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Big Tech: Wie globale Statthalter Regeln und Realitäten schaffen
Sieben Aktien führten im Jahr 2023 den S&P 500 (Aktienindex der die Aktien von 500 der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst, Anm. d. Red.) an. Ihre Namen sind bekannt: Apple, Alphabet, Amazon.com, Meta, Microsoft, oder „GAMAM“, sowie NVIDIA und Tesla (Scheid 2023). Zusammen machen diese Big-Tech-Unternehmen mehr als ein Viertel des Wertes eines der wichtigsten Aktienindizes in den Vereinigten Staaten aus – und damit auch der globalen Märkte. Big Tech ist wirtschaftlich so mächtig, dass Beobachter sie als „Monopole“ bezeichnen wollen (Moazed und Johnson 2016; Hubbard 2021). Aber was Big Tech groß macht, sind nicht allein seine globale Marktdominanz und der finanzielle Wert, den es generiert. Sie haben die Art und Weise verändert, wie wir die Welt sehen.
Wir haben damit begonnen, uns zur Lösung all unserer Probleme an Big Tech zu wenden. Denken Sie nur daran, wie in den ersten Tagen der Covid-Pandemie große Technologieunternehmen und ihre führenden Vertreter wie Bill Gates und Eric Schmidt (Google) eingeladen wurden, um mit den Regierungen über Lösungen für die globale medizinische Krise zu beraten. Apple und Google taten sich zusammen, überwanden ihre konzerninternen Differenzen und ermöglichten so das Zusammenspiel der verschiedenen Bluetooth-basierten Anwendungen zur Kontaktverfolgung, die weltweit in Arbeit waren. Beamte empfahlen soziale Distanzierung, Maskentragen in öffentlichen Räumen und Luftfilterung, während wir auf die (wie sich herausstellte) rekordverdächtig schnelle Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs warteten. Viele Länder machten sich über wissenschaftlich fundierte Tipps lustig, was zu andauernden „Anti-Masken“- und „Anti-Impf“-Gruppierungen in der Politik führte. Um eine historische Massengesundheitskrise zu lösen, wandten wir uns an Big Tech und misstrauten gleichzeitig medizinischen Fachleuten auf globaler Ebene.
Kurz, Big-Tech-Unternehmen bestimmen, wie wir unser Leben leben, wie wir die Welt sehen und was wir als wertvoll betrachten. An Definitionen und Untersuchungen zum Thema Governance mangelt es in der Politikwissenschaft nicht. Kurz gesagt, Governance beschreibt, wie eine soziale Ordnung geschaffen und aufrechterhalten wird. Bezüglich Global Governance hat Rosenau den berühmten Begriff der „Governance ohne Regierung“ geprägt und darauf hingewiesen, dass Governance „ein Herrschaftssystem ist, das von intersubjektiven Bedeutungen ebenso abhängt wie von formell sanktionierten Verfassungen und Satzungen“ (Rosenau 1992, 4). In der internationalen Politikwissenschaft neigen wir dazu, „Global Governance“ zu untersuchen und gehen dabei davon aus, dass es auf internationaler Ebene viele mögliche Akteure gibt, die Regierungsmacht ausüben. Einer der wegweisenden Texte im Bereich Global Governance ist das Buch von Deborah Avant, Martha Finnemore und Susan Sell, das uns die Idee der „Global Governors“ (2010) nahebringt und die Autorität nicht staatlicher Akteure in Bezug auf globale politische Ergebnisse hervorhebt. Transnationale Unternehmen – eine Kategorie, in die Big Tech-Unternehmen mit Sicherheit fallen – sind zweifellos globale Statthalter.
Wenn es aber beim Regieren um Regulieren ohne formale Dekrete geht, müssen wir über die „Politikgestaltung“ im formalen Sinne hinausschauen. Bei der Politikgestaltung geht es um Regeln. Wir erwarten daher, dass die Regierenden über Regeln verhandeln und versuchen, sie umzusetzen. Oftmals versuchen wir nachzuweisen, dass nicht staatliche Akteure an den Regierungstisch eingeladen werden, der von den Staaten kontrolliert wird.
Nicht staatliche Akteure regieren also indirekt, indem sie andere Akteure beeinflussen oder agitieren, wenn es zu Regelverstößen kommt. Was Big Tech tut, ist den Tisch zu dominieren – durch seine Marktdominanz, seine Technolösungen und, wie wir weiter unten sehen werden, seine digitalen Plattformen, welche intersubjektive Bedeutungen – und Wert – für alle ihre Nutzer erzeugen. Big Tech erschafft und kontrolliert also direkt, wie wir Dinge mittels ihrer Schöpfungen tun. Dies wurde als „Plattform-Governance“ bezeichnet (Gillespie 2018; Gorwa 2019).
Plattform-Governance geht über das traditionelle Verständnis von Governance hinaus. Sie befasst sich mit der Frage, wie wir mit unseren Objekten – den digitalen Geräten, die Regeln für unser Leben bestimmen – leben.
Darüber hinaus muss auch auf Folgendes hingewiesen werden: Big Tech ist im Prozess des Regierens auf und um ihre Plattformen herum so eingebettet und global verbreitet, dass Regieren durch ihre Plattformen effektiv bedeutet, dass sie auch über ihre Plattformen hinaus regieren (Hervorhebungen durch die Redaktion).
Big Tech regiert also nicht nur in seinem Bereich – den digitalen Technologieentwicklungen –, sondern die Art ihrer Innovationen ermöglicht es ihnen, weit über „nur“ digitale Technologie hinauszugehen. Ihre überragende wirtschaftliche Größe hilft ihnen dabei, die globalen Märkte zu dominieren. Ihre Durchdringung des täglichen Lebens, von Smartphones bis zu intelligenten Häusern, Gesichtserkennungstechnologie und technologiegestützten Autos, macht die Produkte von Big Tech zu einem unverzichtbaren Bestandteil der menschlichen Erfahrung (W. H. Wong 2023), einschließlich der Wirtschaft und der sozialen Beziehungen.
In diesem Artikel werde ich kurz darauf eingehen, wie nicht staatliche Akteure in der Global Governance berücksichtigt wurden. Ich verbinde diese Literatur auch mit den Texten über Plattform-Governance, die in den Wissenschafts- und Technologiestudien (Science and Technology Studies, STS) und den Medien-/Kommunikationswissenschaften entstanden sind, um Big Tech als globalen Statthalter zu verstehen. Aufbauend auf früheren Arbeiten über globale Statthalter zeige ich, dass der Wirkungsbereich von Big Tech aufgrund der Art der Produkte und Dienstleistungen, die Big Tech-Unternehmen bereitstellen, viel breiter und tiefer ist als der vieler anderer Statthalter. Big-Tech-Produkte fließen in unsere täglichen Aktivitäten ein, und als solche haben diese Unternehmen die Fähigkeit, unser Verhalten, unsere Werte, unsere Gedanken und unsere Beziehungen zu formen, die weit über das hinausgehen, was wir in der IR-Theorie (International Relations, Theorie Internationaler Beziehungen; Anm. d. Red.) über die Macht von Unternehmen gedacht haben. Am Beispiel von Meta werde ich zeigen, wie ein (sehr großes) Unternehmen alle Arten von Governance betreibt: durch seine eigenen internen Richtlinien, die kontrollieren, wie wir seine Plattformen Facebook und Instagram verstehen, navigieren und auf ihnen leben (wohlgemerkt, Meta besitzt auch WhatsApp und Messenger).
Globale Statthalter
Das Konzept der „Global Governors“ warf ein bezeichnendes Licht auf die Veränderungen in der Politik. Indem sie Akteure über Prozesse stellen, unterstreichen Avant, Finnemore und Sell die entscheidende Rolle nicht staatlicher Akteure im modernen internationalen System und untersuchen sie „als eigenständige Akteure“ (2010, 25). Obwohl sie in gewisser Weise den Weg fortsetzen, der in den 1970er Jahren mit der Erkenntnis begonnen hatte, dass Staaten nicht die einzigen wichtigen Akteure in der Weltpolitik sind (Nye und Keohane 1971), wurden nicht staatliche Akteure im Allgemeinen immer noch nicht als Regierende, sondern als Teil des Regierungsprozesses angesehen.
In ihrem bahnbrechenden Band bestätigten Avant, Finnemore und Sell, was viele von uns in eigenen Arbeiten über bestimmte nicht staatliche Akteure herausgefunden hatten. Sie versammelten einige der besten Denker, um die Methoden nicht staatlicher Akteure, die in der Welt regieren, in zahlreichen Themengebieten zu untersuchen. Der Band definiert globale Statthalter als „Autoritäten, die grenzüberschreitend Macht ausüben, um die Politik zu beeinflussen“ (2010, 2), und nennt mehrere Aspekte ihrer Macht: die Schaffung von Themen, die Festlegung von Agenden, die Aufstellung und Umsetzung von Regeln/Programmen und die Bewertung von Ergebnissen. Entscheidend für die Macht der globalen Statthalter ist ihre Autorität, d. h. ihre Fähigkeit, bei anderen Gehorsam zu erwirken (2010, 9). Was die Plattform-Governance – und damit die Big-Tech-Governance – auszeichnet, ist das Fehlen dieser Autorität, die ihr das Regieren ermöglicht.
Was dieses Buch seinerzeit jedoch so wichtig machte, war die Feststellung, dass nicht staatliche Akteure nicht als Handlanger der Regierungsmacht fungierten, sondern soziale Ordnung schufen, gemeinsame Erwartungen festlegten und Wege zur Durchsetzung dieser Ordnungen und Erwartungen schufen, die staatliches (Nicht-)Handeln manchmal ergänzten und oft ersetzten. Eine kleine Industrie rund um die Macht der nicht staatlichen Akteure bot Möglichkeiten, über die Autorität globaler Statthalter in verschiedenen Bereichen nachzudenken (z. B. Barnett 2009; Büthe und Mattli 2011; Green 2014; Newman und Posner 2018; Stroup und Wong 2017; W. H. Wong 2012).
Der Rahmen des „Global Governors“ ist zwar für den Fortschritt der IR-Theorie von Bedeutung, reicht aber für die Arten von Unternehmensakteuren, die seit dem Aufkommen des sogenannten „Big Data“ entstanden sind, nicht ganz aus. In den späten 2000er Jahren eröffneten die Möglichkeiten zur Sammlung riesiger Datenmengen über das menschliche Verhalten durch unsere Interaktion mit internetfähigen Geräten und die Fähigkeit, diese massiven Datensätze zusammenzuführen und zu analysieren, eine Reihe neuer Möglichkeiten für Technologieunternehmen und Regierungen.
Wie es in einem bekannten Papier heißt, ist Big Data das Zusammenspiel zwischen technologischem Fortschritt, der Nutzung von Daten, um gesellschaftlich relevante Aussagen zu treffen, und der Überzeugung, dass diese Fähigkeiten eine andere (bessere) Form der Intelligenz hervorbringen können (Boyd und Crawford 2012). Seitdem hat „Big Tech“ einen enormen Aufschwung erlebt und ist in fast alle Bereiche der menschlichen Existenz eingedrungen. Die Pandemie von 2020 verschärfte diese Dynamik noch, da die Menschen einen Großteil ihres Lebens in die physische Isolation verlagern mussten, während sie gleichzeitig versuchten, sich digital zu vernetzen.

Screenshot: Land Baden-Württemberg, erstellt am 2.4.2025 – 11:50:56, <https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/ausweitung-der-corona-massnahmen-zum-20-dezember-2021>
Der in der Literatur über Global-Governance weit verbreitete Fokus auf die „Herstellung von Regeln“ trifft daher in der heutigen Ära der Fähigkeit von Big Tech, „Realitäten zu schaffen“, nicht mehr so gut zu. Sie tun dies, indem sie jeden unserer Schritte durch das Sammeln von Daten verstehen. Anschließend analysieren sie diese Daten, um verallgemeinerbare Muster zu finden, die unsere Sicht auf die Welt und unsere Entscheidungen formen. Algorithmen steuern nicht nur unsere Online-Erfahrungen, sie vermitteln auch unseren Zugang zu den Dingen des täglichen Bedarfs durch Praktiken wie die dynamische Preisgestaltung, die die Kosten für Waren und Dienstleistungen in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage in Echtzeit ändert.
All dies bedeutet, dass wir über die von Avant, Finnemore und Sell angeregten Überlegungen zum Management verschiedener Interessengruppen hinausgehen müssen (S. 18-25). Big Tech stellt nicht nur Regeln auf, sondern vermittelt und erleichtert menschliche Interaktionen auf ihren Plattformen. Wie weiter unten erläutert wird, erleichtern Plattformen soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Interaktionen in einer Weise, die über die Bequemlichkeit hinausgeht. Wie Lessig vor mehr als zwei Jahrzehnten schrieb: Code ist Gesetz (Lessig 1999). Big Tech schreibt den Code, der die Plattformen schafft. Sie schaffen Gesetze, die nicht nur das Verhalten des Einzelnen beeinflussen, sondern auch das kollektiver Akteure wie Regierungen und anderer Unternehmen. Sie schaffen aber auch die Plattformen, auf denen der Austausch stattfindet – dies könnte man als den digitalen Treffpunkt betrachten, an dem menschliche Interaktionen stattfinden.
Plattformen als Regierungsmacher
In der heutigen Zeit arbeiten viele Menschen mit Cloud-basierten Computersystemen. Die meisten Universitäten haben Cloud-Computing-Dienste abonniert, so dass die Leser dieses Artikels bestens damit vertraut sein dürften, wie diese Systeme (nun ja, schlecht) funktionieren. Es gibt zwei marktbeherrschende Anbieter von Cloud Computing – Amazon (Amazon Web Services) und Microsoft (Azure), an dritter Stelle mit Abstand steht Google (Lu 2024). Sowohl Regierungen als auch Unternehmen nutzen Cloud Computing, und das bedeutet, dass zwei Unternehmen die globale Dynamik bei der Speicherung von Daten und dem Fernzugriff darauf beherrschen.
Plattformen gestalten und ermöglichen ein reiches, global verflochtenes menschliches Leben, das nicht ohne Schattenseiten ist. Einerseits ist die Definition von „Plattform“ umstritten. Es gibt technische Aspekte der „Plattform“, die auf Folgendes hinauslaufen: „Wenn man sie programmieren kann, ist sie eine Plattform. Kann man es nicht, ist es keine“ (Andreessen 2007). Eine Standarddefinition, die in der Medienwissenschaft verwendet wird, ist die von „datengesteuerten Online-Apps und -Diensten“ (Gorwa 2019, 856), die über Anwendungsprogrammierschnittstellen (Application Programming Interfaces, APIs) mit Diensten Dritter kommunizieren können (Helmond 2015). APIs ermöglichen es verschiedenen Programmen, miteinander zu kommunizieren und Daten zu teilen.
Neben den technischen Aspekten der Plattform gibt es auch ihre sozialen und politischen Aspekte. Anders ausgedrückt: Was macht die Plattform möglich (McKelvey 2011)? Welche technischen Funktionsweisen von Plattformen verändern auch das, was die Nutzer als Teil dieser Plattformen tun oder nicht tun können? In den STS (Wissenschafts- und Technologiestudien) und Medienwissenschaften verstehen wir unter „soziotechnisch“, wie Menschen mit Technologien interagieren und wie Technologien durch gesellschaftliche Merkmale ermöglicht werden und auf diesen aufbauen (Chen und Metcalf 2024).
Es ist wichtig anzuerkennen, dass Plattformen regieren, indem sie in den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kontexten, in die sie hineingeboren werden, entstehen und diese verändern. Mit anderen Worten: Plattformen regieren, indem sie zulassen, dass etwas auf ihnen geschieht – oder auch nicht.
Unternehmen entwickeln und besitzen diese Plattformen, obwohl nicht alle Unternehmen mehr als eine Plattform haben (z. B. X/Twitter versus Meta mit vier). Diese Unterscheidung zwischen Plattform(en) und Unternehmen kann Verwirrung stiften (van Dijck, Nieborg und Poell 2019).
Ein Beispiel für „Platform Governance“ ist die Zeichenbegrenzung. Twitter begann damit, alle auf der Plattform veröffentlichten Nachrichten auf 140 Zeichen zu beschränken. Später wurde dies auf 280 Zeichen erweitert. Heutzutage erlaubt X Premium-Nutzern eine noch höhere Zeichenzahl mit Unterstützung für verschiedene Textformatierungen (Weatherbed 2023). In diesem engen Beispiel regelt Twitter/X als Social-Media-Plattform die Länge der einzelnen Kommunikationen und hat Nutzerschichten geschaffen. Auf diese Weise schafft es eine Ordnung um gemeinsame, durchsetzbare Erwartungen herum, wie Nutzer kommunizieren und wer welchen Regeln unterliegt.

Erste Notizen und Ideen des Erfinders von Twitter (X) Jack Dorsey, 24.3.2006. (Bild: Jack Dorsey – twttr sketch, Wikimedia Commons, CC BY 2.0)
Ein weiteres Beispiel: Apple hat die Art und Weise, wie seine Kunden ihre Plattformen nutzen, verändert. Auf seiner Entwicklerkonferenz im Juni kündigte das Unternehmen Apple Intelligence seinen Vorstoß in die generative KI in Zusammenarbeit mit OpenAI an. Im Herbst sollen seine Produkte (M. Wong und Warzel 2024) auf den Markt kommen, wodurch die Käufer künftiger Geräte praktisch gezwungen werden, die neuen KI-Systeme zu nutzen.
Um zu einem strittigeren Thema zu kommen: Apple hat kürzlich Änderungen am App-Store vorgenommen – derjenigen App, mit der Nutzer von Apple-Geräten zusätzliche Software herunterladen können. In der Vergangenheit kassierte das Unternehmen eine saftige 30-prozentige Provision von App-Entwicklern, was zu weitreichenden Protesten anderer Softwareunternehmen führte, darunter der Musik-Streaming-Dienst Spotify und der Hersteller des beliebten Spiels „Fortnite“, Epic Games (Stempel 2024; Mickle 2024). Um Zugang zu den Besitzern von Apple-Mobilgeräten zu erhalten, mussten sich App-Entwickler an die Regeln von Apple halten. Nach jahrelangen Beschwerden haben die Regulierungsbehörden in Europa, den USA und anderswo begonnen, diese Praktiken einzuschränken.
Apple veranschaulicht, dass diejenigen, die die Plattform kontrollieren, durch gemeinsame Erwartungen Ordnung schaffen (iOS); in diesem Fall ist es die Sicherheit der für Apple-Nutzer verfügbaren Apps. Apples Steuerung der iOS-Plattform wiederum ermöglicht es ihm, Regeln aufzustellen und durchzusetzen, einschließlich der Erhebung saftiger Maklergebühren für die Nutzung seines App Store, oder für die Ausstattung seiner Geräte mit KI-Technologien, die von dem umstrittenen Unternehmen OpenAI entwickelt wurden.
Sowohl X als auch Apple sind amerikanische Unternehmen mit einem weltweiten Kundenstamm. Diese kurzen Beispiele zeigen, wie sich die Sprache der globalen Statthalter sehr leicht auf die Arbeit der Plattformen anwenden lässt. Gleichzeitig berufen sich weder X noch Apple auf andere politische Entscheidungsträger oder Akteure, um Autorität zu erlangen.
Ihre Autorität, also ihre Fähigkeit zu regieren – ergibt sich aus ihrer Integration in unser Verständnis des Alltäglichen, das ihre Marktmacht begründet und stärkt. Sie regieren einfach durch ihre Plattformen, weil diese in das Leben von Millionen und Abermillionen von Menschen eingebettet sind.
Diese Integration von Plattformen hat einige Wissenschaftler dazu veranlasst, zu untersuchen, wie wir zu einer „Plattform-Gesellschaft“ geworden sind, in der einzelne Plattformen (z. B. Uber) in einem Ökosystem von Plattformen (neben Uber z. B. Bolt, Didi, Gett, Lyft und andere Ride-Hailing-Apps) existieren (van Dijck, Poell und de Wall 2018). Ihre Einbettung bestimmt, wie sich ihre Millionen von Nutzern weltweit mit ihnen beschäftigen. Keines dieser Beispiele entspricht jedoch auch nur annähernd der Art und Weise, wie Facebook und nun auch Meta online die Freiheit der Meinungsäußerung von Milliarden von Menschen bestimmen.
Meta als Statthalter freier Meinungsäußerung
(Der Inhalt dieses Abschnitts stammt aus „Wir, die Daten“, Kapitel 6.)
Facebook wurde geschaffen, erklärte uns sein Gründer Mark Zuckerberg, um Menschen zu verbinden (Constine 2012). Wer wünscht sich in der großen, weiten Welt keine Verbindung? Doch damit ist Meta über seine Plattformen, insbesondere Facebook und Instagram, de facto zum globalen Statthalter freier Meinungsäußerung geworden. Sie tun dies, indem sie durchsetzbare Regeln schaffen. Aber durch die Einrichtung des Oversight Board sind sie sowohl formell als auch explizit Schiedsrichter darüber, was auf Facebook und Messenger als legitime freie Meinungsäußerung gilt.

Mark Zuckerberg Graffiti, auf G. Orwells Roman 1984 anspielend (Mark Zuckerberg) (Graffiti: Victorgrigas, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Meta hat – je nachdem, wen und wann wir zählen – insgesamt etwa 3 … 4 Milliarden Nutzer seiner Produkte. Der Punkt ist nicht die Genauigkeit der Zahl, sondern seine Größenordnung – mindestens die Hälfte der Weltbevölkerung nutzt regelmäßig ein Meta-Produkt. Das sind mehr Menschen, als jeder Staat rechtmäßig zu regieren, für sich beanspruchen kann. Jeder zweite Mensch auf der Welt nutzt Meta-Plattformen, um sich auszudrücken, und sie alle unterliegen den von Meta festgelegten Bedingungen, den so genannten „Community Standards“. Das ist eine Menge Inhalt, der leicht über geografische Grenzen hinweg innerhalb der Grenzen von Meta missinterpretiert werden kann. Täglich prüfen Moderatoren mit Hilfe von KI-Systemen, ob Witze tatsächlich Witze sind, ob Bilder unanständig oder politisch sind, und spüren gewalttätige oder gesetzeswidrige Videos auf.
Das Oversight Board (OB, zu deutsch: Aufsichts- oder Kontrollgremium; Anm. d. Red.) ist die Idee des Harvard-Juraprofessors Noah Feldman, der mit seiner Hilfe über Löschung und Wiederaufnahme von Inhalten auf zwei der weltweit beliebtesten Social-Media-Plattformen entscheiden wollte. Die Moderation von Inhalten erfolgt fallweise und kann ziemlich willkürlich sein. Warum gibt es nicht ein Gremium, das endgültige, rechtlich fundierte und fachlich begründete Entscheidungen über die Entfernung oder Wiederveröffentlichung von fragwürdigem Material treffen kann? Das OB beruft sich auf das Menschenrecht der Redefreiheit („Oversight Board Charter“ 2019). Es verfügt über eine unabhängige Finanzierung, die ursprünglich von Facebook bereitgestellt wurde, hält aber eine Armlänge Abstand zu dem Unternehmen aufrecht. Obwohl Meta in keinem Menschenrechtsvertrag auf internationaler Ebene eine menschenrechtliche Verantwortung hat, erkennt die Einrichtung des OB die Autorität internationaler Menschenrechtsinstrumente an und wendet sie in ihren Begründungen an. Einige Rechtswissenschaftler fragten sich seinerzeit, ob das OB eine Art Menschenrechtstribunal darstellt (Klonick 2019; Helfer und Land 2021).
Das Oversight Board hat 2020 seine Arbeit aufgenommen. Seine Entscheidungen in Einzelfällen sind verbindlich. Bis Februar 2023 hatte es in 34 Fällen entschieden. Es legt die Menschenrechte weit aus und beruft sich neben dem Recht auf freie Meinungsäußerung auch auf andere Rechte. Obwohl es bei seiner Gründung von einigen als Sündenbock für das damalige Facebook angesehen wurde, um offizielle Deckung für seine Entscheidungen über die Online-Meinungsfreiheit zu haben (Butcher 2020), hat es seither einigen seiner Kritiker das Gegenteil bewiesen (Edelman 2021). Einer der bekanntesten Fälle war die Aufrechterhaltung des Verbots von Donald Trump durch Facebook nach dem Aufstand vom 6. Januar, wobei es das Unternehmen jedoch aufforderte, das Verbot zu begrenzen – es wurde auf zwei Jahre festgelegt (Clegg 2021). Das OB traf sich auch mit der Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen, die vor dem US-Kongress über die Schäden der Plattform für Kinder sowie die unterschiedliche Behandlung verschiedener Arten von Nutzern hinsichtlich dessen, was gepostet werden kann, aussagte (Ordonez 2021). Daraufhin forderte das OB das Unternehmen zu mehr Transparenz bei der Moderation von Inhalten auf (Facebook Oversight Board 2021).
Das OB zeigt uns, dass Meta implizit über seine Plattformen regiert und explizit über das OB Regeln aufstellt. Es ist (bisher) das einzige Big-Tech-Unternehmen, das dies konsequent und offen tut. Es ist zu erwarten, dass andere Unternehmen Metas Entscheidung, öffentliches Recht zur Rechtfertigung ihrer Entscheidungen auf ihren Plattformen zu nutzen, nachahmen werden. Da die Nutzung großer Mengen menschlicher Daten durch Plattformen, insbesondere in KI-Systemen, immer mehr zu einem Menschenrechtsproblem wird, gibt es keinen Grund, warum andere Unternehmen nicht über ihre plattformbasierte Macht hinausgehen und überlegen sollten, wie sie die sie umgebenden Vorschriften nutzen und gestalten können.
Der Einzug von Big Tech in das moderne Leben bedeutet, dass wir nicht erwarten dürfen, dass der globale Einfluss von Big Tech auf menschliche Systeme durch die wirtschaftliche Idee des „Monopols“ eingedämmt werden könnte. Als Politikwissenschaftler müssen wir damit beginnen, die gleichen Instrumente zu verwenden, die wir zur Schaffung einer nicht-staatlichen Regierungsführung verwendet haben, um zu untersuchen, wie Big Tech unsere kühnsten Vorstellungen von der Steuerung unseres Lebens durch digitale Technologien übertroffen hat.
Dieser Text wurde zuerst am 17.06.2024 auf www.e-ir.info/ unter der URL <https://www.e-ir.info/2024/06/17/big-tech-making-rules-and-making-realities-as-global-governors/> veröffentlicht. Lizenz: Wendy H. Wong, E-International Relations, CC BY-NC-ND 4.0
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