kinder, die die Taliban nicht unterstützt hatten. Die Taliban hatten so etwas nicht getan. [7]

Manchmal ist der Klimawandel also nur ein Teil der Geschichte von Krieg und Widerstand. In manchen Fällen, wie in Darfur, ist er ein zentraler Teil. In dem Maße, wie sich die Auswirkungen des Klimawandels verschlimmern, wird sich dieses Gleichgewicht verschieben und wir werden viele weitere Konflikte und Tragödien erleben, bei denen der Klimawandel die Hauptrolle spielt. Aber wir werden nie eine reine und einfache Klimakatastrophe erleben. Solche Tragödien ereignen sich immer in real existierenden Gesellschaften. Klimakatastrophen werden durch die Ungleichheiten von Klasse und Herkunft, durch die Einmischung von Großmächten und Stellvertreterkriegen, durch Armut und Kapitalismus noch vergrößert.

Klimapolitik und normale Politik sind heutzutage nicht mehr voneinander zu trennen. Afghanistan ist ein Klimathema. Wir haben vorhin von den humanitären Helfern gesprochen, die außerhalb Afghanistans einen Meinungswandel bewirken. Aber das gehört auch zu den Aufgaben von Klimakampagnen und Klimaaktivisten. So sieht der Klimawandel heute aus.

Aber die Menschen brauchen nicht nur Hilfe, wenn sie sich einer Abwärtsspirale gegenüber sehen. Sie brauchen Lösungen und Alternativen. Sie brauchen Arbeitsplätze. Die Windressourcen Afghanistans sind immens. Und im größten Teil des Landes scheint das ganze Jahr über die meiste Zeit die Sonne.

Stellen Sie sich vor, die amerikanische Besatzung hätte die Afghanen beim Bau von Windparks und Solaranlagen im ganzen Land finanziell unterstützt. Dann hätten sie diese Ressourcen mit einem Langstreckennetz verbunden. Und zusätzlich dazu, konzentrierte Solarenergie, für die das Land ideal geeignet ist. Und sie hätten den Bau von Fabriken in Afghanistan finanziert, um die Windturbinen und Solarpaneele, die Kabel und alles andere, was benötigt wird, herzustellen. [8]

In zwanzig Jahren wäre die Energieversorgung in Afghanistan transformiert worden. Die Afghanen hätten genug kleine tragbare Solaranlagen haben können, um ihre Häuser zu heizen. Das ist wichtig, denn in weiten Teilen des Landes frieren die Menschen im Winter bitterlich. Aber sie hätten auch kohlenstofffreie Energie für die Industrie in Afghanistan und für den Export in die Nachbarländer zur Verfügung gehabt. Afghanistan – und damit auch Amerika – wäre ein Leuchtturm für die Welt gewesen. Und die Kosten für all das wären nur ein winziger Bruchteil dessen gewesen, was das US-Militär für die Besatzung ausgegeben hat.

Das geschah nicht. Aber es ist das, was geschehen muss, in Afghanistan und auf der ganzen Welt. Es ist durchaus möglich, ein Hilfsprogramm aufzulegen, das den Afghanen dabei helfen würde. Denn in Zukunft müssen wir alle lernen, dass die Alternative zum Krieg nicht nur Frieden ist. Die Alternative zum Krieg ist Frieden und die Rettung des Planeten als Heimat für das Leben.

Quellen:

[1] Nancy Lindisfarne and Jonathan Neale, 2021, ‘Afghanistan: The End of the Occupation,’ Anne BonnyPirate.

[2] Andrej Přívara and Magdalena Přívarova, 2o19, ‘Nexus between Climate Change, Displacement and Conflict: Afghanistan Case,’ Sustainability, 11 (20): 1-19. See also V. Aich et al, 2017, ‘Climate Change in Afghanistan Deduced from Reanalysis and Coordinated Regional Climate Downscaling Experiment (CORDEX) – South Asia Simulations,’ Climate, 5 (38).

[3] These accounts by Baya Khan and Pakhal are from Richard Tapper with Nancy Lindisfarne-Tapper, 2020, Afghan Village Voices:Stories from an Afghan Tribal Community, London: Bloomsbury,164-178.

[4] For more on climate in Afghanistan, see Matthew Savage, Bill Dougherty, Mohammed Hamza, Ruth Butterfield and Sukaina Bharwani, 2013, Socio-Economic Impacts of Climate Change in Afghanistan, Stockholm Environment Institute Project Report; Vincent Thomas, 2016, Climate Change in Afghanistan: Perspectives and Opportunities, Kabul: Heinrich Boll Stiftung Afghanistan;  Abdul Khabir Alim and Syed Sharif Shobair, 2010, ‘Drought and Human Suffering in Afghanistan,’ in SAARC Workshop in Drought Risk Management in South Asia, Kabul: SAARC; UNEP, Climate Change in Afghanistan: What Does It Mean for Rural Livelihoods and Food Security; Christian Parenti, 2011, Tropic of Chaos, New York: Public Affairs, 97-112; John Shroder, 2016, ‘Characteristics and Implications of Climate Change in Afghanistan and Surrounding Regions,’ in Transboundary Water Resources in Afghanistan: Climate Change and Land-Use Implications, ed. John Shroder and Sher Jan Ahmad, Elsevier, 145-160; Matthew Barlow and Andrew Hoell, 2015, ‘Drought in the Middle East and Central-Southwest Asia During Winter 2013/14,’ in Explaining Extreme Weather Events of 2014 from a Climate Perspective, ed. Stephanie C. Herring, Martin P. Hoerling, James P. Kossin, Thomas C. Peterson and Peter A. Scott, Special Supplement to the Bulletin of the American Meteorological Society, 96 (12): 76-83.

[5] Přívara and Přívarova, 2019.

[6] Nancy Lindisfarne and Jonathan Neale, 2019. ‘Oil, Heat and Climate Jobs in the MENA Region.’ In Environmental Challenges in the MENA Region: The Long Road from Conflict to Cooperation, edited by Hamid Pouran and Hassan Hakimian, 72-94. London: Ginko.

[7] Anand Gopal, 2021, ‘The Other Afghan Women,’ New Yorker, Sept 6.

[8] For the climate jobs approach, see Jonathan Neale, 2021, Fight the Fire: Green New Deals and Global Climate Jobs., London: Resistance. You can also download it from The Ecologist as a free pdf. <https://theecologist.org/fight-the-fire>