„Meiner ist größer!“ Donald Trump, der Atomknopf und das Ende des Komparativs

Veröffentlicht am: 5. Februar 2018

Auch wenn es die rivalisierenden Männer in Washington und Pjöngjang immer noch nicht kapiert haben sollten: Größenvergleiche sind im Atomzeitalter obsolet geworden. – Toter als tot geht nämlich nicht!

von Leo Ensel

Der Philosoph Günther Anders (1902 – 1992), der sich wie kein Anderer mit der Frage beschäftigte, was sich für die Welt geändert hat, seit die Menschheit mit der Entwicklung der Atombombe in der Lage ist, sich selbst und möglicherweise alles Leben auf diesem Planeten zu vernichten, wurde gegen Ende seines Lebens gefragt, ob er denn wirklich glaube, dass früher oder später ein Verrückter die Bombe tatsächlich zünden würde. Seine Antwort:

Anders: Ja! – Aber kein Verrückter.

Interviewer: Sondern?

Anders: Ein Beschränkter. – Einer, der zu beschränkt ist, seine eigene unbeschränkte Allmacht zu erkennen.

Worte, die exakt auf einen Mann wie Donald Trump gemünzt sein könnten.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten seiner nuklear fundierten unbeschränkten Allmacht nicht nur – wie jeder Mensch – emotional, sondern auch mental nicht gewachsen ist, dann spätestens mit seiner pubertären phallokratischen Bemerkung vor einem Monat, sein ‚Atomknopf‘ sei „much bigger & more powerful“ als der seines potentiellen Kontrahenten in Pjöngjang. Der Mann hat immer noch nicht verstanden, dass das Atomzeitalter auch das Ende des Komparativs bedeutet: Toter als tot geht nicht!

Mag ja sein, dass die USA im Ernstfalle Nordkorea vielleicht vierzehn- oder gar siebenundzwanzigmal vernichten könnten. Früher oder später wird jedoch auch Nordkorea über die nötigen Trägersysteme und Sprengköpfe verfügen, um seinerseits die USA in Schutt und Asche legen zu können.

Möglicherweise nur einmal und nicht vierzehnmal.

Aber das würde reichen.

Man muss schon ein Denker vom Format eines Donald Trump sein, um unfähig zu sein zu realisieren, dass es ihm in diesem Falle nichts, aber auch gar nichts nützen würde, dass ‚seiner größer‘ ist!

PS:

Während eines Gespräches im April vergangenen Jahres hat Michail Gorbatschow mir versichert, ihm und Ronald Reagan sei Ende der Achtziger Jahre die Verschrottung von 80 Prozent des nuklearen Arsenals der USA und der UdSSR gelungen, weil sie beide gewusst hätten, was ein Atomkrieg im Ernstfalle bedeuten würde. Sollte es tatsächlich zutreffen, dass die mentale Wende bei Ronald Reagan im Herbst 1983 durch den Film „The day after“ initiiert wurde, dann kann man dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten nur dringend ans Herz legen, sich diesen Film schleunigst ebenfalls anzusehen!

Geben wir die Hoffnung nicht auf, dass es Donald doch noch gelingen möge, sich auf das intellektuelle Niveau von Ronald hochzuschwingen!

Autor: Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.