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Ein Krieg, den keiner gewinnen kann – und keiner beenden will
Wie Waffenlieferungen, geopolitisches Kalkül und politische Feigheit den Ukrainekrieg endlos verlängern
Es ist das Jahr 2025, und der Krieg in der Ukraine dauert an. Er tobt nicht mehr mit der Wucht der Anfangstage, aber er ist tödlicher denn je. Städte wie Charkiw und Krywyj Rih sind regelmäßig Ziel russischer Raketen, während die ukrainische Armee unter wachsendem Druck steht, Geländegewinne zu erzwingen, die ihr kaum noch möglich sind. Was einst als Verteidigungskrieg gegen eine Invasion begann, ist längst zu einem Stellvertreterkrieg verkommen, in dem weder Russland noch der Westen ernsthaft an einem schnellen Ende interessiert scheinen und in dem täglich gestorben wird, während die politischen Entscheider auf allen Seiten längst in einem anderen Spiel sind: dem der Strategie, des Machterhalts, des Geldes.
Dabei hätte dieser Krieg wohl schon im Frühjahr 2022 beendet werden können. Russische und ukrainische Vertreter saßen damals in Istanbul am Verhandlungstisch, und selbst ein Grundsatzpapier mit gegenseitigen Zugeständnissen soll bereits vorgelegen haben. Doch dann, so berichten es unter anderem der damalige israelische Premier Bennett und auch Insider aus der ukrainischen Verhandlungsdelegation, kam der Anruf aus London und Washington: Keine Einigung, keine Neutralität, kein Ende. Der britische Premier Boris Johnson habe Selenskyj gedrängt, die Gespräche abzubrechen. Ob auf Druck der USA oder aus Eigeninteresse, das Ergebnis war dasselbe: Die Waffen sprachen weiter.
Heute, mehr als drei Jahre später, ist aus dem Krieg eine Industrie geworden. Die Ukraine bekommt Waffen, bezahlt mit westlichem Geld. Die USA liefern, aber neuerdings nicht mehr direkt, sondern über europäische NATO-Staaten, die kaufen, was Trump ihnen erlaubt. Europa zahlt, Amerika verdient. Und Trump, der lautstark ein 50 -Tage -Ultimatum gegen Putin ausspricht, bleibt wirtschaftlich auffällig flexibel: Seine Patriot-Systeme gehen an die Ukraine, aber finanziert von Deutschen, Franzosen, Polen. Der Präsident spielt den entschlossenen Führer und profitiert doch gleichzeitig von einem Krieg, den er offenkundig nicht für entscheidbar hält.
Trump & das Waffenbusiness
Seit seinem Wiedereinzug ins Weiße Haus am 20. Januar 2025 hat US-Präsident Trump eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen. Er drohte Wladimir Putin ein 50-Tage-Ultimatum an, verhängte 100 % Strafzölle auf russische Energieprodukte und genehmigte gleichzeitig umfangreiche Waffenlieferungen an die Ukraine, allerdings über den Umweg europäischer NATO-Staaten. Diese kaufen US-Systeme wie „Patriot“ oder „HIMARS“ in Milliardenhöhe, um sie dann weiterzugeben. Das Motto: Europa zahlt, Amerika liefert.
„Trump hat begriffen, dass sich politische Standhaftigkeit am besten verkauft, wenn sie von anderen bezahlt wird“, schreibt die Washington Post. Tatsächlich lässt sich der Deal aus US-Sicht gut an: Die Rüstungsindustrie macht satte Gewinne, Europa fühlt sich moralisch auf der sicheren Seite, und Trump kann sich als „Mann der Ordnung“ inszenieren, ohne amerikanisches Steuergeld zu riskieren.
Die Kritik lässt nicht auf sich warten. „Trump ist peeved by Putin and will make money from his irritation“,schrieb der Independent und meinte damit den doppeldeutigen Kurs: harte Worte gegen Moskau, aber keine strategische Abkehr. Es ist ein Spiel auf Zeit. Und auf Gewinn.
Europa als verlängerter Arm – und Zahlmeister
Europa spielt in diesem Konflikt längst keine unabhängige Rolle mehr. Was als Unterstützung für ein überfallenes Land begann, ist in ein systematisches Hochrüsten übergegangen, angeführt von einer Kommandostruktur, die längst aus Washington bestimmt wird. Die EU-Staaten, allen voran Deutschland, Frankreich, Polen und das Baltikum, finanzieren inzwischen Waffenpakete, deren Ursprung in den USA liegt, deren Kontrolle in Brüssel verhandelt wird und deren Einsatzgebiet sich Tag für Tag erweitert.
Aktuell verhandelt die Bundesregierung unter Boris Pistorius über neue US-Luftabwehrsysteme, eine Beschaffung, die über zehn Milliarden Euro kosten könnte. Europa zahlt, Amerika verdient. Und der Krieg verlängert sich.
Währenddessen nimmt die Militarisierung europäischer Gesellschaften zu. Wehrpflichtdebatten, Verteidigungsfonds, Sonderschulden und NATO-Bekenntnisse bestimmen den politischen Alltag. Eine kritische Debatte darüber findet kaum statt. Wer sie dennoch anfängt, wird als „naiv“, „für Moskau sprechend“ oder „realitätsfern“ diskreditiert. Frieden ist kein Argument mehr.
Warum weder Selenskyj noch Putin den Krieg beenden können
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist gefangen in der eigenen Rhetorik. Er kann keinen Frieden anbieten, ohne westliche Unterstützung zu verlieren und mit ihr die militärische Kontrolle. Ein Kompromiss wäre politischer Selbstmord. Gleichzeitig ist seine Regierung darauf angewiesen, dass der Krieg als „noch gewinnbar“ gilt. Sobald das nicht mehr geglaubt wird, fällt die Legitimationsgrundlage.
Auf der anderen Seite steht ein russischer Präsident, der sich jeden Rückzug verbietet. Putin hat den Krieg begonnen, die Eskalation betrieben und die Opposition im Inland ausgeschaltet. Gibt er nach, verliert er das Gesicht. Das System Putin beruht auf dem Narrativ von Kontrolle, Sieg und Durchhaltefähigkeit. Friedensgespräche ohne klare Oberhand können da nur als Kapitulation gelesen werden.
So kämpfen beide Seiten weiter. Nicht aus Hoffnung, sondern aus Zwang. Nicht, um zu siegen, sondern weil der Stillstand ihnen gefährlicher erscheint als der Tod tausender Soldaten. Und der Westen? Liefert weiter Waffen. Spricht von Verteidigung. Und verdient.
Finale ohne Sieger – und was jetzt getan werden müsste
Dieser Krieg ist nicht mehr zu gewinnen. Nicht für Russland, nicht für die Ukraine und schon gar nicht für Europa. Was bleibt, ist eine zerstörte Region, ein entvölkerter Staat, ein militarisiertes Denken auf beiden Seiten des Kontinents und eine geopolitische Lage, in der keine Seite bereit ist, dem ersten Schritt zur Deeskalation zu gehen. Jede neue Waffenlieferung, ganz gleich, ob sie aus Washington, Warschau oder Berlin kommt, ist ein Zeichen: Wir setzen auf Eskalation, nicht auf Lösung. Wir zahlen Milliarden, um das Sterben zu verlängern.
Die großen Akteure, Washington, Moskau, Brüssel, agieren nach innenpolitischer Logik, nicht nach humanitärer Vernunft. Trump sichert sich Rüstungsprofite und innenpolitische Schlagzeilen. Putin will keinen Gesichtsverlust, auch wenn er dafür Tausende opfern lässt. Selenskyj kann nicht zurück, die westliche Unterstützung hängt an seinem Durchhalteversprechen. Und Europa? Europa kauft Waffen und nennt das „Verantwortung“.
Dabei müsste es jetzt endlich heißen: Stopp. Waffenstillstand. Diplomatie. Transparenz. Verantwortung übernehmen. Nicht aus Naivität, nicht aus Schwäche, sondern aus der Erkenntnis, dass dieser Krieg kein militärisches Ende mehr kennt. Jeder neue Raketenangriff, jedes neue Munitionspaket, jedes neue Milliardenbudget ist nur ein weiterer Schritt in Richtung eines finalen Kollapses, den niemand kontrollieren kann. Ein Eskalationspunkt, an dem möglicherweise auch Atommächte nicht mehr zurückrudern können.
Wer heute noch glaubt, dass dieser Konflikt „gewonnen“ werden kann, irrt, oder verdient. Und wer schweigt, macht sich mitschuldig. Es ist höchste Zeit, dass Europa aufhört, sich als Erfüllungsgehilfe geopolitischer Strategien zu degradieren. Es ist Zeit, dass Bürger, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler aufstehen und sagen: Nicht in unserem Namen.
Denn wenn es eines gibt, dass dieser Krieg gelehrt hat, dann das:
Kriege enden nicht, wenn die Schlacht gewonnen ist, sie enden, wenn der politische Wille zum Frieden größer ist als der wirtschaftliche Vorteil der Gewalt.
Lizenz: Günther Burbach, Free21, CC BY-NC-ND 4.0
Quellen:
1. The Guardian (16.07.2025): „Trump isn’t a reliable ally – but Nato dollars can be more persuasive than Putin’s propaganda“, <https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/jul/16/donald-trump-ukraine-russia-nato-valdimir-putin>
2. Politico (14.07.2025): „We’re not buying it: Trump ties Ukraine aid to America First“, <https://www.politico.com/news/2025/07/14/trumps-ukraine-aid-fits-america-first-00452809>
3. The Independent (15.07.2025): „Trump is peeved by Putin – but won’t abandon profits“, <https://www.independent.co.uk/news/world/europe/trump-putin-russia-ukraine-nato-weapons-b2788793.html>
4. Al Jazeera (16.07.2025): „Could Trump’s tariff threats force Putin into Ukraine peace deal?“, <https://www.aljazeera.com/news/2025/7/16/could-trumps-tariff-threats-force-putin-into-ukraine-peace-deal>
5. AP News (15.07.2025): „Ukrainians welcome US aid but see Trump’s 50-day ultimatum to Putin as too long“, <https://apnews.com/article/9b620082c8fe3c457b23b0fe01241da2>


