Die Wahrheit lügen! Über die „als aggressiv wahrgenommene“ Politik Russlands

Veröffentlicht am: 21. Februar 2018

Fiktion oder Faktum – wen kümmerts? Wird Russland als aggressiv wahrgenommen, dann hat man schleunigst darauf zu reagieren! Und dies entsprechend raffiniert zu verkaufen.

von Leo Ensel

Es gibt gefühlte Temperaturen, es gibt seit einem Jahr gefühlte – genauer: alternative – Fakten und es gibt seit Neuestem gefühlte Aggressionen.

Mit dem neuen NATO-Hauptquartier in Deutschland und der damit angestrebten Stärkung ihrer Kommando- und Streitkräftestruktur reagiere die NATO – so war es vor anderthalb Wochen unisono in den deutschen Medien zu hören und zu lesen – vor allem „auf die als aggressiv wahrgenommene Politik Russlands.“1

Formallogisch ist gegen diese Formulierung noch nicht mal etwas einzuwenden. In der Welt der zwischenmenschlichen Beziehungen – und dazu gehört auch die Politik – kann, wie jeder Paartherapeut bestätigen wird, Vieles so oder so wahrgenommen werden!

Es mag ja sein, dass es in Polen oder im Baltikum Menschen gibt, die die Politik Russlands „als aggressiv wahrnehmen“. Wie die Schönheit so liegt allerdings auch die Aggressivität nicht selten in den Augen des Betrachters. Hier Fiktion und Fakten penibel auseinanderzuhalten, diese Prüfung wäre Aufgabe einer gewissenhaften Politik.

Statt dessen wird die wahrgenommene Aggressivität per se als reale Aggressivität behandelt. Die gefühlte Bedrohung reicht aus, um reale Fakten zu schaffen. Und weil dies so ist, mutiert auch die formal korrekte Formulierung von der „als aggressiv wahrgenommenen Politik Russlands“ de facto zur aggressiven Politik Russlands. „Die Wahrheit lügen“, so könnte man diese raffinierte Form der semantischen Propaganda taufen!

Was macht eine verantwortungsvolle Mutter, wenn ihre vierjährige Tochter sich aus Angst vor als aggressiv wahrgenommenen Gespenstern nicht in den Keller traut? – Sie schickt sie natürlich nicht zur Kinderpsychologin, sondern drückt ihr eine Pistole in die Hand! Eine geladene.

Nicht unmöglich allerdings, dass im Gegensatz zu den Kellergespenstern Russland tatsächlich mal „in echt“ reagieren könnte. Das wäre dann allerdings eine reale Aggression auf eine reale Reaktion auf eine „als aggressiv wahrgenommenen“ Politik!

Autor: Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.