Dunkelblau: BRICS – Brasilien, Russland, Indien, Volksrepublik China, Südafrika + Vereinigte Arabische Emirate, Ägypten, Äthiopien, Iran, Indonesien
Hellblau: BRICS „Partner“ – Belarus, Bolivien, Kuba, Kasachstan, Malaysia, Nigeria, Thailand, Uganda und Uzbekistan. NICHT eingeschlossen: Algerien, Türkei, Vietnam (keine Zustimmung zum Status im Januar 2025)
Grün: BRICS „Kandidaten“ – Aserbaidschan, Bangladesch, Myanmar, Pakistan, Senegal, Sri Lanka, Syrien (trotz Machtwechsel) und Venezuela (trotz Brasiliens Blockade). NICHT eingeschlossen: Algerien und Argentinien (Kandidaturen zurückgezogen)
(Grafik: Enyavar, Creative Commons, CC BY-SA 4.0)
BRICS im Schatten der Schlagzeilen
Eine globale Neuvermessung
Abseits offizieller Gipfelkommuniqués, fern medialer Schlagzeilen über Kriegsdrohungen, Gaspreise und Wahlprognosen formiert sich eine Machtverschiebung, die kaum ein westlicher Nachrichtenticker adäquat abbildet. Während Europa mit sich selbst beschäftigt ist, entfaltet sich im globalen Süden ein tiefgreifender Strukturwandel: BRICS.
Der Zusammenschluss aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika wird oft missverstanden, als Block, als Anti-Westen, als diffuse Interessengemeinschaft. Dabei ist BRICS eher ein Prozess als ein Bündnis, eher eine Bewegung als ein System. Und dieser Prozess hat Fahrt aufgenommen: Über 46 Prozent des weltweiten BIP entfallen heute auf BRICS-Staaten. Mit Ägypten, Äthiopien, Iran oder den Vereinigten Arabischen Emiraten treten weitere Schwergewichte bei. Was sie eint: das Bedürfnis nach einer Weltordnung, in der ihre Stimme zählt.
Daten zeigen, dass sich der globale Handel zunehmend vom US-Dollar entkoppelt. Immer mehr Verträge werden in Yuan, Rupien oder Real abgeschlossen. Die BRICS Development Bank vergibt Kredite ohne politische Konditionen. Die Bank for International Settlements testet mit mBridge ein digitales Zahlungssystem, das direkt zwischen Zentralbanken operieren kann, ohne SWIFT, ohne Dollar.
Diese Verschiebung wird im Westen oft als Randnotiz behandelt. Doch in Wirklichkeit sind es tektonische Bewegungen. Wenn Länder wie Brasilien oder Indien beginnen, ihre Außenhandelsbeziehungen neu auszurichten, dann ist das mehr als wirtschaftliche Diversifizierung, es ist der Versuch, geopolitische Abhängigkeiten abzubauen. Für viele Staaten des globalen Südens geht es nicht nur um ökonomische Souveränität, sondern auch um die Rückgewinnung kultureller und politischer Selbstachtung.
Dass dieser Transformationsprozess nicht ohne Widersprüche verläuft, liegt in der Natur eines multipolaren Aufbruchs. BRICS vereint Demokratien, Autokratien, Schwellenländer und Rohstoffmächte. Die Interessen sind nicht immer deckungsgleich. Doch genau das ist ihr historisches Novum: Eine Koalition der Ungleichzeitigkeit, die nicht auf homogene Ideologie, sondern auf pragmatische Kooperation setzt.
Europa, das sich einst als Vermittler zwischen Nord und Süd verstand, reagiert mit Verunsicherung. Die EU-Staaten haben kaum strategische Antworten auf eine Welt, die sich dezentralisiert. Statt Partnerschaften auf Augenhöhe zu etablieren, verengt sich der Blick auf Rivalität und Konkurrenz. Dabei wäre jetzt der Moment, um neue Allianzen zu denken, jenseits des transatlantischen Kerns.
Die westliche Reaktion auf BRICS offenbart zudem eine tiefsitzende Unfähigkeit zur Selbstreflexion.
Jahrzehntelang definierte sich der Westen über seine Rolle als Exporteur von Demokratie, Menschenrechten und Fortschritt. Doch der globale Süden hat erlebt, wie diese Begriffe instrumentalisiert wurden, für Regimewechsel, Ressourcenzugriffe und marktliberale Schocktherapien.
BRICS ist auch eine Antwort auf diese Erfahrungen. Eine diplomatische, institutionelle, wirtschaftliche Antwort.
Ein besonders brisantes Szenario, das bisher kaum öffentlich diskutiert wird: Was geschieht, wenn sich BRICS-Staaten in größerem Umfang vom Dollar lösen, nicht in Einzelfällen, sondern systematisch? Die Folgen wären enorm. Die USA könnten ihre Defizite nicht mehr über globale Dollarnachfrage kompensieren. Der Euro müsste sich neu positionieren. Der IWF verlöre seine Steuerungskraft. Es wäre das Ende der Nachkriegsordnung, von innen heraus.
Diese Perspektive wird in westlichen Medien selten ernsthaft durchdacht. Lieber beschränkt man sich auf die Darstellung von Rivalität zwischen China und Indien, auf interne Unterschiede oder auf die vermeintliche Ineffizienz der BRICS-Strukturen. Doch wer nur auf Reibung achtet, verpasst den tektonischen Wandel: die Entstehung einer globalen Ordnung, in der der Westen nicht mehr selbstverständlich Zentrum ist.
Freie Medien sind gefragt, diese Veränderungen zu dokumentieren, jenseits von Zuspitzung, aber mit dem Mut zur These. BRICS ist kein Revolutionsbündnis, aber es ist ein Seismograph für das Ende jener Welt, in der die Entscheidungen einiger weniger für viele galten. Die Welt verändert sich, nicht gegen den Westen, sondern ohne ihn. Und wer das ignoriert, wird vom Gang der Geschichte überrollt.
Lizenz: Günther Burbach, Free21, CC BY-NC-ND 4.0
Quellen:
- International Monetary Fund (IMF): „Dollar Dominance and the Rise of Nontraditional Currencies“ (2023), <https://www.imf.org/en/Publications/WP/Issues/2023/06/22/Dollar-Dominance-and-the-Rise-of-Nontraditional-Currencies>
- BRICS New Development Bank (NDB): „Annual Report 2023“, <https://www.ndb.int/publications/annual-report-2023/>
- Bank for International Settlements (BIS): „Project mBridge – Connecting economies through CBDC“, <https://www.bis.org/about/bisih/topics/cbdc/mbridge.htm>
- Chatham House: „What BRICS Expansion Means for the Global Order“ (2023), <https://www.chathamhouse.org/2023/09/what-brics-expansion-means-global-order>
- Financial Times: „BRICS want to challenge the dollar’s dominance – but how realistic is that?“, <https://www.ft.com/content/3ae6e4f8-650a-489e-a9b8-7e37b7486aef>
- UNCTAD: „South-South Cooperation and BRICS Strategies“ (2022), <https://unctad.org/publication/south-south-cooperation-and-brics-strategies>


