23 Prima-Tips wie Sie ein aktuelles hochwichtiges Thema garantiert verbrennen!

Veröffentlicht am: 16. Dezember 2014

von Leo Ensel

  1. Veröffentlichen Sie einen Appell zu früh! Dann wird man Sie für hysterisch und damit das Thema für irrelevant halten.

  1. Veröffentlichen Sie einen Appell zu spät! Dann hat sich die Diskussion längst erledigt, weil längst schon Fakten geschaffen sind.

  1. Sorgen Sie dafür, dass nicht einer, sondern zahllose Appelle zu diesem Thema erscheinen! Dann will schon bald niemand mehr etwas von dem Thema wissen. (Motto: „Totschweigen durch Totreden!“)

  1. Veröffentlichen Sie einen Appell, der haarscharf am Kern des Themas vorbeizielt! Dann haben alle das gute Gefühl, eine wichtige Tat vollbracht zu haben und widmen sich besten Gewissens wieder ihren Alltagsgeschäften. Während die Dinge weiter ihren (beabsichtigten) fatalen Lauf nehmen.

  1. Schreiben Sie einen Appell, der genügend Breitseiten für Kritik eröffnet! Das ruft die Kritikermeute auf den Plan, die voller Eifer alle wunden Punkte der Argumentation offenlegt. Und damit stellvertretend für Sie das Thema erledigt. (Motto: „Management by delegation!“)

  1. Richten Sie Ihren Appell an die falschen Adressaten! Dann haben Sie etwas Wichtiges getan und nichts bewirkt!

  1. Lassen Sie den Appell von den bekanntesten Gutmenschen Ihres Landes unterzeichnen! Dann nimmt keiner mehr das Thema ernst.

  1. Verfassen Sie dicke exzellente Analysen und veröffentlichen Sie sie drei Jahre später oder noch besser: Nie! Das befriedigt Ihren intellektuellen Ehrgeiz und gibt Ihnen das wohlige Gefühl etwas Mutiges getan zu haben. Ohne negative Folgen befürchten zu müssen. (Motto: „Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen!“)

  1. Begraben Sie das Thema unter hochtönenden Allgemeinplätzen! Eine spezifische Variante der Strategie „Totschweigen durch Totreden“. (Beispiel: Fliegt in Donezk gerade ein Haus in die Luft, werden in Odessa Menschen verbrannt, wird im Donbass ein Passagierflugzeug abgeschossen, organisieren Sie eine Kundgebung wahlweise „Für Frieden und Abrüstung!“ oder „Nein zu Krieg und Konfrontation!“)

  1. Erschlagen Sie das Thema durch lächerliche Parolen! Spitzt sich der Konflikt dramatisch zu, beläuft sich die Anzahl der Toten bereits auf mehrere Tausend, demonstrieren Sie unter dem Banner „Frieden ist ein Menschenrecht!“ (Sie können auch „Nein zur Unterstützung von Faschisten!“ oder „Wir weigern uns Feinde zu sein!“ benutzen. Verkitschen Sie das Thema durch den Evergreen: „Unsere Kinder wollen leben!“)

  1. Sorgen Sie für Blitzableiter! Annektiert der russische Präsident Putin die Krim, führt er einen hybriden Krieg im Donbass, verteidigt der ukrainische Staatspräsident Poroschenko gerade seine eigene Bevölkerung zu Tode, dann rufen Sie laut: „Gauck, Stahlhelm runter!!“ oder „NATO auflösen!“

  1. Verwässern Sie das Thema! Schließlich ist unser blauer Planet ja auch noch durch andere schlimme Gefahren bedroht! Kombinieren Sie ihr Thema also mit Klimakatastrophe, Finanzkrise, Asylpolitik, Rüstungsexporten, Genderthemen etc. etc. Seien Sie großzügig! Alles hängt ja mit allem zusammen!

  1. Initiieren Sie eine „Große Koalition der Sektierer“, die das Thema okkupiert! Mobilisieren Sie linke und rechte Extremisten, Marginalisierte, Verschwörungstheoretiker und andere Durchgeknallte! Dann will keiner mehr etwas mit dem Thema zu tun haben!

  1. Sorgen Sie selbst für Verschwörungsphantasien! Das kann doch nicht so schwer sein! Erst recht nicht in Zeiten des Internet. 9/11 haben wahlweise die Amerikaner selber oder die Juden – ääh: Zionisten! – veranstaltet, genauer: Das World Trade Center steht in Wirklichkeit noch! (Und dass die Mondlandung in Wirklichkeit ein Fake war, wissen Sie ja schon lange!) Bestens bewährte Schuldige: „Das Internationale Finanzkapital“ (da muss man das heikle J-Wort nicht in den Mund nehmen), „Der US-Imperialis­mus“, „Die Rüstungsindustrie“, „Der Kapitalismus“ oder gerade Sie als Deutscher: Nehmen Sie einfach den Oldtimer: „Israel“! – Da wird Ihnen zur Ukraine doch auch noch was einfallen!

  1. Merke: Das Opfer ist immer der Täter! Nicht nur die Amis haben 9/11 organisiert, nicht nur die Juden profitieren vom Holocaust. Auch in der Ukraine … Na? Seien Sie kreativ!

  1. Attackieren Sie die „kriegstreibende Lügenpresse“! Da liegen Sie immer richtig! Wo? Auf der Seite der Wahrheit natürlich!

  1. Beschuldigen Sie immer die eigene Seite! Das beweist, dass Sie objektiv sind! (Beispiel: Die wahre Schuldigen am Ukraine-Krieg sind Kriegstreiberin Merkel, Kriegstreiber Gauck und Kriegstreiber Obama! Mit einem Wort: die NATO!)

  1. Blasen Sie die Begriffe auf! Bestehen Sie auf dem Wort „Annexion“, wo man vielleicht auch von „Sezession“ sprechen könnte! Sprechen Sie von „Genozid“, wenn Krieg geführt wird! (Zieren Sie sich nicht so: Sie können ruhig auch von „Endlösung“ sprechen!) Sprechen Sie von „faschistischer Junta“, wenn mindestens drei Rechtsradikale in einer Regierung sitzen! – Überhaupt: Verwenden Sie so oft wie möglich die Worte „faschistisch“ oder „rassistisch“! Das sorgt für den nötigen Ernst und demonstriert, dass Sie auf der richtigen Seite stehen. (Motto: „Wer Andere des Faschismus bezichtigt, ist selber keiner!“)

  1. Überhaupt: Keine Angst vor markigen Worten! Sie können das Wort „Kriegstreiber“ (wahlweise: „Friedenshasser“, „Hassprediger“, „Friedensfeinde“) ruhig dreimal im Satz benutzen! Auch Vorwürfe wie „Expansive sattsam bekannte Reanimationen des deutschen Revanchismus und Chauvinismus“ kommen gut!

  1. Mahnen Sie dunkelraunend! Am Besten garniert mit einschüchternden Zitaten als Bildungsornamenten. Das erhöht Ihren Status. Besonders bewährte Klassiker: „Wehret den Anfängen!“, „Der Schoß ist fruchtbar noch …“, „Gerade wir Deutsche …“ oder „70 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus …“

  1. Organisieren Sie ritualisierte Gedenkveranstaltungen und inszenieren Sie sie als weihevolle Gottesdienste! Bemühen Sie unbedingt die „Lehren aus der Geschichte“! Das erhebt die Herzen und lenkt von der Gegenwart ab. (Motto: „Vergessen durch Gedenken!“)

  1. Sorgen Sie durch Inflationierung des Themas dafür, dass es Anna Normalverbraucherin aus den Ohren raus kommt! Eine weitere Variante des „Totschweigens durch Tot­reden“. Wichtige Ansatzpunkte: Talkshows, Internetforen, ritualisierter regelmäßiger Protest – es muss nicht immer Montag sein! – am besten mit Merchandising. (Es gibt auch noch Anderes außer Friedensrunen, Friedenstauben und Regenbogenfahnen!). Alle Formen des Ritualismus sind willkommen. Setzen Sie Liedermacher auf das Thema an!

  1. Last but not least: Feiern Sie Erfolge! Und würdigen Sie sie gebührend! „Die Friedensbewegung ist da! Und sie ist stärker als je zuvor!“ – Kommen zu Ihrer zentralen Berliner Veranstaltung „Für Frieden – gegen Gauck!“ immerhin ein Viertel so viel Menschen wie zur Dresdner Pegida-Demonstration, so sprechen Sie mutig und ehrlich von der „größten Friedensdemonstration des Jahres“!

Das klingt doch schon fast so wie damals.

In der größten DDR der Welt!

Autor: Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.