Über die kommenden ‚Mühen der Ebene‘ – Brief an eine junge armenische Revolutionärin nach dem ersten Sieg

Veröffentlicht am: 9. Mai 2018

von Leo Ensel

Liebe ***,

die letzten Tage und Wochen in Eurem Land waren Sternstunden, wie man sie im Leben einmal, höchstens zweimal erlebt! Bei uns in Deutschland waren das der Herbst 1989, die friedlichen Revolutionen in Osteuropa, der Fall der Mauer – und vor allem: der Abzug der ge­fährlichsten Atomraketen aus Europa.

In solchen Zeiten verläuft Geschichte im Zeitraffer. Über Nacht werden Dinge möglich, die man bis wenige Stunden zuvor noch ins Reich der Utopie versetzt hätte. Und: Für einen kurzen Moment des Glücks gibt es ein Gefühl der Einigkeit, der Einheit mit und in einer großen Masse von Menschen. Denn (fast) alle – wie unterschiedlich sie auch sonst sein mögen – sind sich in einem Punkt einig: So wie bisher kann es nicht mehr weitergehen! – Das sind die Sternstunden des Glücks, die für einen Moment die dunkle Nacht erhellen und an die man sich später mit großer Innigkeit erinnert und die einem Kraft geben können für die unspektakuläreren Zeiten danach.

Denn nach jedem Fest kommt unweigerlich der Alltag. Jeder Revolution folgen die ‚Mühen der Ebene‘, wie unser Dichter Bertolt Brecht sie so treffend genannt hat. Und erst dann wird endgültig über Erfolg oder Misserfolg der Revolution entschieden!

All das schreibe ich nicht, um Enttäuschung und Resignation zu verbreiten, sondern im Gegenteil: Um den endgültigen Erfolg der Revolution zu sichern! – Denn für die Mühen der Ebene reicht Euphorie nicht mehr aus. Es bedarf der Zähigkeit, der Ausdauer, der List – und auch der Kunst des Kompromisses! Nur wenn man sich darauf einstellt, kippt man nicht aus der Euphorie sofort in die Enttäuschung!

Konkret: Euer Volk war sich darin einig, die korrupte Sargsyan-Clique in den verdienten Ruhestand zu schicken. Es hat dafür seinen charismatischen Anführer Paschinyan an die Macht gebracht. Nun aber hat der Alltag begonnen, Differenzen zwischen den Revolutionären werden unweigerlich aufbrechen, weil – wie in jeder Gesellschaft – die Menschen in vielen anderen Fragen sich natürlich uneinig sind. Überhaupt bedeutet Demokratie ja eigentlich nichts Anderes als – permenenten Streit! (Diktaturen zeichnen sich ja genau dadurch aus, dass sie diesen – normalen – Streit durch Grabesruhe einfrieren.) Aber der Streit in der Demokratie ist ein Streit nach Regeln! Das genau macht eben, bei allen Unzulänglichkeiten, das Humane einer Demokratie aus.

Macht Euch also klar, dass ab jetzt die Zeit der Einigkeit der Revolutionäre in vielen Detailfragen zuende ist! Paschinyan hat übrigens nur verhältnismäßig knapp gesiegt. Das heißt: Die alten Kräfte, die ja alle noch da sind, werden alles in ihrer Macht stehende tun, um Paschin­yan zu behindern und die Revolution zu diskreditieren, zu spalten. So schnell gibt man seine jahrzehntelang gehorteten Pfründe nicht auf! Das Beste für Paschinyan wäre in dieser Situation natürlich, Neuwahlen anzustreben – ich weiß aber nicht, ob das so einfach möglich ist. Paschinyan wird mit Sicherheit Kompromisse mit der alten Macht eingehen müssen – und dafür werden ihn andere, ‚radikalere‘ Revolutionäre des Verrates bezichtigen. Im Leben geht es allerdings in den seltesten Fällen direkt mit dem Kopf durch die Wand! Und was ein notwendiger Kompromiss ist, was Opportunismus oder gar Verrat – das weiß man manchmal leider erst hinterher! Es geht sowieso nur weiter, die Revolution wird die notwendigen Mühen der Ebene nur dann bewältigen können, wenn das nun endlich aufgewachte Volk nicht gleich wieder einschläft!

Einmischung in die eigenen Angelegenheiten! Überall vor Ort. Von Jedem. An seinem Platz! Nur so kann der Erfolg gesichert werden!

Die Revolutionäre an der Macht brauchen nun das kritische Vertrauen des Volkes! Beides eben: Vertrauen und Kritik. Gebt ihm einen Vertrauensvorschuss! Er kann nicht zaubern. Gebt ihm Spielraum. Er ist auch nur ein Mensch. In einer ganz konkreten historischen Situation. Die immer gewisse Spielräume eröffnet und zugleich bestimmte Grenzen setzt. Messt ihn daran, wie er die Spielräume, die er tatsächlich hat, nutzen wird!

Gebt ihm Vertrauen und schaut ihm zugleich auf die Finger. Und vergesst niemals: Die Revolution wird nicht von den zur Macht gekommenen Revolutionären zuende geführt, sondern vom Volk, das die Revolutionäre an die Macht gebracht hat!

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen, dem ganzen armenischen Volk, dass es mit langem Atem, Ausdauer und Zähigkeit das begonnene Werk der Revolution zu einem guten Ende führen wird!

Autor: Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.