Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman und dem Präsidenten Syriens, Ahmed al-Sharaa, während Donald Trumps Staatsbesuch in Saudi-Arabien, am 13.5.2025. (Foto: White House, Wikimedia Commons, CC0)

Von Moussa Al-Sadah | veröffentlicht am 3. September 2025, Kategorie: Gesellschaft & Geschichte

Von Joulani zu Al-Sharaa: Das jüngste Kind des Petro-Islam

Die deformierte Struktur des ehemaligen syrischen Regimes schuf eine einzigartige Situation, die Syriens historische Entwicklung zum Stillstand brachte. Historisch gesehen verkörperte Syrien das Modell des sogenannten „progressiven“ arabischen Staatsprojekts, das auf nationalistischen und sozialistischen Slogans und Programmen aufbaute. Seine politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ambitionen verschafften Damaskus ein beträchtliches Gewicht in der arabischen Welt, von der industriellen Produktion bis hin zu einer lebendigen Kulturszene, insbesondere in den Bereichen Kino und Kunst.

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Doch eine Kombination von Faktoren, darunter politische Haltungen, internationale Sanktionen und vor allem die Korruption und Sklerose des Staates selbst, drängten Syrien in einen unangenehmen Zwischenraum. Es war weder vollständig in die arabische liberale Wirtschaftsordnung integriert, die von den Ölkapitalströmen dominiert ist, noch bot es ein echtes Alternativmodell. Letztendlich wurde der „Progressivismus“ zu einem leeren Slogan, um das Regime zu legitimieren – und nicht zu einem sinnvollen Projekt für einen sozialen oder wirtschaftlichen Wandel.

Um die Jahrtausendwende markierten der so genannte „Damaszener Frühling“ und die damit einhergehenden „Reformen“ (sprich: Liberalisierungen) den Versuch des Regimes, den Staat und seine Institutionen wiederzubeleben. Diese Reformen sollten die sozialistische Rhetorik der Regierungspartei mit neoliberaler Offenheit in Einklang bringen. Ironischerweise blühten in dieser Zeit auch die syrisch-katarischen Beziehungen auf, die durch katarische Investitionen im Immobilien- und Bankensektor gekennzeichnet waren. Sie legten den Grundstein für die persönliche Fehde zwischen den Familien Al Thani und Assad, die später den katastrophalen 14-jährigen Krieg prägen sollte – ein Rachefeldzug, der mit Millionen von Menschenleben bezahlt wurde.

Dieser unbehagliche Kompromiss führte zu einer sozioökonomischen Monstrosität. Das Regime hat sich weder vor der Globalisierung geschützt noch sie vollständig angenommen. Politisch hing es in der Schwebe – zu ängstlich, um seine traditionellen Parteiparolen aufzugeben und gleichzeitig unsicher, womit es sie ersetzen sollte.

Diese groteske Hybrid und die damit einhergehende ideologische Stagnation verlangsamten die historische Entwicklung Syriens und ließen das Land hinter den allgemeinen Veränderungen in der offiziellen arabischen Ordnung und im globalen System zurückbleiben. Eine wichtige Parallele zwischen den beiden baathistischen Regimen (Syrien und Irak) war ihre ideologische Erschöpfung, die den Weg für die Religion als alternative Quelle der Legitimität ebnete. Von der irakischen „Glaubenskampagne“ bis zur syrischen Qubaysiyat-Bewegung und dem Ministerium für religiöse Stiftungen, investierten beide Staaten in die ideologische Plattform, die nun vom Ölkapital finanziert wird: der sunnitische Salafismus. Besonders deutlich wurde dies nach der Invasion des Irak, als das syrische Regime begann, den saudi-arabischen Salafismus-Diskurs zu übernehmen.

Dieses historische Muster bietet eine Lektion für alle sozialen Bewegungen: Wenn organisatorische und ideologische Trägheit einsetzt, füllen andere Strömungen unweigerlich die Lücke. Die arabischen Staaten investierten einst durch Landreformen und Mobilisierung in die ländliche Bevölkerung, nur um sie später im Stich zu lassen und das entstandene soziale Vakuum an religiöse Bewegungen auszulagern.

Vor diesem Hintergrund ist Joulani kein zufälliges Nebenprodukt, sondern die endgültige Kristallisation einer von Saudi-Arabien geförderten „sunnitisch-salafistischen Identität“. Seine rasante Wandlung vom salafistischen Militanten zu Ahmad al-Sharaa, der öffentlich seine Bewunderung für Saudi-Arabiens Vision 2030 bekundet, ist kein Widerspruch. Vielmehr ist es ein Zeichen dafür, dass Syrien verspätet in den sich beschleunigenden Zeitplan Saudi-Arabiens eingetreten ist. Was anderswo Jahrzehnte gedauert hat, hat sich in Syrien innerhalb weniger Monate vollzogen.

Dies erklärt auch al-Sharaas raschen Kurswechsel in Richtung Saudi-Arabien, der einige überraschte und andere in Rage versetzte. Von seinem ersten Interview mit Al-Arabiya über seinen erstmaligen Besuch, bis hin zu seiner prominenten Präsenz in den Medien, räumte er dem Königreich eindeutig Vorrang ein. Länder wie Katar und die Türkei schob er beiseite, trotz ihrer umfangreichen Investitionen in Syrien. Dennoch wies er ihnen geschickt Rollen zu, um sie bei der Stange zu halten, selbst als die Vorrangstellung Saudi-Arabiens unübersehbar wurde. Mit den Worten von Harun al-Rashid: „Lass den Regen fallen, wo er will. Sein Segen wird mich dennoch erreichen.“ Wo auch immer sich der sunnitische Salafismus ausbreitet, kehrt seine Ernte unweigerlich nach Saudi-Arabien zurück.

Seit letztem Dezember erleben wir, wie Joulani sich wandelt, wie er die letzten Reserven saudischer Investitionen in den sunnitischen Salafismus anzapft, der in den ländlichen Gebieten Syriens noch aktiv ist. Das vier Jahrzehnte währende saudische Salafisten-Projekt erreichte mit Joulani, dem letzten Star der Ära des Erwachens, seinen symbolischen Höhepunkt. Er nutzte diesen Status als Sprungbrett, um die Massen anzusprechen, und münzte von dieser Spitzenposition aus seine Popularität in die neue saudische Währung um: Den Liberalismus. Damit verwandelte er sich von einem Abgesandten „Des Erwachens“ in einen Botschafter „Der Vision“.

Plakat, auf dem die USA mehr als 10 Millionen Dollar für Abu Mohammad al-Jolani, Kampfname von Ahmed al-Sharaa, ausgesetzt haben. Im Jahr 2024, nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes, wurde das Angebot zurückgezogen, nachdem er sich mit einer US-Delegation getroffen hatte15.5.2017. (Foto: Rewards for Justice Program, Wikimedia Commons, CC0)

Das Problem geht über das Fehlen politischer oder wirtschaftlicher Programme islamistischer Bewegungen hinaus. Ihre Tendenz, nach der Machtübernahme automatisch zum Neoliberalismus überzugehen, spiegelt ihre periphere Beziehung zum saudischen Zentrum wider. Bis 2017 konzentrierte sich die saudische Politik darauf, eine politisierte sunnitisch-salafistische Identität aufzubauen und zu exportieren. Sie wird weltweit durch von Saudi-Arabien finanzierte Prediger und Institutionen verbreitet. Damit positionierte sich das Königreich als spiritueller Kompass für diese Bewegungen.

Es muss betont werden, dass Saudi-Arabien nicht das historische Erbe des sunnitischen Islam oder des arabisch-islamischen Gedankenguts repräsentiert. Aber es ist unbestreitbar, dass das Land eine sektiererische sunnitische Identität hervorgebracht und gefördert hat, so wie es der Iran mit dem politischen Schiismus getan hat.

Um zu verstehen, was mit einer politisierten sunnitischen Identität gemeint ist, betrachten wir einmal den absurden Rahmen der konfessionellen Identität und ihre Terminologie: „Die Sunniten haben kein Projekt“, „Sunniten sind eine Nation, keine Sekte“, „Mehrheit gegen Minderheiten“, „Widerstand ist schiitisch, Mäßigung ist sunnitisch“ und so weiter. Diese Weltanschauung spiegelt die zionistische Logik in ihrer Gestaltung der arabischen Region wider. Wie Bashar Lakkis feststellt, hat der Zionismus heute jede Vorspiegelung von Modernität oder Nationalismus aufgegeben und ist zu einem identitären und sektiererischen Tribalismus zurückgekehrt.

Bedenken Sie, wie die großen Persönlichkeiten des arabischen Widerstands, von Abdelkrim al-Khattabi, Emir Abdelkader, Omar al-Mukhtar, Izz al-Din al-Qassam, Ahmad Yassin bis hin zur heute bekanntesten arabischen Widerstandsbewegung, der Hamas, alle aus der sunnitischen Rechtslehre hervorgegangen sind. Dennoch werden sie aus der „sunnitischen Geschichte“ ausgeschlossen, weil sie nicht innerhalb eines konfessionellen Rahmens agieren.

Das liegt daran, dass sie keine materiellen Verbindungen zu ölfinanzierten Projekten haben, auch wenn diese Projekte ihr Umfeld prägen. Antikolonialer Widerstand basiert nicht auf einer sektiererischen Identität und kann dies auch nicht. Die Zugehörigkeit zu einer Konfession ist etwas anderes als die Anhängerschaft einer bestimmten Rechtsschule oder einer historischen Erzählung. Eine konfessionelle Identität existiert nur in Bezug auf andere, während Widerstandsbewegungen sich gleichermaßen auf alle Teile der Nation beziehen. Würden sie eine Identität gegenüber einer anderen vorziehen, würden sie in die Falle der „Sunnisierung“ oder „Schiisierung“ tappen.

Darüber hinaus bekämpft eine konfessionelle Identität nur ihr Gegenstück, nicht aber Israel. Die Voraussetzung für den Widerstand gegen den Kolonialismus, der darauf abzielt, Gesellschaften und ihr soziales Gefüge zu zersplittern, ist die Mobilisierung einer Identität mit einer nationalen und transnationalen arabisch-islamischen Dimension, wie sie im historischen Modell der arabischen Widerstandsbewegungen zu finden ist. Dies kann nicht durch die Mobilisierung einer religiösen Gruppierung oder eines Stammes erreicht werden – wie der gescheiterte Versuch der Mobilisierung des Schiismus gezeigt hat.

Die israelische Aggression richtet sich nicht gegen Sunniten, Schiiten oder Drusen. Diese religiösen Gruppierungen bekämpfen sich gegenseitig. Was der zionistische Feind fürchtet und bekämpft, ist eure arabische Identität und damit eure zivilisatorische Zugehörigkeit zum arabisch-islamischen Kontinuum.

Diese Werte können von religiösen Gruppierungen nicht verstanden werden, schon gar nicht von ölfinanzierten Regimes. Widerstand gegen Kolonialismus ist daher per definitionem ein Projekt der Nationalstaatlichkeit. Und damit eine Nation entstehen kann, muss die Religionsgemeinschaft sterben.

Dieser Prozess der Nationenbildung steht in krassem Gegensatz zu den Bemühungen Saudi-Arabiens, seine Identität und Herrschaft zu sichern, denn das Projekt einer sunnitisch-salafistischen Identität war lediglich ein funktionales Instrument für diese Sicherheit. Heute wiederholt sich dieses Muster in den neuen Investitionen des Königreichs in Globalisierung, Unterhaltung und Konsumkultur als lautstarke Mittel der Soft Power. Was dem Königreich jedoch jetzt fehlt, ist die frühere Wirksamkeit seiner politischen Instrumente über seine Grenzen hinaus.

Bisher hat Saudi-Arabien auf salafistische Diskurse gesetzt, sowohl gewalttätige als auch gewaltfreie, und auf großzügige finanzielle Gönnerschaft, um sich politische Loyalität zu sichern. Jetzt, wo es mit innenpolitischen Prioritäten und schwindender Liquidität zu kämpfen hat, kann es seine sozialen und urbanen Einflussnetzwerke im Ausland nicht mehr aufrechterhalten.

Hinzu kommt der zunehmende saudische Nationalismus und die „Saudi First“-Rhetorik, die Ausgaben im Ausland als teure Belastung mit geringem Nutzen darstellt. Infolgedessen schwindet die Fähigkeit des Königreichs, Soft Power auszuüben, trotz aller unüberhörbaren Bekundungen.

Dies spiegelt sich in der Entwicklung von Joulani oder al-Sharaa wider, die angesichts des Völkermords den politischen Kurs islamistischer Bewegungen bestätigen, die durch Ölreichtum gestützt werden. Bewegungen, von denen einige erwartet hatten, dass sie den Weg für den Widerstand ebnen würden, nur um dann zu sehen, wie sie sich über die Leichen palästinensischer Opfer bis in die USA hocharbeiteten. Unterdessen verspotteten andere diese Bewegungen wegen ihrer konfessionellen Zugehörigkeit und trugen damit zu abstoßenden konfessionellen Vorstellungsbildern bei, obwohl sie wussten, dass diese lediglich Manifestationen des Ölreichtums und nicht Ausdruck einer arabischen konfessionellen Identität waren.

Heute steht al-Sharaa aufgrund der langsamen Entwicklung Syriens in seiner einzigartigen Beziehung zu Saudi-Arabien vor einer schweren Aufgabe. Das ist für ihn nicht nur schlecht: Anstelle einer Ausdehnung basierend auf dem Durchsicker-Effekt von Ölgeldern, wird Syrien zum Schauplatz einer horizontalen Expansion der Investitionen aus den Golfstaaten und ihrer Unternehmen werden. Dadurch entsteht ein monströses neues Hybridgebilde, das nichts mehr mit der Vision eines Staatsaufbaus zu tun hat, die vor siebzig Jahren, am Vorabend der Unabhängigkeit, noch gehegt wurde. Am Ende wird nur ein weiteres Jordanien entstehen.

Dieser Text wurde zuerst am 09.06.2025 auf www.en.al-akhbar.com unter der URL <https://en.al-akhbar.com/news/from-joulani-to-al-sharaa–petro-islam-s-youngest-child> veröffentlicht. Lizenz: Moussa Al-Sadah, Al Akhbar, CC BY-NC-ND 4.0

Autor: Moussa Al-Sadah

schreibt für Al-Akhbar.