Symbolbild: PxHere, CC0

Von Jürgen Mietz | veröffentlicht am 17. Dezember 2025, Kategorie: Gesellschaft & Geschichte

Friedensbewegung: Frei, offen, selbstkritisch?

Die ausbleibende Massenbewegung für eine einflussreiche Friedensbewegung scheint einige Beunruhigung hervorzurufen und Autoren dazu anzuregen, auf die Suche nach möglichen Ursachen zu gehen. Nachdem mein Text „Warum ist die Friedensbewegung keine Massenbewegung“ [1] am 2.10.2025 erschienen war, erschien am 9.10.2025 ein Text von Karim Akerma (Untertitel: Warum fehlt es der Friedensbewegung an kritischer Masse?) mit derselben Thematik „Ausbleibende Massenbewegung“ [2]. In meinem persönlichen Umfeld hat der Artikel vom 2.10.2025 ungewöhnliche Resonanz ausgelöst.

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Was mir auffällt: In den meisten Fällen werden die immense strategische und taktische Schläue, die Skrupellosigkeit bei der Schaffung unterstützender Systeme zur Bewusstseinsbildung, der Einsatz von Drohpotenzialen durch die herrschenden Politikkreise hervorgehoben. Unterbelichtet bleibt, dass alle Schritte und Interventionen durch die Köpfe der Menschen hindurchmüssen. Wenn der Gegner so erfolgreich ist, haben „wir“ es offensichtlich mit einem Erkenntnis-, Bewusstseins- und Organisierungsproblem zu tun, sowohl bei denen, die sich berufen fühlen, „aufzuklären“ als auch bei denen, die in Passivität verharren. Einfacher gesagt: Was „übersehen“ wir, wenn wir daran scheitern, andere aus ihrer Passivität herauszuführen, obwohl die doch lebensgefährlich ist? Offensichtlich verstehen wir etwas nicht im ersehnten Prozess der Aktivierung. Mit einigen der subjektiven Seiten, die dabei eine Rolle spielen könnten, will ich mich hier noch einmal befassen.

Die Frage der Mitwirkung an der eigenen Unterdrückung

Die Machenschaften der Neocons, die Kaltblütigkeit der Finanzhaie und die Skrupellosigkeit ihrer Kriege, die sie nach außen und nach innen führen (Warren Buffet geht von einem Klassenkampf aus), anzuprangern, ist das eine. Es ist zweifellos wichtig und erforderlich, das zu tun. Die andere Seite ist aber, dass darin eine Schuld- und Verantwortungsabweisung liegt, weg von der eigenen Person und Organisation, hin zur „bösen“ Autorität des anderen.

Das ist entlastend und knüpft an frühe Muster der Erziehung und des Aufwachsens an („der andere ist schuld“ – „ich bin entlastet“). Impulse, eigene Vitalitätsäußerungen der frühen Kindheit stoßen an ein strenges Normensystem, an angstvolle Eltern, mit falscher Erziehung die Zukunft des Nachwuchses zu gefährden. Die herrschenden Normen erfahren sie selbst in ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld. Sie machen sie zur Grundlage ihrer Botschaften an das Kind. Leistung und Anpassung werden wichtiger als das Selberdenken, als das Entschlüsseln der kindlichen Botschaften, als Kritik und Selbstkritik. Der eigenen Wahrnehmung, die sich im freien Zusammenspiel mit der Umwelt bildet, nachzugehen, wird zu einem Risiko.

So wie unsere Gesellschaft strukturiert ist, ist in ihr und in ihrer Lebensorganisation nicht „vorgesehen“, dass Menschen sich zu autonomen Persönlichkeiten entwickeln, wohl aber, dass es so scheint, als täten sie es. Man kann das beispielsweise bei Hans-Joachim Maaz oder bei Arno Gruen nachlesen [3].

In einem strengen Rahmen von Funktionalitäts- und Gehorsamsforderungen kann sich ein autonomes Selbst, wie Gruen es nennt, kaum entwickeln. Dieses Muster ist wie gemacht für Machtausübung und Unterwerfung, über Generationen hinweg.

Dass sich ein Kind nicht selbst versorgen kann, schafft ein natürliches Abhängigkeitsverhältnis. Ausgestaltet wird diese Beziehung nach den herrschenden Machtverhältnissen und „Gewohnheiten“. Gesucht wird nach Möglichkeiten der Dominanz, Verfügungsgewalt über Menschen und Sachen zu erhalten. Und nach einem „Lohn“ für den erzwungenen und hingenommenen Verzicht auf Einbringung eigener Verantwortung. Schutz- und Fürsorgeversprechen werden von Politik und Institutionen gegeben. Ihnen wird vertraut und die Erfüllung wird ergeben erhofft, wie „einst“ bei den Eltern. Ein Abhängigkeitsverhältnis bleibt erhalten, eine Emanzipation auf der Basis von errungener Eigenständigkeit und Verantwortung findet nicht statt. Selbstbewusste Teilhabe und Einmischung in öffentliche Angelegenheiten unterbleiben.

Die erwähnte Arbeitsteilung (hier die Macht und Verfügungsgewalt, dort die Bereitschaft, sich mit Lohn und Ablenkung zufriedenzugeben) kann brüchig werden, wenn nicht mehr „geliefert“ werden kann. Aber was kann sich aus einer solchen Brüchigkeit entwickeln, wenn beiden Seiten die inneren psychischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine „erwachsene“, rationale Analyse fehlen? So bleibt eine Gesellschaft unter ihren Möglichkeiten.

Die einen fordern Gefolgschaft und versprechen dafür Schutz vorm bösen Feind. Dafür dürfen sie „streng“ sein und den ihnen Unterstellten materiellen Verzicht bis zum Opfer an Leben abverlangen. Die anderen können von der Illusion der „guten“ Eltern, die sich kümmern, das Beste wollen – eine Vorstellung, die sie an politische und gesellschaftliche Autoritäten übertragen – nicht lassen. Eingeübt in das Muster, bestehen sie darauf, dass man sich gegen den bösen Feind von draußen schützen und den „Herren“ folgen muss. Den Widerstand oder die Rebellion zu wagen, wäre ein Bruch mit allen Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten. Es wäre Neuland. Und brächte große Unsicherheiten mit sich: Wie sollte in neuen Verhältnissen „meine“ Rolle aussehen? Welche Sicherheiten hätte ich? Wäre nicht alles ein großes, allzu großes Risiko? Welche Vorzüge hat das obrigkeitliche/untertänige Modell? Daran, dass die möglichen Vorzüge eines Ausbruchs aus diesem Modell nicht zu Bewusstsein gelangen, arbeiten beiden Seiten. Die Angst vor dem dämonischen Bösen muss geschürt werden und damit das Bewusstsein um die Angewiesenheit auf die schutzversprechende Autorität für das Überleben. Mit uns in der NATO, in „Europa“, in der Koalition der Willigen usw. seid ihr in guten Händen. Sonst nicht.

Gerade weil die Kriege in der Ukraine und in Gaza in ihren Begründungen auf tönernen Füßen stehen – nicht zuletzt weil die Behauptungen beleglos bleiben, den historischen Verlauf ignorieren oder verzerren, muss das Feindbild immer drastischer gezeichnet werden. So soll der noch unmündige Bürger immer weiter verschreckt werden und sich seinen vermeintlichen Beschützern anvertrauen. Die herrschende Klasse hat sich in Krisen und Risiken des Zerfalls regiert, ein Zerfall, den sie mit Krieg nach innen und außen aufhalten zu können glaubt. Dazu müssen die entstehenden Sorgen, Ängste, Wutgefühle auf den Feind draußen umgelenkt werden. Also dann doch nicht vielleicht besser zum missliebigen und gescholtenen „Familienoberhaupt“ stehen?

In der Tat wird kaum darüber diskutiert, auch nicht in der Friedensbewegung, was denn eine „Niederlage“ der Deutschland-, NATO- und EU-Politik bedeuten könnte. Nennen wir es vorläufig „Gesichtsverlust“, „Machtmissbrauch“, die befürchtet werden könnten. Der Verlust der äußeren Ordnung, die sich von der Dominanz des US-geführten Westens nährt, bedeutete einen Verlust der inneren Ordnung, eine Zerstörung des inneren Koordinatensystems – vielleicht vergleichbar dem unerwarteten Verlust wichtiger Bezugspersonen. Dass etwas zu Ende geht, verspüren viele. Vielleicht sagt man das zu leicht dahin – wie richtet sich eine neue Ordnung aus, mit welchen Gewinnern und Verlierern? Kann man sich darauf vorbereiten? Vielleich sehnt sich da mancher nach bekannten Gesichtern und vertrauten Verhältnissen.

Ausdruck des Wunsches, einer Beunruhigung den Stachel zu nehmen und ein „Weiter-so“ zu ermöglichen, sind vielleicht Hilfskonstruktionen wie: „Die machen sowieso, was sie wollen“, „das renkt sich ein“, „wenn ich mir die Welt anschaue, geht’s mir noch gut“, „sterben müssen wir sowieso“. Die „Kosten“ für einen Ausstieg aus dem „Regierungszug“ könnten als zu hoch eingeschätzt werden. Zumal es heißen könnte, sich Fehler einzugestehen, sich einzugestehen, dass man sich auf falsche Freunde verlassen hatte.

Angebote der Friedensbewegung?

Vielleicht könnte eine aufgeschlossene, wache Friedensinitiative bzw. eine solche Friedensbewegung Menschen Ansätze zum Nachdenken bieten, wenn die „andere Seite“ sie mit unbelegten Behauptungen und Panikmache „zuballert“. Wir müssten den Versuch machen, zu verstehen, wie es in ihren Köpfen aussieht, mit welchen inneren Spannungen sie zu tun haben, wie Widersprüche kurz und knapp herausgestellt werden können. Wie will man angesprochen sein, wenn einem dämmert, dass man einem (Selbst-) Betrug aufgesessen sein könnte?

Die Frage nach einem „Danach“ sollte gestellt werden, denn sie eröffnet Perspektiven für Dialoge.

Was wird geschehen, sollte Russland ruiniert sein, wenn eine Taurus- oder Tomahawk-Rakete bis nach Moskau geflogen ist? Wie werden sich die gesellschaftlichen Verhältnisse hier entwickeln, wenn die Kriegstreiber einen Sieg davontragen? Glaubt jemand, die Profite der Rüstungs- und Agrarkonzerne, die heute schon Blackrock und anderen gehören, kämen Bildung, Gesundheit oder Sozialem zugute?

Andersherum ist es natürlich ebenfalls interessant, sich zu fragen, was es für uns und für unsere Führungsteams, um mal nicht von Eliten zu sprechen, bedeuten könnte, wenn der Kriegswahn scheitert und seine Protagonisten ihre Politik erklären müssen. Wir können mit dem psychologischen Effekt der Identifikation der Massen mit den Mächtigen rechnen, wenn die Ideenproduktion der Friedenskräfte fehlt oder nicht durchdringt. Ausbeutbar wären Verwirrung und die Abwehr von Schuld und Scham, an dem Zerfall beteiligt gewesen zu sein und mitgewirkt zu haben. Das würde bedeuten, dass eine gesellschaftliche und persönliche Erneuerung ein weiteres Mal auf die lange Bank geschoben würde. Hingegen könnte eine Friedensbewegung, die sich für freies, unabhängiges Denken, für Aufgeschlossenheit, für Dialog, Selbstbestimmung und Selbstermächtigung starkmacht und sie verkörpern kann, eine wichtige gesellschaftliche Funktion übernehmen. Sie könnte ein weiterführendes Element gegenüber den rechtfertigenden, verschleiernden Reden der Alternativlosigkeit einerseits und den folgsamen, demütigen und um Fassung ringenden Massen sein. Ein Lichtblick der Aufklärung.

Trotz aller Propaganda und der Einheitsfront der Medien gibt es in Umfragen einige Hinweise darauf, dass die verbreitete Kriegspropaganda nicht so verfängt, wie man angesichts der Flutung mit verzerrenden Meldungen fürchten könnte. Haltungen zu Einzelthemen, wie Wehrpflicht, Verhandlungsbereitschaft, Waffenlieferungen an kriegführende Parteien und ihre Finanzierung sind weniger eindeutig „pro Krieg“ als man denken könnte. Wenn 50 Prozent der Befragten nicht in einen Krieg für Deutschland ziehen wollen, müsste doch unsere Frage sein: Wie sind die drauf? Wo sind die und was machen die? Bei „uns“ sind sie wohl gerade nicht.

Wie vertragen sich diese günstigen Zahlen mit den folgenden: In Hamburg gab es im Vorfeld des Manövers „Red Storm Bravo“ zwei Kundgebungen mit einigen hundert Teilnehmern und eine „Groß“-Demonstration, die nach Veranstalterangaben 3000 Teilnehmer gehabt haben soll (Quellen dazu habe ich leider nicht mehr gefunden). Sie fielen allesamt klein aus. Die Berliner Demonstration am 3.10. hatte 15.000 Teilnehmer weniger zu verzeichnen als 2024. Was passiert da gerade?

Provokative Anmerkungen des Passanten sind Test

„Die machen sowieso was sie wollen“, ist ein häufig gehörter Satz. Die Botschaft ist: „Die Mühe könnt ihr euch sparen“. Und der Sprecher klärt uns auf, dass er klug ist und wir naiv. Und die Antwort dürfte wohl in die Richtung gehen: „Wenn genügend Leute mitmachen und sich widersetzen, können sie nicht mehr alles machen.“ Da hört der Passant schon den Vorwurf und die Mahnung und sieht zu, dass er davonkommt. Es könnte sein, dass der eilige Passant genau solche Erfahrungen (die machen, was sie wollen) gemacht hat. Mit anderen Worten: Er hat uns die Erfahrung von Ohnmacht mitgeteilt und die Frage gestellt, wie sich damit umgehen ließe. In der Aussage des Passanten steckt die Frage nach Macht und Ohnmacht. Sind wir auf solch verborgene Botschaften eingestellt? „Die machen sowieso, was sie wollen – ?– ? –– „Wie ist das möglich?“ könnte eine Antwort sein, die zum Innehalten einlädt, ein Gespräch ermöglicht. Zweifellos gibt es noch mehr anregende Fragen.

Auf ein solches Gespräch läuft es meistens nicht hinaus. Wir bekommen eine Wut, eine Resignation oder eine Verzweiflung zu spüren, die doch vielleicht auch daraus gemacht sein könnte, dass wir kluge Sachen sagen und schöne Forderungen stellen, aber nichts zu dem sagen, was „Danach“ kommt. Frieden ja – aber was geschieht in und mit diesem Frieden? Was machen wir mit ihm? Wie soll ein Frieden gestaltet sein, nach welchen Kriterien? Wer verfügt über das Bruttosozialprodukt? Und über die Aufsichtsräte? So gesehen greift die Friedensfrage für sich genommen zu kurz, lässt die Menschen mit Ängsten, Sehnsüchten und Ideen für ein anderes Leben allein. Die Notwendigkeit neuer Justierungen lässt sich hier [4] und hier [5] erkennen.

Komplizenschaft, ihr Lohn und Dämmerung

Wirken wir an unserer eigenen Unterdrückung mit oder lernen wir uns davon zu lösen? (Bild: PxHere, CC0)

Zu gern haben die Massen den Versprechungen der „Eliten“ geglaubt, gehofft, von einer expansiven Politik („‚Wirʻ sind Exportweltmeister!“) nach innen und nach außen Nutznießer sein zu können. Die Folgen waren immer zu sehen, von Hartz IV bis zur Grundsicherung, in Griechenland, Italien, in Großbritannien und nun in Frankreich. Es war einfach zu schmeichelhaft zu den angeblichen Weltmeistern, den Erfolgreichen, Sparsamen, Effizienten und Braven zu gehören. Dafür hatten sie auf das Erkennen und Formulieren ihrer Interessen verzichtet (nicht nur individuell, sondern auch kollektiv – Gewerkschaften, Parteien, die einmal dafür da waren, sind im Verschwinden begriffen). An Generalstreik auch nur zu denken, gehört sich für brave Menschen nicht, über solch klassenkämpferische old-school-Mittel hatte man sich herausgeträumt [6]. Sie sind einer schönfärberischen Rhetorik erlegen. Sie beginnen (natürlich nicht alle) zu merken, dass nun sie selbst im großen Maßstab an der Reihe sein könnten, um die Profitmargen zu sichern:

Die Herrschenden sind auch deshalb Herrschende, weil sie verstehen, die Massen immer wieder in eine Komplizenschaft hineinzuziehen. Die Mitwirkung an eigener Unterwerfung und die daraus entstehende (Selbst-) Verachtung auf andere Böse zu lenken (s.o.), ist das Macht- und Kontrollmittel par excellence von Herrschenden.

Das reicht und wirkt in die Familien, Clans Organisation hinein – bis auf die Ebene der Staaten. Die Aussicht, „Heilung“ auf dem Schoß der Mächtigen finden zu können, ist verführerisch, weil sie doch auf Kompensation eines „alten“ Verlustes spekuliert. Die psychische Einswerdung mit dem Mächtigen ist eine Option, um einen durcheinandergeratenen Gefühlshaushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Putin auf dem Roten Platz zur Rede, vielleicht aber auch an die Wand zu stellen, wäre ein vermeintlicher Befreiungsschlag für den an seiner eigenen Unterwerfung leidenden Bürger.

Eine Friedensbewegung, die ehrlich analysiert, sollte diese Mechanismen nicht verschweigen. Eine erfolgreiche Friedensbewegung und eine selbstbestimmte Gesellschaft sind darauf angewiesen, zu wissen, woran Selbstbestimmung und Demokratie scheiterten und was sie wirklich benötigen. Das Konstrukt des Glaubens an die guten Eltern und die Überweisung der Verantwortung an Autoritäten, Spezialisten und Technokraten der Macht ist eine Fehlkonstruktion. Verteilungsfragen, Verfügungsrechte über das Erarbeitete, also Eigentumsrechte, – was bedeutet „Eigentum“? – können aus der Debatte um Demokratie nicht ausgeschlossen bleiben. Wagt die Friedensbewegung, sie anzusprechen, oder werden Teile von ihr damit verprellt? Andererseits: Was wäre eine Friedensbewegung wert, die darüber hinweggeht, dass „eine Seite“ legitimiert ist, auf ewig eine psychische und ökonomische Übermacht zu sein?

Mut erfordert es, sich den eigenen Widersprüchen zu stellen. Man möchte vor sich „unbescholten“ bleiben und man möchte Menschen, die man gewinnen will, die Bündnispartner, Kollegen und Freunde sind, nicht vor den Kopf stoßen, sie nicht verletzen. Andererseits geht es um Entwicklungsfähigkeit. „Elefanten im Raum“ behindern Entwicklung.

Hat die „passive Masse“ der Friedensbewegung etwas voraus, von dem sie, die Friedensbewegung, nichts weiß?

Friedensbewegte leben mit der Selbstsicht, dass sie der Bevölkerung Einsichten vermitteln könnten, die für eine Friedenssicherung bedeutsam sind. Dafür gibt es ein enormes Engagement: Informationsstände, Mahnwachen, Organisation von Veranstaltungen, Gegeninformationen bei Bundeswehrveranstaltungen. Ist dennoch vorstellbar, dass friedensinteressierten, aber zögernden Menschen etwas „fehlt“ an der Friedensbewegung, so dass sie sich nicht anschließen mögen?

Das könnte beispielsweise dann der Fall sein, wenn sie den Eindruck haben, die Friedensinitiativen oder die Friedensbewegung verfehlten entscheidende Themen. Wenn sie den Eindruck bekommen, die Friedensorganisationen blieben hinter Stimmungen von Teilen der Gesellschaft zurück, paktierten mit den Herrschenden, schone sie. Solche Erfahrung wurde in Zusammenhang mit Corona gemacht, als sich Teile der Friedensbewegung auf die Seite der Macht stellten. Wenn nun weiter machtkritische Positionierungen ausbleiben, könnte das als ein problematisches heimliches Bündnis mit den Mächtigen verstanden werden. Nicht unbedingt, weil es so gesagt würde, sondern weil das Thema des Verhältnisses zur Macht nicht angesprochen wird. Schätzen Teile der Gesellschaft die Gefahren eines (Atom-) Kriegs, die Verfahrenheit der Lage, die Einseitigkeiten in Politik und Medien als beträchtlich ein und bleibt die Friedensbewegung (empfunden) in ihrer Machtkritik dahinter zurück, könnte das die Skepsis gegenüber der Friedensbewegung befeuern.

Gleiches gilt in Hinblick auf die Deutung der Sozialpolitik, die zu einer Verarmungspolitik wird. Menschen, die in solchem Sinne sich im Stich gelassen fühlen, könnten zu dem Ergebnis kommen, dass die Friedensbewegung wiederholt relativiere. Mit ihrem Gespür für die Gefährlichkeit der Lage sind sie womöglich näher an den Einschätzungen eines Präsidentenberaters (ohne ihn kennen zu müssen) als die Friedensbewegung sie repräsentiert.

„Die Öffentlichkeit dort muss begreifen, dass ihre Eliten sich darauf vorbereiten, sie zu opfern, und dass Atomwaffen keinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten machen. Die westeuropäischen Hauptstädte werden zu den ersten Zielen unseres Vergeltungsschlags gehören.“ [7]

Zur Relativierung und möglicherweise zur Verharmlosung trägt bei, wer nicht (immer wieder) darauf hinweist – angesichts der (ständigen) Wiederholungen von „Putins Krieg, Russlands Angriffskrieg, Russlands drohendem Überfall auf …“ ohne einen Beleg!) –, dass der Krieg nicht voraussetzungslos und unprovoziert von Russland begonnen wurde. Was impliziert, dass Russland sich ggf. zur Wehr setzt, mit welchen Mitteln auch immer, bis hin zum Einsatz von Atomwaffen. Im Gegenteil: Es lohnte sich der Hinweis auf Hunderte Kriege der USA, die jenseits des Völkerrechts und in aller Regel unter Mitwirkung der treuen NATO- oder anderer Partner stattfanden. Die Hervorhebung einer von Russland begangenen Völkerrechtsverletzung als Voraussetzung friedenspolitischer Positionen und Stellungnahmen ist in allererster Linie der Gruß an den Gessler-Hut [8], mit dem die Herrschaft des Herrschers anerkannt wird.

Das Verschweigen der Vorgeschichte des Ukraine-Krieges und des Israel-Palästina-Krieges ist ein Projekt zur Schleifung aufklärerischen Denkens und eine Absage an Konfliktlösung und Mediation [9]. Historisches Bewusstsein und historische Analyse sind für Interessenklärung, Kompensation und Kompromiss unverzichtbar.

Möglicherweise handelt es sich bei Skeptikern gegenüber der Friedensbewegung um Menschen, die in ihrem Erfahrungsschatz abgespeichert haben, wie sehr Nichteinhaltung von Wahlversprechen, Doppelmoral, Vorteilsnahme, zweifelhafte „Anständigkeit“ in die Politik eingezogen sind. Könnte sich die Friedensbewegung zur Sprecherin solcher Erfahrungen machen, könnte sie einen Bogen zu der Erkenntnis schlagen, dass die Neigung unserer Führungskräfte zum va-banque- und Falschspiel auf Kosten unseres Lebens geht. So könnte die Friedensbewegung wichtige Impulsgeberin für neues Denken werden und sich Respekt verschaffen.

Schließlich: Fürchtet man sich vielleicht in der Friedensbewegung davor, die herrschende Politik in aller Klarheit zu beschreiben und zu benennen, weil sie argwöhnt, so etwas könnte den „Rechten“ nutzen? Das hieße, man würde diejenigen, die man überzeugen und gewinnen will, für den Frieden aufzustehen, nicht ernst nehmen. Man würde ihnen nicht zutrauen, auf dem demokratischen Weg zu bleiben, sie benötigten gleichsam eine vormundschaftliche Schonung. Man könne ihnen die Wahrheit nicht zumuten, weil sie daraus die falschen Schlüsse ziehen könnten. Und da wären wir wieder beim Gedanken eines impliziten Paktierens mit den Kriegstreibern.

Willi van Oyen sagt im Interview einen Tag vor dem 3.10.2025:

„Sie [die Menschen, JM] sehen hier im Land eine hilflose politische Regierung, die nur die Militarisierung als Ausweg sieht und den Widerstand gegen diese Politik mit repressiven Mitteln bekämpft.“ [10]

„Gegen dieses Gefühl der Ohnmacht und der Verzweiflung muss Widerstand organisiert werden. Wir müssen für unsere Alternativen, für eine friedliche und gerechte Welt der gegenseitigen Sicherheit und der politischen und ökonomischen Zusammenarbeit wieder sichtbar auf der Straße demonstrieren.“

Eine Aussage, die nicht einfach falsch ist, aber andererseits auch nicht Wirklichkeit korrekt wiedergibt. Es scheint mir symptomatisch zu sein, dass die Massen in diesem Bild Zuschauende sind und auch die „hilflose politische Regierung [was immer das sein mag, JM] … sieht“ (nur in der Militarisierung einen Ausweg).

Tatsächlich treibt sie uns mit aller Macht, die sie hat, zum Krieg. Gegen böseste Absichten des Feindes, für die sie aber keine Belege vorlegen kann. Die Beteiligten werden in den Worten Willi van Oyens hier als merkwürdig passiv vorgestellt. Widerstand muss organisiert werdenWer organisiert da was, wo sind die entscheidenden, handelnden, Verantwortung übernehmenden Subjekte? Natürlich kann man mal so reden, verallgemeinernd. Hier, in diesem Zusammenhang der Analyse von Gesellschaft und Friedensbewegung sehe ich die subjektfreie Rede jedoch als symptomatisch für einen fehlenden Austausch zwischen Gesellschaft und Friedensbewegung an.

Willi van Oyen unterstellt der „politischen Regierung“ Hilflosigkeit – so als wäre sie gern etwas anderes als „hilflos“. Als wolle sie eigentlich etwas abwenden und greife zur letzten Alternative, der Militarisierung. Wer sagt uns, dass es nicht genau das ist, was die Regierung will und was Profiteure aus Finanz- und Wirtschaftsmacht wollen, wenn sie Aufrüstung und Sozialabbau eskalieren? Könnte es sein, dass große Teile der Massen den Braten riechen und ihr Instinkt ihnen sagt, dass etwas sehr Übles angerührt wird? Wenn es so tatsächlich wäre, dann wären die, die der Friedensbewegung wegen „unklarer Sprache“ abwartend gegenüberstehen, schon weiter. Sie könnten in passivischen Formulierungen Verharmlosung und Verschleierung sehen.

Es gelte, der repressiven Bedrohung, die die Friedensbewegung erfahre, durch kollektives Handeln wieder Mut zu machen. Wer macht da wem Mut, mit welchen Inhalten? Es hat den Anschein, als gäbe es irgendwo eine höhere Instanz der Vernunft, von der sich eine Pflicht ableiten ließe, etwas zu tun. Klingt sehr abstrakt.

„Heute scheint geradezu Angst davor zu herrschen, Kriegstreiber als Kriegstreiber zu bezeichnen. Wo ist der Mut geblieben, im besten demokratischen Sinne klar und deutlich den Mund für den Frieden aufzumachen?“

stellt der Interviewer Marcus Klöckner fest. Der interviewte Willi van Oyen geht auf die Misere unklarer, nicht-benennender Sprache gar nicht ein. Er bringt demgegenüber dämpfend und bremsend ins Spiel, „dass uns der tägliche Protest und Aktionismus keine schnellen Lösungen bringen werden.“ Was für eine Entmutigung!

„Vielmehr muss neben der Bekämpfung der Angst und dem notwendigen Zorn über die Militarisierung aller Politikbereiche auch die Chance für die Durchsetzung unserer friedenspolitischen Positionen mitgedacht werden. Dazu gehören eine gute Analyse und entschiedenes Handeln durch Einbeziehung neuer gesellschaftlicher Kräfte als Daueraufgabe.“

Was da mitgedacht werden muss, bleibt im Dunkeln. Wer denkt da? Man könnte fast den Eindruck gewinnen, es ginge um einen bürokratischen Akt. Und darum, die Kontrolle zu behalten und nicht übermütig zu werden: Ob die neuen gesellschaftlichen Kräfte Teil einer solchen „Bewegung“ werden wollen?

Ich habe nicht vor, Willi van Oyen zum Verursacher der schwierigen Lage der Friedensbewegung zu erklären. Jedoch habe ich den Eindruck, dass mir Willi van Oyen in der Friedensbewegung öfter mal begegnet. Und wer was von wem übernimmt, möchte ich offenlassen. Wenn von der mäßigenden, bremsenden Haltung etwas rüberkommt und ausstrahlt, dann könnte es durchaus sein, dass manche denken mögen: Mit dieser Friedensbewegung wird das nichts.

Wenn die Menschen die Folgen der Energieverteuerung und der De-Industrialisierung sowie den Angriff auf ihre sozialen Rechte erfahren und gleichzeitig die Rüstungsausgaben in ungekannte Höhen schießen, wollen sie sich vermutlich nicht mit der Selbstheilung und Ermutigung einer erschöpften und sich lähmenden Friedensbewegung befassen, die es nicht schafft, Klartext zu sprechen.

Selbst Überlegungen zu einer Neutralität Deutschlands, zu seiner Souveränität, zu einem Austritt aus der NATO kommen nicht aus der Friedensbewegung. Dabei könnten solche Fragen doch den Blick „nach vorn“ öffnen (vgl. die Positionen von Thomas Fazi [11]) Wäre eine Zusammenarbeit mit den Brics nicht im deutschen Interesse, wie Emmanuel Todd [12] schon einmal feststellte?

Elefanten in der Friedensbewegung?

Es gibt Themen, die eine Denkfreude der Friedensbewegung zeigen könnten. Umgekehrt gilt auch: Wenn wir etwas nicht benennen (können), bleibt das, was auf Erkenntnis wartet, im Ungefähren. Verständigung über das, was ist, gelingt nicht. Kooperation, Zielfindung, eine gemeinsame Basis des Handelns bleiben im Vagen. Was man Denken kann und darf, wird zu einer heißen Kartoffel. Der selbst auferlegte Zwang jenseits aller weltanschaulichen Unterschiede, den wiederherzustellenden Frieden in den Mittelpunkt zu stellen, könnte im ungünstigen Fall bedeuten, jede Meinungsverschiedenheit zu vermeiden, und sei es, um dem Urteil einer angeblichen Rechtsoffenheit zu entgehen. Das erinnert an die vordemokratische Leitlinie einer „Staaträson“, die in eine Sackgasse führte. Prüfen wir doch einmal, wo wir in der sachlichen Analyse offener, frei denkender, einander zugewandter und schonungsloser sein können.

Lizenz: Jürgen Mietz, Free21, CC BY-NC-ND 4.0

Autor: Jürgen Mietz

Jahrgang 1949, ist Diplom-Psychologe. Arbeitete bis 2014 als Schulpsychologe und Supervisor in Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Gründete einen Berufsverband mit und beteiligte sich viele Jahre an Vorstandstätigkeit. Er bloggt gelegentlich und mit abnehmender Tendenz unter schulpsychologie-mietz.com (oder schulpsychologie.wordpress.com). Und verfolgt mit Grausen das nahezu vollständige Zusammenspiel der organisierten Psychologie mit der Macht (https://www.nachdenkseiten.de/?p=124625; Die Beugsamen, 2022 bei epubli.de) und freut sich um so mehr, wenn Psychologinnen und Psychologen eine subjektorientierte Psychologie stärken und historische Ansätze zur Förderung des Verstehens nutzen, gesellschaftsbewusst analysieren und beraten.