Mit „Soundtrack to a Coup d’État“ liefert der Regisseur Johan Grimonprez ein fesselndes historisches Werk ab.
„Soundtrack to a Coup d’État“: Neokolonialismus und Widerstand
Peter Mertens, ein führender belgischer Politiker und Autor von „Mutiny“, spricht mit Regisseur Johan Grimonprez über seinen Film „Soundtrack to a Coup d’État“ – eine beeindruckende Dokumentation des Dekolonialisierungskampfes im Kongo.
Mit Soundtrack to a Coup d’État liefert der Regisseur Johan Grimonprez ein fesselndes historisches Werk, das die Meuterei in den 1950er und 1960er Jahren untersucht. Damals begehrte der globale Süden auf, und zahlreiche Länder erlangten die Unabhängigkeit.
Der Film befasst sich mit dem Kongo und dem belgischen Kolonialismus, aber auch mit der Union Minière, mit Paul-Henri Spaak, Gaston Eyskens, der CIA und dem US-Imperialismus. Ebenfalls im Fokus stehen Persönlichkeiten wie Nkrumah, die panafrikanistische Aktivistin Andrée Blouin, Fidel Castro und Malcolm X. Grimonprez betrachtet die Ermordung von Patrice Lumumba und fängt den Geist von Bandung ein (Konferenz in Bandung/Indonesien im April 1955, bei der sich die Länder des Globalen Südens zusammenschlossen, um sich dem Imperialismus und Kolonialismus zu widersetzen und um ihre souveränen Rechte und eine gerechtere Welt zu verteidigen; Anm. d. Red.).
Das gesamte Werk ist im Rhythmus und in den Klangfarben des Jazz meisterhaft gestaltet. Musik und Politik verbinden sich in einem sinnlichen Dialog – von Max Roachs Schlagzeugsequenz zur Eröffnung bis zum durchdringenden Schrei der Sängerin Abbey Lincoln.
An einem kalten, aber sonnigen Dienstagmorgen traf Peter Mertens den Regisseur dieses bemerkenswerten audiovisuellen Meisterwerks, Johan Grimonprez, an dessen Küchentisch in Brüssel. Der war gerade erst von einem Filmfestival zurückgekehrt, wo seine Arbeit mit Auszeichnungen geehrt wurde, um sich nun auf seine nächste Reise nach New York vorzubereiten. Trotz seines vollen Terminkalenders nimmt sich Grimonprez bei einer Tasse grünen japanischen Tees gerne Zeit für ein anregendes Gespräch.
Peter Mertens (PM): Warum wollten Sie diesen Film machen?
Johan Grimonprez (JG): Die Geschichte des Kongo und seiner Unabhängigkeit sowie der Ermordung Lumumbas wird oft erzählt – aber nur selten aus der Perspektive der direkt Beteiligten oder aus Sicht der Länder des globalen Südens. Ich hatte Glück und erhielt Zugang zu den Archiven von Personen, die Patrice Lumumba nahestanden, aber auch zu den Archiven jener Personen, die an seiner Absetzung und Ermordung beteiligt waren. Ich habe unzählige Geschichten aufgedeckt – allesamt unerzählt und ungeschrieben. Der Film war auch eine wichtige Lernerfahrung für mich – in der Schule hatte ich das nie gelernt. Uns wurden vereinfachte Darstellungen des Kongo präsentiert, ähnlich wie in Chocolat Jacques. Dadurch war unsere Vorstellung völlig verzerrt.
PM: Stimmt es, dass die Entstehung des Films voller Überraschungen war?
JG: Irgendwann stieß ich in den Archiven der Columbia University auf die Tonaufnahme eines Interviews mit William Burden. Burden war als US-Botschafter in Brüssel stationiert und spionierte auch für die CIA. In der Aufnahme sagt er beiläufig: „Lumumba war ein verdammtes Ärgernis. Es war völlig offensichtlich: Der einzige Weg um ihn loszuwerden, war ein politisches Attentat.“ Das waren die Worte des US-Botschafters, mit denen er lässig erklärte, dass Lumumba eliminiert werden musste! Solch eine Aussage steht natürlich im direkten Widerspruch zu den Aussagen von Präsident Eisenhower. Der forderte zur gleichen Zeit, dass jedes Land frei von äußerem Einfluss sein sollte.
PM: Warum war der Kongo so wichtig?
JG: Der Kongo war schon immer unglaublich reich an Ressourcen: Elfenbein, Kaffee, Kautschuk und später Kupfer, Diamanten und Gold. Während des Kalten Krieges war die Kontrolle über das kongolesische Uran – für die Herstellung von Atomwaffen unverzichtbar – für die USA von zentraler Bedeutung.
Bezüglich der Verwendung der Ressourcen hatten die Kongolesen trotz dieses Reichtums kein Mitspracherecht. Das wollte Patrice Lumumba ändern – und genau das machte ihn zu einer ernsthaften Bedrohung für die USA und Belgien. Beide Staaten waren zu allem bereit, um Lumumbas Streben nach echter Unabhängigkeit zu verhindern und sich den Zugang zu strategischen Mineralen zu sichern.
PM: In Ihrem Film verwenden Sie eine berühmte Metapher von Frantz Fanon, dem panafrikanischen Philosophen, Freiheitskämpfer und Revolutionär.
JG: „Afrika hat die Form einer Waffe, und der Kongo ist der Abzug“, sagte Fanon einmal. „Wird dieser explosive Abzug betätigt, explodiert ganz Afrika.“ Es ist ein starkes Bild, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne: Es stellt einen afrikanischen Revolver dar, der in zwei Richtungen feuern könnte.
Zu dieser Zeit kämpften viele afrikanische Staats- und Regierungschefs für die Souveränität. Sie strebten die Kontrolle über ihre eigenen Ressourcen an. Lumumba war ein progressiver Nationalist und schloss sich dem Panafrikanismus von Kwame Nkrumah und Sékou Touré an. Unter ihm hätte sich der Kongo – ein Land im Herzen Afrikas – autonom entwickeln können. Und das hätte die Unabhängigkeitsbewegung des gesamten Kontinents erheblich gestärkt.
Stattdessen feuerte der Revolver in die entgegengesetzte Richtung: Der Traum von der Unabhängigkeit wurde gewaltsam unterdrückt – und es begann mit dem Putsch im Kongo. In diesem Sinne handelte es sich nicht nur um die Ermordung eines demokratisch gewählten Premierministers, sondern um das gezielte Ausschalten einer breiteren Welle des Wandels, die sonst über den afrikanischen Kontinent hinweggefegt wäre.
PM: Der Film spielt auf der 15. UN-Generalversammlung. Das ist kein Zufall.
JG: Zum ersten Mal nahmen 16 unabhängige afrikanische Länder an der UN-Generalversammlung teil. Damit verfügten sie über die Stimmenmehrheit, und das führte zu einem politischen Erdrutsch. Mit dieser Mehrheit erlangte der Globale Süden die Macht, Entscheidungen zu treffen. Und das führte im Westen – insbesondere in den Vereinigten Staaten – unweigerlich zum Widerstand.
PM: Eines der eindrucksvollsten Bilder im Film ist, wie der damalige sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow während des UN-Gipfels seine Schuhe auszieht und wütend auf den Tisch schlägt.
JG: Dieser Schuh-Zwischenfall war mir schon früher bekannt, und ich hatte mich schon immer darüber amüsiert. Aber mir war nie klar gewesen, dass er mit Belgien und dem Kongo in Verbindung stand. Erst später erfuhr ich: Chruschtschow schlug mit seinem Schuh auf den Tisch, um gegen den Staatsstreich gegen Lumumba zu protestieren und die Heuchelei der westlichen Nationen anzuprangern. Er erwähnte dies in seinen Audio-Memoiren, die ich von seinem Sohn Sergej erhielt. Diese Aufnahmen, die nie als historische Quelle veröffentlicht wurden, werfen ein völlig neues Licht auf dieses Ereignis, von dem es leider keine Filmaufnahmen gibt.
Chruschtschow erfuhr von Mobutus Putsch am 14. September 1960 während der Schiffsreise zum UN-Gipfel in New York. Mobutu Sese Seko war Stabschef der kongolesischen Armee, wurde aber von den USA und Belgien unterstützt. Chruschtschow schrieb seine Rede sofort um und übte darin scharfe Kritik an der Vorherrschaft des Westens in Afrika. Auf der UN-Generalversammlung stellte er die Resolution 1514 vor, auch bekannt als Entkolonialisierungsresolution. Darin setzte er sich für die Unabhängigkeit der kolonialisierten Nationen und Völker ein – im Mittelpunkt dieser Resolution stand der Kongo.
Damit war Chruschtschow ein kluger Schachzug gelungen, denn er brachte die blockfreien Länder Asiens und Afrikas zusammen und zwang den Westen, klar Stellung zu beziehen: Entweder man unterstützte die Entkolonialisierung oder man stellte sich offen dagegen. Während sich die USA und Belgien der Stimme enthielten, wurde die Resolution angenommen. Das weckte ein starkes Gefühl der Hoffnung und Solidarität.
PM: Ein Gefühl von kurzer Dauer?
JG: Die Resolution setzte viel in Bewegung; mit ihr hatte die Entkolonialisierung offiziell begonnen. Doch im Kongo ging der Kampf um die Unabhängigkeit weiter. So wurden am 10. Juli zehntausend belgische Soldaten stationiert. Unter ihrer Aufsicht erklärte Moïse Tshombe die Unabhängigkeit des Kongo – er war zuvor zum Marionettenpräsidenten der reichen Provinz Katanga ernannt worden. Patrice Lumumba war derweil von Mobutu unter Hausarrest gestellt und später auf Drängen belgischer Berater an Tshombe ausgeliefert worden. Am 17. Januar 1961 wurde Lumumba ermordet [1].
Vier Jahre später ließ Frédéric Vandewalle, der ehemalige Leiter der belgischen Staatssicherheit, den Simba-Aufstand im Ostkongo von 800 weißen Söldnern brutal niederschlagen. Obwohl die Vereinten Nationen eine ausländische Einmischung offiziell verboten hatten, sicherte sich Belgien so erneut seine wirtschaftlichen Interessen. Paul-Henri Spaak, der damalige belgische NATO-Generalsekretär, log im Sicherheitsrat zu dieser Intervention, während UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld ein Auge zudrückte. (Anm. d. Red.: Unter Hammerskjöld wurde die UN-Sicherheitsrat Resolution 143 am 14.07.1960 beschlossen, die Belgien dazu aufforderte, ihre Truppen aus dem Kongo abzuziehen. Dies geschah unter UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, der am 18. September 1961 bei Ndola, Nordrhodesien ermordet wurde. Es gibt mittlerweile genügend Beweise, die den Abschuss seines Flugzeuges und seine Ermordung belegen. Er war auf dem Weg zu einem Treffen mit Moïse Tschombé, dem Präsidenten der sezessionistischen Provinz Katanga, um im Rahmen der ONUC-Mission der Vereinten Nationen in der Kongo-Krise zu vermitteln, die in den vorausgegangenen Tagen eskaliert war. Mit an Bord waren weitere 15 Passagiere, darunter sein Berater für Afrikafragen, der deutsche Ethnologe Heinrich Wieschhoff. Somit kann Hammarskjöld während des Simba-Aufstandes kein Auge zugedrückt haben. Sein Nachfolger war Sithu U. Thant aus Birma, dem heutigen Myanmar)
Die Ermordung Lumumbas legte bei weiterer Betrachtung den Grundstein für den Umgang des Westens mit dem Kongo und dem globalen Süden. In öffentlichen Erklärungen unterstützten Staatsmänner wie Spaak und Eisenhower die Unabhängigkeit und die Entkolonialisierung, mit ihrem Handeln aber läuteten sie den Neokolonialismus ein – eine Entwicklung, die bis heute andauert.
PM: Es ist bemerkenswert, dass so viele afrikanische und asiatische Staatsoberhäupter am UN-Gipfel teilnahmen.
JG: Es war Chruschtschow, der den Vorschlag unterbreitete: Die Staats- und Regierungschefs der teilnehmenden Länder sollten direkt miteinander reden und nicht ihre Diplomaten vorschicken. Indonesiens Sukarno, Indiens Jawaharlal Nehru, Ägyptens Gamal Abdel Nasser und andere Pioniere der Bandung-Konferenz (im Dezember 1954, Anm. der Red.) folgten dem Aufruf und nahmen am Gipfel teil. Fidel Castro hielt eine leidenschaftliche Rede über Antiimperialismus, soziale Ungleichheit, Widerstand und Sozialismus, während Kwame Nkrumah den Panafrikanismus und die wirtschaftliche Unabhängigkeit betonte.
PM: Die größte Überraschung im Film war für mich der Moment, in dem Castro in Harlem landet und Applaus erhält.
JG: Am Abend des 19. September 1960 sollten Fidel Castro und die kubanische Delegation im Shelburne Hotel übernachten, aber ihnen wurde der Zutritt verweigert. Die Medien starteten eine Verleumdungskampagne und beschuldigten die Kubaner, in ihren Hotelzimmern Hühner zu schlachten. Als Reaktion darauf lud Malcolm X die kubanische Delegation ein, im Hotel Theresa in Harlem zu übernachten. Dort wurde sie herzlich empfangen und besuchte Malcolm X gegen Mitternacht. Dies führte zu einer langen und freundschaftlichen Diskussion über Selbstbestimmung und nationale Befreiung.
PM: Malcolm X spielte in dieser Zeit eine bemerkenswerte Rolle.
JG: Malcolm X fungierte als Brücke zwischen der Bürgerrechtsbewegung und dem weltweiten antikolonialen Kampf. Einmal sagte er: „Ein Land, eine Stimme.“ Er bezog sich dabei auf das Stimmrecht der neuen unabhängigen afrikanischen Nationen bei den Vereinten Nationen und die damit verbundene geopolitische Verschiebung. Gegen Ende des Films fasst er kurz und bündig zusammen, was die Supermächte am Kongo wirklich fürchteten: „Es ist nicht der Kommunismus, der Sozialismus oder die linke Bewegung, die sie fürchten. Es ist der Afrikanismus – Menschen, die ihre Rechte geltend machen und ihre Zukunft selbst bestimmen.“
PM: Der Film zeigt noch andere bemerkenswerte Charaktere.
JG: Der Film entfaltet sich als Dialog zwischen verschiedenen Stimmen. Eine davon ist Conor Cruise O’Brien, ein UN-Gesandter im Kongo im Jahr 1960. Er beschreibt, wie amerikanische und britische Bergbauunternehmen darauf drängten, Lumumba zu neutralisieren. Mit ihren Söldnern unterstützten sie die militärische Intervention Belgiens und damit die Abspaltung Katangas. Ihr Ziel war es, den gerade unabhängig gewordenen Kongo zu destabilisieren.
Das Familienarchiv des belgisch-kongolesischen Schriftstellers In Koli Jean Bofane bietet mit Heimvideos aus den 1960er Jahren eine weitere fesselnde Perspektive. Bofane erzählt, wie er und seine Mutter von einem weißen Kautschukplantagenbesitzer entführt wurden und wie seine Mutter, so wie andere Frauen auch, zur Heirat gezwungen wurde. Bofane verbrachte einen Teil seiner Jugend in relativem Wohlstand auf der Plantage, wo die krassen Machtverhältnisse zwischen Ausbeuter und Unterdrückten nicht zu übersehen waren.
Der Film beleuchtet auch die außergewöhnliche Geschichte von Andrée Blouin. Sie spielte eine faszinierende Rolle beim Aufstieg des Panafrikanismus und in Lumumbas politischer Bewegung.

Patrice Lumumba in Brüssel. (National Archiv Niederlande, Harry Pot / Anefo, CC0)
PM: Ich habe Andrée Blouin erst durch Ihren Film richtig kennengelernt.
JG: Ich hatte das Gefühl, dass es nicht meine Aufgabe war, die Geschichte von Patrice Lumumba zu erzählen. Im Film überlasse ich das Andrée Blouin, Lumumbas rechter Hand, und anderen. Aus der Geschichtsschreibung wurde Blouin trotz ihrer außergewöhnlichen Rolle gestrichen. Ihr politischer Aktivismus begann im Kampf für die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus. Sie lernte Führungspersönlichkeiten kennen wie Kwame Nkrumah, den ersten Premierminister Ghanas, und entwickelte sich zu einer leidenschaftlichen Verfechterin des Panafrikanismus. 1960 zog sie in den Kongo und gründete dort bald eine Organisation zur Verteidigung der Rechte der Frauen mit 45.000 Mitgliedern.
Es ließen sich kaum Informationen über sie finden, also suchten wir ihre Familie auf. Durch sie erhielten wir unschätzbares Material: ihre Memoiren, Fotos und sogar einen unentwickelten Film, den wir hier in Brüssel entwickelten. Es war unglaublich – Bilder von ihr als Zweijährige mit ihrer Mutter in Léopoldville (seit 1966 Kinshasa, heute Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo; Anm. der Red.). Wir haben dieses Material als Kontrast zu den harten historischen Realitäten in den Film eingeflochten. Diese intimen Familienmomente, eingebettet in eine größere politische Erzählung, spiegeln wie ein Herzschlag den Rhythmus der Geschichte wider.
PM: Das Wort „Soundtrack“ ist auch im Titel Ihres Films enthalten. In der Musik, die Sie verwenden, ist die politische Spannung zwischen Entkolonialisierung und Neokolonialismus zu spüren.
JG: Ja, Musik spielt eine zentrale Rolle im Film, nicht nur als künstlerischer Ausdruck, sondern auch als historisch-politisches Hilfsmittel. Einerseits wurden „Jazz-Botschafter“ vom US-Außenministerium zu Propagandazwecken ins Ausland geschickt, um Länder im globalen Süden für sich zu gewinnen. Es war sozusagen eine Art „Cool War“ statt „Cold War“.
Nehmen wir als Beispiel Louis Armstrong. Im November 1960 wurde er als Botschafter des Black Jazz in den Kongo geschickt. Doch sein Konzert war Teil einer CIA-Operation zur Beseitigung Lumumbas – natürlich ohne sein Wissen. Irgendwann saß Armstrong mit Moïse Tshombe an einem Tisch; was er nicht wusste: Anwesend waren auch der US-Botschafter Timberlake und Larry Devlin, der CIA-Chef im Kongo. Devlin wurde Armstrong als Agrarexperte vorgestellt. Er war aber zu diesem Zeitpunkt schon tief in das Mordkomplott gegen Lumumba verstrickt und hatte bereits begonnen, Mobutu als Schachfigur zu positionieren.
Auf ähnliche Weise wurden Duke Ellington und Dizzy Gillespie als „Vertreter der amerikanischen Werte“ in verschiedene Länder geschickt.
PM: Andererseits stellen Sie Musik auch als ein Mittel des Widerstands dar – um die Energie der afroamerikanischen Musik in der Unabhängigkeitsbewegung und gegen die Rassentrennung in den USA zu dokumentieren.
JG: Das war eine Offenbarung für mich. Bei der Recherche in den Archiven entdeckte ich, dass die Sängerin Abbey Lincoln und der Schlagzeuger Max Roach ein Album mit Avantgarde-Jazz veröffentlicht hatten, das legendäre „We Insist! Freedom Now“. Das Album erzählt die Geschichte der Sklaverei und die Schrecken des Kolonialismus, aber auch die Widerstandsfähigkeit und den Stolz derer, die gegen rassistische und koloniale Unterdrückung kämpften – sowohl in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung als auch im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Der Titel „Tears for Johannesburg“ zum Beispiel war inspiriert von dem Massaker in Sharpeville in Südafrika im Jahr 1960. Das Album vermittelt auf eindringliche Weise aktivistische Themen.
Das beeindruckendste war das Filmmaterial einer Live-Aufnahme dieses Albums aus dem Jahr 1964, das ich in den Archiven des Belgischen Rundfunks und Fernsehens (BRT) fand. Die Ironie ist frappierend: Während belgische Truppen und Söldner im Kongo Gräueltaten verübten, sendete das belgische Fernsehen diese vernichtende Kritik am Kolonialismus.
Diese Gräueltaten wurden vom belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak gebilligt und im UN-Sicherheitsrat heruntergespielt.
PM: Im Film begegnen wir auch Nina Simone, Miriam Makeba, John Coltrane und Archie Shepp. Es gab wirklich eine breite Welle von aktivistischen Künstlern.
JG: Jazzmusik war mehr als nur Kultur; sie war eine Waffe im Kampf für Gleichberechtigung. Sie spielte eine entscheidende Rolle in der Bürgerrechtsbewegung und ist auch heute noch von großer Bedeutung. Nicht nur Musiker, auch Schriftsteller, Dichter und Schauspieler innerhalb der breiteren amerikanischen Kultur sprachen sich gegen die Rassentrennung in den USA und gegen den Kolonialismus in Afrika aus.
Einer der wichtigsten Brennpunkte war damals Lewis Michaux’ legendäre Buchhandlung an der 7th Avenue Ecke 125th Street in der Nähe des Theresa Hotels, wo Lumumba während seines Besuchs in Harlem eine Rede hielt. Die Buchhandlung wurde zu einem regelmäßigen Treffpunkt für Bürgerrechtler.
Am 15. Februar 1961 wandten sich Abbey Lincoln, Max Roach, Maya Angelou und eine Gruppe anderer Künstler an den UN-Sicherheitsrat, um ihre Ablehnung der im Kongo stattfindenden Gräueltaten zum Ausdruck zu bringen.
PM: Spielte Musik auch im Kongo selbst eine Rolle?
JG: Ja. Rumba, ein Musikstil, der bei schwarzen Kubanern sehr beliebt war, war auch im Kongo äußerst populär. Viele der schwarzen Kubaner waren Kongolesen der dritten oder vierten Generation. Durch den regen Reiseverkehr zwischen Havanna und Léopoldville brachten einige jener Musiker, die auf diesen Schiffen arbeiteten, den Rumba in den Kongo.
Eine bemerkenswerte kongolesische Rumba-Band war Rock-a-Mambo. Sie tourte Ende der 1950er Jahre mit Lumumba durch die Cités und zog von Café zu Café. Zu dieser Zeit war Lumumba noch Bierverkäufer, hatte seine politische Kampagne aber bereits begonnen – und Rock-a-Mambo begleitete ihn fortwährend. Durch sein Eintreten für die Entkolonialisierung erlangte Lumumba enorme Popularität, und der Rumba spielte in dieser Zeit eine entscheidende Rolle bei der Vereinigung der Menschen.
PM: In Ihrem Film zeigen Sie, dass die Ausbeutung des Kongo nicht nur eine Geschichte der Vergangenheit ist, sondern bis heute andauert.
JG: Nur die Gesichter haben sich geändert. Aus der Union Minières von früher sind Umicore, Tesla und Apple geworden. In den 1960er Jahren ging es um Uran, heute geht es um Lithium und Coltan. Deshalb beschreibt der Film keine nostalgische Vergangenheit. Die Geschichte von Lumumbas Ermordung lässt sich nicht erzählen, ohne sie mit der Gegenwart zu verbinden. Deshalb habe ich Werbespots in den Film aufgenommen, zum Beispiel für das iPhone.
Bei der Premiere in Leuven dachten die Leute nach diesen Werbespots, der Film sei vorbei und schalteten das Licht ein (lacht). Aber dieser Effekt war gewollt – um das Publikum aufzurütteln und es mit der aktuellen Realität zu konfrontieren.
Die Lage im Ostkongo ist heute vielleicht noch schlimmer. Die Ausbeutung von Mineralen wie Gold und Coltan ist direkt mit der Gewalt gegen Frauen verbunden. Vergewaltigungen werden als Kriegswaffe eingesetzt, um Bevölkerungsgruppen zu vertreiben. In den vergangenen Jahren haben über 80.000 Opfer sexueller Gewalt im Panzi-Krankenhaus von Dr. Denis Mukwege Hilfe gesucht – das war etwa jede zehnte Frau der Region.
PM: Ein eindrucksvoller Moment im Film sind die Bilder, in denen Ambroise Boimbo für einige Minuten König Baudouins Schwert in die Hand nimmt. Eine Möglichkeit, auch die Rolle Belgiens anzusprechen?
JG: Das sind Bilder mit großer Symbolkraft. Am 29. Juni schritt König Baudouin durch die Straßen von Léopoldville, und in einem kurzen, aber eindrucksvollen Moment entreißt ihm ein Mann sein Schwert. Dieser Moment dauerte nicht lange, aber für viele Kongolesen wurde dieses Bild zu einem starken Symbol der Unabhängigkeit.
Baudouins stolzierte wie der Papst durch Léopoldville und trat als der große Beschützer auf – nur hatte ihn niemand um Schutz gebeten. Ich verstärke die Spannung dieses Moments, indem ich die Szene mit einem rauen Bassklarinettensolo von Eric Dolphy unterlege. Das Solo steht in krassem Gegensatz zu Baudouins Rede über Leopold II. Dolphys Klarinette prallt auf die koloniale Blaskapelle, die Baudouin begleitet. Sie illustriert sowohl die Kritik am belgischen Paternalismus (Aufzwingen von ungewolltem Schutz, Anm. der Red.) als auch die fieberhafte Vorfreude auf die Unabhängigkeit.
PM: Die belgische Königsfamilie und Regierung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
JG: Am 30. Juni 1960 wurde die unabhängige Republik Kongo offiziell gegründet und das Ende der Kolonialzeit mit einer Zeremonie in Léopoldville gefeiert. Aus dem Bericht der parlamentarischen Kommission von 2024 geht jedoch hervor, dass König Baudouin eine echte wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit entschieden ablehnte.
Nur zehn Tage nach der Unabhängigkeit wurde die belgische Armee in Katanga eingesetzt. Belgien griff jahrelang mit Baudouins Wissen ein, um die Interessen belgischer Unternehmen zu schützen. Selbst heute weigert sich ein Teil des Establishments, die Rolle der königlichen Familie und die belgischer Politiker bei diesen Ereignissen anzuerkennen. Aber es bleibt ein unbestreitbarer Teil unserer belgischen Geschichte.
PM: Eine Geschichte, die heute noch immer nicht oft genug erzählt wird?
JG: Ich denke, das spiegelt eine Lücke in unserer Geschichtsbildung wider. Als ich jung war, stammten die einzigen Bilder, die wir vom Kongo hatten, von den Verpackungen der Chocolat Jacques. So verzerrt und exotisiert war das Bild, das uns vermittelt wurde. Das politische Establishment hielt an seiner kolonialen Denkweise fest. So bezeichnete beispielsweise Gaston Eyskens, der damalige belgische Premierminister, die belgische Präsenz im Kongo als „Zivilisationswerk“ zum Wohle eines weniger entwickelten Volkes – und leugnete jede kolonialistische oder imperialistische Absicht.
Über die Gräueltaten wurde nie gesprochen – es herrschte das „Reich des Schweigens“. Selbst heute wird uns noch eine verzerrte Darstellung präsentiert. Zwar wird inzwischen mehr Aufmerksamkeit auf die Taten Leopolds II. gerichtet, doch dieser Fokus soll allzu oft verschleiern, was anschließend geschah und was bis heute geschieht.
Das ist die Geschichte, die es gilt, weiterzuerzählen. Und wir dürfen nicht aufhören zu wiederholen, dass Afrika nicht tatenlos zusehen wird. Die Suche nach afrikanischer Zusammenarbeit geht weiter. Eines der bedeutungsvollsten Komplimente, das ich erhalten habe, kam von einem afrikanischen Bekannten, der schrieb: „Was diesen Film so besonders macht, ist die Tatsache, dass sich unser Kontinent derzeit an einem Scheideweg befindet und wir die Möglichkeit haben, diesen (panafrikanischen) Traum zu verwirklichen. Ich hoffe wirklich, dass Soundtrack in jedem Land des Kontinents gezeigt wird.“ Dass der Film so stark nachhallt und zudem die fortwährenden Kämpfe widerspiegelt, ist eines der größten Komplimente, die ich erhalten habe.
Dieser Text wurde zuerst am 28.01.2025 auf www.peoplesdispatch.org unter der URL <https://peoplesdispatch.org/2025/01/28/soundtrack-to-a-coup-detat-neocolonialism-and-resistance/> veröffentlicht. Lizenz: Peter Mertens, Peoples Dispatch, CC BY-NC-ND 4.0
Quellen:
[1] Anm. der Red.; im Beisein belgischer Offiziere und Beamter von einem Erschießungskommando des Katanga-Staates, Quellen: 1) Bernhard Chiari, Dieter H. Kollmer (Hrsg.): Demokratische Republik Kongo. 2. Auflage, Ferdinand Schöningh, Paderborn / München / Wien / Zürich 2006, S. 56.
2) Jacob E. Mabe (Hrsg.): Das Afrika-Lexikon. Ein Kontinent in 1000 Stichwörtern. Peter Hammer Verlag, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2001, S. 308 (Stichwort: Kongo (Demokratische Republik, Ex-Zaïre)


