„Nie wieder Krieg“, Friedensdemonstration im Berliner Lustgarten am 10. Juli 1922. (Foto: National Photo Company, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Warum ist die Friedensbewegung keine Massenbewegung?
Der desolate Zustand der Friedens- und Protestbewegung gegen Krieg und Aufrüstung ist Zeichen eines abgestorbenen gesellschaftlichen Dialogs, eines Endes von demokratischem Engagement und zivilisatorischem Fortschritt, von dem man glauben mochte, seit 1968 sei man dabei, ihn in kleinen Schritten gewonnen zu haben.
Was geschah in den letzten 40 Jahren – aber auch in den Jahrzehnten zuvor, denn die Nachkriegszeit dürfen wir nicht übergehen –, dass dieses Ergebnis möglich wurde? Erst wenn wir diese Entwicklung verstehen, wird die Friedensbewegung Aussicht haben, Zulauf und Sympathien zu bekommen. Ansonsten wird es dabei bleiben, dass eine klein bleibende Friedensbewegung leerdreht und zum demokratischen Feigenblatt degeneriert.
Konnten sich einst Proteste noch an Politikern, Intellektuellen, an Personen mit einem Renommee anlagern und entfalten und damit eine sich selbstverstärkende Resonanz erzeugen, so fällt dieser Impuls heute weg. Konnten die einstigen Protestbewegungen auf dem prägenden Untergrund von noch hautnahen Kriegserfahrungen, von Lehren, die man zu ziehen hoffte, von einer Emphase des Neubeginns Dynamik entfachen, haben sich die „Bodenverhältnisse“ heute geändert. Sie sind glatt und rutschig geworden, das Sensorium ist darauf gerichtet, einen legitimierten Korridor nicht zu verlassen und ansonsten das, was man denkt und fühlt, als Geheimnis zu behandeln [1].
1. Zielstrebige Illusionierungsarbeit der Eliten
Protest- und Friedensbewegungen haben es versäumt, zentrale Veränderungen im gesellschaftlichen Gefüge der letzten Jahrzehnte zu begreifen und über sie zu reden, sich darüber zu streiten, welche Strukturen und Triebkräfte die Gesellschaft bewegen. Insofern ist die Friedensbewegung Abbild der Gesellschaft und selbst in einem bedrohlichen Zustand des (Nicht-)Erkennens gesellschaftlicher Entwicklungen verfangen. Man könnte auch sagen: Sie (Friedensbewegung und Gesellschaft) haben die eigene Bildungs- und Reflexionsarbeit aufgegeben oder gar nicht erst begonnen. Beide befinden sich in einem ständigen Zyklus der Selbstberuhigung und der Bestätigung dessen, was ist. Die zerstörende Kraft des profitsüchtigen Kapitalismus und seine unterstellte Unumgehbarkeit, wie auch der in sich zusammengefallene Sozialismus scheinen alles radikale (an die Wurzeln gehende) Denken obsolet gemacht zu haben.
Die Eilfertigkeit, mit der Putin aus der Friedensbewegung heraus zum Kriegsverbrecher gestempelt wird, ist ein Hinweis darauf, wie mürbe die Unabhängigkeit der Friedensbewegung geworden ist. Die zahlreichen Verbrechen des sog. wertebasierten Westens, des westlichen, kolonialbasierten Kapitalismus, bleiben unerwähnt und werden verleugnet. Man könnte glauben, dass darin keine Quellen für Kriege, Krisen und Katastrophen liegen. Verzicht auf politökonomische und geopolitische Analysen scheinen zum Mittel geworden zu sein, um es sich mit den Herrschenden oder auch den ratlosen, verwirrten Massen, die man gewinnen will, nicht zu verderben. Zudem versucht man sich darin, dem staatlicherseits ausgerufenen Antifaschismus und einem sog. Kampf gegen rechts gerecht zu werden. Aber hat die Friedensbewegung dadurch an Resonanz gewonnen?
2. Offensichtlich hat in der Friedensbewegung das stattgefunden, was auch in der Gesellschaft stattfand – Anpassung
Was man als Übergang zu einer neoliberalen und postindustriellen Gesellschaft bezeichnen könnte, griff tief in die psychischen Apparate der Menschen ein. Die Menschen lernten, sich selbst und die Welt mit einem anderen Blick, dem der Konkurrenz, der Entsolidarisierung und des Marktes zu sehen. Ihr Denken und Fühlen wurde aus scheinbar stabilen Strukturen herausgerissen, die ihnen Wohlstand, soziale Sicherheit und Frieden versprachen und, verglichen mit heute, tatsächlich auch geboten hatten. Und nun wurde ihnen erzählt, dass das alles gefährdet sei, wenn sie sich nicht neoliberalen Forderungen unterwerfen würden.
Ihren Aufgaben und Pflichten in der Sozialen Marktwirtschaft der Nachkriegszeit nachzukommen (und von ihr zu profitieren), hatte die Menschen glauben lassen, so etwas wie Klassenkampf sei überwunden, ihre Bravheit und ihr Einverständnis mit den Eigentumsverhältnissen, die Absage an jeden widerständigen, rebellischen Geist würden belohnt werden. Sozialpartnerschaft zwischen den Besitzenden und Besitzlosen sei möglich. So schon frühzeitig von Kapitalbesitzern und ihren politischen Vertretern auf nächste Schritte eingestimmt, erwarteten nicht wenige aus der Gruppe der arbeitenden Menschen das Paradies der flachen Hierarchien, die Freisetzung und Nutzung ihres unternehmerischen Geistes (wenngleich bei reduzierten Arbeitnehmerrechten). Dafür nahmen sie den Abbau von Gemeinwohlstrukturen hin, glaubten an die Segnungen von Privatisierungen und ÖPP (öffentlich-private Partnerschaft). So vollzog sich der neoliberale Coup. Eigentlich war schon das eine Kriegserklärung ohne Waffen an die Bevölkerung, die diese aber mehrheitlich leugnete.
Denn was hätte es bedeutet, wenn man sich die herrschende Politik und das herrschende Unternehmertum nicht mehr als gute und wohlwollende Eltern und Patriarchen hätte vorstellen wollen, sondern als strategisch agierende Kapitalisten mit einem vordringlichen Interesse an Verfügungsgewalt über Eigentum und Mehrung des Profits? Man hätte kämpfen und anerkennen müssen, dass man eigene und andere Interessen hatte als eben diese …
Die Freisetzung aus den Sicherheit gebenden Strukturen wurde als Möglichkeit der Selbstbefreiung, als Hinwendung zum unternehmerischen Selbst gefeiert – und von nicht wenigen begierig aufgenommen. Behörden und Unternehmen wurden in diesem Sinne umgebaut und da, wo „nötig“, wurden auch Gesetze angepasst.
Die Freisetzung aus den Sicherheit gebenden Strukturen wurde als Möglichkeit der Selbstbefreiung, als Hinwendung zum unternehmerischen Selbst gefeiert – und von nicht wenigen begierig aufgenommen. Behörden und Unternehmen wurden in diesem Sinne umgebaut und da, wo „nötig“, wurden auch Gesetze angepasst.
Mit der Überwindung der „großen Industrie“ (Massenbelegschaften, Gleichförmigkeit der Arbeit, Fließbandarbeit, Arbeitszeiten) sollte ein neues Zeitalter der Individualisierung und damit der Freiheit einsetzen. Die Massenorganisationen, die einst Schutz boten, übernahmen die Individualisierungskampagnen, die keine waren. Selbstverwirklichung im Arbeitsleben, der Wert des einzelnen Menschen sollte in den Mittelpunkt gestellt werden – das versprach sozialen Frieden und Wohlstand ohne Konflikt. Gerne wollte man es so glauben. Begrifflichkeiten wurden verwendet, die viele Menschen ansprachen und sie glauben ließen, ihre langgehegten Ideale würden durch eine neue Gesellschafts-, Unternehmens- und Wirtschaftspolitik Realität werden können. Man war nicht in der Lage, diese Manöver und Umbrüche als neue und straffe Formen einer alten Profit- und Herrschaftspolitik zu deuten. Eine neue Kultur, die die gesamte Gesellschaft durchdrang, war geboren.

Symbolbild: Carlie Chaplin in „Modern Times“, 1936. (Foto John Irving, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)
Was an Leid und Missachtung unter den neuen Formen der Ausbeutung entstand, wurde als persönliches Problem psychologisiert und privatisiert. Selbstoptimierung ist das Stichwort und die Antwort auf weitreichende Prozesse der Vereinzelung, Vereinsamung und Atomisierung. „Der Mensch als Subjekt tritt ab“ konstatierte Horst-Eberhard Richter (und andere) schon in den 1990er Jahren. Auf die zerstörerische Kraft der marktliberalen Neuerungen machte Alain Ehrenberg mit seiner Veröffentlichung „Das erschöpfte Selbst“ aufmerksam. Und Ulrich Bröckling zeigte mit „Das unternehmerische Selbst“, wie mit rhetorischen Kniffen der Verharmlosung Kälteprozesse in die Gesellschaft eingeführt wurden. (Literatur in den Anmerkungen).
Die Bedrohung für Autonomie, für Gemeinschaft, für Geschichtsbewusstsein als Voraussetzung für Selbstermächtigung und Partizipation begriffen wohl nur wenige. Es gab kein Bewusstsein für die Notwendigkeit einer echten, eigenständigen Selbstermächtigung, die Strukturen und Institutionalisierung gebraucht hätte; man ließ sich vormachen, man sei gerade dabei, die Selbstermächtigung aus der Wirtschaftspolitik zu bekommen, wenn man den Leitlinien des Change-Managements und der großen Stiftungen, wie Bertelsmann, folgte. Tatsächlich blieb man brav und vertraute den „Verantwortlichen“. Viele Menschen wollen und können heute in ihrer Realitätsverleugnung nicht sehen, wie ihnen in die Tasche gelangt wird und wie sich die großen Kapital- und Aktienbesitzer mit den Profiten aus Krieg und Aufrüstung ihre Konten füllen. Sie schauen zu, wie Wirtschaftszweige und Produktionsketten zu zerreißen drohen, weil Einzelbetriebe aus dieser Kette wegen fehlender Rentabilität herausbrechen und Produktionen damit einbrechen [2]. Dass hier Formen öffentlicher Kontrolle und Organisationsformen gemeinwohlorientierter Betriebsführung angebracht sein könnten, ist vermutlich schon Ketzerei und birgt Sozialismusgefahr.
Sich den rhetorischen Demokratie-Selbstverwirklichungs-Versprechen anzuschließen, bot die Möglichkeit, ohne Kritik und Konflikt mit den Mächtigen vermeintlich an einem Strang zu ziehen – und an in Aussicht gestellten Belohnungen teilzuhaben. So wurde die modernisierte Form des altbekannten folgsamen Untertanen wieder erschaffen. Offensichtlich lagerten in den Tiefenstrukturen des modernen Menschen noch ausreichend Andockstellen für solche Art Kohabitation (eheähnliche Verbindung; als Metapher gemeint, Anm. d. Red.).
Der Verrat an wirklicher Mitbestimmung, an Wirtschaftsdemokratie im Betrieb und zwischen den Wahlen machte sich in wachsender Ohnmacht bemerkbar. Mitwirkung und Mitschuld an den sich verschlechternden Arbeits-, Gestaltungs- und Lebensbedingungen wurden durch bereitgehaltene Ablenkungen, Lebensstile und Konsummöglichkeiten in Grenzen mögliche Karrieresprünge im Zaum gehalten.
Wie eingehegt zwischen den Verlockungen der neoliberalen Zeit, schachmattgesetzt von ihren rhetorischen Kniffen und praktischen Ausgrenzungen ihrer Kritiker, wirkt die Friedensbewegung. Sie scheint nicht mehr zu wissen, woher, wohin und wozu. Dabei müsste (auch) die Friedensbewegung die Analyse vorantreiben und sich zur Aufklärerin über die Verhältnisse machen.
3. Die lähmende Wirkung des kleinsten gemeinsamen Nenners – oder wie die Friedensbewegung sich selbst den Stecker zieht
„Die“ Friedensbewegung (wenn wir einmal annehmen wollen, dass es einen solchen Zusammenschluss gibt) soll Forderungen nach „Frieden“ der unterschiedlichsten Kräfte und Motive auf die Bühne der Wahrnehmbarkeit und der Mitgestaltung bringen. Dafür müssten die unterschiedlichen Strömungen aber auch konturiert erkennbar werden können. Eine oder einige wenige Losungen sollten für eine breite Öffentlichkeit als „Marke“ sichtbar sein können, und unterhalb dieser Marke könnten die unterschiedlichen Strömungen und „Beiträger“ erscheinen. So könnten diese untereinander und mit der Öffentlichkeit in einen Austausch kommen.
Tatsächlich aber scheint es Türsteher zu geben, die sortieren, wer und was hereindarf. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man sich die Erfahrungen einiger Kritiker anschaut. So weist Doris Pumphrey, langjähriges Mitglied der Friedensbewegung, u. a. darauf hin, dass die Friedensbewegung der Etablierung einer sog. „regelbasierten Ordnung“ des Wertewestens nicht widersprochen habe. Sie war ja nicht gemeinschaftlich verabredet worden. Sie wurde vom Westen (machtbewusst) durchgesetzt. Der Jugoslawien-Krieg wurde von ehemaligen Mitstreitern der Friedensbewegung mitentschieden und getragen. Der NATO-Angriff schien damit zusätzlich legitimiert. Und knüpfte an einen vagen und dann entstellten antifaschistischen Geist an, als Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) den Angriff damit legitimierte, dass es kein zweites Auschwitz geben dürfe. Die Neuausrichtung der „offiziellen“ Politik der BRD nach 1989 wurde auch dadurch vernebelt, dass eine wichtige linke Kraft, die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus, heute DIE LINKE, Anm, d. Red.) und ihre Führung sich um der Akzeptanz willen von der DDR distanzierte und so der BRD-Geschichtsschreibung die Interpretationshoheit überließ, so Doris Pumphrey. Und die gefährliche Ausdehnung der NATO – entgegen allen Verabredungen – über die deutsche Ostgrenze hinaus, hätte Anlass für Proteste der Friedensbewegung sein müssen.

Animation mit der Darstellung der schrittweisen Erweiterung der NATO (Animation: Arz, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Ängste, Ressentiments, Freiheits- und Unabhängigkeitsideale wurden missbraucht, um alte imperiale und koloniale Interessen des Westens zu bedienen. In den Böden der Ukraine liegen die Bodenschätze, die „wir“, wie Roderich Kiesewetter feststellte, für „unsere“ Verkehrswende (E-Autos) brauchen. [3] Dass die geostrategischen Interessen der USA (wenn der Westen die Ukraine kontrolliert, kann Russland keine Weltmacht sein, so Brzezinski und Mackinder) die russischen Sicherheitsinteressen berührten und den Frieden in Europa gefährde(te)n, führte nicht zu einem Neustart der Friedensbewegung.
Was einzelne Kenner seinerzeit voraussagten, ist seit Februar 2022 eingetreten: Russland lässt sich diese aggressiven Akte nicht länger gefallen. Warum wurde die Bedrohlichkeit des westlichen Handelns von der Friedensbewegung nicht zum Anlass genommen, einen Stopp der Ausdehnung der NATO zu verlangen? Stattdessen hätten führende Kräfte der Friedensbewegung nach dem Februar 2022, dem Zeitpunkt der sog. russischen Spezialoperation, davon geredet, dass die „militärische Aggression Russlands … keinesfalls gerechtfertigt“ sei.
Doris Pumphrey fragt zu Recht:
„Warum hat die Friedensbewegung, die sich auf den Antifaschismus beruft, nicht in jedem Aufruf und auf jeder Kundgebung dagegen protestiert, dass Deutschland politisch, finanziell und militärisch ein Nazi-verherrlichendes Regime in Kiew unterstützt. Damit hätte sie die Regierung in Erklärungsnot bringen können.“
Die Einheit und Stärke der Friedensbewegung wurde geschwächt, als führende Köpfe der alten Friedensbewegung, vielleicht in einem antikommunistischen Reflex, sich am Bau einer Brandmauer gegen rechts beteiligten, Proteste gegen die grundrechtschädigenden Corona-Maßnahmen als „rechts“ und „rechts-offen“ herabsetzten.
Die Führung der „alten“ Friedensbewegung hat die Friedensbewegung gelähmt, wenn sie um einer zweifelhaften Glaubwürdigkeit willen bei der herrschenden Politik deren Sprache und Einschätzungen übernimmt.
„Verantwortlichkeiten klar zu benennen und Forderungen entsprechend zu adressieren ist Teil der Aufklärung, die die Friedensbewegung leisten muss.“, schreibt Doris Pumphrey.
Das stille Bündnis mit den Herrschenden hat die Friedensbewegung wirkungslos gemacht und eine verwirrte, lethargische Bevölkerung zurückgelassen. Ob und wie sich eine Friedensbewegung davon erholen kann, ist fraglich. Insofern kann man sagen, dass auch sie, wie so viele andere Basis-Bewegungen und Strukturen unter die neoliberalen Kriegsräder geraten ist. Zerschlagen und vereinzelt dümpeln Friedensinitiativen vor sich hin. Beschönigt wird das als Graswurzelbewegung.
Zentral und koordiniert werden auf Bundesregierungs- und Staatsebene, Europa- und „Westen-Ebene“ Kriegs- und Angstlosungen verbreitet, während sich die Friedensbewegten stolz auf der Ebene der Graswurzel bewegen.
Rudolph Bauer kommt mit ähnlichen und weiteren historischen Argumenten zu einem ähnlich deprimierenden Ergebnis. Sein lesenswerter Vortrag fordert, konkret vom Krieg zu sprechen, in aller Deutlichkeit und in seinen verschiedensten Facetten [4]. Er wirft Teilen der Friedensbewegung vor, den Gewaltapparat, den die Bundesregierung aufbaue, zu ignorieren oder zu verharmlosen. Beschwörungen helfen dem Frieden nicht, stellt Bauer fest. Bei führenden Köpfen wie Reiner Braun macht er eine Staats- und Militärunterwürfigkeit aus. („abstrakt antifaschistische Friedensbewegung eines Reiner Braun – oder ähnlich auch die einer Sahra Wagenknecht“)
4. Identitätsverlust(e) – Identitätsaufbau ohne Substanz – Unterwerfungsbereitschaft
Kürzlich erschien ein Aufsatz von Patrick Lawrence [5]. Darin wirft der Autor ein Schlaglicht auf eine weitgehend „übersehene“ Dimension der real existierenden Bedingungen für politisches Handeln. Dass die weiter oben beschriebenen Entwicklungen so möglich waren und sind, hat auch mit den von Lawrence beschriebenen „Umerziehungsprozessen“ der Nachkriegszeit zu tun. Lawrence rückt die psychologische und psychohistorische Dimension in den Vordergrund. Wird sie nicht beachtet, bleibt politisches Handeln eine irrlichternde, schwer einzuordnende Veranstaltung. Profit- und Ressourceninteressen sind sicherlich eine treibende Kraft. Sie bedienen sich allerdings psychischer Konstellationen und Bedürfnisse. Sehr viel detaillierter und grundlegender haben in der Vergangenheit schon Arno Gruen, Erich Fromm, Hans-Joachim Maaz, Mattias Desmet und andere auf die Ebene gesellschaftlich geprägter Persönlichkeitsentwicklung, also darauf, wie Sozialcharaktere sich herausbilden, hingewiesen.
Warum spielen deren Konzepte bei friedensbewegten Menschen eine so untergeordnete Rolle? Vermutlich deshalb, weil auch große Teile der Friedensbewegten von den zielstrebig und systematisch erzeugten Stimmungen, Kampagnen usw. betroffen und „gebildet“ sind. Es fehlt uns dann die Freiheit des Blicks auf die eigene Person und die eigene Organisation und die eigene Gesellschaft, darauf, wie wir von dem beeinflusst sind, was uns umgibt. Damit geht es den Friedensbewegten nicht wesentlich anders als den in unangenehme Wahrheiten verstrickten Eltern-Großeltern-Generationen. In ihnen wirken die Vermeidens- und Abwehrmechanismen, wie sie in der Gesellschaft wirken. So könnte man die künstlichen Ausgrenzungen mittels einer Brandmauer als Abwehr eines zerbrechlichen Selbst verstehen. In solcher Befangenheit kann man sich einrichten, zumal einem der Zuspruch von der Seite der Macht sicher ist.

Aufruf zur „Re-orientation“ in der amerikanischen Besatzungszone,1947 (Bild: Deutsches Historisches Museum, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Wie Lawrence kurz und prägnant zeigt, sind wir Teil einer Kultur der Unterwerfung, hineingezogen in eine Kultur der Eroberung und Besetzung. Wie die Nachkriegsgeschichte verdeutlicht, besaßen die Deutschen für die USA als macht- und ausdehnungsorientierter Staat einige interessante Eigenschaften. Die eigenen (US-)Ambitionen umzusetzen, sei das Interesse der USA gewesen, nicht ein Interesse daran, Demokratie zu entwickeln, noch dazu auf der Grundlage der eigenen (deutschen), verstandenen und verarbeiteten Vorerfahrungen. So gesehen, war der gesamte Umerziehungsprozess nach 1945 einer, in dem sich die USA die Schwächen der deutschen Identitäts- und Demokratieentwicklung zunutze machten, um die eigenen Ziele ums so besser verfolgen zu können.
„Die Deutschen sind psychologisch gesehen in gewisser Weise von sich selbst getrennt, losgelöst.“, schreibt Lawrence. Oscar Wilde zitierend sieht er diesen Satz als passend für die Deutschen an:
„Ihre Gedanken sind die Meinungen anderer, ihr Leben eine Nachahmung, ihre Leidenschaften ein Zitat“.
Was könnte die Deutschen von sich selbst entfernt haben, was könnte ihnen den Kopf verdreht haben, wie könnten sie zu sich zurückfinden?
5. Eine Aufarbeitung, die keine war und keine ist
Deutschland als Gesellschaft und Staat und mithin auch die vielen Einzelnen, hatten mit Urheberschaft und Beteiligung an zwei Weltkriegen, mit industriell betriebener Vernichtung jüdischer Menschen, Sinti, Roma, Homosexueller, mit der Verfolgung von Kommunisten, Sozialdemokraten, Freiheit liebenden Menschen große Schuld auf sich geladen. Wie war damit verantwortlich umzugehen? Eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den Ursachen und Voraussetzungen solchen Geschehens wäre erforderlich gewesen – könnte man meinen. Die Zeichen standen nach der Gewalt- und Schreckensherrschaft jedoch nicht auf Analyse, Erkenntnisgewinn, Ursachenforschung.
Es ist schwierig, sich Schuld und Versagen zu stellen, so ist es auch verständlich, dass nach Entlastung gesucht wird. Abgesehen von gewöhnlichen Formen der Entlastung (ich habe nichts gewusst, ich hätte mich selbst gefährdet, die anderen sind auch nicht besser) wurde eine gesellschaftliche und politische Entlastung angeboten, die, wie sich später zeigen sollte, in neue Abhängigkeiten führte.
Die USA waren schon vor Hitler und nach Hitler daran interessiert, die Sowjetunion als Gegenspieler zum Kapitalismus westlicher Prägung klein zu halten – und, wenn möglich, zu schwächen oder in den Niedergang zu treiben. Deshalb verfolgten sie die Angriffe Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion durchaus mit freundlichem Interesse und einer gewissen Sympathie. Und schritten erst dann ein, als sich abzeichnete, dass die Sowjetunion den Angreifer besiegen könnte, statt wie gehofft, daran zu zerbrechen.
Zu heftig allerdings waren die Verfehlungen der Deutschen, als dass man sie nach der Niederlage unkritisiert in den antikommunistischen Kampf hätte mitnehmen können. Gleichwohl konnte und wollte man sich die Erfahrungen der neuen (und alten) Partner zunutze machen. Man konnte sie gebrauchen für geheimdienstliche Fragen und für waffentechnische Entwicklungen, auch für Propagandamaßnahmen und „shock and awe“, für Maßnahmen der Repression gegenüber übereifrigen, womöglich kapitalismuskritischen, Demokraten.
Eine vollständige und ernsthafte Demokratisierung mit Volksentscheiden und Kontrolle des Kapitals etc. wäre den amerikanischen Interessen zuwidergelaufen. Um die (west-)deutsche Gesellschaft mit einem starken kapitalistischen Staat auszustatten, ließ man zu und beförderte, dass Schuldige und Mitverantwortliche der NS-Zeit in wichtige Funktionen von Staat, Politik, Gesellschaft, Justiz, Wissenschaft und Medien zurückkehrten. Unter deren Schirm und Führung fand der sogenannte Neubeginn statt. Tatsächlich hat es eine „Stunde Null“, von der man in den Nachkriegszeiten sprach, nicht gegeben.
5.1 Deutungsmuster, die erhalten bleiben
Aufarbeitung und ernsthafte Demokratisierung fanden in Westdeutschland, wenn überhaupt, nur halbherzig statt. Gedenkstätten, Gedenktage, die westdeutsche Erinnerungskultur suggerieren bis heute den Eindruck, die westdeutsche Gesellschaft habe begriffen und gelernt. Es wurde ein Angebot gemacht: Werdet amerikanisch, denkt amerikanisch, westlich – dann gehört ihr zu den Siegern. Die USA wurden vermarktet als Demokratieretter und Demokratiebringer. Die Mittel, die in die kulturelle Beeinflussung flossen, waren immens. Transportiert wurden mit diesem Verständnis von Kultur und Demokratie auch die Vorstellungen von Macht. Wer die Macht hat, hat recht, kann es sich erlauben, in moralischen und rechtlichen Fragen größere Spielräume in Anspruch zu nehmen. Das knüpfte an die den Deutschen bekannte Herrenmenschenmoral, einem Ausdruck kolonialistischen Denkens an. Die Entdeckung des „Lebensraums“ in Richtung Osten (nachdem Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal, USA sich andere Teile der Welt gegriffen hatten). Das Interesse an einer geschwächten Sowjetunion und einem geschwächten Russland kann also durchaus eigene, „handfeste“ Interessen an Ressourcen haben, die man gern unter eigener Verfügungsgewalt hätte, nicht behindert durch Handelsverträge mit einem gleichberechtigten, selbstbewussten Partner. Dazu eignen sich „vorzeitliche“ Bilder vom slawischen Untermenschen, seiner Neigung zu Aggressivität, zu Gewalt, der man nur mit Waffengewalt und, wenn nötig, mit Vernichtung begegnen kann.

Titelbild der Broschüre Der Untermensch, die Reichsführer SS Heinrich Himmler 1942 im Nordland-Verlag veröffentlichte. (Bild: SS Main Office, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Der neuzeitliche, seit 2014 verschärfte Anti-Russismus knüpft an solch alte Bilder samt Überlegenheitsgefühlen (zumindest im westlichen Teil Deutschlands) an. Die für überholt gehaltenen Ressentiments ließen sich in wenigen Monaten wiederbeleben. Vielleicht auch bei dem einen oder anderen aus der westdeutschen Friedensbewegung oder ihnen sympathisierend nahestehenden Menschen.
Das geschieht vermutlich auf der Grundlage, dass die Menschen im Westen sich selbstverständlich, insbesondere kulturell und emotional, als in einer freien, liberalen, vernunftbegabten, kritikfähigen Gesellschaft aufgewachsen und sozialisiert verstehen. Grün-liberales Denken, die Herausbildung zahlreicher Identitätskonstrukte, das Leben in „Initiativenlandschaften“, die Bemühungen um „Inklusion“, boten offenbar jenen, die sich nach Gerechtigkeit und Anerkennung sehnten und dafür eintraten, das Bild einer „offenen“ Gesellschaft.
Dass dabei andere Themen, wie Eigentums-, Verfügungs- und Verteilungsfragen, wie auch Fragen der Meinungsfreiheit, bzw. Repression und Überwachung in der Bedeutungslosigkeit versanken, traten kaum ins Bewusstsein.
Die demgegenüber nicht abreißenden Berichte über tatsächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeiten anderenorts haben dabei nicht nur eine informatorische, sondern auch eine diskrete propagandistische Funktion: Umso heller erscheint „unser“ Land als befreit, vernünftig und gerecht. Dass es so funktioniert, hat u. a. eine Bedingung darin, dass die Mehrzahl der Medien, samt ihren Eigentümern und Journalistinnen und Journalisten, diese Melodie vorspielt. Der Kontext ist in aller Regel so, dass das Böse „dort“ automatisch zeigt, wie frei und gut es „hier“ zugeht. Wir haben es ständig mit einer verdeckten Rhetorik des Entweder-Oder zu tun, die einen Austausch behindert oder unmöglich macht.
Es bleibt unklar, wie die Massen über Krieg und Frieden denken und fühlen. Unterstützen sie die Haltungen der herrschenden Politik und der herrschenden Medien? Oder nehmen sie diese in einer Art Stoizismus hin, gewissermaßen klug, weil sie von ihrer eigenen Ohnmacht und Aussichtslosigkeit eines Widerstands gegen Krieg und Sozialabbau wissen? [6] Es wäre der Niedergang einer zivilen Kultur des Miteinanders, des Ausdrucks von Meinung und Gefühl über die Frage, wie wir miteinander leben wollen. Zumindest nehmen viele Menschen das, was ihnen die Herrschenden an Dämonisierung politischer Führer und Nachbarvölker und an Verschlechterung der eigenen Lebensverhältnisse zumuten, demütig hin. Wo man sich Widerstand erhoffen möchte, scheint sich eine Art Kriegsfatalismus breitzumachen. Die „Bürger“ benehmen sich nicht wie ein Souverän, sondern wie ein Sklave. Es scheint so, als fühle sich die herrschende politische Klasse wieder bei sich daheim [7]. Und die breiten Massen geben sich der unschuldigen und alternativlosen Unterwerfung hin. Reden wir von 1933 ff. oder von 2025?
5.2 Entwurzelt und lavierend
Dass wir nach 1945 zu einer zivilisierten Gesellschaft, vielleicht noch mit einem zusätzlichen Schub von 1968, zurückgekehrt seien, erscheint selbstbetrügerisch. „Aufarbeitung“, „Wiedergutmachung“, darf man zumindest aus heutiger Sicht sagen, waren oberflächlich. Die mäßig gelungene Läuterung geht einher mit einem gravierenden Identitätsverlust, mit einem Abgeschnittensein von den eigenen Wurzeln, Verantwortlichkeiten und Potenzialen. So kommt das Verdrängte immer wieder zum Vorschein, bricht sich in Projektionen Bahn, muss abgewehrt, im Feind bekämpft werden. Dieser Zustand der Verdrängung des beunruhigend Dunklen in einem selbst, die geahnte Unrühmlichkeit und Ehrlosigkeit nicht offenbar werden zu lassen, macht unfrei und anfällig für Manipulation, sucht nach Kompensation, kostet Energie, die in Ablenkungsmanöver gesteckt werden muss. Verschleierungsarbeit und Wachsamkeit, immer auf der Seite der Mächtigen zu stehen, das „Richtige“ zu denken, fühlen und zu sagen, sich mit den Starken zu identifizieren, entziehen persönlicher und gemeinschaftlicher Arbeit Kraft. Das Lavieren wird zu einer (Über-)Lebenskunst.
Sich hinwiederum über die Identität eines anderen Mächtigen oder über angebotene Moden, Stars etc. zu definieren, kann den Verlust des Selbst-Bewusstseins nur oberflächlich auffüllen. Das Eifern nach fremder Identität ist eine stille Erinnerung an den Verrat, an die Flucht aus Verantwortung und Geschichte. Da die „geliehene“ oder „aufgedrängte“ Identitätsbildung nicht tragfähig ist, entsteht aus ihr kontinuierlich ein Bedürfnis nach neuerlicher Selbstvergewisserung – Strukturen, die sich möglicherweise tief in die Persönlichkeit eingraben und kaum einen Ausweg erkennen lassen.

Screenshot: Blick, erstellt am 26.9.2025 – 14:25:47, https://www.blick.ch/video/aktuell/mit-dieser-aussage-sorgt-baerbock-fuer-wirbel-wir-fuehren-krieg-gegen-russland-id18264109.html
Inzwischen darf man vermuten, dass ein Großteil der politisch-medialen Klasse in ähnlicher Weise im Denken, Fühlen und Handeln deformiert ist. Die ausgebliebene oder oberflächliche Aufarbeitung der Geschichte mündet wie in einem Zwang zur Wiederholung – subjektiv handeln die Protagonisten in der Überzeugung größter denkbarer Rechtschaffenheit und Unschuld. Ihnen geht es damit vermutlich deshalb so gut, weil sie so die dunklen Flecken der Familiengeschichte vergessen machen können und sich dank der überwiegend kritikfreien Medien nicht einmal im Ansatz rechtfertigen und damit in einen Reflexionsprozess eintreten müssen. In ihrer Selbstwahrnehmung sind sie Exempel höchster Moralität und Rechtschaffenheit. Weder aus der Gesellschaft noch aus der Friedensbewegung ist Kritik an den hanebüchenen Kontinuitäten der Gegenwartspolitiker zu hören.
Die Nachfolger-/innen der Täter haben sich in der Nachkriegsgeschichte und mit der Art der sogenannten Aufarbeitung eine Position erarbeitet, von der aus sie gleichgerichtet und in ähnlichem Tonfall wie ihre zu allem bereiten Großeltern dröhnen können, dass „wir“ froh und dankbar sein sollten, dass andere (Israelis) die Drecksarbeit „für uns“ erledigen, wenn sie den Iran angreifen. Oder dass „wir“ Russland ruinieren werden. Oder „wir“ die Raketen finanzieren werden, die, in der Ukraine hergestellt, tief nach Russland eindringen können, wie General Freuding kürzlich mitteilte.
Zu schwach ist offenbar die Erinnerung daran, dass allein im Zweiten Weltkrieg deutsches Militär 27 Millionen Menschen der Sowjetunion ums Leben brachte. Umso mehr wird daran gearbeitet, dass die Nachkommen, nun der Russen, die Monster sind, die sie schon vor hundert Jahren waren und geblieben sind.
Nie wurde das Gedenken in dem Sinne geleistet, dass man sich fragte, wie es dazu kommen konnte, welche materiellen und mentalen Verhältnisse dazu führten, dass die NS-Katastrophe sich ereignete. Die westdeutsche Aufarbeitung und Gedenkkultur hat es fertiggebracht, ein Schuldgefühl zu erzeugen und zu verankern, das weite Teile der Gesellschaft sprachlos machte und ihnen damit das selbständige Denken über die eigenen Angelegenheiten abgewöhnte. So konnte immer wieder verfangen, dass machtpolitisch, an Gefolgschaft interessierte Politiker, Schuldgefühle triggern, um Widerstand gegen Krieg und Töten zu verunglimpfen. Die gelobte Gedenkkultur dient dann als Beweis dafür, dass im Wesentlichen alles an Aufarbeitung und Wiedergutmachung getan sei. Die Nachfolger der Täter machen sich im eigenen Interesse der Fortsetzung ihrer Ideologie und Praxis des Herrschens zu Deutern und Entscheidern darüber, was es mit Schuld und Verantwortung auf sich zu haben habe! Gedenken, Aufarbeitung, Schlussfolgerungen wurden der Gesellschaft tatsächlich aus den Händen gewunden. Sie hat sie sich nicht zu eigen gemacht, sondern es den Regierenden überlassen, was zu tun ist – und damit für manchen einen Weg gefunden, seiner Verantwortung auszuweichen.
5.4 Anpassung und Aggression
Ein Konformismus der Anpassung, wie auch ein Konformismus trotziger Gewaltoffenheit, können zweifelhafte Lösungsversuche für Identitätsverluste und Überforderung sein. Ihre Kränkungen können Menschen zu überwinden suchen, indem sie Bühnen der Macht (in der Arbeit, der Politik, der Familie) besteigen und Anerkennung und Gefolgschaft fordern. Einen Makel im eigenen Selbstwert mögen sie durch Glanz, der auf die eigene Person, auf ihre Führungsfähigkeit fällt, zu kompensieren versuchen. Narzisstischer Größenwahn derjenigen, die Macht haben und die Größenkleins (Hans-Joachim Maaz), die ihren Mangel via Verehrung der Mächtigen aufpolieren, ergänzen einander und sind imstande, die großen Kriegskatastrophen zu wiederholen.
Die Umerziehung, die letztlich eine Entwurzelung aus der eigenen Geschichte, aus der Verantwortung für sie und eine Einladung zur Maskerade war, fliegt uns nun in Gestalt einer Massenlethargie um die Ohren. Eingeschüchtert von den Reden der zurückgekehrten (und doch nie weggewesenen) Eroberer, die Ukraine verteidige „unsere“ Freiheit, festgenagelt auf eine abstrakte Staatsräson, die einen Genozid durchgehen lässt, sollen wir die Ausdehnung der NATO in Richtung Russland und gezielte Tötungen von Menschen, die Hunger und Durst in Gaza lindern wollen, als Selbstverteidigung hinnehmen.
Wie schon einmal in der Corona-Zeit gibt es „Schädlinge“, die auch so behandelt werden, vorerst noch exemplarisch. Und aus früheren Zeiten ist auch dieses Verfahren bekannt. Merz‘ Rede von der Drecksarbeit, die andere „für uns“ erledigen, zeigt „uns“, was „uns“ geschehen kann, wenn wir auch einmal der Dreck sein sollten, den es zu beseitigen gilt. Wenn wir nicht die richtige Meinung haben oder zu faul sind. Und dass uns so ausführlich die Macht und die Ohnmacht gezeigt werden, ist nicht zuletzt ein Signal, was uns in unserem Land geschehen könnte. Nichts ist ausgeschlossen, wenn ihr der Herrschaft nicht folgt.
5.5 Menschen ohne Schutz und ohne Verantwortung
Ohne starke gesellschaftliche Organisationen – sie haben sich in hohem Maße selbst abgeschafft – stehen die Menschen nun blank da. Die Führungen sind einem archaischen Rausch des Forderns und Drohens, sowie die Massen in einem geflissentlichen Fatalismus des Befolgens sind. In einer Art Schicksalsgemeinschaft arbeiten besessene Führungen und besessene Massen ihre Kränkungen und Ängste ab. Wie in Nibelungentreue [8] geben die Massen ihre Lebensinteressen auf. In der Hoffnung auf Erlösung und Gerechtigkeit opfern sie sich. Ein gutes Leben scheint ihnen nichts wert zu sein. Sie glauben das bestmögliche Leben zu haben, das sie unter gegebenen Umständen haben können. Es bahnt sich eine lebensfeindliche, todessehnsüchtige Mentalität an.

Beschriftete Postkarte, von Frl. Nördingen an ihren Verlobten Johann Ostermeier und Retour. Dieser diente im 1. Armeekorps, 1. Division, II. Inf. Regiment, zwischen 1914 und 1918. (Bild: Michael Postenrieder, Wikimedia Commons, CC0)
Sie ist eine Voraussetzung dafür, sich von der Kriegslust der Herrschenden infizieren zu lassen und mit ihnen ggf. in einem erweiterten Suizid unterzugehen; dann ist man den Mächtigen und der Macht ganz nah und der eigenen, demütigenden Ohnmacht entkommen. Und auch in der Verantwortung, denn in der Schicksalsgemeinschaft habe ich mein eigenes individuelles „Ich“ längst aufgegeben. Kriegslust und Kriegsfatalismus gehen eine gefährliche Allianz ein.
Im kindlich-unerwachsenen Illusionsspiel mag das gehen. Der Traum von den „guten Eltern“, die einen uneigennützig versorgen, die als Gute verteidigt werden (müssen), ist eine Vorstellung, die in der deutschen Gesellschaft lebt und auf das Führungspersonal übertragen wird. Es ist ein Traum, der die Defizite menschlicher Entwicklung und menschlicher Reife verschleiert und damit zum Missbrauch einlädt.
6. Konditionierung und Fremdbestimmung als Form der Gerechtigkeit
Die Operation „Modernisierung der Gesellschaft durch Eindämmung kritischen Denkens“ der 1990er Jahre und folgende als verdeckter Feldzug gegen Selbstermächtigung, gegen Emanzipation und Mitbestimmung, scheint gelungen und schreitet voran. Die Massen sind mit Bologna-Reform, Unterfinanzierung und sog. Kompetenzorientierung an Konditionierungen (nicht allein Bildungsbereich) von Möglichkeiten der Teilhabe eingeübt. Mehrere Generationen von Lehrern und Schülern haben dieses Programm als Schule der Nation durchlaufen. Die Bildungsreformen und die Schwächung kollektiver Interessenvertretung haben neue Charaktere erschaffen.
Die Corona-Zeit mit den Einschließungen und Grundrechtsbeugungen war ein letztes rechtes Trainingslager. Die Medienpranger und die Drohungen mit Ausschluss aus Beruf und Gesellschaft zeigen, wo es langgeht. Dass es da ein paar Friedensaktivisten gibt, tut nicht weh. Im Gegenteil: Sie zeigen doch, wie „offen“ die Gesellschaft ist und dass in ihr auch Platz für Verrückte ist.
Offensichtlich blieb auch die Friedensbewegung von den allmählich sich etablierenden Umgangs- und Kommunikationsformen nicht unberührt. Sie agiert(e) damit auf dem Niveau einer Bittstellerin gegenüber der Macht, besorgt, bei den Herrschenden/Regierenden Anschluss zu bekommen und nicht anzuecken. Im Bemühen, eine große Breite teilnehmender Organisationen zu ermöglichen (vgl. die Beschreibungen von Doris Pumphrey und Rudolph Bauer). Um des lieben Friedens willen beschränkt sich die Friedensbewegung offenbar darauf, mit allgemeinen Formulierungen gegen alle möglichen Übel zu sein, gegen die auch die alten und neuen Regierungsparteien sind: gegen rechts, gegen Faschismus, gegen Antisemitismus, gegen Nationalismus, Rassismus etc. Was die Bundesregierungen nicht daran hindert(e), Neonazis in der Ukraine zu verharmlosen, Freiheitsrechte zu beschneiden, Waffen an eine israelische Regierung zu liefern, in der sich Teile offen dazu bekennen, faschistisch zu sein. Was Teile der Friedensbewegung wiederum nicht dazu ermunterte, dieses doppelte Spiel auf die Bühne der Erkennbarkeit zu bringen. Auf der Strecke bleiben bei so viel Anschmiegsamkeit analytische Schärfe und klare Worte seitens der Friedensbewegung. So werden die kriegstreibenden Parteien und Personen unkenntlich gemacht und Lernprozesse im Volk erschwert.
7. Traumata als Bedingungen für Konformismus
Die bisher angeführten Erklärungen für eine erstaunliche Konformität und Duldsamkeit gegenüber einer geforderten Kriegsbereitschaft seien hier noch einmal zusammengefasst:
- Umbau des gesellschaftlichen Werte- und des Bildungssystems während der letzten 30 bis 40 Jahre, mit Anpassungen an die Ideologie eines aggressiven „Marktes“.
- Nutzung einer demokratischen Rhetorik unter Verstärkung von Angstszenarien, Bevormundung und Einschränkung von Freiheitsrechten.
- Entwurzelung aus der Geschichte und Übernahme einer äußeren Identität.
- „Vergraswurzelung“ und Verzicht auf politisch-ökonomisch-sozialpsychologische Gesellschaftsanalyse durch die Friedensbewegung.
- Verzicht auf selbstkritische Reflexion der eigenen Entwicklung und der eigenen Positionierungen.
- Das Aufwachsen mehrerer Generationen im Geiste einer Loyalität und Bindung an Eliten und Macht.
Darüber hinaus scheint mir noch eine weitere Komponente wichtig zu sein, die eine Erklärung für die apathische Hinnahme der Kriegslust oder gar eine trotzig-offensive Unterstützung für sie bietet. Sie kann ganz oder teilweise in Verbindung mit den schon erwähnten Identitätsverlusten aus Umerziehung und Entwurzelung gesehen werden, stellt jedoch auch einen eigenständigen Faktor für Diagnose und Verstehen der Passivität dar.
Deutschland hatte nach zwei Weltkriegen innerhalb kürzester Zeit zwischen 1914 und 1945 eine große Zahl an Menschenleben, aber auch an moralischen Verlusten zu verzeichnen. Dazu gehören die zivilen und militärischen Leben, die Verluste an Fürsorge und Geborgenheit, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihren jeweiligen Aufgaben und Rollen hinzunehmen hatten. Die in den Kriegsjahren und in der Nachkriegszeit Geborenen wurden von Menschen geführt, erzogen, die in unterschiedlicher Weise und Schwere von Kriegsvorbereitung und von Kriegsereignissen betroffen waren. Es war Normalität, dass die verstörenden Wirkungen der Kriegs- und NS-Zeit Wirkungen in den Nachkriegsgesellschaften hinterließen. Das Denken und Fühlen, die Verarbeitung dessen, was geschehen war, kamen wohl kaum „hinterher“ und standen quer zu den Forderungen der „neuen Zeit“: Anpassen, Verleugnen, Verdrängen waren wohl Hauptforderungen einer Zeit, die der Aufgabe glich, einer Lokomotive bei rasender Fahrt die Räder zu wechseln. Heroisch und das Vergessen fördernd.
Was sich an Verletzungen und Gefühlen angehäuft hatte, konnte kaum in einem akzeptierenden, respektvollen Rahmen verhandelt werden. Die Programmierung der „neuen“ Gesellschaft (s. o.) zielte in eine andere Richtung. Unbehandelt bleibende Fragen nach eigener und fremder Schuld, nach den Verlusten, nach verschwendetem Leben und verschwendeter Jugend waren da und waren doch auch nicht da, hatten nicht ihren Platz. Das Gros der Menschen dürfte in einem solchen Konglomerat der Verwirrung gesteckt haben, während sie sich parallel um Wiederaufbau der Wirtschaft, um die Sicherung des Überlebens, um das Erfassen neuer Regeln kümmerten.

Trümmerfrauen in Leipzig, 1949. (Foto: Deutsche Fotothek, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Einige wenige Akteure hatten einen Plan. Er bestand nicht zuletzt darin, alte Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen in ihrem Kern zu „retten“. Dazu gehörten die „Eigentumsfrage“ und die führende Rolle der Kapitalinteressen. Nur in einer kurzen Phase der Nachkriegszeit ging es um Demokratisierung der Gesellschaft und Wirtschaft.
Das Ahlener Programm der CDU ist ein Beispiel dafür, wie auch die Möglichkeit der Verstaatlichung/Vergesellschaftung von Großunternehmen, wie sie in einigen Länderverfassungen vorgesehen war, gedacht und aufgeschrieben werden konnte. Solche Versuche wurden von den Besatzungsmächten und den neuen Parteien allerdings „kassiert“. Das zeigte den Menschen schon, dass es eine Kontinuität diesseits und jenseits der Zeiträume des 8. Mai 1945 gab. Und dass es nicht darum ging, in einem weiteren Sinne zu verstehen, was geschehen war.
Eine politisch und gesellschaftlich gewollte, gemeinschaftlich gestaltete Aufarbeitung und Reflexion bis hin zur individuellen Familiengeschichte, kamen nicht zustande. Das heißt nicht, dass sie im Einzelfall nicht stattfinden konnten. Dort, wo sich mutige und einsichtige Menschen fanden, gab es Forschungen zu Fragen der Schuld, der Verantwortung und Vergebung, zu Fragen nach den Lehren, die Geschichte ermöglichen könnte.
Insgesamt aber darf man davon ausgehen, dass viele Menschen traumatisiert waren und blieben, viele unerkannt, gezeichnet von physischen und psychischen Verletzungen. [9] Das familiäre, nachbarschaftliche, gesellschaftliche Umfeld war oft genug überfordert, konnte und mochte sich nicht einlassen auf das, was ihnen diese Mitmenschen präsentierten. Die Folgen können Depressionen, Angststörungen, Gewaltfantasien und -handlungen sein. Auf solche Weise in ihren Möglichkeiten behindert und eingeschränkt, mussten sie erziehen, arbeiten, sich auf neue Anforderungen einstellen.
Bedenkt man, dass für eine Überwindung und Heilung von Traumata emotionale Unterstützung, Sprechen und Gehörtwerden von Bedeutung sind, kann man sich ansatzweise vorstellen, unter welchen persönlichen und sozialen Belastungen „das Leben weiterging“. Zudem sind Traumadiagnostik und -behandlung in größerem Umfang erst seit den 1970er Jahren bekannt. Die Symptome dürften in den Nachkriegsjahren kaum verstanden worden sein. Angesichts einer allgemeinen Verständnislosigkeit, vielleicht auch einer Verachtung gegenüber den Symptomen, dürften zahlreiche Betroffene zusätzlich zu den Schreckenserfahrungen in die Isolation gegangen sein, um schlimmeren Ausgrenzungen (welche Rolle mag in der Selbstbeurteilung die nationalsozialistische Rede vom „lebensunwerten Leben“ gespielt haben?) aus dem Wege zu gehen – was natürlich kaum möglich gewesen sein dürfte und in eine Verschlimmerungsspirale mündete. Sowohl für die Fremd- als auch für die Selbstbilder sollte man nicht übersehen, dass über mehrere Generationen Ideale der Stärke und Macht gepflegt und Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Irritierbarkeit als Schwäche verachtet worden waren. Fehlende „Härte“ konnte unmittelbar oder mittelbar an die Grenze zur bezweifelten Lebenstüchtigkeit rühren.
Erfahrungen aus der Traumaforschung zeigen, dass Kriegserfahrungen, das Ausgeliefertsein bei Unglücken und Katastrophen, wie auch bei Gewalterfahrung, etwa Missbrauch, also Ohnmachtserfahrungen, tief in die Persönlichkeit eingreifen können. Eine Störung des Vertrauens in die eigene Integrität, ein Fremdsein mit sich und der Welt, Schuldgefühle können Wahrnehmung und offene Teilnahme an sozialen Prozessen einschränken oder unmöglich machen. Zumindest teilweise wird die Struktur der Persönlichkeit in Richtung Bedürftigkeit und Rückzug verschoben. Da das gesellschaftliche Umfeld dafür keine Akzeptanz bereit- und vorhielt (und -hält?) suchen sie sich andere Wege, u. a. Identifikation mit der Macht, Anfälligkeit für Schutzversprechen und Missbrauch (politische Verführbarkeit), Distanz zu politisch-gesellschaftlicher Verantwortung. Und wenn doch individuelle oder kollektive Erinnerungsarbeit zustande kam, kostete sie Zeit und Kraft, die nur bedingt in eine auf Abwehr gepolte Gesellschaft eingehen konnte.
Sowohl die „normal“ fehlschlagenden Persönlichkeitsentwicklungsprozesse in „Friedensgesellschaften“ des alltäglichen Lebens, als auch die Traumata aus Krieg, Zwang, Missachtung der Menschenrechte legen nahe, dass in den nachfolgenden Generationen noch viele „Reste“ aus den Kriegs- und Nachkriegszeiten in unserer Gegenwart enthalten sind, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Wir sollten darüber hinaus nicht übersehen, dass im Laufe der Jahre viele Menschen zu- und eingewandert sind, die möglicherweise ebenfalls in ihren Möglichkeiten der Teilnahme und Verantwortungsübernahme in der Gesellschaft eingeschränkt sind. Auch sie bringen aus anderen Kontexten „ihre“ Traumata mit.
7.1 Übertragung von Traumata an nachfolgende Generationen. Schuld- und Schamabwehr
Unsere Großeltern-Elterngenerationen – jedoch auch davorliegende Generationen – sind mit verstörenden Ereignissen aufgewachsen, die sie zu einem großen Teil nicht verarbeiten konnten. Als Lösungsansatz könnten sie Zurückhaltung, Nicht-Einmischung als besten Weg gewählt haben, nicht verletzt zu werden. Steckenbleiben in einem Zustand der Trauer, der kognitiven Verengung und Selektivität als Verweigerung, auf das Leben zuzugehen und sich auf es einzulassen, könnten Lösungsversuche für die Bewältigung traumatischer Erfahrungen sein, vielleicht getarnt als Coolness oder trotzig-muntere Aggressionsbereitschaft. So ist denkbar, dass Menschen, die, warum auch immer, verunsichert sind oder gar ihr Urvertrauen verloren haben, sich Kriegstreibern, vermeintlich Starken und Schutzgebenden anvertrauen, oder sich ihnen nicht entgegenstellen können.

Herbert Marxen, ein Flensburger Karikaturist aus den letzten Jahren der Weimarer Republik und Zeitzeuge, fertigte 1945 zum Thema des Ausrufs zum „totalen Krieg“ eine Karikatur an. (Bild: Herbert Marxen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
7.2 Biografien, die es in sich haben
Schaut man sich die in politisch-gesellschaftlichen, meistens nur teilweise veröffentlichten Biografien unseres Führungspersonals an, stellt man fest, dass nicht wenige der scharfmacherischen Verantwortungsträger „dunkle“ Stellen in der Familiengeschichte aufzuweisen haben. Schuld- und Schamabwehr, Verharmlosung des Handelns der Vorfahren, umso höhere Moralansprüche gegenüber der Bevölkerung, münden in einen aggressiven, emotional unterfütterten Politikstil.
Möglicherweise sind Verstrickungen und Verbindungen zu nazistischen Vorfahren gar eine günstige Voraussetzung, um in den heutigen Politikbetrieb, gefördert von Finanz- und Wirtschaftsinteressen, einzusteigen.
Erinnert sei an die wohl nicht ohne Bedacht lancierten Familiengeschichten von Annalena Baerbock [10], Robert Habeck [11] und im europäischen Kontext an Kaja Kallas [12].
8. Nachwort
Wer Frieden will, insbesondere „die“ Friedensbewegung, sollte gerade die sozialpsychologischen und psychodynamischen Verbindungen zwischen Repräsentanten der Macht und den Massen nicht übersehen. Es reicht ganz sicher nicht, den Herrschenden und Mächtigen Frieden abzuverlangen und zu ignorieren, dass die Massen mit ihnen auf „geheimnisvolle“ Weise verbunden sind und eine „Schicksalsgemeinschaft“ bilden, mit ihnen in einer Einheit verschmolzen sein können. Ist den Massen
- ein Verlangen nach Autonomie durch Traumata oder langanhaltende Entmündigung abhanden gekommen,
- kann die Aufforderung zu Autonomie und Widerstand Angst hervorrufen und eine Überforderung darstellen.
- In einer auf Vereinsamung, Spaltung und Atomisierung angelegten Gesellschaft verstärken solche Forderungen
- eine Sehnsucht nach den „guten Eltern“, nach dem verlässlichen Gutsherrn und nach dem starken Führer – Wünsche, die autoritär veranlagte Menschen gern versprechen und die so die Illusion einer Volksgemeinschaft nähren.
Diese Zusammenhänge wurden schon einmal deutlich, und zwar mit der sogenannten Pandemie:
„5. Der Schock angesichts der beispiellosen Grundrechtseingriffe blieb aus, weil die Grundrechte bereits zuvor nicht mehr das waren, wofür sie von vielen, gerade auch Juristen, gehalten wurden. Ihre Substanz war längst ausgehöhlt, ohne dass dies weiter bemerkt worden war. Als dann in der Corona-Krise zum Angriff auf die Grundrechte angesetzt wurde, wurde es offenbar: Die Abwehrrechte gegen den Staat waren kraftlos und deshalb zur Abwehr unfähig. Gewiss, sie standen auf dem Papier wie eh und je und wurden oft im Mund geführt, auch von der Politik. Das Bundesverfassungsgericht als ihr oberster Hüter produzierte Entscheidung um Entscheidung und genoss bis zur Corona-Krise in der Öffentlichkeit einen beinahe makellosen Ruf. Aber von dem, was die Menschenrechte für diejenigen bedeuteten, die sie in vergangenen Jahrhunderten erkämpft und proklamiert hatten, war kaum mehr als eine Ahnung übrig geblieben.“ [13]
Bevor die Friedensbewegung und die friedensbewegten Einzelnen Teil der Lösung des Problems „Frieden schaffen“ werden, sollten sie erkennen, dass sie auch Teil des Problems sein könnten: mit der Art und Weise, wie sie in diese Gesellschaft „hineingeführt“, wie sie dabei lernten, was sie selbst und was andere sind. Sie tragen Muster des Erkennens und Handelns, Vermeidens und Verdrängens mit sich, die aus einer Welt stammen, die ihnen beigebracht haben könnte, Erkenntnis und Analyse zu behindern, „Richtig-Falsch“, „Entweder-Oder“-Mustern zu folgen, in Ausgrenzung Schutz zu suchen.
Nicht zuletzt sind wir alle Produkte einer Gesellschafts- und Lebensform, in der eine elitäre Führungsschicht Gewinnmaximierung und Kontrolle der Vielen anstrebt. Nie zuvor waren die Einwirkungsversuche auf die, die Subjekte werden könnten, so massiv wie in unseren Zeiten. Und auch nie war die Anfälligkeit für sie größer, weil das Selbst, das eigene Menschliche, das, was nicht zu teilen sein sollte, das Individuum, einer Art kolonialistischer Besetzung und Fremdbestimmung ausgesetzt ist und sich kaum mehr im Zusammenspiel mit anderen finden kann.
Zusätzlich zu dem, was ganz subjektiv der tägliche Einsatz spontan, gleichsam selbstverständlich, fordert, hätte die Aufgabe der Reflexion dessen zu stehen, wie wir geworden sind, was wir sind. Selbst Engagement und Einsatzwillen können eine Kehrseite haben, wie das Helfen auch ein „Helfersyndrom“ kennt. Und die vermeintliche Moralität einer „Brandmauer“ könnte auf ein fragiles, verunsichertes Selbst(bild) hinweisen, das zu verstehen nützlich wäre. Woher die Angst vor einer Ansteckung? Könnte „ich“ einen Schutz in „mir“ und anderen finden, ohne eine Mauer, mit der ich das Bedrohliche auszugrenzen versuche? Fragen über Fragen. Also doch der Lokomotive bei rasender Fahrt die Räder wechseln.
Lizenz: Jürgen Mietz, Free21, CC BY-NC-ND 4.0
Quellen:
[1] RT, Dagmar Henn: „Gibt es einen Keim der Hoffnung? Trauer und Zweifel in der deutschen Nacht,“, am 25.5.2025: <https://de.rt.com/meinung/246440-gibt-es-einen-keim-der-hoffnung-trauer-und-zweifel-in-der-deutschen-nacht/>
[2] vgl.: Apollo News, Red. „Ruhrgebiets-Bürgermeister schreiben Brandbrief: Chemieindustrie steht vor dem Aus.“, am 1.7.2025:
<https://apollo-news.net/ruhrgebiets-brgermeister-schreiben-brandbrief-chemieindustrie-steht-vor-dem-aus/>
Einigen Bürgermeistern im Ruhrgebiet reichte es. Sie schrieben einen Brandbrief. Vermutlich wird die Quelle, die vom Brief der Bürgermeister berichtete, mehr Verachtung auslösen als der Anlass für den Brief der Bürgermeister. Verstaatlichung, Vergesellschaftung im Interesse des Gemeinwohls und der Erhalt einer industriellen Struktur dürfen noch nicht einmal gedacht werden, vermutlich wegen Sozialismusgefahr.
[3] Nordkurier, Claudia Kling „Geht es beim Ukraine-Krieg auch um Lithium für Europas E-Autos?“, am 22.12.2023: <https://www.nordkurier.de/politik/geht-es-beim-ukraine-krieg-um-lithium-fuer-europas-e-autos-2147933>
[4] Neue RheinischeZeitung, Rudolph Bauer: „Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg“, am 17.4.2025: <http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29464>
[5] Makroskop Magazin, Patrick Lawrence „Deutschlands Krise: eine Kultur der Unterwerfung,“,am 11.6.2025: <https://makroskop.eu/21-2025/deutschlands-krise-kultur-der-unterwerfung/>
[6] Tom J. Wellbrock schrieb kürzlich in Manova (Magazin): „Der ‚kleine Mann‘ kann diesem Treiben, dieser täglich stattfindenden militärischen Eskalation nur tatenlos zusehen, denn man verkauft ihm den Wahnsinn als ‚Selbstverteidigung‘ und gerechtfertigte Maßnahmen zum Schutz vor Terroristen. Aus dieser Falle gibt es kein Entrinnen. Der ‚kleine Mann‘ weiß das; er sieht es, wenn er sich anschaut, wie Andersdenkende behandelt werden, wenn sie der Erzählung widersprechen, und sei es auch nur zaghaft.“, am 3.7.2025: (<https://www.manova.news/artikel/der-ausradierte-normalburger>)
[7] Berliner Zeitung, Interview mit Michael Hartmann „Wie die oberen vier Prozent seit 150 Jahren das Land lenken,“, am6.7.2025: <https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/elitenforscher-michael-hartmann-ein-guter-deutscher-manager-muss-gross-sein-li.2338266>
[8] vgl. Roland Rottenfußer (Manova) „Der deutsche Todestrieb,“, am 5.7.2025: <https://www.manova.news/artikel/der-deutsche-todestrieb>
[9] Wikipedia, Sonnenmond32, LMU Dozent Medizin „Trauma (Psychologie)“,am12.8.2025: <https://de.wikipedia.org/wiki/Trauma_(Psychologie)>
[10] Substack, Jürgen Mietz „Wie Narzissmus und Massenwahn Demokratie zerstören und Gewalt etablieren (4) – Das Beispiel Annalena Baerbock“,am 30.6.2024: <https://unfassbar.substack.com/p/wie-narzissmus-und-massenwahn-demokratie-3ff>
[11] Substack, Jürgen Mietz „Wie nationalsozialistische Flecken der Familiengeschichte zur Legitimierung eigener verfehlter Politik werden“, am 1.7.2024: <https://unfassbar.substack.com/p/wie-nationalsozialistische-flecken?utm_source=publication-search>
[12] Substack, Jürgen Mietz „Wie Narzissmus und Massenwahn Demokratie zerstören und Gewalt etablieren (5) – Das Beispiel Kaja Kallas“ am1.7.2024: <https://unfassbar.substack.com/p/wie-narzissmus-und-massenwahn-demokratie-3dc>
[13] KriStA- Netzwerk, Matthias Guericke „Grundrechtsdämmerung. Thesen und Kommentare“,am 6.4.2024:
<https://netzwerkkrista.de/2024/04/06/grundrechtsdaemmerung-thesen-und-kommentare/>
Weitere Literaturhinweise:
Horst-Eberhard Richter: „Der Mensch als Subjekt tritt ab“, Interview in: Freitag, 24.4.1998
Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst, Depression und Gesellschaft in der Gegenwart, Campus 2004
Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst, Soziologie einer Subjektivierungsform, Suhrkamp Tb 2007
Mattias Desmet, Psychologie des Totalitarismus, Europaverlag, 2023
Hans-Joachim Maaz: Angstgesellschaft, Frank & Timme, 2022
Arno Gruen: Der Verrat am Selbst, dtv, 1986
Erich Fromm: Gesamtausgabe, u. a. Aggressionstheorie, Bd VII, dtv, 1989


