Screenshot: Junge Freiheit, erstellt am 1.7.2025 – 14:08:05, https://jungefreiheit.de/?s=Nord+Stream

Von Patrick Lawrence | veröffentlicht am 11. Juli 2025, Kategorie: Gesellschaft & Geschichte, Innenpolitik

Eine Kultur der Unterwerfung

Deutschland in der Krise, Teil 3/4

Dies ist der dritte von vier Berichten über Deutschland in der Krise

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Teil 1: <https://free21.org/deutschland-in-der-krise-teil-1-4-der-verlorene-mann-europas/>

Teil 2: <https://free21.org/deutschland-in-der-krise-teil-2-4/>

BERLIN – Ich komme kurz auf jene einzigartigen Momente zurück, als Olaf Scholz bei einer Pressekonferenz am 7. Februar 2022 [1] neben Präsident Joe Biden stand, nachdem sie private Gespräche im Oval Office beendet hatten. Bei dieser Gelegenheit erklärte Biden, dass es, sollten russische Truppen in ukrainisches Gebiet eindringen – zu diesem Zeitpunkt war er davon überzeugt, dass sie keine andere Wahl mehr hätten –, „kein Nord Stream II mehr geben“ wird. „Wir werden das beenden.“

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um sich die Videoaufzeichnung dieses Ereignisses anzusehen. Was sehen wir in diesen beiden Männern? Betrachten wir ihr Auftreten, ihre Gesten, ihren Gesichtsausdruck, was jeder gesagt und ungesagt gelassen hat, und lesen wir heraus, was wir darin erkennen können. Ich sehe eine 77-jährige Geschichte.

In Biden haben wir einen Mann, der ganz ruhig und sachlich seine Absicht bekundet, die teuren Industrieanlagen des Landes zu zerstören, das der Mann neben ihm repräsentiert. Wir bemerken seine vollkommene Gelassenheit, seine abweisende Handbewegung, mit der er seine Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen und sogar der Souveränität eines engen Verbündeten offen zur Schau stellt.

Bis vor kurzem habe ich Bidens erstaunliche Grobheit gegenüber Scholz seiner ganzen politischen Karriere zugeschrieben, die von Ungeschicklichkeit geprägt war. Aber wenn ich jetzt über diesen Vorfall im Lichte all dessen nachdenke, was dem vorausgegangen ist, ergibt sich eine andere Sichtweise, ihn zu beurteilen: Nach Jahrzehnten der anmaßenden Dominanz innerhalb des Atlantischen Bündnisses hielt Biden es nicht mehr für nötig, die hegemoniale Vorherrschaft Amerikas zu vertuschen. Tatsächlich sehen wir in der oben verlinkten C-SPAN-Aufzeichnung (siehe Quellenangabe, Anm. d. Red.) das Gesicht eines Mannes, der bei der Ausübung reiner Macht boshaften Stolz empfindet.

Scholz stand seinerseits gemäß Protokoll an einem separaten Rednerpult und reagierte nicht auf Bidens Bemerkung.

Das Verhalten von Scholz deutet darauf hin, dass er weder überrascht noch verärgert war. Er wirkt vielmehr resigniert, beklommen, leicht bedauernd und leicht unterwürfig.

In seinem Gesicht lesen wir die Befürchtungen eines Soldaten, der gerade den düsteren Schlachtplan seines Kommandanten akzeptiert hat. Ich vermute, er fragte sich auch, was um alles in der Welt er seiner Regierung und den Deutschen bei seiner Rückkehr nach Berlin sagen sollte.

Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz nehmen an einer gemeinsamen Pressekonferenz am Montag, den 7. Februar 2022, im East Room des Weißen Hauses teil. (Screenshot: Scheerpost, erstellt am 17.2025 – 15:07:18, https://scheerpost.com/2025/04/26/patrick-lawrence-germany-in-crisis-part-3-a-culture-of-submission/)

Der beste Weg diesen bedeutungsträchtigen Anlass zu verstehen, der in den Annalen der transatlantischen Diplomatie als einzigartig oder fast einzigartig gelten muss, ist es, einen Blick zurück und dann nach vorne zu werfen.

Welch lange Zeitspanne liegt zwischen dem Deutschland der frühen 1980er Jahre, dem Deutschland von Helmut Schmidt, und dem Deutschland von Olaf Scholz, das 40 Jahre später neben Amerika auf dem Podium stand und sich geradezu duckte. Schmidt, ein Sozialdemokrat, der Willy Brandts Ostpolitik zugetan war, hatte gemeinsam mit anderen Europäern die Interessen Deutschlands gegen die unverblümten Versuche von Präsident Ronald Reagan verteidigt, Deutschland die Methoden des Kalten Krieges aufzuzwingen. Scholz, ein Sozialdemokrat ganz anderer Prägung, war nicht geneigt, Deutschland gegen Joe Biden zu verteidigen, selbst wenn es um seine ureigene Souveränität ging.

Wie konnte es mit Deutschland so weit kommen? Nach einigen Tagen Recherche hier, in einer Stadt, die lange Zeit durch den Eisernen Vorhang geteilt war, und nach weiteren Recherchen in anderen Teilen Deutschlands, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Politik des Kalten Krieges und der Zeit danach allein keine Antwort auf diese Frage liefern kann. Nein, wie ich in meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Korrespondent oft festgestellt habe, muss man sich auf Psychologie und Kultur stützen, um Politik und Geschichte, die in gewisser Weise Ausdruck der ersteren sind, vollständig zu verstehen.

Die Pläne der Alliierten für die Nationen, die sie 1945 bezwungen hatten und die in kurzer Zeit zu Amerikas Plänen wurden, mangelten nie an Ehrgeiz. Auf der Potsdamer Konferenz, wenige Monate nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, teilten Churchill, Truman und Stalin Deutschland in vier Besatzungszonen auf: Großbritannien, Frankreich, die USA und die Sowjetunion sollten jeweils eine Zone verwalten. Berlin lag in der sowjetischen Zone, wurde jedoch ebenfalls geteilt. Millionen deutscher Siedler mussten aus den von den Nazis eroberten Gebieten repatriiert werden – ein chaotisches Unterfangen, das geprägt war von Leiden, das heute keiner mehr erwähnt. Sofort begann ein Entnazifizierungsprogramm, und das deutsche Militär sollte aufgelöst werden – obwohl beide Ziele gelinde gesagt kompliziert waren, als die Kriegsallianz mit Moskau nachgab und den Weg für den Kalten Krieg ebnete, den die Truman-Regierung unbedingt provozieren wollte.

Aber gerade in Bezug auf die Herzen und Köpfe der Deutschen kippte die Umgestaltung des Reiches in eine andere Art von Land – von Ambition in Richtung Selbstüberschätzung, Überheblichkeit. Dies war eine psychologische Operation, deren Ausmaß und Tragweite seitdem wohl nie wieder erreicht wurden. Nur die Japaner nach 1945 haben etwas Ähnliches durchgemacht. Dieses Projekt wurde zunächst von den Anhängern des New Deal unter Roosevelt konzipiert und umgesetzt. Es dauerte ein oder zwei Jahre, bis die Ideologen des Kalten Krieges die hohen Ideale zugunsten des rigiden Antikommunismus der späten 1940er und frühen 1950er Jahre aufgaben. Die Japaner bezeichnen dies nicht ohne eine gewisse Bitterkeit als „Umkehrkurs“.

Ich weiß nicht, wie die Deutschen es nennen, aber die Kehrtwende nach dem Krieg lief auf dasselbe hinaus. Das Projekt war auf beiden Seiten des Atlantiks dasselbe. Es ging nicht darum, authentische Experimente mit Demokratie zu wagen, um Versuche von unten zu starten, wie orthodoxe Historiker diese Zeit gerne darstellen. Es ging darum, Deutschland und Japan als Soldaten des Kalten Krieges zu rekrutieren. Die Demokratisierung wurde zum bloßen Vorwand, da Demokratie per definitionem weder von einem Land exportiert noch von einem anderen importiert werden kann. Ich möchte noch hinzufügen, dass diese beiden Nationen als Vorlagen dienten, die Washington während des Kalten Krieges an vielen anderen Orten anwandte. Demokratisierung vortäuschen, Unterwerfung praktizieren: Das war das wahre Projekt der Nachkriegszeit.

Um es anders auszudrücken: In dem Maße, in dem sich Deutschland und Japan in den Nachkriegsjahrzehnten zu Demokratien entwickelt haben, geschah dies weniger aufgrund des Einflusses der USA als vielmehr trotz dessen.

In der US-Zone übernahmen Verwaltungsbeamte in Uniform und Zivil die Kontrolle über alle Formen von Information. Alle Zeitungen, Zeitschriften und Radiosender wurden geschlossen. Amerikanische Journalisten (von denen einige später eine glänzende Karriere machten) wurden damit beauftragt, die deutschen Medien neu zu erfinden, um sie an die neue Demokratie anzupassen. Die Propagandaprogramme, die diese Neugestaltung der Massenmedien begleiteten und zeitweise stark von antisowjetischen Botschaften geprägt waren, waren immens und reichten von Umerziehungsprojekten und Radio-Talkshows bis hin zu massenhaft verteilten Flugblättern. Die Literatur über diese Zeit vermittelt den Eindruck eines Vorhabens, das kein gesprochenes oder geschriebenes Wort und kein Bild der offiziellen genauen Überprüfung entgehen ließ.

Eine kurze Abschweifung.

Eine der unvergesslichen Fernsehsendungen meiner frühen Kindheit war eine beliebte Serie über Recht und Ordnung namens Highway Patrol. Ich erinnere mich auch nach vielen Jahren noch gut daran. Die wöchentlichen Episoden und ihr Hauptdarsteller hatten etwas Charismatisches an sich. Broderick Crawford spielte den hängebackigen, schroffen, schlampig gekleideten Polizeichef einer namenlosen kalifornischen Stadt. Er stürmte an Tatorten heran, riss unter Sirenengeheul und Staubwolken die Tür seines Streifenwagens auf und bellte Befehle in sein Handfunkgerät – wobei er seinen Beamten mit dem unvergesslichen „10 – 4“ antwortete.

Highway Patrol lief von 1955 bis 1959 mit insgesamt 156 Folgen. Auf den ersten Blick war die Serie eine Verherrlichung der staatlichen Autorität. Es ging um die Notwendigkeit, die Ordnung inmitten ständiger Bedrohungen aufrechtzuerhalten. Aber in Text und Subtext handelte Highway Patrol vom Amerika der Nachkriegszeit; jede Folge war eine Wiederholung dessen, was es in diesen Jahren bedeutete, ein Amerikaner zu sein. Der Kalte Krieg wurde nie erwähnt, aber er schien in jeder einzelnen Folge präsent zu sein. Zu den wiederkehrenden Themen der Serie gehörten die allgegenwärtige Angst und die Notwendigkeit von Loyalität.

Titelbild für die amerikanische Fernsehserie Highway Patrol aus den 1950er Jahren. (Screenshot: Ziv Television Programs (MGM Television), Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Ich erwähne das wegen etwas, das ich viele Jahre später erfahren habe. Es ist amüsant und zugleich sehr lehrreich. Highway Patrol wurde von einer ambitionierten Produktionsfirma namens „Ziv Television Programs“ entwickelt. Frederick Ziv, Gründer und Geschäftsführer, war mehr oder weniger der Erfinder der TV-Syndizierung (The Cisco Kid, Bat Masterson usw.). Zivs Produktionen waren implizit und gelegentlich auch explizit von einer antikommunistischen Stimmung im Stil von Highway Patrol geprägt. Nachdem Ziv 1955 Broderick Crawford unter Vertrag genommen hatte, war Highway Patrol die erste amerikanische Serie, die im neuen deutschen Privatfernsehen ausgestrahlt wurde.

Um meinen Gedanken zu Ende zu führen: Wie seltsam erscheint es heute, dass deutsche Familien ein Jahrzehnt nach ihrer schrecklichen Niederlage in einem weltgeschichtlichen Krieg vor ihren Fernsehern saßen und dieselben Krimiserien sahen, die einen kleinen Jungen in einem grünen Vorort von New York so faszinierten.

Highway Patrol ist ein kleines Beispiel für eine weitere Dimension des Nachkriegsprojekts in Deutschland: Sie war ein früher Fall dessen, was wir heute als Soft Power bezeichnen. Die Bedeutung dieses amerikanischen Einflusses im Nachkriegsdeutschland und seine Folgen bis heute können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Während die Besatzungsbehörden durch Informations- und Propagandamaßnahmen kontrollierten, was die Deutschen dachten, bestimmten importierte amerikanische Kulturprodukte – Filme, Musik, Essen, soziale Normen usw. – ihr Denken: wie sie über die Welt und über sich selbst dachten.

Die Macht der Soft Power, wenn ich das etwas umständlich ausdrücken darf, war zu dieser Zeit in Japan besonders deutlich zu spüren, da die Besatzung einer Konfrontation zwischen zwei unterschiedlichen Zivilisationen gleichkam. Von den Amerikanern lernten die Japaner Billard, Gesellschaftstanz, Big-Band-Jazz, Walt-Disney-Filme, wie man Martinis mixt und wie man sich mit der Nonchalance der Amerikaner gibt. In Deutschland war es genauso, nur auf eine weniger abrupte Art. Die Nachkriegsdeutschen entdeckten Blue Jeans, Hamburger, Bill Haley and His Comets, John Wayne, wie man Coca-Cola trinkt und sonst noch alles Mögliche.

Wenn ich das Wesentliche des Nachkriegsprojekts in Deutschland zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass sein bleibendes Ergebnis ein neu geschaffenes Bewusstsein war. Wie ein deutschsprachiger Schweizer Freund neulich sagte: „Die Deutschen haben mehr als alle anderen Europäer und vor allen anderen gelernt, die Sprache des Siegers zu sprechen.“ Das bringt mich zu einem fatalen Fehler, der einer kurzen Erklärung bedarf.

Um einen Schritt zurückzugehen: Zu den vorherrschenden Dogmen der Jahrzehnte des Kalten Krieges gehörte in der Wissenschaft die sogenannte „Modernisierungstheorie“. Diese Theorie besagte, dass Modernisierung gleichbedeutend mit Verwestlichung sei. Angeblich lief beides auf dasselbe hinaus. Alle nun unabhängigen Nationen im sogenannten Globalen Süden mussten, wenn sie modern werden wollten, dem Beispiel des Westens folgen. Angesichts der unzähligen, durchweg destruktiven Folgen halte ich dies für einen der schlimmsten Fehler der letzten acht Jahrzehnte. Erst jetzt lernen die nicht-westlichen Nationen, dass echte Modernisierung damit beginnt, zu sich selbst zu finden.

Deutschland beging nach seiner Niederlage 1945 einen ähnlichen Fehler. Um die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und die Grausamkeiten, die zum Zweiten Weltkrieg führten, hinter sich zu lassen, musste das Land endlich modern werden. Das bedeutete Demokratisierung. Und Demokratisierung bedeutete Amerikanisierung.

Man kann darauf zählen, dass die Amerikaner der Welt diesen schädlichen Irrglauben aufzwingen: Das tun sie meiner Meinung nach seit den Wilsonianern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ich möchte den Fall nicht vereinfachen, aber das ist zumindest grob umrissen die Falle, in die Nachkriegsdeutschland getappt ist.

Screenshot: NWZ, erstellt am 2.7.2025 – 11:57:59, https://www.nwzonline.de/kultur/new-york-los-angeles-us-einfluss-die-kultur-supermacht_a_32,0,2339650730.html#

Wie verschiedene deutsche Freunde in den letzten Monaten im Gespräch angemerkt haben, ist der Versuch, das Bewusstsein einer Nation zu verändern, jenseits der impliziten Hybris ein äußerst schwieriges Unterfangen. Es bedeutet, an der Identität eines Volkes herumzuschrauben, an seinem grundlegendsten Verständnis davon, wer es ist. Die Gefahr einer solchen kollektiven psychologischen Entwurzelung – insbesondere bei Menschen, die aufgrund ihres Verhaltens in der Vorkriegs- und Kriegszeit mit Schuld belastet sind – liegt für mich auf der Hand. Sowohl im Falle Deutschlands als auch Japans scheinen mir die Umstände der Nachkriegswelt das Ergebnis bestimmt zu haben. Der Übergang von der Niederlage zu den Imperativen der Ideologie des Siegers im Kalten Krieg musste zwangsläufig auf beiden Seiten des Atlantiks zu dem führen, was ich seit langem als Kultur der Unterwerfung bezeichne.

Als 1949 der Eiserne Vorhang Deutschland teilte und die Amerikaner den Wiederaufbau des Landes leiteten, war dies meiner Meinung nach eine Art Verstümmelung – auf den Landkarten, aber auch in den Köpfen der Menschen. Und weder Deutschland noch seine Bevölkerung haben sich meiner Meinung nach von diesem Umbruch erholt. Das ist für jeden offensichtlich, der aufmerksam durch das Land reist. Deutschland war in den letzten 75 Jahren nicht es selbst; die Deutschen sind psychologisch gesehen in einem gewissen Maße von sich selbst getrennt, losgelöst. Das ist ein seltsamer Zustand für ein Volk, das mir immer als charakterstark erschienen ist.

Mir fällt etwas ein, das Oscar Wilde vor langer Zeit beobachtete – seltsamerweise, aber doch nicht so seltsam, wie es zunächst scheint. „Die meisten Menschen sind andere Menschen“, schrieb Wilde in De Profundis, dem berühmten Traktat, das er während seiner Haft im Gefängnis von Reading verfasste. Wilde hatte, gelinde gesagt, ganz andere Dinge im Kopf, aber dieses bemerkenswerte Pensée scheint mir perfekt zu passen, wenn wir an die Nachkriegsdeutschen denken. „Ihre Gedanken sind die Meinungen anderer“, heißt es weiter in diesem Abschnitt, „ihr Leben ist eine Nachahmung, ihre Leidenschaften sind Zitate.“

Ich denke an diese Passage, wenn ich an Olaf Scholz zurückdenke, wie er vor drei Jahren stumm dastand, während der amerikanische Präsident der Welt verkündete, dass er Scholz gleichsam missbrauchen und demütigen werde, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Wer war Scholz in jenen Momenten? Es ist seltsam, dass die treffendste Antwort darauf wohl „Niemand“ lautet. Dort auf dem Podium, nominell gleichberechtigt, aber offensichtlich alles andere als das, war Scholz die Verkörperung der Nachkriegs-Unterwerfungskultur. Er erinnerte mich an alle japanischen Premierminister, die seit dem Ende der Besatzungszeit 1952 zu Staatsbesuchen nach Washington gekommen sind: Wie Scholz sind sie alle gekommen, um sich zu unterwerfen, und haben ihr wahres Ich zu Hause gelassen.

Zu den wenigen Lichtblicken, die man heute in Deutschland erkennen kann – hier in Berlin, aber noch deutlicher, würde ich sagen, in den Dörfern und Städten östlich von hier, in der ehemaligen DDR –, gehört die schwache, aber erkennbare Aussicht, dass Deutschland und seine Bevölkerung mit der Zeit wieder zu sich selbst finden könnten. „Wir suchen alle nach unserem Land“, sagte der Journalist und Dokumentarfilmer Dirk Pohlmann, als wir letzten Herbst unseren gemeinsamen Vormittag in Potsdam ausklingen ließen. Es schien, als wolle er mir vor allem das vermitteln.

Dieser Text wurde zuerst am 26.04.2025 auf www.scheerpost.com unter der URL <https://scheerpost.com/2025/04/26/patrick-lawrence-germany-in-crisis-part-3-a-culture-of-submission/> veröffentlicht. Lizenz: Patrick Lawrence, Scheerpost, CC BY-NC-ND 4.0

Autor: Patrick Lawrence

Patrick Lawrence, langjähriger Auslandskorrespondent, vor allem für die International Herald Tribune, ist Kolumnist, Essayist, Autor und Dozent. Sein jüngstes Buch ist „Time No Longer: Americans After the American Century“. Sein Twitter-Konto, @thefloutist, wurde dauerhaft zensiert. Seine Website lautet http://patricklawrence.us/.

Quellen:


[1] YouTube, C-SPAN „President Biden on Nord Stream 2 Pipeline if Russia Invades Ukraine: „We will bring an end to it.““, am 7.2.2022: <https://www.youtube.com/watch?v=OS4O8rGRLf8>