„Streitet ihr euch mal weiter, wir schließen Freundschaft!“

Veröffentlicht am: 8. Juni 2018

Die Konfrontation zwischen West und Ost nimmt langsam chronische Züge an, berchten die Wissenschaftler Leo Ensel und Ruslan Grinberg, die Mitautoren der Initiative „Breite Koalition der Vernunft“. Im Interview sprechen sie über die neue Entfremdung und schlagen Wege zur Beilegung des Konflikts vor.

Petersburger Dialog: Vor mehr als drei Jahren, als Sie die „Breite Koalition der Vernunft“ ins Leben gerufen haben, war der Grad der politischen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen noch nicht so hoch wie jetzt. Besteht die Chance, ein Abgleiten in einen neuen Kalten Krieg noch zu verhindern?

Ruslan Grinberg: Der Westen hat damals entschieden, dass er den Kalten Krieg gewonnen hat. Das stimmt so nicht. Der Kalte Krieg wurde von Michail Gorba­tschow und Ronald Reagan beendet, als die Sowjetunion noch existierte. Wir haben allerdings den Kalten Krieg ideologisch verloren. Jetzt haben wir es mit einer Situation zu tun, in der die Werte, zumindest die, die in Europa oder Amerika oder in Russland deklariert werden, in etwa identisch sind, wenn man einmal von den Streitigkeiten zu gleichgeschlechtlichen Ehen und Euthanasie absieht. Und hier werden wir Zeugen davon, dass die Geopolitik in ihrer widerwärtigsten Form als Null-Summen-Spiel ins Rampenlicht zurückgekehrt ist.

Leo Ensel: Es sieht in der Tat danach aus, dass wir uns längst schon wieder in einem neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und Russland (ich bevorzuge diese Reihenfolge) befinden – allerdings unter völlig anderen und erheblich gefährlicheren geopolitischen Rahmenbedingungen als zu Zeiten des ersten Kalten Krieges. Man könnte hier von einer ‚neu-alten Bipolarität‘ innerhalb einer zunehmend multipolarer werdenden Welt sprechen. Der neue Kalte Krieg ist wesentlich gefährlicher als der erste, denn er beschränkt sich, erstens, nicht mehr auf zwei Hauptakteure. Indirekt spielen Länder wie z.B. Saudi-Arabien, Israel, der Iran, Nordkorea und andere ebenfalls mit. Zweitens gibt es nicht mehr das übersichtliche Regelwerk, an das sich die USA und die Sowjetunion auch und gerade in Zeiten höchster Spannungen hielten. Drittens werden die letzten noch zu Zeiten des Kalten Krieges abgeschlossenen Rüstungskontroll- und Abrüstungsabkommen entweder aufgekündigt oder bis zur Unkenntlichkeit verwässert: 2001 kündigten die USA einseitig den ABM-Vertrag, sie ratifizierten auch – im Gegensaz zu Russland – nicht den KSE-Vertrag über die Abrüstung konventioneller Waffen in Europa. Der von Gorbatschow und Reagan ausgehandelte INF-Vertrag, der Europa die letzten 30 Jahre vor einem Atomkrieg bewahrt hat, steht gegenwärtig von beiden Seiten schwer unter Beschuss. Zudem habe ich manchmal den Eindruck, dass eine jüngere Generation von Politikern und Journalisten gar nicht mehr weiß, was ein Atomkrieg tatsächlich bedeuten würde. – Gerade deshalb müssen wir alles dafür tun, um aus dieser fatalen Sackgasse wieder herauszukommen!

Worin sehen Sie Ursachen und Besonderheiten der gegenwärtigen Entfremdung zwischen Russland und dem Westen?

Ruslan Grinberg: Ich antworte darauf mit den Worten des letzten Pressesprechers von Gorbatschow, Andrej Gratschow, der Folgendes sagte: „Russland hat den Freiheitstest nicht bestanden: Die Freiheit, die es aus den Händen von Gorbatschow erhalten hat. Der Westen hat den Siegestest nicht bestanden.“ Wir sahen den absoluten und verabscheuenswürdigen Triumphalismus des Westens, als er plötzlich allein als Sieger dastand, ohne einen Gegner in Gestalt der UdSSR. Und wir Russen waren doch auch die Naiven und haben gesagt: Bringt uns alles bei und helft uns, wir wollen auch 300 Sorten Käse und 100 Sorten Wurst haben. Russland wollte sicher nicht der Juniorpartner des Westens werden, ist jedoch ohne Wenn und Aber seinen Empfehlungen gefolgt. Dumm und bedingungslos gefolgt. So paradox es klingt, diese Ratschläge waren liberaler und auf hemmungslosere Marktwirtschaft ausgerichtet, als die gelebte Praxis der westlichen Länder selbst! Ich dichte eine Strophe eines bekannten Liedes um und sage: „Wir haben dir, Genosse Westen, so geglaubt, wie wir uns selbst vielleicht nicht geglaubt hätten.“

Leo Ensel: Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob der erste Kalte Krieg – zumindest von Seiten der USA – überhaupt beendet wurde. Nach dem Warschauer Pakt hätte auch die Nato aufgelöst werden müssen. Russland hat im letzten Vierteljahrhundert eine ganze Reihe konstruktiver Vorschläge für eine neue transatlantische Sicherheitsstruktur ‚von Vancouver bis Wladiwostok‘ gemacht, die der Westen noch nicht mal richtig zur Kenntnis genommen hat.

Ist die neue Entfremdung denn zu überwinden? Wenn ja, wovon müssen sich dann die Europäer und die Russen vor allem freimachen?

Ruslan Grinberg: Wenn ich es einmal salopp sagen darf, so müssen die einen aufhören rumzupöbeln, und die anderen müssen aufhören eingeschnappt zu sein. Die Situation ist sehr aufgeladen, da beide Seiten einstweilen versuchen, gegen die andere zu sticheln. Unser Bewusstsein wurde militaristisch geprägt, zumindest in Russland. Eine Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts hat kürzlich Folgendes ergeben: Man hat Eltern gefragt, was ihre Meinung nach aus ihren Kindern werden soll. Die Hälfte der Befragten gab an, sie wollten, dass ihre Kinder zum Militär oder zu den Strafverfolgungsbehörden gehen. Das ist schon erstaunlich, dass sie ihre Kinder nicht als Ingenieure, Wissenschaftler, Ärzte sehen wollen. Ist es wieder so: „Willst du Frieden, so bereite dich auf den Krieg vor“? Hier wäre es richtig, denke ich, mit Deeskalation zu beginnen. Sich eines überzogenen Nationalismus und Patriotismus zu enthalten. Ich finde an Patriotismus nichts Schlechtes, bei einer primitiven Einteilung der Welt in Gut und Böse wird allerdings daraus Chauvinismus.

Leo Ensel: Das Ende des ersten Kalten Krieges begann mit der gemeinsamen Erklärung von Gorbatschow und Reagan, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann. Alle Akteure sollten sich wieder klarmachen, was ein möglicher Atomkrieg für unseren Globus und damit für die gesamte Menschheit tatsächlich bedeuten würde. Sie müssten sich wieder bewusst machen, dass die Möglichkeit der Totalvernichtung die gemeinsame Bedrohung für alle bedeutet. Deswegen müssen sich auch alle gegen diese gemeinsame Gefahr zusammenschließen! Wer einen heißen Krieg verhindern will, muss aber auch alles dafür tun, um aus einem kalten Krieg – der ja jederzeit in einen heißen abgleiten könnte – wieder herauszukommen!

In Ihrem „Stop!!!“-Appell wenden Sie sich an die Menschen, die nicht gleichgültig die weitere Entwicklung der Eskalation beobachten wollen und rufen sie auf, sich unabhängig von Parteien, Ländern, alten und neuen Blöcken zu vereinigen. Worauf könnte Ihrer Meinung nach eine solche Verbindung beruhen?

Ruslan Grinberg: Die Zeit für eine neue Politik der Entspannung der internationalen Lage, wie wir früher gesagt haben, ist gekommen. Zivilgesellschaftliche Initiativen, Intellektuelle und Wissenschaftler, sowohl aus dem Westen als auch aus Russland, könnten eine Konferenz veranstalten, um auf die Entscheidungsträger einzuwirken. Ich denke, das könnte ein Neustart in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen werden. Zuallererst muss das Problem des Donbass gelöst werden, denn sonst ändert sich nichts zum Besseren. Die Ukraine muss den Donbass zurückbekommen, der Donbass aber eine höchstmögliche Autonomie. Hierzu gibt es keine Alternative.

Leo Ensel: Zunächst einmal besteht ja nach wie vor die Gefahr der Totalvernichtung. Aber diese Einsicht allein reicht nicht aus, sie muss emotional ‚unterfüttert‘ werden! Wir plädieren daher für freundschaftliche Kontakte der Menschen ‚von unten‘ über alle Grenzen hinweg und auf allen Ebenen: Städtepartnerschaften, Jugendaustausch, Wirtschaft, interkonfessionelle Dialoge und Sport. Wenn sich die Menschen untereinander anfreunden, schießen sie nicht mehr aufeinander. Der Frieden ist zu wichtig, um ihn nur den Politikern und den Militärs zu überlassen. Unsere Alternative zur Konfrontationspolitik fassen wir in folgendem saloppen Motto zusammen: „Zankt euch weiter, wir lieben uns weiter!“

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten fehlen der heutigen Politikergeneration?

Ruslan Grinberg: Ich glaube, dass die heutigen Politiker etwas leichtsinnig an die Lösung der Probleme herangehen. Ihre Vorgänger, die in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts in ihren Ländern Politik gemacht haben, wussten, was Krieg ist; sie haben sein Grauen erlebt oder viel darüber gehört. Sie haben selbst Eltern oder ältere Brüder im Krieg verloren. Der heutigen Generation, die sowohl im Westen als auch in Russland an der Macht ist, erscheinen die Geschehnisse wohl eher virtuell, fern der Realität. In vielerlei Hinsicht, meine ich, hängt das damit zusammen, dass sie nicht über die Erfahrungen verfügen, welche die Politiker im vergangenen Jahrhundert hatten.

Leo Ensel: Im ersten Kalten Krieg war allen Akteuren klar, dass der Frieden der Ernstfall ist! Das gilt auch jetzt wieder.

Wo könnten Russland und der Westen Berührungspunkte finden, um den Dialog wiederaufzunehmen?

Ruslan Grinberg: Ich denke, es sollte auf Nichtregierungsebene eine gemeinsame Initiative, für eine Rückkehr zur alten Idee von Gorbatschows „Gemeinsamen europäischen Haus“ unterbreitet werden. In diesem Jahrhundert werden die Chinesen und die Amerikaner herrschen, genauer gesagt, die abtretenden Amerikaner und die anrückenden Chinesen. Weder Europa noch Russland allein werden eine Chance auf Augenhöhe mit ihnen haben. Sie müssen sich irgendwie zusammenschließen. Hier sehe ich auch gute Aussichten für eine Symbiose der Industriegrößen Europas und der russischen Wissenschaft.

Und was die Voraussetzungen für eine Wiederaufnahme des Dialogs an­belangt, so steht in Anbetracht der gespaltenen Positionen des Westens zum iranischen Nuklearprogramm und nach dem demonstrativen Ausstieg der USA aus dem gemeinsamen Abkommen, das sechs Länder einschließlich Russland geschlossen haben, letzteres auf einer Seite mit Europa. Wie es so schön heißt: Glück im Unglück! Es zeigt sich – vielleicht erst schemenhaft, aber immerhin – die Chance auf eine Wiederaufnahme des Dialogs mit Europa und damit die Aussicht auf Lockerung der Sanktionen. Solange jedoch das Problem des Donbass nicht gelöst ist, ist deren vollständige Aufhebung nicht zu erwarten.

Leo Ensel: Neben der Erkenntnis, dass ein möglicher Atomkrieg auf allen Seiten nur Verlierer zur Folge hätte, sollten der Westen und Russland auf die gemeinsamen Interessen focussieren: Verhinderung der nuklearen Aufrüstung in anderen Weltregionen (z.B. auf der koreanischen Halbinsel und im Nahen Osten), Bekämpfung des islamistischen Terrorismus, Abwehr der drohenden Klimakatastrophe und andere.

Dazu würde auch eine Abrüstung auf der ‚ideologischen Front‘ gehören: Der Westen sollte erkennen, dass sich nicht die ganze Welt zur ‚postmodernen Religion‘ – Gender, Mulikultiuralismus, Political Correctness und Veganertum – bekehren lassen will und Russland sollte sich toleranter gegenüber Minderheiten verhalten. Dann treffen wir uns zwar immer noch nicht in der Mitte, bewegen uns aber auf das Niveau normaler interkultureller Unterschiede zu!

https://mediadaten.morgenpost.de/export/sites/bmp/.galleries/sonstiges/Petersburger-Dialog_08.06.2018.pdf

(Interview: Femida Selimova)

Autor: Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.