Symbolbild, CC0

Von Patrick Lawrence | veröffentlicht am 11. Juni 2025, Kategorie: Gesellschaft & Geschichte, Innenpolitik

Eine kurze Geschichte explodierender Gaspipelines

Deutschland in der Krise, Teil 2/4

Dies ist der zweite von vier Berichten über die verschiedenen Krisen in Deutschland, ihre Geschichte und darüber, wie die Deutschen – abgesehen von den neoliberalen Eliten, die derzeit an der Macht sind – über ihren Weg in die Zukunft denken.

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Teil 1: <https://free21.org/deutschland-in-der-krise-teil-1-4-der-verlorene-mann-europas/>

POTSDAM – Wenn ich an Deutschland denke, kommt mir immer ein einziger kurzer Satz in den Sinn. Ganz gleich, um welches Thema es gerade geht – früher oder später wandern meine Gedanken zu drei Worten, die meiner Meinung nach – und angesichts ihrer langen Lebensdauer im Sprachgebrauch wohl auch nach Meinung vieler anderer – etwas Wesentliches über dieses Land und seinen Platz in der Welt aussagen.

„Deutschland ist Hamlet.“ Lange Zeit schrieb ich diese prägnante Beobachtung Gordon Craig zu, einem der großen deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts. Craig (Deutschland, 1866-1945; Die Deutschen) war bekannt für solche prägnanten Beobachtungen. Er sah Deutschland als eine Nation, die in ihrer Geschichte gespalten war zwischen ihren humanistischen Errungenschaften (Goethe et al., Kant et al., Thomas Mann et al.) und ihrer bedauerlichen Neigung zu verschiedenen Formen absoluter Macht.

Mit der Zeit entdeckte ich, dass der wahre Autor dieses exquisiten Bonmots Ferdinand Freiligrath (1810-1876) war, ein Dichter und politischer Radikaler, der sich und sein Werk der Demokratiebewegung verschrieben hatte, die zur (gescheiterten) Revolution von 1848 führte. Freiligrath verglich Deutschland 1844 mit Shakespeares berühmtem gespaltenen Charakter – aus Frustration über einen heimischen Konservatismus, der Deutschland von dem großen Wandel abhielt, den er als dringende Notwendigkeit seiner Zeit betrachtete.

Ich kann nicht erkennen, dass Freiligraths Aussage diejenige von Craig mehr als ein Jahrhundert später ausschließt. Und ich glaube auch nicht, dass die Charakterisierung Deutschlands als … wie soll ich sagen … zutiefst ambivalente Nation die Bedeutung widerlegt, die diese Ansicht in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts fast zwangsläufig erlangt hat.

Die Geografie bestimmt das Schicksal Deutschlands, wie auch in vielen anderen Ländern. Es ist nach Westen zur atlantischen Welt, aber auch nach Osten zum eurasischen Kontinent ausgerichtet. Diese Ambivalenz hat die Geschichte seiner Beziehungen in beide Richtungen geprägt. Otto von Bismarck pflegte während seiner Amtszeit als Reichskanzler von 1871 bis 1890 gute Beziehungen zu Russland. Damals wurde Deutschland zum ersten Mal ein einheitlicher Staat, und der berühmte Fürst zeigte der Welt, was Realpolitik bedeutet. Dann kamen die beiden Weltkriege und die katastrophalen militärischen Feldzüge Deutschlands sowohl im Osten als auch im Westen.

In der Nachkriegszeit lässt sich diese Ambivalenz – dieser Zustand des „Dazwischenseins“ – am besten nicht als Bürde Deutschlands verstehen, sondern als sein großes Geschenk. Und mit diesem Geschenk hätte es uns allen ein weiteres machen können – das Geschenk einer Brücke zwischen Ost und West.

Wie anders sähe unsere Welt aus, wenn man Deutschland nach 1945 seinem Schicksal überlassen hätte und es, indem es ganz es selbst war, der Welt das geboten hätte, was es allein zu geben hatte.

Vor diesem Hintergrund sollten wir die Entstehung der Nachkriegsordnung in Deutschland und die aktuelle Lage der Bundesrepublik verstehen. Die Deutschen waren nicht für den Kalten Krieg und seine Ost-West-Gegensätze geschaffen, die so destruktiv für die bemerkenswerte Freisetzung der menschlichen Bestrebungen nach den Siegen von 1945 waren. Das besiegte Deutschland gehörte zu den zentralen abhängigen Staaten Washingtons, als es sich gegen Moskau wandte, seinen noch kurz zuvor Verbündeten, und sich anschickte, die globale Vorherrschaft Amerikas zu sichern. Dies hat Deutschland und den Deutschen sehr geschadet.

Das Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit, das Deutschland Konrad Adenauers, war ein Wiederaufbauprojekt. Für den ersten Bundeskanzler der neuen Bundesrepublik zählte die Wiederherstellung der deutschen Wirtschaft zu seinen obersten Prioritäten. Deutschland unter Adenauer – einem Antikommunisten, Europäer und frühen Befürworter der NATO – war ein braver Verbündeter der USA. Doch Anfang der 1960er Jahre, in den Kennedy-Jahren, kam in Washington erneut Besorgnis über den Platz Westdeutschlands in der Ordnung des Kalten Krieges auf. Und die Richtung, die Deutschland einschlug, würde wahrscheinlich auch der Rest des Kontinents einschlagen – so die damalige Denkweise.

Diese Angst war nicht unbegründet. Ein Jahrzehnt nach der Teilung Deutschlands durch den Eisernen Vorhang, im Jahr 1949, begann die Bundesrepublik dank ihres Wirtschaftswunders zu prosperieren (das ebenso wenig ein Wunder war wie das japanische „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit). Die Deutschen begannen, ihren Blick nach außen zu richten. Mit der Zeit wandten sie ihren Blick nach Osten, in Richtung Sowjetunion: ein Land mit produzierenden Unternehmen und einer Rohstoffwirtschaft in der Nachbarschaft. Europa blickte in die gleiche Richtung. Genau das begann den Polit-Cliquen in Washington Sorgen zu bereiten. Zu diesem Zeitpunkt war es für diese Leute selbstverständlich, dass die nationalen Sicherheitsinteressen Amerikas und die globale Energieversorgung mehr oder weniger untrennbar miteinander verbunden waren. Der Fall Enrico Mattei kann als Maßstab für die Besorgnis Amerikas genommen werden.

Mattei war ein hochrangiger Beamter in Rom, der nach der Niederlage von 1945 die Erdölbestände des faschistischen Regimes in der Ente Nazionale Idrocarburi, die allgemein als ENI bekannte Ölgesellschaft, neu organisierte. Mattei hatte große Ambitionen für die ENI. Und nach den vielen Vereinbarungen zu urteilen, die er aushandelte, scheint er eine interessante Politik verfolgt zu haben. Unter anderem sahen die Verträge der ENI vor, dass drei Viertel der Gewinne an die Länder gingen, denen die Reserven gehörten – ein damals beispielloser Prozentsatz. 1960 schloss Mattei ein großes, sehr bedeutendes Ölabkommen mit der Sowjetunion ab – auch hier zu Bedingungen, die weit über die für westliche Ölgesellschaften üblichen ausbeuterischen Verträge hinausgingen.

Mattei wusste genau, dass dies ein gewagter Schritt war. Er erklärte damals, dass er das Erdölmonopol, das die USA seit langem über die berühmten „Seven Sisters“ („Seven Sisters“, zu deutsch: „Sieben Schwestern“ ist die Bezeichnung für sieben Ölkonzerne, die von den 1950er-1970er Jahren den Ölmarkt beherrschten, Anm. d. Red.) innehatten, gebrochen habe oder dass er zumindest dazu beigetragen habe, es zu brechen. Der Nationale Sicherheitsrat unter Eisenhower hatte Mattei seit Ende der 1950er Jahre als Gegner der amerikanischen Interessen attackiert. Das sowjetische Abkommen scheint ihnen einen besonders schweren Schlag versetzt zu haben. Zwei Jahre nach der Unterzeichnung kam Mattei ums Leben, als sein Flugzeug auf dem Weg von Sizilien nach Mailand abstürzte.

Die Überreste des zweimotorigen Flugzeugs, in dem Enrico Mattei unterwegs war und das bei Bascapè abstürzte, 28.10.1962. (Foto: Unbekannt, L’Espresso, Wikimedia Commons, CC0)

Darauf folgten zahlreiche Untersuchungen, über Jahrzehnte. 1997 berichtete die Turiner Tageszeitung La Stampa, dass die Justizbehörden in Rom zu dem Schluss gekommen seien, dass eine an Bord platzierte Bombe Matteis Flugzeug in der Luft zur Explosion gebracht habe [1].

Obwohl der Fall Mattei offiziell ungeklärt bleibt, gibt es mittlerweile eine Fülle an Beweisen dafür, dass er Opfer eines Attentats der CIA war, das in ihrer durchaus bekannten Zusammenarbeit mit der Mafia und möglicherweise mit Duldung des französischen Geheimdienstes durchgeführt wurde. „Das ist unter Europäern allgemein bekannt“, sagte mir kürzlich ein deutscher Freund.

„Wir wissen, was mit Mattei passiert ist, so wie ihr Amerikaner wisst, was mit Kennedy passiert ist.“

Ohne uns, wie es unsere Pflicht ist, auf absolute Gewissheiten festlegen zu wollen, können wir die Mattei-Affäre als Maßstab dafür betrachten, wie sensibel die Energie Verbindungen zwischen Europa und der Sowjetunion in der Mitte des Kalten Krieges waren. Der transatlantische Konfliktpunkt war von Anfang an klar: Die Europäer betrachteten Verträge mit der Sowjetunion einfach als Geschäft – als solide, logische Wirtschaftspolitik; für die Amerikaner waren sie Instrumente mit gefährlichen geopolitischen Konsequenzen. Und genau in dieser Frage standen sich die Deutschen und die Amerikaner über viele Jahrzehnte hinweg immer wieder im Widerspruch zueinander.

Die Sowjetunion und das postsowjetische Russland waren bis vor kurzem sicherlich ein wichtiger Markt für deutsche Produkte und Dienstleistungen. Russlands Importe von deutschen Industriegütern – darunter eine breite Palette von Produkten – sorgten viele Jahre lang für eine positive Handelsbilanz zugunsten Deutschlands. Aber das Wichtigste für die Deutschen lief in die andere Richtung, wie die Handelsbilanz schließlich zeigte. Russland brauchte deutsche Industriegüter, weil es industriell schwach war und Deutschland brauchte dringend russische Rohstoffe, weil es selbst nicht über üppige Rohstoffe verfügte.

Große Mengen billiger Energie aus Russland – Öl und Erdgas – sowie Exporte hochwertiger, technisch ausgereifter Industriegüter auf den Weltmärkten: Die Deutschen bezeichnen dies oft als das Wirtschaftsmodell, das den Erfolg ihres Landes über so viele Jahre hinweg geprägt hat – wehmütig muss ich hinzufügen, denn als ich vor einigen Monaten durch Deutschland reiste, lag dieses Modell in Trümmern.

Und damit kommen wir zur Infrastruktur der Interdependenz, wie wir es auch nennen könnten. Wir kommen zum Thema Gaspipelines.

Dies ist eine Geschichte, die sich von den 1980er Jahren bis zum 26. September 2022 erstreckt, als die Biden-Regierung am helllichten Tag die gerade fertiggestellte Erdgas-Pipeline zerstörte, die unter der Ostsee zwischen russischen und deutschen Häfen verlief. Die Explosionen von Nord Stream I und II haben eine lange Geschichte. Wäre ich Ermittler oder Anwalt in diesem Fall, würde diese Geschichte einen wichtigen Platz in meinen Akten einnehmen. Betrachten wir sie kurz.

Anfang 1982 begannen staatliche russische Unternehmen mit den Arbeiten an der Transsibirischen Pipeline, einem der Großprojekte der späten Sowjetzeit. Es handelte sich um eine knapp 6000 Kilometer lange Pipeline – eigentlich ein Netz von Pipelines –, die Erdgas über verschiedene Routen von Sibirien bis zu den europäischen Märkten transportieren sollte. Die Transsibirische Pipeline war nicht die erste Pipeline, die diesem Zweck diente, aber als ehrgeizigstes Projekt trug sie wesentlich zur Festigung der sowjetisch-europäischen Beziehungen bei.

Die europäischen Mächte hatten natürlich ein vitales Interesse an diesem Vorhaben, aber dies lag nur zum Teil an der bevorstehenden Verfügbarkeit kostengünstiger Energiequellen. Die Sowjets hatten mit Dutzenden europäischen Unternehmen Verträge über die Lieferung von Komponenten und Ausrüstung für den Bau und Betrieb der Pipeline unterzeichnet. Diese Verträge hatten einen Wert von rund 15 Milliarden Dollar, was heute knapp 50 Milliarden Dollar entspricht. Es gab weitere Vereinbarungen über die Finanzierung und den sogenannten Technologietransfer.

Gehen wir kurz zurück ins Jahr 1982. Europa befand sich in einer schweren Rezession. Erinnern Sie sich an „Stagflation“, schleppendes Wachstum und hohe Inflation? Westeuropa befand sich in einer kritischen Lage. Die Arbeitslosigkeit in den großen europäischen Ländern – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien – lag bei fast 9 %. Die Europäer brauchten Arbeitsplätze, ihre Unternehmen profitable Aufträge. Verträge mit der Sowjetunion für Stahlrohre, Turbinen und andere Ausrüstungsgüter – und die Sowjets hielten ihre Verträge ein, wie die Europäer wussten – sollten Europa aus der Krise helfen; billige Energie würde dann den Aufschwung vorantreiben.

Präsident Reagan, ein beinharter kalter Krieger, sprach im Frühjahr 1982 nur noch vom „Reich des Bösen“. Im Dezember des Vorjahres – weniger als ein Jahr nach seinem Amtsantritt – hatte Reagan amerikanischen Unternehmen die Lieferung von Pipeline-Ausrüstungen an die Sowjets untersagt. Sechs Monate später, nachdem die Sowjets mit dem Bau begonnen hatten, weitete er dieses Verbot auf alle westlichen Hersteller von Stahlrohren aus, die mit einer Lizenz eines US-Unternehmens arbeiteten.

Hören Sie darin auch ein Echo der Geschichte, so wie ich? Sanktionen über Sanktionen, damals wie heute.

In dieser angespannten Zeit gab es einen Zeitpunkt, in dem es zu einem privaten Treffen Helmut Schmidts mit Ronald Reagan in Bonn kam. Der amerikanische Präsident, der bereits verärgert war über das, was er als Verachtung des deutschen Bundeskanzlers empfand, hielt Schmidt – einem Sozialdemokraten und Mann der Ostpolitik – eine Standpauke, wie man sie von einem nicht besonders klugen Mann erwarten würde, der zu manichäischen (undifferenziertes Schwarz-Weiß-Denken, Anm. d. Red.) Vereinfachungen neigt. Das muss aufhören, befahl Reagan Schmidt in aller Deutlichkeit. Sie werden das BIP der Russen erhöhen, und dann können sie mehr Waffen bauen. Sie helfen den Sowjets, während wir versuchen, sie zu vernichten.

Treffen zwischen Präsident Ronald Reagan und Helmut Schmidt im Oval Office während des Staatsbesuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt, Westdeutschland, 21.5.1981. (Foto: White House, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Schmidt sagte nichts, als Reagan sprach. Stattdessen zog er sich zu einem Fenster zurück und blickte hinaus. Er kam zum Schluss, dass er den amerikanischen Kalten Krieger besänftigen würde, indem er den USA erlaubte, Pershing-II-Raketen (mobile ballistische Mittelstreckenraketen) auf deutschem Boden zu stationieren. Die ersten Pershing-II-Raketen wurden Ende 1983 in Deutschland aufgestellt; die vollständige Stationierung war zwei Jahre später abgeschlossen.

Ich habe diese Geschichte von Dirk Pohlmann, einem bekannten Journalisten, Autor, Dokumentarfilmer und engagierten Forscher der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er erzählte mir davon und von ähnlichen historischen Ereignissen während eines langen Vormittags, den wir in meinem Hotel in Potsdam verbrachten, und später in verschiedenen Telefonaten und E-Mails. Und wie Pohlmann mir erzählte, steckte hinter dem Widerstand der Reagan-Regierung gegen das Projekt „Sibirien nach Europa“ viel mehr als nur informelle Treffen mit europäischen Staats- und Regierungschefs. Es gab Bemühungen, die für die Öffentlichkeit nicht sichtbar waren. Reagans Leute übten beispielsweise enormen Druck auf deutsche Banken – die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Commerzbank – aus, den Sowjets die Finanzmittel zu verweigern, zu denen sie sich verpflichtet hatten.

Reagan gab schließlich nach, wenn auch unter lautstarker Kritik. Ende 1982 hob er die beiden Sanktionsstufen auf – offenbar in der Erkenntnis, dass er sie angesichts des konzertierten und mittlerweile peinlichen Drucks aus Europa einfach nicht durchsetzen konnte. Margaret Thatcher, die britische Premierministerin und bereits eine Art Seelenverwandte Reagans, hatte erheblichen Einfluss auf diese Kehrtwende. Außerdem bestand die Gefahr einer transatlantischen Spaltung, gerade als Reagan alle auf seiner Seite haben wollte, um gegen das „Reich des Bösen“ vorzugehen. Im November 1982 einigten sich die NATO-Mitglieder informell über das Schicksal der Pipeline, und die ersten Gaslieferungen aus dieser Pipeline trafen am Neujahrstag 1984 in Frankreich ein.

Die Transsibirische Pipeline war übrigens bis Ende letzten Jahres in Betrieb – bis Kiew sich weigerte, die Transitverträge für die Leitung zu verlängern, über die Gas auf dem Weg zu den europäischen Märkten durch die Ukraine transportiert wurde.

Es gibt noch einen Zusatz zu dieser Geschichte, der nicht unerwähnt bleiben darf. Zur Zeit der Transsibirien-Affäre führte die Central Intelligence Agency ein geheimes Sabotageprogramm durch, in dessen Rahmen sie amerikanische Unternehmen dazu veranlasste, den Sowjets Lieferungen fehlerhafter Computerchips zu liefern. Diese waren so konstruiert, dass sie nur für kurze Zeit funktionierten und dann ausfielen. Eine beträchtliche Menge davon traf irgendwann im Jahr 1982 ein – als die Sanktionen von Reagan in Kraft waren und der Bau der transsibirischen Pipeline bereits weit fortgeschritten war.

Das Ergebnis scheint den Erwartungen der Agentur entsprochen zu haben: Die an den Pumpstationen der Pipeline installierten Turbinen explodierten offenbar fast zeitgleich. Pohlmann sagte mir, dass dies einer Detonation von drei Kilotonnen entspreche – eine Explosion, die groß genug war, um von Satelliten erfasst zu werden.

Aufzeichnungen über die Sabotageaktion der CIA gegen das Transsibirien-Projekt gibt es praktisch keine. Pohlmann, ein genauer Kenner dieser Angelegenheit, sagte mir, dass Hinweise darauf „fast vollständig aus dem Internet gelöscht“ worden seien, und meine Recherchen für diesen Bericht bestätigen dies. Einige der an der Operation Beteiligten haben jedoch zeitgleich Zeugenaussagen gemacht. Einer davon war Thomas Reed, der damals hochrangiges Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats unter Reagan war. Sein Bericht wurde 2004 unter dem Titel „At the Abyss: An Insider‘s History of the Cold War“ (Presidio Press) (Am Rande des Abgrunds: Eine Insider Geschichte des Kalten Krieges, Anm. d. Red.) veröffentlicht. Hier ein kurzer Auszug aus dem Buch:

Die Pipeline-Software, die die Pumpen, Turbinen und Ventile steuern sollte, war so programmiert, dass sie verrückt spielte und die Pumpendrehzahlen, Turbinen und Ventileinstellungen zurücksetzte, um Drücke zu erzeugen, die weit über den für die Pipeline-Verbindungen und Schweißnähte zulässigen Werten lagen. Das Ergebnis war die gewaltigste nicht-nukleare Explosion und der größte Brand, die jemals aus dem Weltraum beobachtet wurden.

Screenshot: Amazon, erstellt am 28.5.2025 – 15:46:00, <https://www.amazon.de/At-Abyss-Insiders-History-Cold/dp/0891418377>

Obwohl es verschiedene Versuche gab, Reeds Darstellung zu diskreditieren – alle vorhersehbar und nicht mehr als wenig überzeugende Verschleierungstaktiken –, scheint mir sein Fall unwiderlegbar zu sein. Als er „At the Abyss“ veröffentlichte, hatte die CIA die Transsibirien-Operation bereits in einer beiläufigen Erwähnung im „The Farewell Dossier“ [2], einer Sammlung von Dokumenten zu anderen Angelegenheiten der Agentur, eingeräumt. Nach Reeds Veröffentlichung reiste der stets fleißige Dirk Pohlmann nach Washington, um Reed und andere zu interviewen, darunter Herb Meyer, der unter William Casey als stellvertretender Vorsitzender des National Intelligence Council der CIA während der Reagan-Jahre tätig war. Pohlmann hat diese Interviews bei unserem Treffen hier und daraufhin ein zweites Mal gesichtet; sie alle bestätigen die Operation von 1982.

Reagans größte Sorge noch vor allen anderen war – und das dürfte bekannt klingen –, dass die Europäer im Zusammenhang mit einer strukturellen, langfristigen Abhängigkeit von russischen Energielieferungen riskierten, verwundbar zu werden. Wie ich hoffe, macht diese kurze Skizze des Vorfalls von 1982 deutlich, dass die Amerikaner bei solchen Äußerungen zynischerweise zwei Silben weglassen. Ihre wahre Angst war damals wie heute nicht die Abhängigkeit, sondern die natürliche Interdependenz zwischen Deutschland (und damit auch dem Rest Europas) und dem großen eurasischen Kontinent, dessen westlichste Flanke es faktisch bildet.

Einige Jahre nach Inbetriebnahme der Sibirischen Pipeline veröffentlichte ein Wissenschaftler namens Patrick DeSouza im „Yale Journal of International Law“ einen Aufsatz mit dem etwas sperrigen Titel „The Soviet Gas Pipeline Incident: Extension of Collective Security Responsibilities to Peacetime Commercial Trade“ (Der Vorfall um die sowjetische Gaspipeline: Ausweitung der kollektiven Sicherheitsverantwortung auf den friedlichen Handel, Anm. d. Red.) [3]. Zu den interessanten Beobachtungen von DeSouza gehört folgende:

Einige Analysten sind zum Schluss gekommen, dass die Versuche der Vereinigten Staaten, durch Handelsbeschränkungen wirtschaftliche Macht auszuüben, in der Nachkriegszeit nur begrenzt erfolgreich waren. Die Bemühungen der Vereinigten Staaten, ihre Verbündeten zu einem gemeinsamen Vorgehen zu bewegen, um politischen Gegnern wirtschaftliche Macht zu verweigern, waren noch weniger erfolgreich. Tatsächlich haben Versuche, die Wirtschaftstätigkeit von Gegnern wie der Sowjetunion einzuschränken, oft hohe Kosten verursacht, darunter entgangene Handelsgewinne, Spannungen innerhalb der Allianz und eine verstärkte Solidarität innerhalb der gegnerischen Allianz …

Die Leser werden wahrscheinlich zustimmen, dass dieser Text einige wahre Aussagen enthält. Ich lese darin die unvermeidliche Spannung in den transatlantischen Beziehungen, die entstand, als Amerika begann, seine nach 1945 erworbene Hegemonialmacht geltend zu machen. Diese Spannung schwankte zwar im Laufe der Zeit, war aber immer vorhanden und ist es heute noch. DeSouzas Essay ist jedoch auch als Zeitdokument zu verstehen: Es enthält Aussagen, die zwar damals zutrafen, heute aber nicht mehr gültig sind. Die Europäer haben sich in den späten Jahren des Kalten Krieges erfolgreich gegen die Auferlegungen des amerikanischen Imperiums gewehrt. Heute würden sie nicht mehr im Traum daran denken, so etwas zu versuchen. Vierzig Jahre liegen zwischen den Ereignissen von 1982 und den Explosionen der Nord Stream-Pipelines. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, und wie sehr sie doch gleich geblieben sind.

Und wie nützlich sich die Geschichte doch oft erweist.

Die Leser werden sich sicherlich noch an den Schock erinnern, als vor drei Jahren im September die Nachricht kam, dass die Nord Stream-Pipelines – sowohl I als auch II – sabotiert worden waren. Aber worin lag, wenn man ein wenig in die Geschichte blickt, der Grund für diesen Schock? So dramatisch die Explosionen von Nord Stream auch erschienen, waren sie nicht mehr als eine recht einfallslose Fortsetzung der transatlantischen Außen- und Sicherheitspolitik Washingtons der letzten Jahrzehnte? Wir können es als den Schock des Altbekannten bezeichnen.

Ebenso schockierend war es für mich, kurz nach Bekanntwerden dieser Nachricht, mir nochmal das Video anzusehen, in dem Präsident Biden mit der für seine gesamte politische Karriere typischen, erstaunlichen Indiskretion erklärte, dass die USA niemals zulassen würden, dass Nord Stream II in Betrieb genommen wird, und dass sie bestens darauf vorbereitet seien, die Pipeline zu zerstören. Das war kurz vor dem Ereignis. Und noch ein Schock: Biden hat diese teuflische Absicht geäußert, während Olaf Scholz, der damalige deutsche Bundeskanzler, wie ein stummer Schuljunge neben ihm stand. Die beiden hatten gerade private Gespräche im Oval Office beendet. Im Nachhinein ist es nicht schwer, sich vorzustellen, was gesagt wurde.

Mit einer fast 30-jährigen Geschichte – von der Planung über den Bau bis hin zum Betrieb und schließlich zur Zerstörung – waren die Nord-Stream-Pipeline mindestens ebenso bedeutend wie das frühere Projekt von Sibirien nach Europa, und ich drücke mich hier vorsichtig aus: Während das transsibirische Netz die russisch-europäischen Beziehungen vorangebracht hat, hätten Nord Stream I und II die wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands und damit auch Europas zu Russland so gefestigt, dass sie nicht mehr ohne Weiteres hätten zerschlagen werden können. Die erste Machbarkeitsstudie für NS I wurde 1997 in Auftrag gegeben. Wie später bei NS II sollte die Route unter der Ostsee von den sibirischen Gasfeldern nach Lubmin führen, einem Hafen an der deutschen Nordküste. Berlin und Moskau unterzeichneten 2005 eine gemeinsame Absichtserklärung; sechs Jahre später ging NS I in Betrieb.

Mit der Planung von NS II – und deutsche Unternehmen waren erneut die wichtigsten europäischen Partner von Gazprom – kam es erneut zu Spannungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. Gazprom und die Europäer unterzeichneten 2015 Verträge. Dies geschah ein Jahr, nachdem Washington den Staatsstreich in der Ukraine vorbereitet hatte, ein Jahr, nachdem Moskau die Krim wieder annektiert hatte, und ein Jahr, nachdem die Obama-Regierung mit der Verhängung von Sanktionen begonnen hatte, die offensichtlich immer weiter ausgeweitet werden. Es war eine direkte Wiederholung der Ereignisse von 1982.

Die Deutschen verstanden Nord Stream – genauso wie die Transsibirische Pipeline – als ein sinn- und wertvolles wirtschaftliches Projekt. Die europäischen Investitionen beliefen sich auf 9,5 Milliarden Euro. NS II würde die Kapazität von Nord Stream I verdoppeln. Zusammen würden die vier Pipelines (je zwei Leitungen, NS I und II) jährlich 110 Milliarden Kubikmeter (1,9 Billionen Kubikfuß) Erdgas nach Deutschland und auf die europäischen Märkte liefern – genug, um nach den mir vorliegenden Schätzungen 40 bis 50 % des Jahresbedarfs Deutschlands und in ähnlichem Umfang den Europas zu decken. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigte die Vorteile des Projekts unnachgiebig, obwohl die Amerikaner Nord Stream II immer schärfer (und drohender) als Fehler mit schwerwiegenden geopolitischen Folgen attackierten.

Merkel war eine überzeugte Atlantikerin, aber sie blieb hartnäckig. Man darf nicht vergessen, dass sie zu diesem Zeitpunkt (nach Fukushima) Deutschland bereits zur Stilllegung aller Kernkraftwerke verpflichtet hatte. Auch die Amerikaner blieben hartnäckig. Während der ersten Amtszeit von Donald Trump versuchten sie mit allen Mitteln, den Fortschritt von NS II zu stoppen, nicht zuletzt durch die üblichen Drohungen mit Sanktionen und Sekundärsanktionen gegen europäische Industriezulieferer und beteiligte Banken. Richard Grenell, Trumps rücksichtsloser Botschafter in Berlin, schickte 2019 sogar Drohbriefe an deutsche Unternehmen, die an der Pipeline beteiligt waren. Ich erinnere mich noch gut daran, wie einige europäische Banken und Industrieunternehmen zu zögern begannen; die Nervosität im Bundestag war deutlich zu spüren.

Es ist Merkel anzurechnen, dass sie nicht nachgab und sich durchzusetzen schien. Der Bau von NS II, der 2018 begonnen hatte, wurde im Sommer 2021 abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt waren Trump und seine Leute jedoch nicht mehr an der Macht, sondern die Biden-Regierung. Dies markierte den Anfang vom Ende des Nord Stream-Projekts – in seiner Gesamtheit.

Direkt nachdem Joe Biden im Januar 2021 sein Amt angetreten hatte, gerieten er und seine Nationalen Sicherheitsberater ins Straucheln. Das war vorhersehbar: Die Außenpolitik der USA während der Biden-Jahre war auf beiden Seiten des Atlantiks ein einziger Reinfall. Im Mai 2021, wenige Monate vor Fertigstellung von NS II, hob Washington alle Sanktionen auf, die Trump gegen die Nord Stream AG, bestehend aus Gazprom und vier europäischen Unternehmen, verhängt hatte.

Dies schien eine erstaunliche Abkehr von dem jahrelangen Druck zu sein, den Washington – je nach Zählweise sogar jahrzehntelang – auf die Deutschen ausgeübt hatte. Endlich schienen die Amerikaner zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass der Versuch, die Interdependenz Europas und seines östlichen Nachbarn zu verhindern, einem Versuch gleichkam, Wasser daran zu hindern, bergab zu fließen. So kam es mir jedenfalls vor. Ein Sieg für die Deutschen, dachte ich damals – ein Triumph für Deutschland, für Europa, für die Sache eines konstruktiven Engagements gegenüber der Russischen Föderation.

Doch schon bald wurde klar, dass diejenigen, die Biden um sich geschart hatte, in Wirklichkeit davon besessen waren, NS II daran zu hindern, Russland und Westeuropa in einer für beide Seiten vorteilhaften Symbiose zu verbinden. Zu den prominentesten Vertretern dieser Gruppe gehörten Jake Sullivan, Bidens ideologisch extrem geprägter Nationaler Sicherheitsberater, und Antony Blinken, Bidens Außenminister.

Washington, DC – US-Arbeitsminister Marty J. Walsh (vorne rechts) ist Gastgeber der Sitzung des Ausschusses des Präsidenten für die Internationale Arbeitsorganisation, Minister Antony Blinken (vorne links), Sekretärin Gina Raimondo und der nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan (hinten rechts), 1.4.2022. (Foto: Shawn T Moore, Department of Labor, Wikimedia Commons, CC-BY-2.0)

Blinken hatte sich bereits Jahre zuvor in seiner Abschlussarbeit mit dem umstrittenen Sibirien-Projekt der Reagan-Ära befasst. Diese wurde später unter dem Titel „Ally Versus Ally: America, Europe, and the Siberian Pipeline Crisis“ veröffentlicht, in der Blinken nachdrücklich argumentierte, dass es geopolitisch unerlässlich sei, Deutschland und Russland daran zu hindern, weitere Pipelines wie das transsibirische Netz zu bauen. Es ist eine kurze Bemerkung wert, dass Blinkens Verleger Frederick A. Praeger war, der – auch wenn er 1987, als Blinkens Buch erschien, nicht mehr als CIA-Tarnfirma fungierte – dies zumindest in den früheren Jahrzehnten des Kalten Krieges lange Zeit war.

So kam es, dass die Biden-Regierung, die bei jedem Schritt stolperte, bald zu dem Mittel griff, auf das Amerikaner immer zurückgreifen, wenn sie sich als unfähig erweisen, Macht auf eine Weise auszuüben, die den Anschein von Höflichkeit und respektvoller Staatskunst erweckt – wenn alle legalen oder halbwegs legalen oder tatsächlich illegalen, aber scheinbar legalen Zwangsmaßnahmen versagen: Mit NS II in den Startlöchern begannen sie, eine gänzlich illegale, verdeckte Operation zu planen.

Der Dezember 2021 war ein angespannter Monat in Bezug auf die Beziehungen der Atlantischen Allianz zu Russland. Wie sich die Leser erinnern werden, sandte Moskau zwei Vertragsentwürfe in den Westen, einen nach Washington und einen an das NATO-Hauptquartier in Brüssel. Sie dienten als Entwurf für Gespräche über eine für beide Seiten vorteilhafte neue Sicherheitsstruktur in Europa. Während das Weiße Haus unter Biden diese Entwürfe sofort als unseriös abtat, drängte es Moskau durch massive Waffenlieferungen an das Regime in Kiew bewusst in eine Ecke, aus der heraus es keine andere Wahl hatte, als militärisch in die Ukraine einzumarschieren. Lächerlicherweise lobte Biden später die CIA für einen großartigen Geheimdienstcoup, als sie wie auf Kommando die unvermeidliche russische Operation vorhersagte.

In diesem Monat ereignete sich noch etwas anderes. Da Bidens Leute überzeugt waren, dass sie Russland zu einem militärischen Vorstoß in die Ukraine provozieren würden, wussten sie, dass sie sich damit eine Chance eröffnen würden: Sobald Moskau seinen Zug machen würde, hätten sie die Legitimation, mit neuen, abenteuerlichen Maßnahmen zu reagieren. Zu diesem Zweck versammelte Jake Sullivan eine Gruppe zuverlässiger Falken unter den Beamten der gesamten Regierung zu einer Reihe streng geheimer Treffen in einem gesicherten Raum in einem der oberen Stockwerke des Old Executive Office Building (EOB), einem Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert im Stil einer Hochzeitstorte, das neben dem Weißen Haus steht:

Es ist nicht nötig, sich lange mit den Ergebnissen der Sullivan-Treffen aufzuhalten: Seymour Hershs Bericht über diese Sitzungen und alles, was danach geschah, ist ausführlich, überzeugend detailliert und eindeutig. In seinem Substack-Newsletter vom 8. Februar 2023 veröffentlichte Hersh seinen 5.300 Wörter umfassenden Bericht über die Planung, Vorbereitung, Ausbildung und Durchführung der Sabotageaktion, die die Nord Stream I- und II-Pipelines zerstörte, unter der Überschrift „How America Took Out the Nord Stream Pipeline“ [4]. Ich zähle ihn zu den zwei oder drei besten Reportagen, die der amerikanische Journalismus in meinem Leben hervorgebracht hat.

Auf die Explosionen der Nord Stream-Pipelines folgte allerlei Unsinn und einige Monate später die Veröffentlichung von Hershs Artikel. Die New York Times bezeichnete die Explosionen als „Rätsel“. Die Deutschen, Dänen und Schweden gaben vor, offizielle Untersuchungen durchzuführen, stellten diese jedoch schnell ein und behaupteten entweder, sie hätten keine Beweise für eine Verantwortlichkeit gefunden oder sie könnten ihre Ergebnisse nicht veröffentlichen. Vertreter der Biden-Regierung deuteten an, die Russen hätten möglicherweise ihre eigenen Industrieanlagen zerstört – das Non plus ultra einer False-Flag-Operation.

Screenshot: Tagesschau, erstellt am 29.5.2025 – 17:21:51, <https://www.tagesschau.de/investigativ/nord-stream-anschlaege-100.html>

Es ist nicht nötig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Nichts davon kann Hershs Arbeit auch nur im Geringsten abwerten. Die Wahrheit wurde geschickt verschleiert, und verschiedene Biden-Beamte äußerten mit bemerkenswerter Offenheit ihre Zufriedenheit über die geleistete gute Arbeit. Unter ihnen war auch Antony Blinken. Wenn wir uns die zuvor zitierte Abschlussarbeit des Außenministers vor Augen halten, bekommen seine Äußerungen nach den Ereignissen vom 26. September 2022 eine Bedeutung und einen Nachhall, die wir sonst vielleicht nicht in ihnen finden würden:

Es ist eine großartige Gelegenheit, die Abhängigkeit von russischer Energie ein für alle Mal zu beseitigen und damit Wladimir Putin die Möglichkeit zu nehmen, Energie als Mittel zur Durchsetzung seiner imperialen Ziele einzusetzen. Das ist sehr bedeutsam und bietet enorme strategische Chancen für die kommenden Jahre…

Wieder einmal zeigt sich die wunderbare Eigenart der Geschichte, uns unsere Gegenwart zu erklären.

Anfang der 1980er Jahre wiesen die europäischen Mächte die dezidierten Forderungen der Reagan-Regierung zurück, das Transsibirien-Projekt aufzugeben, und der Konflikt entwickelte sich zu einer der schwersten politischen Krisen zwischen den westlichen Mächten während des gesamten Kalten Krieges. Diese Ereignisse deuteten darauf hin, dass Europa noch immer wusste, wie es seine Interessen, so wie es sie verstand, zu vertreten hatte. Es hatte sich für die Interdependenz eingesetzt und Gehör gefunden. Helmut Schmidt kommt mir in den Sinn, wie er in Bonn am Fenster stand. Ich kann mir an seiner Stelle gut vorstellen, wie er schweigend über die Interdependenz nachdachte, inmitten einer verminderten Unabhängigkeit innerhalb des transatlantischen Bündnisses.

Europas Fähigkeit, selbstständig zu denken, hatte schon bald nach den Siegen von 1945 Anzeichen des Verfalls gezeigt. Die Generationen von Politikern, die nach Churchill und de Gaulle an die Macht kamen, hatten kaum Erfahrung mit Unabhängigkeit; sie waren unter dem Schutzschirm der USA aufgewachsen und politisch gereift und kannten keine anderen Verhältnisse, sodass sie in Fragen der Souveränität unerfahren waren. In den 1960er und 1970er Jahren breitete sich im Rahmen des Kalten Krieges Unruhe aus – die Transsibirien-Affäre war ein Ausdruck davon –, aber im Laufe der Zeit ebbten auch diese ab. Der Unterschied wurde spätestens im November 1989 deutlich, als die deutschen Bürger die Berliner Mauer niederrissen.

Als unser Gespräch auf die Ereignisse von 1989 kam, begannen Dirk Pohlmann und ich, von Deutschland als „Land der verpassten Chancen“ zu sprechen. Das war mein Ausdruck. Pohlmann sprach von der „Tragödie der verpassten Chance“. Dirk meinte: „Deutschland und Europa hätten nach 1989 einen neuen Einfluss in der Welt haben können.“ Er meinte damit, dass die Deutschen damals die Chance hatten, als „Zwischenland“ eine Brücke zwischen West und Ost zu schlagen. Havel dachte in den ersten Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges genau darüber nach, und dabei hatte er sowohl Europa als auch Deutschland im Blick. „Eine neue Aufgabe stellt sich nun“, sagte er in einer Rede in Aachen im Mai 1996 [5], „und mit ihr eine neue Bedeutung für die Existenz Europas.“

Dirk Pohlmann sah zu Beginn der russischen Militärintervention in der Ukraine vor drei Jahren eine weitere verpasste Chance für die Deutschen, die der ersten sehr ähnlich war. Deutschland hätte den Konflikt verhindern oder nach seinem Ausbruch vermitteln können, anstatt sich auf den Stellvertreterkrieg der Biden-Regierung einzulassen. Er meinte: „Warum sind wir so gehorsam? Warum haben wir unseren Scholz?“, fragte er eher rhetorisch. „Noch vor wenigen Jahren war eine andere Welt möglich gewesen, genau wie nach 1989.“

Die Zerstörung der Nord-Stream-Pipeline ist für die Deutschen ein schwerer Schlag. Das alte Modell – russische Energie rein, hoch entwickelte deutsche Produkte raus – scheint endgültig gescheitert zu sein, und viele Deutsche sagen mir, dass dies nicht mehr zu reparieren sei. Langfristig gesehen bezweifle ich jedoch, dass Deutschlands natürliche Neigung zur Interdependenz jemals vollständig ausgelöscht werden kann. Im Gespräch mit Deutschen gewinnt man den starken Eindruck, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Hamlet, so scheint es mir, lauert noch immer unter ihnen.

Dieser Text wurde zuerst am 21.04.2025 auf www.scheerpost.com unter der URL <https://scheerpost.com/2025/04/21/patrick-lawrence-germany-in-crisis-part-2-a-short-history-of-exploding-gas-pipelines/> veröffentlicht. Lizenz: Patrick Lawrence, Scheerpost, CC BY-NC-ND 4.0

Autor: Patrick Lawrence

Patrick Lawrence, langjähriger Auslandskorrespondent, vor allem für die International Herald Tribune, ist Kolumnist, Essayist, Autor und Dozent. Sein jüngstes Buch ist „Time No Longer: Americans After the American Century“. Sein Twitter-Konto, @thefloutist, wurde dauerhaft zensiert. Seine Website lautet http://patricklawrence.us/.

Quellen:


[1] The Independent, Andrew Gumbel „Autopsy may solve deadly mystery of the Mattei Affair“, am 28.8.1997: <https://www.the-independent.com/news/world/autopsy-may-solve-deadly-mystery-of-the-mattei-affair-1247785.html>
[2] CIA Website, Gus W. Weiss „Gus W. Weiss“, 1981-82: <https://www.cia.gov/resources/csi/static/The-Farewell-Dossier.pdf>
[3] Core Service, Patrick J. DeSouza „The Soviet Gas Pipeline Incident: Extension of
Collective Security Responsibilities to Peacetime Commercial Trade“, Datum unbekannt: <https://core.ac.uk/download/pdf/72839476.pdf>
[4] Seymour Hersh Blog „How America Took Out The Nord Stream Pipeline“, am 8.2.2023: <https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream>
[5] New York Review of Books Zeitschrift, Václav Havel „The Hope for Europe“, am 20.6.1996: <https://www.nybooks.com/articles/1996/06/20/the-hope-for-europe/>