„Mut? – Phantasielosigkeit!“ – Über den hasardeurhaften Umgang mit der Atomkriegsgefahr

Veröffentlicht am: 11. Mai 2022

Der grassierende Sofa-Bellizismus überschlägt sich mittlerweile in Ton und rüstungspolitischen Postulaten. Dass dabei im Worst Case nichts weniger als ein Atomkrieg in Europa riskiert wird, beweist nicht etwa Mut, sondern die erschreckende Apokalypse-Blindheit der ‚Verantwortlichen‘ in Medien und Politik.

von Leo Ensel

Es ist die Zeit der galoppierenden Radikalisierung.

Und die Zeit der schamlosen Bagatellisierungen.

Seit Wochen liefern sich die Leitmedien und die von ihnen gehetzte Politik einen atemberaubenden Überbietungswettbewerb, die anzustrebenden westlichen Kriegsziele in der Ukraine betreffend. Ging es zu Kriegsbeginn noch darum, die Kampfhandlungen schnellstmöglich zu stoppen und Blutvergießen wie Zerstörungen zu beenden – immerhin gab es zeitweise ernsthafte Verhandlungen zwischen beiden Seiten –, soll der Krieg nun laut EU-Außenminister Josep Borrell „on the battlefield“1 gewonnen werden. Mittlerweile reicht auch das nicht mehr. „Wir wollen“, so tönte2 US-Verteidigungsminister Lloyd Austin am 25. April, „dass Russland so weit geschwächt wird, dass es zu so etwas wie dem Einmarsch in die Ukraine nicht mehr in der Lage ist.“ Immerhin, so Austin hoffnungsfroh, habe Russland durch den Krieg bereits „viele militärische Fähigkeiten eingebüßt und viele seiner Truppen verloren.“

Die Gefahr eines Atomkrieges …

Die Konsequenz: Der Westen – allen voran die USA und, wie immer, nach anfänglichem Zögern auch die Bundesregierung – liefert nun auch schwere Waffen, flankiert von einer sich verschärfenden psychologischen Aufrüstung. „Putins Krieg“ ist in den Gazetten und Talkshows angesichts der tatsächlichen oder angeblichen russischen Kriegsverbrechen – hier wären dringend Untersuchungen der OSZE geboten, um die nötige Klarheit zu schaffen – längst zu „Russlands Krieg“ mutiert, „der Russe“ zeigt wieder sein barbarisches Gesicht. Kurz: Der Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland auf dem Boden der Ukraine soll bis zum allerletzten ukrainischen und russischen Soldaten ausgekämpft werden.

Und da beide Akteure Atomwaffenstaaten sind und keine Seite sich einen Gesichtsverlust leisten kann, gerät der Einsatz taktischer Atombomben durchaus in den Bereich des Möglichen. Die stellvertretende US-Außenministerin Victoria Nuland3, die sich bereits zu Euromaidan-Zeiten sehr drastisch exponiert hatte, sicherte der Ukraine für den Fall der Fälle schon mal zu, die USA würden das Land bei einem russischen Atomangriff nicht alleine lassen – was auch immer dieses ominöse Versprechen bedeuten mag!

Allein die Tatsache, dass solche Szenarien mittlerweile ernsthaft in Erwägung gezogen werden, ist in höchstem Maße alarmierend und sollte eigentlich, wie vor 40 Jahren zu Nachrüstungszeiten, die Menschen aller europäischen Staaten zu Hundertausenden auf die Straße treiben. Der Skandal besteht nicht nur darin, dass nichts dergleichen geschieht. Er wird noch dadurch überboten, dass in Politik und Medien mediokre Gestalten mit großem Mundwerk, durchschnittlichem Verstand, erschreckend wenig Verantwortungsbewusstsein und einem völligen Ausfall an Phantasie die Gefahr auf das Kriminellste bagatellisieren, im Worst Case gar noch anheizen.

und ihre Bagatellisierung

Besonders weit legte sich kürzlich unter der originellen Überschrift „Wie ich die Bombe lieben lernte“4 ein seltsamer Spiegel-Gastautor aus dem Fenster, der – so rasant radikalisieren sich gegenwärtig Ton und Forderungen – noch im Dezember letzten Jahres lediglich kokett dafür plädiert5 hatte, „mehr Kalten Krieg zu wagen“ und „Putin vor sich her zu treiben“. Aber mit solch zurückhaltenden Postulaten gibt sich ein Nikolaus Blome heute längst nicht mehr zufrieden. Das ungebrannte Kind spielt jetzt risikoselig mit dem Feuer: „Es braucht die Bombe für Deutschland. Denn es sind Atomwaffen, die den Atomkrieg bis heute verhindert haben“, rüttelt der Sofa-Bellizist mutig die friedensverweichlichte deutsche Gesellschaft wach. Die subkutane logische Konsequenz der Argumentation des ehemaligen Bild- und Spiegel-Spitzenjournalisten: Gebt allen Staaten Atombomben, dann wird schon Friede auf Erden herrschen!

Womit er sogar Recht behalten könnte.

Allerdings in einem etwas anderen Sinne.

Der ehemalige Leiter der GRÜNEN-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, mag es in dem von ihm initiierten Offenen Brief6 an Bundeskanzler Scholz etwas moderater: „Der Gefahr einer atomaren Eskalation muss durch glaubwürdige Abschreckung begegnet werden.“ Dass die Dinge sich verselbständigen und allen Akteuren entgleiten könnten, dass wir uns mögli­cherweise in einer ähnlichen Situation befinden wie die berühmten „Schlafwandler“ von 1914, auf diese Idee kommen der Ex-Maoist, für dessen Übervater in den Siebziger Jahren die Atombombe bekanntlich eh nur ein „Papiertiger“ war, und seine prominenten aufrüstungsfreudigen Mitunterzeichner nicht!

Am Geschicktesten7 macht es freilich die junge grüne Außenministerin. Sie geht scheinbar auf „die Sorgen der Menschen vor einem Atomkrieg als Worst Case-Szenario“ ein: „Wem das keine Angst macht, der ist entweder unehrlich oder hat die Lage nicht verstanden.“ Aber8 „wir können auch nichts komplett ausschließen. Und wir haben eine Verantwortung, immer die Risiken deutlich machen und auf der anderen Seite keine Panik schüren.“

Ängste verstehen, Risiken deutlich machen, keine Panik schüren – der Baerbocksche Dreiklang ist ein Klassiker der Bagatellisierung und Einschläferung. Denn es fehlt der entscheidende Satz: „Im Übrigen eskalieren wir weiter wie bisher!“

Apokalypse-Blindheit

Der banalisierende Umgang mit der Atomkriegsgefahr ist allerdings nicht allein ein Privileg gedanken- oder gar verantwortungsloser Politiker und Journalisten. Der Defekt ist allgemeiner ‚Natur‘ und betrifft prospektive Täter wie Opfer gleichermaßen. Niemand hat diese, von ihm so genannte „Apokalypse-Blindheit“ – die Unfähigkeit, die Gefahr des menschgemachten Weltenendes in seiner ganzen Bedeutung zu erfassen – früher und präziser auf den Begriff gebracht als der Philosoph Günther Anders. Bereits vor 65 Jahren schrieb er:

Betrauern können wir einen geliebten Toten. Vorstellen können wir uns vielleicht zehn Tote. Maximal. Umbringen können wir mit den heutigen Mitteln Hunderttausende auf einen Streich. Vor dem Gedanken der Apokalypse schließlich streikt die Seele! Der Gedanke bleibt nur ein Wort.“

Kurz: Herstellen können ‚wir Menschen‘ die Apokalypse – die Vernichtung allen Lebens auf diesem Planeten – mit Hilfe der Atombombe; Vorstellen können wir es uns nicht. Wir können uns nicht mehr vorstellen, was wir herstellen und anstellen können! In diesem Sinne sind wir zugleich größer und kleiner als wir selbst: Als Vernichter haben wir durch die Bombe gottgleiche Allmacht erlangt, als Vorstellende sind wir unserer unbeschränkten negativen Allmacht in keinster Weise gewachsen. Unsere Vorstellungen bleiben hinter den Effekten, die unsere Handlungen zeitigen können, unendlich weit zurück.

So auch unsere Unfähigkeit zur Angst vor einem möglichen atomaren Inferno. Diese ist nicht etwa Ausdruck von ‚Mut‘, sondern nichts Anderes als Phantasielosigkeit: die Unfähigkeit und der Unwille, uns den Worst Case vorzustellen und dies auf der Ebene der Gefühle zu realisieren – als Angst!

Die Gottheiten der Vernichtung

Und dies gilt, wie gesagt, für Politiker und Militärs, Spitzenjournalisten und Bild-Zeitungs-Leser, Professoren wie Sonderschüler gleichermaßen. Es wäre naiv zu glauben, professionelle Abwiegler oder Droher, Frauen und Männer wie Annalena Baerbock, Ralf Fücks, Wladimir Putin, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Nikolaus Blome, Andrij Melnik oder Joe Biden – sie mögen smart aussehen wie die deutsche Außenministerin oder grimmig dreinschauen wie der russische Präsident – wären ‚in Sachen Apokalypse‘ kompetenter als wir, die möglichen Opfer!

Günther Anders brachte es auf klassische Formulierungen: „‚Die Götter der Pest‘, so heißt es in einem alten Sprichwort, ‚sind friedliche Männer und selbst nicht pestkrank.‘ Ihnen gleichen die Gottheiten der heutigen Vernichtung: Nichts ist ihnen weniger anzusehen, als was sie auslösen könnten; und ihr Lächeln ist wohlwollend, nicht selten sogar ohne Falsch.“

Aber es gibt nichts Entsetzlicheres als das ehrlich wohlwollende Lächeln, als die Naivität, die Gedankenlosigkeit und die als Moral getarnte Scharfmacherei der Gottheiten der Vernichtung.

Autor: Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.