Die Stunde der falschen Erzählungen

Veröffentlicht am: 9. März 2022

Kriegszeiten sind Zeiten der Demagogie. Das gilt auch für den russischen Krieg gegen die Ukraine. Und zwar für alle Seiten.

von Leo Ensel

Nicht umsonst lautet ein bekanntes Sprichwort: „Das erste Opfer in einem Krieg ist immer die Wahrheit!“ Kriegszeiten sind Zeiten der Desinformation, der falschen Erzählungen, der verdrehten Worte, aus denen sich propagandistisches und politisches Kapital schlagen lässt. Vulgo: Zeiten der Lüge. Und zwar auf allen Seiten.

Genozid“

Kommen wir zunächst zur Seite des Aggressors. Hier fährt Präsident Putin die härtesten politischen Geschütze auf, die die russische Propaganda im Angebot hat. Im Donbass soll angeblich ein „Genozid“ an der dortigen russischen oder mit Russland sympathisierenden Bevölkerung – ja, was eigentlich? – beendet oder wenigstens verhindert werden. Ziel des „Militäroperation“ genannten russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist es, laut Putin, diese zu „entnazifizieren und entmilitarisieren“.

An diesen Formulierungen stimmt am ehesten noch das letzte Wort. Ansonsten ist alles falsch!

Leider muss man dem russischen Präsidenten gegenüber fairerweise einräumen, dass zumindest der Missbrauch des Wortes „Genozid“ durchaus nicht auf seinem Mist gewachsen ist. Der Westen hat ihm auch hier – wie bei seiner gesamten „Regime Change-Operation“ in der Ukraine – bereits vor Jahrzehnten eine Steilvorlage geliefert: im unsäglichen Auschwitzvergleich, mit dem der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer seiner Partei, den GRÜNEN, im Frühjahr 1999 den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien schmackhaft gemacht hatte.

Unternimmt man die etwas zynisch anmutende Gedankenoperation, die Begriffe „Kriegsopfer“, „Massaker“ und „Genozid“ auf einer Ordinalskala mit fließenden Übergängen anzuordnen, so lässt sich folgendes konstatieren: In jedem Krieg kommen Menschen, in der überwiegenden Mehrzahl Zivilisten, ums Leben: Kriegsopfer, mal als sogenannte „Kollateralschäden“ – ebenfalls eine originär westliche Wortkreation – billigend in Kauf genommen, mal als Terrorakte zur Einschüchterung der Bevölkerung von den Tätern bewusst intendiert. „Massaker“ sind Aktionen punktueller Massenmorde, wie sie beispielsweise die Einsatzgruppen der SS 1942/43 im Rahmen des sogenannten „Antipartisanenkampfes“ in hunderten weißrussischen Dörfern oder amerikanische GIs im vietnamesischen My Lai verübten. Selbst die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki könnten wohl noch unter diesem Begriff rubrifiziert werden.

Beim Begriff „Genozid“ liegt die Messlatte allerdings sehr hoch. Immerhin geht es hier definitionsgemäß um die Ausrottung – oder jedenfalls deren Versuch – eines ganzen Volkes bzw. einer Volksgruppe oder, wie man heute eher sagen würde, einer gesamten Ethnie. Hiervon könnten, sofern sie dazu noch in der Lage wären, zum Beispiel die amerikanischen Ureinwohner nahezu sämtlicher Stämme, die Hereros in Namibia, die Armenier im Osmanischen Reich und die europäischen Juden ein infernalisches Lied singen.

Bezogen auf den Donbass steht OSZE-Angaben zufolge fest, dass der Krieg, den die Kiewer Zentralmacht, Seite an Seite mit rechtsextremen Freikorpsverbänden, seit April 2014 (!) gegen die von Russland clandestin oder offen unterstützten Rebellenrepubliken Donezk und Lugansk führt, mittlerweile um die 14.000 Menschen das Leben gekostet hat. Darunter mehr als 3.000 Zivilisten1. Auszuschließen ist, wie bei allen Kriegen, ebenfalls nicht, dass es hierbei auch zu lokalen Massakern an der Zivilbevölkerung gekommen sein mag. Ein schreckliches Massaker an der russischstämmigen ukrainischen Bevölkerung steht jedenfalls zweifelsfrei fest: Das Massaker in Odessa vom 2. Mai 2014, bei dem ‚prorussische Demonstranten‘ von militanten ‚pro Maidan-Aktivisten‘ in das dortige Gewerkschaftgebäude getrieben wurden, das anschließend in Brand gesetzt wurde. Mindestens 50 ‚prorussische Demonstranten‘ kamen bei dieser „Aktion“ ums Leben, die meisten verbrannten lebendigen Leibes oder erstickten, andere stürzten sich aus den Fenstern in den Tod, während Ukrainer draußen das Gebäude abriegelten. Bis heute sind weder die näheren Umstände offiziell aufgeklärt noch die Täter zur Rechenschaft gezogen. In der westlichen Berichterstattung war von diesem Massaker, wenn überhaupt, bestenfalls am Rande die Rede.

Lässt sich aus alledem folgern, im Donbass habe ein „Genozid“ stattgefunden oder dieser habe zumindest für den Fall einer Rückeroberung durch die Kiewer Zentralgewalt gedroht? Auch wenn im letzteren Falle schreckliche Massaker an der Zivilbevölkerung, nicht zuletzt durch ultranationalistische Paramilitärs, nicht auszuschließen gewesen wären, halte ich den Begriff „Genozid“ hier für entschieden zu hoch gegriffen. (Einzuräumen ist allerdings, dass die sehr weite völkerrechtliche Definition des Begriffes „Genozid“ zum inflationären Gebrauch förmlich einlädt!) Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass dieser Begriff von russischer Seite bereits im Sommer 2008 bemüht wurde, als georgische Truppen die abtrünnige Region Südossetien angegriffen hatten. Der georgische Angriff hatte damals 162 Menschen2 der südossetischen Bevölkerung das Leben gekostet, was aber bei allem Kriegsleid den Begriff „Genozid“ keineswegs rechtfertigt.

Entnazifizieren“

Neben einer „Entmilitarisierung“ des Landes und der Beendigung bzw. Verhinderung eines angeblichen „Genozids“, ist laut Putin das Ziel der russischen Aggression gegen die Ukraine, diese zu „entnazifizieren“. Insbesondere die Regierung um den gegenwärtigen Präsidenten Wolodimir Selenski hat er mehrfach als eine „Bande von Drogenabhängigen, Neonazis und Terroristen“3 bezeichnet. – Was ist von diesem Vorwurf zu halten?

Zweifellos spielten bei dem gewaltsamen Umsturz vom 22. Februar 2014 auf dem Kiewer Euromaidan bewaffnete ultranationalistische Gruppierungen aus der Westukraine eine entscheidende – möglicherweise die entscheidende – Rolle. Und in der postwendend verfassungswidrig installierten Umsturzregierung unter Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk – das von der Verfassung für die Absetzung eines Präsidenten vorgeschriebene Quorum wurde verfehlt und der auch nach westlichen Standards demokratisch gewählte Präsident Wiktor Janukowitsch war unter dem Druck der Ereignisse geflohen – befanden sich drei Minister mit rechtsextremem Hintergrund. Dennoch war die russische Bezeichnung der „Kiewer faschistischen Putsch-Junta“ propagandistisch überzogen. (In Russland weiß man sehr genau, dass man die Legitimation der eigenen Bevölkerung für noch so fragwürdige Militäreinsätze am ehesten erhält, wenn diese sich gegen tatsächliche oder angebliche Faschisten richten.)

Der gegenwärtige ukrainische Präsident Wolodimir Selenski ist jedenfalls demokratisch gewählt und definitiv kein Nazi. Ihm die Legitimation abzusprechen, weil im Februar 2014 ein Putsch verübt wurde – er also ein indirekter Erbe dieses gewaltsamen Umsturzes ist –, wäre von derselben schrägen Logik, wie wenn man die Legitimität der Präsidentschaft Wladimir Putins ausgerechnet mit dem Argument infragestellen würde, dass sein Vorgänger Boris Jelzin im Herbst 1993 ja das eigene Parlament beschossen habe!

Nach wie vor gibt es vor allem in der Westukraine, nicht zuletzt auf dem Hintergrund der Bandera-Tradition, ultrarechte Gruppierungen, die auch mit der Naziideologie sympathisieren. Analoge Gruppierungen gibt es allerdings auch in Russland. Aber eine externe Militäraggression wäre in beiden Fällen das denkbar ungeeigneteste Mittel, sie aus der Welt zu schaffen.

Holodomor und Holocaust oder:

Nur ukrainische Opfer? – Die Ukrainer nur Opfer?

Der zweifelhafte Umgang mit der Wahrheit ist allerdings durchaus kein Privileg Wladimir Putins. Auch der Westen bedient sich bisweilen einer Argumentation, die man guten Gewissens als demagogisch bezeichnen kann.

So übernimmt man beispielsweise hierzulande völlig unkritisch den ukrainischen Vorwurf, Russland sei für den „Holodomor“ – die um die drei Millionen ukrainischen Hungertoten 1932/33 im Zuge der Zwangskollektivierung – verantwortlich. Hier handelt es sich um einen in den meisten postsowjetischen Ländern mittlerweile äußerst beliebten geschichtsrevisionistischen Narrativ, den ich in anderem Zusammenhang einmal etwas akademisch-sperrisch als „posthume Renationalisierung der Sowjetgeschichte“4 bezeichnet habe und der auf folgenden simplen Satz hinausläuft: Schuld am Kommunismus waren immer nur die Russen! Nicht Vertreter einer bestimmten Ideologie – Bolschewiki, Kommunisten oder der KGB – waren also dieser Argumentation zufolge die Täter, sondern Vertreter einer bestimmten Nation. Dasselbe gilt für die Opfer: Opfer waren nicht Kulaken, Kleinbauern, Adlige, Priester, Dissidenten, unliebsame Wissenschaftler und Künstler, sondern schlicht alle Völker der ehemaligen Sowjetunion – außer den Russen!

Wie voluntaristisch diese Konstruktion ist, zeigt sich nicht zuletzt bezogen auf die genannte Hungerkatastrophe Anfang der Dreißiger Jahre. Gehungert wurde nämlich auch außerhalb der Ukraine: Nicht zuletzt in den fruchtbaren Kuban- und Schwarzerdegebieten, im Nordkaukasus und in Kasachstan. Auch Russen sind dieser staatlich induzierten Hungerkatastrophe zu Hunderttausenden zum Opfer gefallen.

Übrigens war der Hauptverantwortliche für die Millionen Hungertoten, ein gewisser Josif Wissorjanowitsch Stalin, gar kein Russe, sondern Georgier! – Kurz: Die ganze Argumentation stimmt hinten und vorne nicht. Sie wird nicht dadurch besser, dass der Westen sie auch noch nachbetet.

Auf ähnlich fragwürdige Weise werden nun – wie kürzlich von der grünen Europa-Abgeord­neten Viola von Cramon-Taubadel5 – die ukrainischen Holocaust-Opfer für eine angebliche besondere deutsche Verantwortung der Ukraine gegenüber in Anspruch genommen. Ja, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine haben die Einsatzgruppen C und D der SS unter tatkräftiger Unterstützung der Wehrmacht grausigste Massaker an der jüdischen Bevölkerung verübt – unter anderem in Babij Yar im Norden von Kiew, Kamanezk-Podolsk und Odessa –, denen insgesamt Hunderttausende ukrainische Juden zum Opfer fielen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1941 in nahezu ganz Ostgalizien, der heutigen Westukraine, zu brutalsten blutigen Pogromen der ukrainischen Bevölkerung an den ortsansässigen Juden – im Jargon von SS und einigen Wehrmachtsgenerälen: „Selbstreinigungskräfte des ukrainischen Volkes“ – kam, die weder Frau von Cramon-Taubadel noch Präsident Selenski auch nur mit einem Wort erwähnen. (Statt dessen führt man die jüdischen Holocaust-Opfer lieber dann ins Feld, wenn ausgerechnet in der unmittelbaren Umgebung von Babij Yar ein Fernsehsender von russischen Geschossen getroffen wird.6)

Es ist halt immer bequemer, Opfer zu sein!

Kommen wir zum Schluss zu unserem Ausgangspunkt zurück: Kriegszeiten sind Zeiten der Demagogie, der falschen Erzählungen, der Lügen. Zur Deeskalation gehört auch das mühsame Geschäft, sie richtigzustellen. Beliebt macht man sich damit weder auf der einen noch auf der anderen Seite.

Autor: Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.