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Von Pepe Escobar | veröffentlicht am 21. Juli 2025, Kategorie: Krieg & Frieden

Das Waffenstillstands-Kabuki

Am Ende handelte der Zirkusdirektor erwartungsgemäß: Er ging TACO („Trump Always Chickens Out“) [Trump ist immer ein Feigling, Anm. d. Redaktion].

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Er war erschrocken über drei entscheidende, realitätsbasierte Entwicklungen:

  1. Die iranische Mitteilung zur Vorbereitung der Schließung der Straße von Hormus. Die CIA hatte Trump gewarnt, dass China eine Blockade der Meerenge vehement ablehne. Das ist laut einem alten Hasen des Deep States einer der Gründe, warum Trump sich entschlossen hat, seine „spektakuläre“ (sic) Theateraktion in Fordow trotzdem durchzuziehen. Als jedoch die Gefahr einer Blockade der Straße von Hormus und damit der Zerstörung der Weltwirtschaft real wurde, machte er einen Rückzieher.
  2. Die iranische Warnung, die durch den Bombenangriff auf die Al-Udeid-Basis in Katar, das militärische Juwel in der imperialen Krone Westasiens, übermittelt wurde. Selbst atlantische Quellen in Doha bestätigen, dass die Schäden an der – evakuierten – Basis „monumental“ waren und mindestens drei Raketen ihr Ziel getroffen haben. Teheran hat unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie mit allem jederzeit und überall treffen können, was sie wollen. Und eure GCC-Lakaien werden euch dafür verantwortlich machen.
  3. Der wohl wichtigste Grund: Den Völkermördern in Tel Aviv gehen die Abfangraketen aus – und zwar schnell; tatsächlich ist ihr gesamtes – löchriges – Luftabwehrnetz in Schwierigkeiten. Bei dem letzten größeren iranischen Raketenangriff auf das besetzte Palästina am Montagmorgen sank die Abfangquote unter 50%, woraufhin der Iran begann, Israels Stromnetz anzugreifen. Die neue Direktive des Iran – strategische Offensive statt Geduld – sollte die israelische Wirtschaft vollständig lahmlegen. Hinzu kam, dass die Völkermörder Teheran bereits angefleht hatten, „den Krieg zu beenden“. Teheran antwortete, die Zeit sei noch nicht gekommen. Also bettelten die Völkermörder Daddy Trump an, sie zu retten.

Die Kette der Ereignisse, die zum Waffenstillstand geführt haben, bleibt unklar. Ein wichtiger beschleunigender Faktor war das persönliche Treffen zwischen Putin und dem iranischen Außenminister Araghchi am Montag im Kreml.

Im Namen von Ayatollah Chamenei hat Araghchi möglicherweise um eine solide Lieferung von Waffen und vor allem von Verteidigungssystemen gebeten; doch dies wird Zeit brauchen, insbesondere angesichts der Tatsache, dass die kürzlich von der Duma und dem Majlis in Teheran beschlossene strategische Partnerschaft – offiziell – kein Militärbündnis ist.

Laut Quellen in Moskau, die über das Treffen informiert waren, stellte Putin Russland jedoch in den Mittelpunkt einer möglichen Lösung und verdrängte damit Washington. Das Team Trump 2.0 war empört. Trump prahlte, dass sowohl der Iran als auch Israel ihn fast gleichzeitig angerufen hätten, um einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Unsinn: Das hat nur Tel Aviv getan. Als Putin erneut klarstellte, dass Russland den Iran unterstützen werde, bot er Trump indirekt einen Ausweg an.

Ganz seinem Charakter entsprechend sprang der Zirkusdirektor darauf an und vermarktete seinen eigenen Waffenstillstand im Stil einer Reality-Show. Und das nur zwei Tage, nachdem er sich hämisch darüber gefreut hatte, dass das iranische Atomprogramm „ausgelöscht“ worden sei (er beharrt darauf, obwohl der US-Geheimdienst einräumt, dass das Programm möglicherweise nur um einige Monate zurückgeworfen wurde).

Ein oberstes Tabu wurde gebrochen

Der Iran hat einige wichtige Lektionen auf die harte Tour gelernt und dafür einen schrecklichen Preis bezahlt. Teheran war viel zu transparent und vernünftig im Umgang mit einer Bande von Gangstern: Es erlaubte der IAEO die Überwachung seiner Atomanlagen, was sich als Prozess zur Sammlung wertvoller Informationen für israelische Angriffe herausstellte, und glaubte an Diplomatie und die Einhaltung von Vereinbarungen, die kurzerhand gebrochen wurden.

Wenn es um den Umgang mit dem imperialen Leviathan/Behemoth geht, gibt es keine Diplomatie – insbesondere, wenn dieser mit Entsetzen darüber nachdenkt, dass sein Einfluss im gesamten Globalen Süden schrumpft.

Im Inland jedoch geht der Iran einen Schritt weiter. Es gibt mindestens drei sich gegenüberstehende Fraktionen: Ayatollah Chamenei und sein enger Kreis sowie die IRGC (Revolutionsgarden – iranisches Militär, Anm. d. Red.); die Reformisten, verkörpert durch den sanftmütigen Präsidenten Pezeshkian; und diejenigen, die man als säkulare Nationalisten bezeichnen könnte, die einen starken Iran wollen, aber keine theokratische Demokratie.

Die IRGC hat nun alle Macht inne. Die Verteidigung des Heimatlandes gegen die tödliche zionistische Achse, einschließlich des Imperiums, hat ein weit verbreitetes Gefühl der nationalen Einheit und des Stolzes herausgebildet. Alle Teile der iranischen Bevölkerung – 90 Millionen, das sollte man dem erbärmlichen Marco Rubio mal sagen – haben sich hinter der Flagge versammelt.

Konzeptionell ist der Waffenstillstand – niemand weiß, wie lange er halten wird – für den Iran nachteilig, da er nun seine zunehmende Abschreckungsfähigkeit eingebüßt hat. Israel wird seine Luftabwehr fieberhaft wieder aufrüsten, während der Iran allein Monate oder sogar Jahre benötigen wird, um sich wieder aufzubauen.

Die imperiale Vorgehensweise bleibt unverändert. Der Zirkusdirektor sah, dass eine monströse Demütigung bevorstand – so etwas wie Israels Vietnam: Also verkündete er einen einseitigen Waffenstillstand und floh.

Die Konstellation für die nächsten Kämpfe hat sich jedoch verändert.

Sollte Washington beschließen, erneut zu eskalieren oder auf die bewährte Praxis des Einsatzes terroristischer Stellvertreter zurückzugreifen, wird der Iran als de facto-Anführer des Widerstands entschlossen zurückschlagen. Der Mythos der unbesiegbaren Völkermordmacht ist für immer zerstört. Der gesamte Globale Süden hat dies erkannt und nimmt es nun ernst.

Es bleibt offen, ob Teheran sich letztendlich dafür entscheiden wird, einem nordkoreanischen Modell zu folgen, um der – bislang gescheiterten – Durchsetzung eines libyschen und/oder syrischen Modells entgegenzuwirken. Die Urananreicherung wird fortgesetzt. Mit einer zusätzlichen Wendung im Stil eines Film Noir: Niemand weiß, wo sich das Uran befindet.

Das Imperium des Chaos wird, wie zu erwarten, niemals aufhören. Nur wenn sich der gesamte globale Süden mit eisernem Willen und aller Kraft vereint, kann es gestoppt werden. Die Voraussetzungen dafür sind noch nicht gegeben – noch nicht.

So wie es aussieht, würde der echte Waffenstillstand zwischen den USA und dem Globalen Süden stattfinden, institutionell angeführt von Russland, China, den BRICS-Staaten und mehreren anderen multipolaren Organisationen. Die Chance, dass die herrschenden Klassen der USA einen solchen langfristigen Waffenstillstand einhalten würden, falls er jemals zustande kommt, ist gleich null.

Was den Waffenstillstand zwischen dem Iran und Israel angeht, so ist damit der Krieg noch nicht zu Ende. Im Gegenteil: Es ist lediglich das – zweifelhafte – Ende der ersten heißen Phase. Die Hunde und Hyänen des Krieges werden früher oder später zurückkehren. Es wird Blut fließen – immer und immer wieder. Doch zumindest wurde ein oberstes Tabu gebrochen: Der Todeskult kann in Westasien tatsächlich tödlich verwundet werden.

Dieser Text wurde zuerst am 25.06.2025 auf www.strategic-culture.su unter der URL <https://strategic-culture.su/news/2025/06/25/the-ceasefire-kabuki/> veröffentlicht. Lizenz: Pepe Escobar, Strategic Culture, CC BY-NC-ND 4.0

Autor: Pepe Escobar

der aus Brasilien stammt, ist unabhängiger geopolitischer Analsyt und war Korrespondent für die Asia Times sowie als Analyst für The Real News tätig. Seit Mitte der 80iger Jahre lebte und arbeitete er als Auslandskorrespondent in London, Paris, Mailand, Los Angeles sowie Singapur/Bangkok. Seit dem 11.9.2001 hat er sich umfassend mit den Regionen Pakistan, Afghanistan, Zentralasien, China, Iran, Irak und dem weiteren mittleren Osten beschäftigt.